|
|
||
Das Portal zur Welt zwischen den Welten war nicht sicher genug versiegelt, um einen Ausbruch der Energie der Leere einzudämmen. Die daraus entstandene Schwankung der Wahrscheinlichkeiten schrieb die Zukunft neu. In dieser Geschichte nehmen die Ereignisse der kommenden Staffeln von Ahsoka ihren eigenen Lauf - unabhängig davon, was der offizielle Kanon letztlich offenbaren mag. | ||
STAR WARS
AHSOKA UND DIE LEERE
VORWORT
Fans von Star Wars - und insbesondere Bewunderer von Ahsoka Tano - werden wahrscheinlich wissen, dass die Welt zwischen den Welten, kurz WBW, wenn schon nicht mehrere Universen, so doch zumindest mehrere mögliche Wege durch eine einzige Wirklichkeit hervorbringen kann. Wir haben beschlossen, von dieser Möglichkeit Gebrauch zu machen. Wenn es eine Möglichkeit gibt, die Serie Ahsoka fortzusetzen, kann es durchaus noch weitere geben. Hier möchten wir Ihnen in aller Bescheidenheit eine davon vorstellen.
HAFTUNGSAUSSCHLUSS
Ahsoka Tano, Star Wars und alle damit verbundenen Namen, Figuren, Schauplätze, Spezies, Organisationen und Elemente des Kanons sind Eigentum ihrer jeweiligen Rechteinhaber, darunter Lucasfilm Ltd. LLC und The Walt Disney Company.
Dies ist ein inoffizielles, nicht kommerzielles Fanfiction-Werk. Der Autor erzielt aus seiner Veröffentlichung keinen Gewinn und erhebt keinerlei Eigentumsansprüche an bereits bestehenden Figuren, Schauplätzen oder Marken von Star Wars. Dieses Werk steht weder mit Lucasfilm Ltd. LLC, The Walt Disney Company noch mit deren verbundenen Unternehmen oder Tochtergesellschaften in Verbindung und wird von diesen weder gebilligt noch gesponsert. Es stellt die unabhängige Interpretation der Figuren und Ereignisse durch den Autor dar und kann vom offiziellen Kanon abweichen.
Staffel Zwei: Die Wurzeln der Dunkelheit
Erster Handlungsbogen: Eine fremde Galaxis
(Episoden 1-2)
Prolog: Ein Riss in der Wirklichkeit
Ahsoka Tano spürte es in jeder Zelle ihres Körpers - nicht als Schmerz, sondern als eisige Leere, die langsam die Wärme aus ihren Knochen zog. Sie stand im Halbdunkel einer gewaltigen Halle, in der jeder Widerschein des toten Lichts über die uralten Steinplatten glitt wie ein Schwarm lautloser Gespenster. Ein feuchter, metallischer Geruch - in der Luft aufgelöste Zeit - kitzelte ihre Nasenflügel, und in ihren Ohren klang ein dünnes Echo der Zerstörung nach. Die weißen Klingen ihrer Lichtschwerter hatten das Artefakt in genau dem Augenblick durchbohrt, in dem Thrawn die Hand danach ausstreckte. Bei dieser Berührung schien der Thron zu erschauern wie ein lebendiges Wesen; über seine Oberfläche liefen Risse, aus denen ein kaum wahrnehmbares Flimmern entwich. Und die Zeit - falls sie innerhalb dieser Mauern überhaupt floss - erstarrte und zersprang in Bruchstücke.
Peridea - jene fremde, räuberische, winterkalte Welt - stieß einen langgezogenen Seufzer aus. Die Erschütterung der Macht, die aus dem zerstörten Thron hervorbrach, glich keinem Impuls, dem Ahsoka je begegnet war. Kein Licht, keine Dunkelheit - eher Panik, als hätte die Wirklichkeit selbst die Augen aufgeschlagen, ihr eigenes Spiegelbild erblickt und wäre vor Entsetzen zurückgezuckt. Ein Windstoß schlug ihr ins Gesicht, geschwängert vom Geruch nach Staub und Altertum, und mit einem Mal begriff Ahsoka: Sie fühlte nicht nur die Macht, sondern das Gewebe des Raumes selbst, das unter ihren Füßen vibrierte und aufbrach.
Der Raum vor ihr faltete sich wie ein nasses Pergamentblatt, und seine Durchsichtigkeit gab eine klaffende Höhlung zwischen den Schichten des Seins frei. Die Grenze zwischen der Welt zwischen den Welten und dem physischen Universum wurde dünner, zitternd wie ein holografisches Phantom, dann riss sie - lautlos, doch mit einer solchen Wucht, dass es Ahsoka den Atem nahm. Es war, wie sich das Maul eines Purrgil unmittelbar vor einem Raumschiff öffnet. Nur sollte hier nicht ein Raumschiff verschlungen werden, sondern die Wirklichkeit selbst.
Irgendwo weit weg, am Rand ihrer Wahrnehmung, hörte sie Sabines Stimme: 'Ahsoka!" - als käme sie unter einer Schicht eiskalten Wassers hervor.
Und dann verschlang das weiße Licht sie.
Sie fiel. Aber nicht nach unten - in sich hinein, in die tiefste Tiefe, wo ihre Person in leuchtende Splitter zerfiel. Alles, was ihr je Halt gegeben hatte, war fort: Schwerkraft gab es nicht, ihr Körper hatte kein Gewicht, Vergangenheit und Zukunft waren zu einem einzigen lautlosen Schrei verflochten.
Die Welt zwischen den Welten war immer ein Ort gewesen, an dem die Gesetze der gewöhnlichen Physik nicht galten. Ihre Korridore waren gerade und gekrümmt zugleich, ihre Türen öffneten sich ins Nichts, und das Echo eines Schrittes kam zurück wie das Weinen eines verlassenen Kindes. Doch nun war der Raum ein anderer geworden: Er atmete wie ein gewaltiger Brustkorb, und der Ort selbst wirkte lebendig, erfüllt von feuchter, schwerer Luft.
Ahsoka landete - wenn man es überhaupt Landen nennen konnte - auf einer glatten, kalten Fläche, von der Leere ausging. Die Fläche warf den Aufprall nicht zurück, gab nicht einmal nach; sie nahm sie einfach auf, wie heimatlicher Boden den Regen aufnimmt. Sie hatte das Gefühl, dort angekommen zu sein, wo sie immer hätte sein sollen, als wäre ihr ganzes Leben eine Vorbereitung auf diesen Augenblick gewesen.
Rings um sie dehnte sich die Unendlichkeit. Keine Leere, sondern lebendige Erinnerung. In jedem Zentimeter dieses Raumes pulsierten Szenen der Vergangenheit: die Schlacht von Geonosis, der purpurne Feuerschein des brennenden Tempels auf Coruscant, Kanan Jarrus' Tod in den Flammen, der erste durchdringende Schrei Luke Skywalkers, als er Padmés Schoß verließ. Alles auf einmal. Alles überall. Die Bilder liefen ineinander und trennten sich wieder wie Öltropfen auf Wasser, und in gewissem Sinne sah Ahsoka sämtliche Zeitalter der Galaxis gleichzeitig. Sie sah sie nicht mit den Augen, sondern mit dem Herzen.
'Hörst du uns?"
Die Stimme kam aus allen Richtungen. Anakin. Lebendig, wirklich, mit jenem Übermut, der Vader abhandengekommen war. Seine Worte waren so nah, dass es Ahsoka die Kehle zuschnürte.
'Ahsoka. Hören musst du" - jetzt Yodas Stimme, uralt und knisternd wie alte Baumrinde, und zum ersten Mal lag ein Anflug von Besorgnis darin. 'Nicht mit den Ohren allein. Mit allem, was du bist, hören."
'Etwas ist hier, das dich sucht, kleine Tano." Plo Koon, mit seinem gutmütigen, kehligen Rasseln, das selbst im Tod den Beiklang eines Lächelns nicht verloren hatte. 'Es ist älter als wir. Und es kennt deinen Namen bereits."
Die Stimmen schichteten sich übereinander wie Wellen auf einem Komkanal, und jede war vertraut und doch fremd. Kanan Jarrus sprach von Hoffnung, Mace Windu von Pflicht, Qui-Gon Jinn vom Leben jenseits des Todes und beharrte darauf, dass es den Tod nicht gebe und dass die Jedi sich viel zu lange mit der Illusion seiner Unausweichlichkeit betrogen hätten.
Und dann sprach noch jemand.
'Die Letzte Weiße."
Eine gedämpfte, beinahe zeremonielle Stimme, in altem coruscantischem Basic. Sie war gemessen wie eine Ritualglocke, und in ihr lag die Schulung des alten Tempels, durchtränkt von allem Kummer einer Epoche. So sprechen Lehrer, die gewohnt sind, dass man sie zu Ende hört. Doch unter dieser Haltung war Erschöpfung zu hören - die Müdigkeit dessen, der zu lange nach dem Ausweg aus einem fremden Krieg gesucht hat.
'So nennen dich jene, die sich noch erinnern. Nicht Licht. Nicht Dunkelheit. Etwas Drittes - das, was die Waage hält, wenn beide Schalen leer sind. Du stehst dazwischen, wie ich einst dazwischenstand. Nur hast du dein 'Dazwischen' als Geschenk angenommen. Ich nahm meines als Urteil."
Ahsoka kannte die Stimme nicht, doch ihre Hand fuhr von selbst zum Lichtschwert, die Finger schlossen sich um den Griff.
Die Stimme war ihr fremd - die Kälte, die mit ihr kam, nicht. Diese Kälte kannte Ahsoka: So hatte es sich auf Seatos unter ihren Rippen angefühlt, in dem Augenblick, als eine fremde Klinge sie ein zweites Mal hierhergeschickt hatte, ohne nach ihrem Einverständnis zu fragen.
'Wer bist du?", fragte sie in die Leere.
Es kam keine Antwort. Nur Schritte, die sich in eine dichter werdende Dunkelheit entfernten - schwer, gleichmäßig, ohne das kleinste Stocken. So geht man nicht aus einem Gespräch. So geht man von einem Ort fort, an dem vor vielen Jahren bereits alles entschieden wurde. Bei diesem Geräusch lief Ahsoka ein Schwarm eisiger Nadeln über den Rücken.
Sabine und Ezra: Fremde unter Fremden
Auf Peridea spürte Sabine Wren unterdessen den klebrigen Schweiß unter ihrer Rüstung und war wütend auf alles, was man ihr je auf der Imperialen Akademie beigebracht hatte. Ringsum erinnerten sie der Geruch geschmolzenen Metalls und die Ozonspur von Waffenfeuer daran, wie wenig Zeit ihnen bis zum Angriff blieb.
'Wir brauchen einen Plan", presste sie zwischen den Zähnen hervor und spähte hinter einem Trümmerstück des zerstörten Tempels hervor. Seine Kanten waren scharf wie Klingen, und Sabine kam es vor, als könnte hier selbst die Luft die Haut aufschneiden.
'Ich habe einen Plan." Ezra Bridger ließ den Himmel nicht aus den Augen, an dem sich ein schwarzes Netz von Schiffen entfaltete. 'Nicht sterben."
'Das ist kein Plan. Das ist ein Wunsch."
'Wo ist der Unterschied?"
Über ihnen dröhnten Triebwerke. Echte Sternenzerstörer der Imperium-Klasse - keine erbärmlichen Wracks, sondern Maschinen voller Leben und tödlicher Schönheit. Sabine erinnerte sich an Ahsokas Worte: dass Thrawn hier aus dem Nichts ein Imperium wieder aufgebaut habe. Damals hatte sie es nicht geglaubt. Jetzt, angesichts der makellosen Geometrie dieser Gefechtsformation, zog sich in ihr alles zusammen.
'Sie greifen nicht an", sagte Ezra leise.
Sabine kniff die Augen zusammen. Er hatte recht: Die Armada rückte nicht vor. Sie hing in vollkommener Stille da wie ein Schwarm Raubvögel, der auf ein Zeichen wartet. Kein einziger Geschützturm war auf sie gerichtet, kein Schuss zerschnitt die Luft, als läge zwischen ihnen und der Flotte ein unsichtbarer Korridor.
'Das ist eine Falle", sagte sie.
'Das sind Verhandlungen", sagte eine neue Stimme.
Ein kaltes blaues Hologramm flammte in der Luft auf. In seinem Licht wirkte die Gestalt des Chiss-Admirals wie aus klarem Eis geschnitten, doch der Blick war lebendig - zu lebendig für ein Gespenst. Sabine kannte Gespenster und ihre Natur, und dieses hier war Fleisch und Wille.
Für einen Admiral wirkte er jung, aber die Chiss hatten ihre Jahre schon immer seltsam getragen. In seinen Augen lag kein Tropfen Überheblichkeit, nur ein kaltes, zähes Abwarten - der Blick eines Mannes, der stets zwei Züge voraus spielt.
'Sabine Wren", sagte er, und in seiner Stimme lag ein so unverstellter Respekt, dass Sabine ein Schauer über den Rücken lief. 'Ezra Bridger. Ich bin Admiral Morren. Und ich bin nicht gekommen, um Krieg zu führen."
'Wunderbar." Ezra verschränkte die Arme. 'Dann haben Sie sicher nichts dagegen, wenn wir uns einfach ein Schiff nehmen und verschwinden."
'Doch, ich habe etwas dagegen. Denn Ihr einziger Weg nach Hause bin ich."
Sabine trat vor, die Hand legte sich auf den Blastergriff. Die Bewegung war bis zum Reflex eingeschliffen: So machte es jeder mandalorianische Kommandant vor dem Ungewissen.
'Erklären Sie das."
Morren nickte, als hätte er genau darauf gewartet.
'Großadmiral Thrawn ist tot. Oder vielleicht auch nicht. Die Wahrheit ist, dass ich es nicht weiß. Der Mortis-Thron hat ihn verschlungen. Er ist jetzt Teil der Welt zwischen den Welten - eines lebenden Labyrinths, aus dem es keinen Ausweg gibt. Für niemanden. Außer für den, der bereits darin war."
Seine Augen verengten sich, und sein Blick bohrte sich in Ezra.
'Sie. Sie sind der Einzige hier, der diesen Ort aus freien Stücken betreten und den Rückweg gefunden hat. Sie können den Weg erneut öffnen."
Ezra wurde blass, und Sabine bemerkte, wie seine Finger in der Kälte zitterten.
'Sie wollen, dass ich noch einmal dort hineingehe? Um Thrawn herauszuholen?"
'Ich will, dass wir gemeinsam meinen Großadmiral befreien." Morren machte eine Pause, und in dieser Pause spürte Sabine, wie die Luft ringsum dichter wurde. 'Denn wenn er sich selbst herauskämpft - und das wird er, glauben Sie mir -, dann kehrt er als ein anderer zurück. Nicht bloß als Stratege. Er kehrt zurück als jemand, der sämtliche möglichen Ausgänge sämtlicher Schlachten gesehen hat, die diese Galaxis zu fassen vermag."
Sabine spürte, wie ihr der Boden unter den Füßen wegsackte. Es war, als wäre der Horizont plötzlich verschwunden und sie balancierte am Rand eines Abgrunds.
'Was soll das heißen?"
'Der Mortis-Thron ist nicht bloß ein Artefakt. Er ist ein Knoten von Wahrscheinlichkeiten. Ein Geflecht von Schicksalen. Wenn Thrawn lernt, dieses Wissen zu nutzen, wird er unbesiegbar. Nicht, weil er klüger ist. Sondern weil er bereits weiß, was Sie tun werden, bevor Sie es selbst entschieden haben."
Über einem Schlachtfeld, auf dem nie eine Schlacht begonnen hatte, legte sich Stille. Selbst der Wind ließ nach, als hielte der Planet den Atem an.
Ezra schloss die Augen. Sabine spürte, wie etwas in ihm zerbrach, als hätte sich sein Herz zur Faust geballt.
'Ich tue es", sagte er schließlich. 'Aber nicht für Sie. Und nicht für Thrawn. Für sie."
Er blickte hinauf zum Himmel, wo der Riss, der Ahsoka verschluckt hatte, noch immer klaffte.
'Denn wenn ich nicht gehe, kommt sie nie zurück."
Die Spur von Dathomir
Die Welt zwischen den Welten erinnerte sich an alles.
Ahsoka ging einen Korridor entlang - oder vielleicht ging der Korridor sie entlang. Die Zeit dehnte und staute sich hier wie Gummi. Sie kam an einer Tür vorbei, hinter der ein Kind weinte, und sie erkannte dieses Weinen. Ihr eigenes. Ihr erster Tag im Jedi-Tempel.
Sie blieb nicht stehen.
Weiter vorn war eine Tür mit Anakins Bild darin. Er kniete vor Palpatine, und seine Augen brannten gelb. Ahsoka fuhr mit den Fingern über die kalte Oberfläche des Portals und spürte, wie der Hass in sie einzudringen versuchte - klebrig, heiß, verlockend.
Sie zog die Hand zurück.
Andere Türen. Hunderte. Tausende. Möglichkeiten, die nie eingetreten waren. Wirklichkeiten, die einmal beinahe wirklich geworden wären und die jemandes Entscheidung verworfen hatte. Ahsoka sah sich selbst in weißen Gewändern, auf einem Thron, eine rote Klinge in der Hand. Sah sich tot in Rex' Armen. Sah sich alt und grau, umgeben von Schülern, die sie Meisterin nannten und nie erfahren würden, was sie getan hatte, um diesen Titel zu verdienen.
'Du suchst das Falsche", sagte die Stimme. Dieselbe wie in der Halle. Sie war nähergekommen.
'Was soll ich denn suchen?"
'Du suchst einen Ausweg. Es gibt keinen Ausweg. Es gibt nur einen Eingang - in dich selbst. In das, wovor du dich fürchtest."
Ahsoka blieb stehen.
Das Rechteck an der Wand vor ihr war keine Tür - es war eine Schrift. Zeichen. Uralt, kantig, mit Dornen, die an der Wirklichkeit kratzten. Dathomiri. Die Sprache der Nachtschwestern. Die Sprache toter Frauen, die gelernt hatten, die Macht auf eine Weise zu gebrauchen, die sich die Jedi nicht hätten ausmalen können.
Jemand war hier, begriff Ahsoka. Vor Kurzem. Und hat ein Zeichen hinterlassen.
Sie berührte die Symbole. Sie waren warm.
Eine von ihnen. Eine Nachtschwester. Sie lebt.
Und in diesem Augenblick hörte Ahsoka - durch Schichten von Zeit und Raum und Wahrscheinlichkeit hindurch - ein Lachen. Das einer Frau. Hungrig. Viel zu lange hingehalten.
'Endlich", sagte die Dunkelheit mit einer Stimme, die sich an das alte Dathomir erinnerte. 'Ich dachte schon, es käme niemand."
Ahsoka riss die Lichtschwerter heraus.
'Komm heraus."
Die Dunkelheit lachte erneut.
Zweiter Handlungsbogen: Der Admiral ohne Gesicht
(Episoden 3-4)
Eine Brücke zwischen den Welten
Ezra Bridger hatte nie damit gerechnet, in die Welt zwischen den Welten zurückzukehren. Er hatte gehofft, vorher zu sterben.
Admiral Morren führte sie zur Anomalie - jener Stelle, an der der Raum über Peridea bis zur Durchsichtigkeit dünn geworden war, wie ein Stoff, den man in Löcher gebrannt hat. Es sah nicht aus wie ein Portal. Es sah aus wie eine Wunde. Eine rohe, noch immer nässende Spur des Schlages, den der Mortis-Thron dem Universum versetzt hatte, und rings darum vibrierte etwas Unsichtbares, aber Greifbares, wie eine straff gespannte Saite kurz vor dem Anschlag.
'Dort hinein", sagte Morren und deutete auf den pulsierenden Riss. Seine Stimme klang ruhig, doch Ezra bemerkte das Zittern der Finger, die der Admiral hinter dem Rücken verbarg. 'Dort ist Ihre Freundin. Und dort ist unser Admiral."
Sabine packte Ezra am Ärmel. Ihre Finger schlossen sich so fest, dass er den Druck durch den Stoff spürte.
'Du musst das nicht tun."
'Ich weiß."
'Es ist eine Falle. Spürst du das nicht? Die Luft riecht nach Lüge. Metallisch, beißend - wie vor einem Gewitter, das keinen Regen bringt."
'Ich weiß", sagte Ezra noch einmal und löste behutsam seinen Arm, wobei seine Hand über ihr Handgelenk strich, eine kurze, beruhigende Geste. 'Aber Ahsoka ist da drin. Und wenn ich nicht gehe, geht niemand."
Er sah Morren an. Der Chiss stand unbeweglich wie eine Statue aus Eis, und in seinen leuchtend roten Augen war nichts zu lesen außer kalter Berechnung. Doch Ezra hatte über die Macht schon zu manchem Lebewesen eine Verbindung geknüpft: zu Purrgil, zu Fyrnocks, zu Loth-Wölfen und zu Geschöpfen, für die er im Basic keinen Namen hatte. Er hatte gelernt, die Leere zu lesen - jene, die zwischen den Worten bleibt, zwischen den Atemzügen, zwischen den Gedanken. Und in Morrens Leere sah er Furcht: dünn, kaum wahrnehmbar, aber lebendig wie das Zittern eines Falters im Netz.
'Sie haben Angst", sagte Ezra, und seine Stimme wurde weicher, beinahe mitfühlend. 'Nicht um ihn. Um sich selbst."
Morren blinzelte - zum ersten Mal im ganzen Gespräch, und in der Bewegung lag eine seltsame Verwundbarkeit, wie ein Spalt in einer Rüstung.
'Ich diene dem Imperium", antwortete er neutral, aber der Ton wurde schwerer, als koste ihn jedes Wort etwas. 'Nicht Menschen. Wenn Thrawn als etwas anderes zurückkehrt, als er war, wird mein Dienst ... kompliziert."
'Ah, daher weht der Wind." Sabine lachte kurz auf, und darin lag weniger Belustigung als scharfer, bitterer Spott. 'Sie retten nicht Ihren Admiral. Sie retten Ihre Karriere."
'Ich rette die Möglichkeit einer Wahl. Das ist mehr, als die meisten von Ihnen von sich behaupten können."
Ezra trat an den Rand des Abbruchs - dorthin, wo die Wirklichkeit endete und das Unmögliche begann. Ein Wind, den es im Vakuum nicht geben durfte, zerrte an seinem Haar und strich ihm mit eisigen Fingern über die Wangen. Oder vielleicht war es kein Wind. Vielleicht war es der Atem der Welt zwischen den Welten - warm, feucht, nach Altertum und nasser Erde riechend.
'Wenn ich nicht in ..." Er stockte und sah auf den pulsierenden Riss, in dem sich die Farben zu einem wirren Strudel verknäuelt hatten. 'In wie vielen Stunden? Die Zeit läuft da drin anders. Sie zieht sich wie Harz oder reißt wie ein Faden."
'In zwei Standardstunden nach meinen Chronometern." Morren zog eines von zwei kleinen Geräten aus der Uniformtasche und reichte es Ezra. Es war schwerer, als es aussah, und lag seltsam in der Hand - wie ein kleines Herz, das im Takt eines unsichtbaren Rhythmus schlug. 'Dieses Artefakt ist ein Splitter des Throns. Das Gegenstück bleibt bei mir. Dieses hier pulsiert im Takt Ihres Herzschlags. Wenn es aufhört zu schlagen, schließe ich den Riss."
'Und wenn nicht?"
Morren sah ihn mit einem Ausdruck an, der bei einem Chiss ein Lächeln hätte sein können - oder ein Zähnefletschen, oder eine Bitte. Die Grenze war schmal, und Ezra konnte nicht ausmachen, auf welcher Seite er stand.
'Dann, Ezra Bridger, werden Sie ein ewiger Gast dieses Ortes. Und wir alle erfahren, was Ihre Entschlossenheit wert war."
Ezra nahm das Artefakt. Es war warm - beinahe lebendig, beinahe menschlich. Und einen Augenblick lang glaubte er, in seinem Inneren Stimmen zu hören. Hunderte. Tausende. Alle, die je den Mortis-Thron berührt hatten, alle, die er verschlungen hatte, alle, die auf Erlösung warteten oder auf Rache oder einfach auf Vergessen. Sie flüsterten, weinten, schrien, riefen.
'Wir sehen uns auf der anderen Seite", sagte er zu Sabine. Seine Stimme zitterte, aber sie brach nicht.
Und er sprang.
Der Riss verschlang ihn augenblicklich wie ein hungriges Maul, und hinter ihm schlug die Stille zu - dicht, schwer, voll von Ungesagtem.
Der Fall dauerte eine Ewigkeit und einen Augenblick. Der Raum unter ihm wich nicht zurück; er brach auf, wie Eis unter dem Gewicht eines Schrittes aufbricht. Irgendwann gab es rings um Ezra weder Licht noch Dunkelheit - nur eine zähe, klebrige Leere, aus der Geflüster emporwuchs. Sie fielen einander ins Wort, stritten, redeten zu, schrien und flehten in allen Sprachen, die je im Universum erklungen waren.
Und eine von ihnen - die einer Frau, ruhig, mit niemandem im Streit - sprach ihn beim Namen an.
Ezra kannte diese Stimme nicht. Aber die Stimme kannte ihn: nicht als Helden aus den Meldungen der Allianz, nicht als den Jungen von Lothal, sondern als einen Mann, der schon einmal hier hineingegangen und wieder herausgekommen war. So ruft man keinen Fremden. So ruft man jemanden, den man lange erwartet hat und über den längst alles entschieden ist.
Im Inneren der lebenden Dunkelheit
Er landete nicht auf einer Fläche, sondern in einer Empfindung. Unter seinen Füßen war kein Halt, und doch wusste er: Wenn er einen Schritt täte, würde der Boden nachgeben. Es war kühl hier, aber nicht auf eine Art, die ein menschlicher Körper verstand; die Luft vibrierte in unbekannten Frequenzen, und irgendwo weit fort, an der Schwelle der Wahrnehmung, war ein endloses Weinen zu hören, als beklage das Universum seine eigenen Verluste.
Die Welt zwischen den Welten nahm ihn auf wie einen verlorenen Sohn - ohne Freude, ohne Zorn, mit der erschreckenden Gleichgültigkeit eines Ortes, der Millionen solcher Besuche überdauert hatte und Millionen weitere überdauern würde. Es gab hier keine Begrüßung, nur Stille - dicht und zäh wie Honig, in dem der Klang jedes je gesprochenen Wortes festhing.
Ezra öffnete die Augen. Vor ihm zog sich ein endloser Korridor dahin, gewoben aus Linien von Licht und Schatten, und in jeder Linie schimmerte fremde Vergangenheit: Yoda, Kenobi, Hera Syndulla, sogar Sabine, die am Rand eines Abgrunds stand, die Fäuste geballt vor Wut und Furcht. Eine vertraute Unendlichkeit. Aber etwas hatte sich verändert. Der Raum war nicht mehr neutral. Er atmete. Die Wände pulsierten im Takt eines Herzschlags - schwer, langsam, wie die Trommeln bei den alten Bestattungen auf Mandalore. Die Luft war aufgeladen, und jeder Atemzug fiel schwer, als füllten sich die Lungen nicht mit Sauerstoff, sondern mit etwas Uraltem, Vergessenem, der menschlichen Natur Fremdem.
'Du bist zurückgekommen", sagte die Dunkelheit mit eben jener Stimme. Sie kam von überall und nirgends zugleich und zitterte wie ein bis zum Äußersten gespannter Draht. 'Ich wusste, dass du zurückkommst. Ich habe es immer gewusst."
Ezra drehte sich um. Hinter ihm stand eine Gestalt - groß, hager, die langen Glieder angewinkelt wie bei einer Spinne vor dem Sprung. Doch als sie in einen Lichtstreifen trat, stellte sich heraus, dass es nur eine Frau war. Eine gewöhnliche Frau - bis auf die Augen. Schwarze Augen ohne Weiß, in denen sich nicht Sterne spiegelten, sondern etwas anderes: Spiralen, Strudel, bodenlose Brunnen der Erinnerung, die ins Nirgendwo führten.
'Merrin", sagte Ezra, und der Name kam aus ihm heraus, ehe er begriff, woher er ihn kannte. Als hätte ihn jemand direkt in seinen Hinterkopf geflüstert, in dem Moment, als sein Blick auf diese schwarzen Pupillen traf. 'Du bist Merrin."
'Ich war es einmal. Jetzt bin ich nur noch ... hier." Sie zuckte die Schultern, und die Bewegung war so menschlich, so alltäglich, dass Ezra für einen Moment vergaß, wo er sich befand. 'Hier gibt es keine Namen. Nur das Echo dessen, was wir waren."
Sie kam näher. In ihren Bewegungen lag keine Drohung. Es lag Erschöpfung darin - so tief, so allumfassend, dass Ezra sie als körperliches Gewicht auf seinen Schultern spürte, als eine Last, die sie schon viel zu lange trug und die sich nicht abwerfen ließ.
'Ahsoka", sagte er, und seine Stimme kam rau heraus, unpassend wie ein Schrei in einer Bibliothek. 'Wo ist sie?"
'Sie sucht. Wie alle, die hierherkommen." Merrin legte den Kopf schief, und ihre schwarzen Augen wurden für einen Moment noch schwärzer, falls das möglich war. 'Sie sucht Antworten, die es nicht gibt. Eine Wahrheit, die sie umbringen wird, wenn sie sie findet. Hier suchen alle. Es ist das Einzige, was wir können. Suchen und warten."
Merrin seufzte - eine Geste, die an einem Ort ohne Luft völlig fehl am Platz war, wo Lungen nur noch eine Erinnerung daran waren, wie Atmen einmal funktioniert hatte. Aber sie seufzte, und in diesem Seufzer lag der ganze Kummer verlorener und vergessener Welten.
'Komm. Dein Admiral wartet. Und deine Lehrerin. Sie warten beide auf dich, auch wenn keiner von ihnen das weiß."
Sie streckte eine Hand aus - dünn, mit langen Fingern, zu lang für einen Menschen, die Knochen sichtbar unter halb durchscheinender Haut. Ezra zögerte eine Sekunde - sein Herz hämmerte in der Kehle, jeder Instinkt schrie ihn an zu fliehen - und ergriff sie. Merrins Handfläche war eisig, weit kälter als das Artefakt, das warm an seinem Gürtel hing, und von der Berührung breitete sich eine Taubheit seinen Arm hinauf aus, die zum Herzen kroch.
'Hab keine Angst", sagte sie, und zum ersten Mal im ganzen Gespräch wurde ihre Stimme wärmer und nahm einen Ton an, der beinahe menschlich war, beinahe mütterlich. 'Kälte tötet nicht. Kälte erinnert dich nur daran, dass du noch lebst. Dass du noch fühlen kannst."
Thrawn ohne Maske
Die Korridore führten immer tiefer, und mit jedem Schritt wurden die Wände zu etwas anderem - nicht Stein, nicht Metall, sondern etwas dazwischen, wie erstarrtes Fleisch, das sich an jeden erinnerte, der je darüber gegangen war. Die Luft wurde dichter und füllte sich mit Ozon und etwas leicht Süßlichem, beinahe Blumigem, das darum nicht weniger unheilvoll war. Das Licht fiel hier nicht von irgendwoher; es kam aus den Wänden selbst, weich und biologisch wie das Leuchten von Pilzen in unterirdischen Höhlen.
Sie fanden ihn im Herzen des Labyrinths.
Thrawn saß mit gekreuzten Beinen auf dem Boden, in einer Meditationshaltung, welche die Jedi seit Jahrtausenden verwendeten. Doch seine Augen waren offen. Und in ihnen brannte ein Licht - weiß, beinahe blendend, ohne jede Verwandtschaft mit dem roten Aufblitzen der Sith oder dem goldenen Schein der Jedi.
Es war das Licht reiner Information.
'Ezra Bridger", sagte Thrawn, und seine Stimme klang anders. Tiefer. Als spräche nicht nur sein Kehlkopf, sondern das Gewebe des Raumes ringsum, das im Takt jedes Wortes mitschwang. 'Ich wusste, dass Sie kommen würden. Ich habe es gesehen, als Sie noch ein Kind auf Lothal waren. Damals verstand ich nicht, was ich da sah. Jetzt verstehe ich es."
Er erhob sich - geschmeidig, wie Nebel über einem Sumpf aufsteigt, ohne Anstrengung, ohne das übliche Knacken der Gelenke. Die Uniform des Großadmirals hing wie ein Sack an ihm: In der Zeit hier war er dünner geworden, ausgehöhlt, die Wangen eingefallen, die Augen größer in einem blutleeren Gesicht. Doch seine Haltung war noch immer makellos, als hielte nicht Fleisch seine Wirbelsäule, sondern Wille.
'Der Thron hat mir alles gezeigt", fuhr er fort und umkreiste Ezra langsam, wobei seine Schritte keinen Laut machten, als bewege er sich über eine Wasseroberfläche. 'Jede Schlacht, jede Entscheidung, jeden Tod. Nicht nur in der Vergangenheit. Auch in der Zukunft. Ich habe das Imperium fallen sehen. Ich habe die Erste Ordnung aufsteigen sehen. Ich habe gesehen, wie die Neue Republik von innen verfault - langsam, bequem, im Genuss eines Friedens, den sie sich nicht verdient hat."
Er blieb unmittelbar vor Ezra stehen. Weniger als ein Meter trennte sie, und Ezra spürte die Wärme, die von ihm ausging - eine unmögliche, unheimliche Wärme, als brenne in Thrawns Innerem ein kleines Feuer.
'Ich habe Ihren Tod gesehen", sagte Thrawn sanft, beinahe mitfühlend, und in seiner Stimme lag keine Drohung, nur eine Feststellung, furchtbar in ihrer Unabwendbarkeit. 'Und Ihre Wiedergeburt. Kommt Ihnen das nicht seltsam vor? Dass ich, Ihr Feind, mehr über Sie weiß als Sie selbst?"
'Sie sind nicht mein Feind", antwortete Ezra und wunderte sich über die eigenen Worte, über ihr Gewicht, über ihre Wahrheit. 'Sie waren es nie. Sie waren ein Hindernis. Und jetzt sind Sie ... was geworden?"
Thrawn lächelte. Zum ersten Mal in all den Jahren ihrer Bekanntschaft aufrichtig, ohne eine Spur von Kalkül, ohne jenen abmessenden Blick, der Schwächen abwägt. Das Lächeln war beinahe menschlich, beinahe traurig.
'Jetzt bin ich derjenige geworden, der das ganze Spiel überblickt. Und glauben Sie mir, Ezra Bridger: Es ist weit komplizierter, als wir dachten. Und weit erschreckender."
Irgendwo weit fort schlug etwas ein - kein Geräusch, eher eine Empfindung, als wäre die Wirklichkeit mit sich selbst zusammengestoßen. Die Welt zwischen den Welten erbebte, die Wände zuckten, und für einen Moment stolperte das Licht wie ein Herz, das einen Schlag auslässt.
'Ahsoka", sagte Ezra, und der Name entfuhr ihm wie ein Atemzug, wie ein Gebet. 'Sie kommt hierher."
'Sie geht auf die Wahrheit zu", sagte Merrin. Sie stand mit unlesbarem Gesicht am Eingang der Halle, und ihr Schatten zog sich über die Wand und nahm unmögliche Formen an. 'Die Frage ist, ob sie bereit ist, sie anzunehmen."
Ahsoka und die Nachtschwester
Ahsoka folgte der Spur nun schon seit einer Stunde - oder seit einem Jahr, oder seit einem einzigen Augenblick. In der Welt zwischen den Welten war die Zeit eine Illusion, die sie zu ignorieren gelernt hatte.
Die Zeichen an den Wänden führten sie tiefer in das Labyrinth. Dathomiri - eine Sprache, die sie nicht verstand, die sie aber auf irgendeine Weise fühlte. Jede Linie, jeder Dorn rief Empfindungen in ihr wach: Zorn, Trauer, Hoffnung. Jemand hatte mehr als Worte in diese Symbole gelegt. Jemand hatte ein ganzes Leben hineingelegt.
'Du bist nah", sagte die Stimme. Dieselbe gemessene, tempelgeschulte Stimme, nur klang sie jetzt näher als je zuvor. 'Noch zwei Biegungen, und du wirst sie sehen."
'Wen sehen?"
'Dunkelheit. Die einmal Licht war. Eine Frau. Die einmal ein Mädchen war. Verurteile sie nicht zu hart, Ahsoka Tano. Sie hat getan, was du zu tun abgelehnt hast. Sie hat die Liebe über die Pflicht gestellt. Und dafür bezahlt."
Ahsoka trat in eine runde Halle hinaus, deren Decke sich in der Unendlichkeit verlor.
Der Raum krümmte sich hier, als könne die Zeit selbst sich nicht entscheiden, ob sie floss oder stillstand. Unter ihren Füßen lag eine Platte, schwarz wie Obsidian, doch kaum tat sie einen Schritt, verwandelte sich die Oberfläche in staubigen, beinahe organischen Stein, von scharlachroten Adern durchzogen. Die Wände waren nicht mit Worten übersät: Die Bilder waren wie mit einem Messer geschnitten und danach mit etwas Dickflüssigem gefüllt worden, das für immer blutrot geblieben war. Dathomiri-Linien und -Spiralen, dicht wie getrocknetes Blut, wanden sich über den Fels und verschoben sich mitunter, wenn man sie nicht direkt ansah. Hin und wieder lief ein schwaches phosphoreszierendes Leuchten durch sie hindurch, als flösse flüssiges Plasma in den Adern des Gesteins.
In der Luft hing ein schwerer Duft nach verbrannten Kräutern und etwas Süßlichem, beinahe Honigartigem, mit einem bitteren, aschigen Nachgeschmack. Jede kleine Erschütterung des Raumes hallte in Ahsokas Montralen nach - der Schall war hier gedämpft wie in dicker Watte. Fernes Flüstern, mitunter kehliges Stöhnen, von dem sich ihr die Haut an den Armen aufstellte. Sie umklammerte die Griffe ihrer Lichtschwerter, bis es schmerzte: Das Metall fühlte sich kühl an, doch im Inneren pulsierte Energie, und ihre Finger wurden leicht taub. Ein leichtes Prickeln in den Handflächen wich einer brennenden Hitze, je näher sie der Mitte der Halle kam.
In der Mitte der Halle stand ein Altar - aus Stein, grob, offenkundig nicht an diesen Ort gehörend. Rau, als hätte man ihn über Jahrtausende hinweg geformt, übersät von Vertiefungen und braunen Flecken. Auf seiner Platte lag eine Frau, entweder schlafend oder tot. Ihre Haut war beinahe weiß, und dunkle, verzweigte Tätowierungen liefen darüber: Ranken, Zeichen, uralte Flüche, die scharlachrot zu glühen begannen, als Ahsoka näherkam. Wo die Tätowierungen die Narben kreuzten, wurden die Linien dicker, als hätten sie eine blutige Erinnerung in sich aufgesogen. Die Schatten, die diese Gestalt warf, gehorchten keinem gewöhnlichen Licht - sie bewegten sich, als versuche etwas Unsichtbares, sich herauszukämpfen.
Und über dem Altar schwebte sie.
Ein Geist. Halb durchscheinend, flackernd wie Kerzenlicht im Zug. Seine Züge verschwammen und traten dann in erschreckender Klarheit hervor, und von der Gestalt ging eine Kälte aus und eine unerträgliche Sehnsucht - nach Leben, nach Berührung, nach allem, was man ihr genommen hatte. Doch die Augen waren wirklich. Schwarz, von bodenloser Tiefe, und in ihnen sah Ahsoka alles, was die Nachtschwestern je verloren hatten.
Der Körper auf der Platte wirkte jünger als der Geist, der darüber hing - als hätte die Zeit den Weg zur Erinnerung gefunden, aber nie den Weg zum Fleisch.
'Ahsoka Tano", sagte der Geist. 'Die Letzte Weiße."
'Du bist Merrin", antwortete Ahsoka und spürte, wie die Wahrheit in sie eindrang wie eine Klinge. 'Aber nicht die Merrin, die ich aus den Geschichten kenne. Du bist ... hier festgehalten."
Merrin sah sie mit Augen an, in denen sich der ganze Krieg zu spiegeln schien - und kein Tropfen Hoffnung. Als sie sprach, waren Dutzende Stimmen in der ihren zu hören, eine über die andere gelegt.
'Ich habe überlebt. Zwanzig Standardjahre an diesem Ort. Lange genug, dass ich nicht mehr wusste, ob ich die Jahre zähle oder die Jahre mich. Ich habe den Stimmen der Toten gelauscht und zugesehen, wie die Lebenden immer wieder dieselben Fehler machen. Ich habe deinen Tod gesehen, Ahsoka. Nicht einmal. Hunderte Male. Du stirbst in jeder Wahrscheinlichkeit bis auf eine."
'Und in welcher überlebe ich?"
Merrin lächelte - kurz, wie zur Entschuldigung. In der Bewegung lag so viel Schmerz, dass sich in Ahsoka alles zusammenzog.
'In der, in der du alles aufgibst, was du kennst. Die Jedi würden es Verrat nennen. Die Sith Schwäche. Auf Dathomir haben wir dafür ein Wort, das älter ist als beide Orden, und es lässt sich nicht ins Basic übersetzen. Am nächsten kommt ihm ein schmaler Pfad zwischen zwei Feuern: heiß von beiden Seiten, und keines der Feuer zählt dich zu den Seinen. Sie nennen dich die Letzte Weiße. Nun, Weiß ist keine Farbe. Weiß ist das, was übrigbleibt, wenn man aufhört, zwischen den Feuern zu wählen."
Ahsoka senkte die Lichtschwerter, ließ sie aber nicht los; die Klingen flackerten und fingen das unmögliche Licht dieses Ortes ein.
'Warum hast du mich hierhergebracht? Wozu diese Zeichen?"
'Weil ich müde bin", sagte Merrin schlicht. 'Ich bin länger hier gewesen, als ich draußen überhaupt gelebt habe. Das ist zu lange, um allein zu sein. Ich will zurück. Und ohne dich schaffe ich es nicht."
'Wer hält dich fest?"
'Kein Thron und kein Mensch. Die Welt selbst hat mich eingeschlossen - so, wie man einen Schuldner einschließt. Ich habe ihr genommen, was mir nicht gehörte, und sie hat es sich zurückgeholt. Jahrelang." Sie neigte den Kopf ein wenig. 'Und herauslassen kann mich nur, wer dazwischensteht: wer weder dem Licht noch der Dunkelheit dient und deshalb keinem von beiden etwas schuldet."
Sie streckte eine Hand aus - durchsichtig, kaum zu sehen, die Fingerspitzen in einen hellroten Dunst auslaufend. In der Geste lag keine Drohung, nur eine Bitte, nur Verzweiflung.
'Befreie mich, Ahsoka Tano. Und ich zeige dir, wie du alle rettest, die du liebst."
Ahsoka betrachtete diese zitternde Hand, den von Narben und Runen bedeckten Körper, das Gesicht, das zu jung war für das, was sich darin abzeichnete. Sie zögerte - und schüttelte dann langsam den Kopf.
'Du lügst", sagte sie leise. 'Du willst niemanden retten. Du willst die Vergangenheit ändern."
Der Raum ringsum veränderte sich augenblicklich: Die Wände rückten näher, die Luft wurde schwerer. Merrin erstarrte einen Moment, als hätte sie keinen Widerspruch erwartet.
'Ist das nicht dasselbe?"
'Nein." Ahsoka hob die Klingen. Sie flammten heller auf und warfen lange Schatten, die sofort versuchten, nach ihren Knöcheln zu greifen. 'Retten heißt, die Verluste anzunehmen. Ändern heißt, sie zu leugnen. Und Leugnen ist der Weg in die Dunkelheit. Ich weiß es. Ich habe gesehen, wohin er führt."
Sie trat vor.
Merrin verschwand ohne einen Laut - nur ein Flüstern hallte durch die Halle, deren Wände nun mit Tausenden von Augen übersät waren. Sie beobachteten Ahsoka, ohne zu blinzeln, und registrierten jede Bewegung, jeden Atemzug. Die Luft wurde dichter, beinahe zäh, gesättigt von Elektrizität und der Ahnung eines Unglücks.
'Bald wirst du es begreifen", blitzte Merrins Stimme durch die Luft wie ein Blitzschlag. 'Bald wirst du sehen, dass ich recht habe. Bis dahin - geh. Dein Freund Ezra wartet auf dich. Und seine Gesellschaft ist im Augenblick weit nützlicher als meine."
Der Korridor vor Ahsoka öffnete sich, als hätte jemand einen Vorhang zurückgezogen. Das Licht darin war fahl, aber es reichte, um den Weg zu erkennen. An den Wänden schimmerten noch immer Zeichen, doch sie wirkten nun weniger unheilvoll als warnend.
Ahsoka ging, aber sie steckte die Lichtschwerter nicht weg. Sie blieben in ihren Händen, kalt und schwer, eine Erinnerung daran, dass ihr Weg nun nur noch nach vorne führte.
Drei Stimmen in der Leere
Die Böden krümmten sich hier wie zerdrückte Spiralen; die Wände waren glatt wie Obsidian und gaben doch einen schwachen Schein ab, pulsierend wie Gefäße unter der Haut eines lebendigen Wesens. Die Zeit fühlte sich dick an wie Sirup und spröde wie dünnes Eis. Die Farben waren nicht von dieser Welt: tiefe Violetttöne, die in Schattierungen übergingen, für die es in keiner Galaxis einen Namen gab. Jeder Schritt kam als Echo zurück, als liefen sie nicht auf Stein, sondern über gespannte Saiten.
Ezra sah sie zuerst - eine schlanke Gestalt, die im Durchgang erschien, die Schwerter in den Händen und Entschlossenheit im Blick.
'Ahsoka", stieß er hervor.
'Ezra." Sie nickte, dann wandte sie den Blick Thrawn zu. 'Großadmiral. Wie ich sehe, haben Sie sich ein gemütliches Plätzchen gesucht."
'Einen Ort, an dem Wirklichkeit auf Wahrscheinlichkeit trifft, kann man kaum gemütlich nennen", antwortete Thrawn mit einer leichten Verbeugung. 'Aber er ist lehrreich. Sie ahnen nicht, wie viel ich hier gelernt habe."
'Ich kann es mir denken." Ahsoka trat näher, ohne die Klingen zu senken. 'Die Frage ist, was Sie mit diesem Wissen anzufangen gedenken."
Thrawn sah sie lange an - und in seinen Augen, in denen noch immer das weiße Licht brannte, regte sich etwas, das Respekt ähnelte.
'Ich gedenke, die Galaxis zu retten. Vor Ihnen selbst."
Ezra trat zwischen sie.
'Darüber können wir später streiten. Im Moment müssen wir hier raus. Morren schließt den Riss in ..."
Er sah auf das Artefakt. Es pulsierte langsamer als zuvor. Es drängte.
Das Artefakt war ein Geflecht aus Metall und einem unbekannten Werkstoff und wirkte eher gewachsen als gefertigt. Über seine Oberfläche krochen Muster, die ihre Form veränderten und blutrot im Takt eines unsichtbaren Herzens glühten. Das Licht, das davon ausging, verzerrte den Raum, verdichtete die Dunkelheit und drängte sie zugleich auseinander; der Handfläche antwortete es mit einem Prickeln, als warne es, dass sie sich beeilen müssten. Zeichen am Gehäuse verblassten und traten wieder hervor - sie gehörten weder den Sith noch den Jedi, sondern schienen sich im Gehen selbst zu erfinden. Solche Bruchstücke hatte die Welt zwischen den Welten seit Jahrhunderten gehortet: Der Thron verlor sie, wie ein alter Baum seine Rinde verliert, und sie hatten in diesen Korridoren gelegen, lange bevor Ahsokas weiße Klingen das Artefakt auf Peridea fanden. Für einen Augenblick trat zwischen den Mustern eine Inschrift in Dathomiri hervor, die Ahsoka nicht lesen konnte und dennoch verstand: Es blieb fast keine Zeit mehr.
Sie spürte das Gewicht ihrer weißen Klingen schärfer als sonst: Ihre Hitze schlug durch die Handschuhe, und ihr leises Summen antwortete in ihren Montralen. Die Klingen gaben ein weiches Licht ab, das die Umrisse alter Schlachten in die Schatten brannte. In Ezra sah sie zugleich den Jungen von Lothal und einen jungen Mann, den sie überhaupt nicht kannte. Seine Anwesenheit hier war zu dicht, zu wirklich, als wäre er selbst Teil dieser Dimension geworden. Trotz seiner offenkundigen Erschöpfung stand er fest. Seine Augen leuchteten blau, doch in der Tiefe schwappte die Sorge um Sabine und um alles, was draußen zurückgeblieben war. Seine Stimme klang dumpf, als wäre sie durch die Zeit gedehnt worden und käme verspätet zurück.
'Wir haben weniger als eine Stunde."
'Wir haben eine Ewigkeit", sagte Thrawn milde. 'Oder deren Abwesenheit. An diesem Ort hat das Wort Stunde keine Bedeutung."
'Doch, das hat es", widersprach Ezra. 'Sabine ist da draußen. Und sie wird keine Ewigkeit warten."
Thrawn seufzte - theatralisch, wie ein Lehrer, der der törichten Fragen eines Schülers müde ist. Dabei bewegte er sich mit einer solchen Präzision, dass der Raum ihm allein zu gehorchen schien, und hinter jedem seiner Worte stand eine Armee erprobter Entscheidungen.
'Nun gut. Dann gehen wir. Merrin wird den Weg zeigen."
Er schnippte mit den Fingern. Aus der Wand trat eine Frau - dieselbe mit den schwarzen Augen, nur war sie jetzt kein Geist mehr, sondern ganz und gar körperlich. Fleisch, Blut, eine Narbe auf der linken Wange. Merrin brachte den Geruch von Regen und kalter Asche mit sich. Sie war wirklich, doch eine ihrer Seiten flimmerte wie ein Hologramm kurz vor dem Zusammenbruch. Ihre Tätowierungen glühten unter der Haut, die Narbe auf der Wange wirkte frisch, und ihr Blick war voll einer durchdringenden Erschöpfung und eines Wissens, das sie für sich behielt.
'Ich war immer hier", sagte Merrin, als sie Ahsokas Überraschung bemerkte. 'Nur nicht immer in einer Form, die eure Sinne erreichen konnten. Und als euer Thron starb, hat sich etwas in den Wänden gelockert. Die Welt zwischen den Welten hat mich ... biegsam gemacht."
'Du hast mich getäuscht." Ahsokas Stimme war kalt.
'Ich habe dich geprüft", gab Merrin zurück. 'Das ist ein Unterschied."
Und ohne eine Antwort abzuwarten, drehte sie sich um und ging voran - dorthin, wo der Korridor sich zu einem Spalt verengte und das Licht immer stärker wurde.
Zwei Jedi - ein ehemaliger Padawan und eine Frau, die den Orden verlassen hatte - und mit ihnen ein Großadmiral, der keinen Schatten mehr warf, folgten ihr.
Weiter den Korridor hinunter verdichteten sich die Schatten, und in ihnen ließen sich Umrisse ausmachen: bisweilen menschliche, bisweilen andere. Jeder Schritt brachte sie zugleich dem Ausgang und dem Herzen dieser Anomalie näher.
Das Licht, das aus dem Artefakt strömte, wurde heller, ging aber nie ins Weiße über - es schien eingefärbt in der Farbe von Blitzen oder heißem Metall. Aus der Ferne kam dumpfes Stöhnen. Die Welt zwischen den Welten beobachtete sie weiter, und ihr Blick ließ sich nicht ignorieren: Er kühlte den Nacken und hinterließ das Gefühl, dass einen sämtliche vergangenen und künftigen Selbst zugleich ansahen.
Dritter Handlungsbogen: Tochter der Dunkelheit
(Episoden 5-6)
Lektionen der Erinnerung
Die Welt zwischen den Welten pulsierte weiter in ihrer unmöglichen Geometrie. Korridore falteten sich ineinander; die Schwerkraft wechselte mit jedem Schritt und kippte sie einmal zum Boden hin und im nächsten Moment zur Decke. Das Licht hatte keine Quelle - es sickerte aus den Wänden, aus der Luft selbst, und ergoss sich bisweilen in Farben, die es im gewöhnlichen Universum nicht gab. Zwischen Windungen des Raumes, in denen ein einziger Schritt ein ganzes Leben wert war, ging Merrin mit Sicherheit, als erinnere sich ihre Haut an dieses Labyrinth. Hin und wieder blieb sie stehen, legte einen Finger an die Schläfe und lauschte - schweigend, konzentriert, wie ein Jäger auf einer Fährte.
'Hier", sagte sie und blieb vor einer Tür stehen, die einen Augenblick zuvor noch nicht da gewesen war. Auf ihrer Oberfläche bewegten sich Linien, verwoben zu einem organischen Muster, als versuche das Material selbst, sich daran zu erinnern, wie man eine Tür ist. 'Das ist das Herz. Der Ort, an dem die Erinnerung an alle bewahrt wird, die vor uns gelebt haben."
Ihre Stimme kam dumpf heraus, wie im Vakuum, und rollte zugleich als Echo den Korridor hinunter und verlor sich.
Die Tür löste sich auf, und Ahsoka überlief ein Frösteln. Es gab keinen Zug und keine Kälte, doch jedes Haar an ihrem Körper stellte sich auf. Jenseits der Schwelle öffnete sich ein Raum wie ein Abgrund: Er hatte weder Boden noch Decke noch Wände, und er war voller Artefakte. Tausende Objekte schwebten in der Luft und pulsierten mit eigener Energie. Hologramme flammten auf und erloschen lautlos, Statuen streckten sich einander entgegen, und andere Dinge aller Art kreisten mit, als gehörten sie zu einer einzigen Sammlung.
'Was ist das?", fragte Ezra und sah sich um.
'Alles", antwortete Merrin. 'Jeder Gegenstand, der je mit der Macht verbunden war. Jede Erinnerung, jede Entscheidung, jeder Wendepunkt der Geschichte. Die Welt zwischen den Welten zeichnet alles auf. Es ist eine Bibliothek, ein Archiv, ein Museum - und ein Gefängnis."
Ahsoka trat ein, und ihre weißen Klingen summten leise - nicht wegen einer Gefahr, sondern als hätten sie einen Ort wiedererkannt, an dem selbst die Macht die Fähigkeit verlor zu unterscheiden, wo das Leben endete und der Tod begann. Sie spürte, wie die Schwingung der Griffe fein mit dem Rhythmus dieses Ortes mitschwang. Sogar die Luft schien hier dichter; man musste sie mit Mühe einatmen, als leiste man dem Vergessen Widerstand.
Merrin fuhr mit der Hand über eines der Objekte - eine kleine Sphäre, in deren Innerem Sterne kreisten.
'Dieses Artefakt gehörte Mutter Talzin", sagte sie leise. 'Es erinnert sich an ihren Tod. An jeden ihrer Tode. Hunderte alternativer Wirklichkeiten, in denen sie anders starb."
Ahsoka trat näher. Im Inneren der Sphäre sah sie Talzin - eine Frau mit weißem Haar und brennenden Augen, kniend vor Darth Maul. Dann vor Grievous. Dann vor Palpatine. Jede Version war anders, doch das Ende blieb unverändert: Sie fiel, und das Licht in ihren Augen erlosch.
Thrawn, der etwas abseitsstand, betrachtete die Exponate eingehend, ohne eines zu berühren, und schien sie mit den Augen bis auf die Atome zu zerlegen.
'Warum zeigst du uns das?", fragte Ahsoka, und ihre Stimme schien von den Wänden zurückzukommen, ehe sie ihre Lippen verlassen hatte.
'Weil ihr es begreifen müsst." Merrin drehte sich um, und zum ersten Mal erschien in ihren schwarzen Augen ein zitternder Funke. 'An diesem Ort lässt sich die Geschichte verändern. Nicht als Illusion. Wirklich. Ich habe es gesehen. Ich weiß, wie. Die Frage ist, ob wir das Recht dazu haben."
Thrawn, der die ganze Zeit erwartungsvoll geschwiegen hatte, trat vorsichtig einen Schritt vor. Seine weißen Augen blitzten auf, fingen das Licht der Halle ein und schienen Einzelheiten aus der Luft zu greifen, die es nicht gab.
'Sie sprechen von Zeitreisen."
'Ich spreche davon, die Wirklichkeit zu redigieren", gab Merrin zurück. 'Davon, zu den Punkten zurückzukehren, an denen sich die Wege gabelten, und den anderen zu wählen. Davon, jene zu retten, die starben, weil ein anderer die falsche Entscheidung traf."
Sie sah Ahsoka direkt an.
'Du könntest Anakin retten, Ahsoka. Bevor er zu Vader wird. Bevor er Padmé angreift. Bevor er alles verrät, woran er geglaubt hat."
Die Stille wurde vollkommen.
Ezra sah von Ahsoka zu Merrin und zurück. Thrawn war erstarrt wie ein Jagdhund, der eine Witterung aufgenommen hat. Selbst die Welt zwischen den Welten schien den Atem anzuhalten.
Durch das Summen der Artefakte hindurch spürte Ahsoka, wie sich der Korridor hinter ihr langsam verengte: Der Raum selbst schien sie zu einer Entscheidung zu drängen. Sogar die Schatten an den Wänden hatten die Form menschlicher Gestalten angenommen, die das Geschehen mit stummem Interesse verfolgten.
'Der Preis", sagte Ahsoka, ohne den Blick von der Sphäre zu wenden. 'Wie hoch ist der Preis?"
Merrin lächelte, und für einen Moment wurde ihr Gesicht völlig fremd - als verbärgen sich dahinter gleich mehrere Leben.
'Du bist die Erste, die fragt. Alle, die ich hierhergebracht habe, wollten sofort irgendetwas ändern. Niemand hat nach dem Preis gefragt."
Sie stellte die Sphäre zurück an ihren Platz. Ringsum flammten winzige Blitze auf, und die Luft füllte sich mit dem Geruch von nassem Stein und Ozon.
'Der Preis ist, dass die Wirklichkeit sich Veränderungen widersetzt. Je größer das Ereignis, das du zu ändern versuchst, desto heftiger stößt sie dich ab. Geh ein Jahr zurück, um einen einzelnen Soldaten zu retten - die Wirklichkeit wird es kaum bemerken. Geh zurück, um Anakin Skywalker zu retten - und das Universum kann in eine Singularität kollabieren. Oder, schlimmer noch, nicht das ganze, sondern nur der Teil davon, den du liebst."
Thrawn, der bis dahin schweigend analysiert hatte, drehte sich langsam um. Seine Augen leuchteten im zurückgeworfenen Licht der Artefakte, und in ihrer Tiefe sah Ahsoka eine Gier, angerührt mit reiner Logik.
'Paradoxa", sagte er nachdenklich. 'Zeitparadoxa. Sie sprechen davon, Ursache und Wirkung zu brechen."
'Ich spreche davon, sie neu zu schreiben", antwortete Merrin. 'Es ist möglich. Theoretisch. Praktisch - ich kenne niemanden, der es versucht hat und überlebt hätte."
'Woher weißt du dann, dass es möglich ist?", fragte Ezra, der zum ersten Mal seit Langem Anteilnahme an dem Gespräch zeigte.
Merrin sah ihn lange an. Ihre Hand ballte sich zur Faust, und Ahsoka sah, wie eine Welle über ihre Haut lief, als protestiere ihr ganzes Wesen gegen das Geständnis.
'Weil ich es einmal getan habe. Eine kleine Veränderung. Ich habe meine Schwester gerettet - ihr drei Tage über den für sie bestimmten Tod hinaus geschenkt. Drei Tage, Ezra Bridger. Und die Welt zwischen den Welten hat ihren Preis von mir genommen. Drei Tage gegen zwanzig Jahre."
Sie öffnete die Faust. In ihrer Handfläche lag ein kleiner dathomirianischer Dolch mit gebogener Klinge und einem Griff aus Knochen.
'Das ist das Messer, das meine Schwester getötet hat. In der ursprünglichen Wirklichkeit. In der neuen lebte sie drei Tage länger und starb dann denselben Tod. Die Wirklichkeit hat alles korrigiert. Die Schuld blieb bei mir."
Ahsoka sah sie an und fand diese Jahre nirgends an ihr. Die Haut war glatt, die Hände ohne jede Spur von Arbeit - Arbeit gab es an diesem Ort nicht -, das Gesicht unberührt von Sonne, Wind und Alter. Zwanzig Jahre waren irgendwo an dieser Frau vorbeigegangen, ohne sie ein einziges Mal zu streifen.
'Hier nutzt sich nichts ab", sagte Merrin, die den Blick aufgefangen hatte. 'Kein Stein, kein Kleid, kein Körper. Abnutzen tut sich nur, was sich erinnert. Meine Jahre haben sich nicht auf mein Gesicht gelegt. Sie haben sich nach innen gelegt."
Ahsoka ging langsam auf sie zu. Jeder ihrer Schritte gab ein Echo, und mit jedem Schritt wurde die Luft dichter, als zöge sich der Raum zusammen.
'Du willst, dass ich dir helfe, Talzin zu retten."
'Ich will, dass du mir hilfst, meine Mutter zurückzuholen." Merrins Stimme brach zum ersten Mal. 'Keine große Strategin. Keine dunkle Herrscherin. Einfach eine Frau, die mich großgezogen hat, mich unterrichtet hat, mich geliebt hat. Und die starb, weil Palpatine sich vor ihrer Macht fürchtete."
Ahsoka schloss die Augen.
In ihrem Kopf klangen Stimmen - die ihrer Lehrer, ihrer Feinde, ihrer toten Freunde. Yoda sprach von Annahme. Kanan sprach von Opfer. Anakin sprach von einer Liebe, die Berge versetzen konnte.
'Du verlangst zu viel", sagte sie.
'Ich weiß."
'Und zu wenig. Einen einzigen Menschen um den Preis der ganzen Geschichte zu retten - das ist ..."
'Das ist das, was du dir mehr wünschst als alles andere in der Galaxis", fiel Merrin ihr ins Wort. 'Ich sehe es in dir, Ahsoka. Du trägst seinen Namen in dir wie eine Wunde, die nicht zugeht. Jeden Tag fragst du dich: Was, wenn ich geblieben wäre? Was, wenn ich nicht gegangen wäre? Was, wenn ich in dem Moment bei ihm gewesen wäre, als er fiel?"
Ahsoka öffnete die Augen.
'Ja", sagte sie. 'Jeden Tag."
'Dann komm mit mir. Nicht, um die Geschichte zu ändern. Sondern um zu verstehen, warum sie so ist, wie sie ist."
Merrin streckte die Hand aus.
Und diesmal ergriff Ahsoka sie.
In den Armen der Vergangenheit
Der Übergang durch die Welt zwischen den Welten war für die Sinne stets eine Prüfung gewesen, doch diesmal verlor Ahsoka sich beinahe in den Strömungen der Zeit. Zuerst kam das Gefühl eines Sturzes in eine Dunkelheit, klar wie flüssiger Obsidian und erfüllt vom Klang fremder Stimmen. Farben, für die es keine Worte gab, huschten über die Kanten des Tunnels, und die Schwerkraft wälzte ihren Körper wie in einem Strudel. Beim letzten Ruck stülpte sich die Wirklichkeit um, und die beiden Reisenden wurden wie Geschosse aus einem Geschütz in die Vergangenheit geschleudert.
Ahsoka taumelte. Merrin stand neben ihr, war aber halb durchsichtig - die Luft um sie flimmerte wie von Hitze. Sie standen auf Dathomir, aber nicht auf jenem Dathomir, das Ahsoka kannte. Nicht auf einem Planeten unter Asche, verbrannt vom Krieg. Dieser war ursprünglich: Unten wuchsen riesige Pilze, Bäume wanden sich als leuchtende Lianen in den Himmel, und der Duft von Nachtblumen mischte sich mit dem schweren, würzigen Atem der Sümpfe. Irgendwo tief im Tal schrie ein unsichtbares Untier, und die Erde bebte unter seinem Tritt.
'Dort", sagte Merrin und deutete ins Tal hinunter. 'In zwei Stunden beginnt der letzte Kampf. Talzin stirbt. Maul entkommt."
Ahsoka sah hinab. Spiegelungen flammten in ihren Augen auf: Talzin stand vor Sidious und hielt dessen Blitze mit grüner Magie auf. Dooku war unterwegs, um seinem Meister beizustehen. Weiter entfernt rang Maul darum, sich aufzurichten, während Grievous und seine Droiden auf ihn vorrückten.
'Wir könnten eingreifen", sagte Ahsoka und spürte, wie die eigenen Worte ihr die Kehle zerschnitten. 'Jetzt. Ein Schlag aus dem Schatten, und Grievous fällt. Das könnte Talzin Zeit verschaffen."
'Könnten wir", stimmte Merrin zu. 'Aber sieh hin."
Sie deutete zum Fuß des Kamms. Dort, im Rauch, verdichtete sich die Dunkelheit um eine vermummte Gestalt - kein Schatten, sondern eine Ballung reiner Bosheit, die auf den Kampf zuging. Blitze zuckten um ihn, und Ahsoka spürte, wie sich alles in ihr verkrampfte: Er war dort. Der Imperator. Er war körperlich anwesend, und sein Wille lastete wie eine Eisplatte auf dem Herzen.
'Palpatine. Er ist hier. Wenn wir eingreifen, wird er uns spüren. Und dann ... dann wird alles schlimmer."
Unten begann der Kampf. Die Blitze von Sidious trafen Talzins grünen Schild, und als Dooku sich seinem Meister anschloss, taumelte die Hexe. Sie hielt lange genug stand, um Maul vom Ort des Kampfes fortzuschleudern. Dann trat Grievous aus dem Rauch, seine vier Lichtschwerter wirbelten.
Entkräftet fiel Talzin den Klingen von Grievous zum Opfer. Ihr letzter Atemzug entwich als Fluch, der sich über den ganzen Planeten auszubreiten schien.
'Sie hat das gewählt", sagte Ahsoka leise. 'Sie wusste, wie es enden würde."
Merrin stand neben ihr, und Tränen liefen über ihr Gesicht, ohne die Wangen zu berühren - zu gespenstisch waren sie in dieser Zeit. Ihr Geisterkörper zitterte, und ihr weißes Haar schien beinahe zu leuchten.
'Sie wusste es", flüsterte sie. 'Sie wusste es immer. Sie hat sich geopfert, um Maul zu retten und die Erinnerung an Dathomir zu bewahren. Ihr ganzes Leben war ein Opfer."
Ahsoka nahm sie in die Arme. Merrin erstarrte - so, wie Menschen erstarren, wenn Wärme zum ersten Mal seit sehr langer Zeit zu ihnen kommt. In diesem Augenblick vermischten sich ihre Auren, und für einen Moment hatten beide eine wirkliche Gegenwart in einer fremden Zeit.
'Lass uns nach Hause gehen", sagte Ahsoka. 'Deine Mutter hat ihre Wahl getroffen. Es ist Zeit, deine zu treffen."
Sie begannen zu verblassen und kehrten in die Welt zwischen den Welten zurück. Doch im letzten Moment spürte Ahsoka einen Blick. Sie drehte sich um.
Talzin sah sie mit toten Augen an. Und lächelte.
'Rette sie", sagten die toten Lippen. 'Rette mein Mädchen. Das ist alles, worum ich bitte."
Und dann war Dathomir fort, und sie befanden sich wieder in der pulsierenden Dunkelheit der Welt zwischen den Welten. Die Kälte blieb in Ahsoka zurück, doch jetzt mischte sie sich mit einer neuen Entschlossenheit.
'Nun?", fragte Merrin und wischte sich Tränen ab, die es an diesem Ort nicht geben konnte. 'Überzeugt?"
Ahsoka sah sie lange an.
'Überzeugt davon, dass es kein Ausweg ist, die Vergangenheit zu ändern. Aber ..." Sie hielt inne. 'Vielleicht gibt es einen anderen Weg. Nicht die Vergangenheit ändern. Nur ... etwas darin zurücklassen. Einen Hinweis für die Generationen nach uns."
'Was hast du vor?"
Ahsokas Mundwinkel hoben sich zu einem Grinsen - dem ersten seit Langem.
'Ich will mit dem Jedi-Tempel sprechen. Bevor sie ihn niederbrennen. Und eine Botschaft im Gewebe der Macht selbst hinterlassen."
Merrin runzelte die Stirn.
'Das ist Wahnsinn."
'Vermutlich. Aber es ist der einzige Wahnsinn, der das Universum nicht zerstört."
Sie trat in das nächstgelegene Portal - jenes, das nach Coruscant führte, zwei Tage vor Order 66.
'Kommst du?"
Merrin zögerte eine Sekunde. Dann trat sie hinterher.
Die Welt zwischen den Welten schloss sich über ihnen wie Wasser über Ertrunkenen.
Vierter Handlungsbogen: Achtundvierzig Stunden
(Episoden 7-8)
Coruscant, zwei Tage davor
Coruscant breitete sich jenseits der Tempelfenster in einem Licht ohne Hitze aus, doch in der Großen Halle hielt sich ein weicher Schatten: Hunderte Meter spiegelblank polierten weißen Steins, Säulen mit Reliefs aus vergessenen Zeitaltern, Weihrauchwolken, die in duftenden Schwaden aus den Meditationskammern glitten. Die Luft vibrierte vor Anspannung, als fürchte sich die Macht selbst, zu laut zu atmen.
Vor achtundzwanzig Jahren - nach ihrer eigenen Rechnung. In zwei Tagen - nach der Rechnung dieser Halle. Ahsoka stand an der Nahtstelle beider Zahlen und spürte, wie beide auf ihre Brust drückten.
Jedi jeder Art und jeden Alters wandelten um sie herum: Ältere in schweren dunklen Roben, die an holografischen Terminals etwas besprachen, einer meditierte, ein anderer eilte gebeugt zu einem Bericht. Die Jüngeren liefen durch die Korridore und umklammerten Datapads oder Trainingsklingen. Sogar die Jünglinge waren hier: Einige spielten Fangen, andere saßen erstarrt in Meditation, die Augen leuchtend unter kurzen Ponys hervor.
Ahsoka bewegte sich vorsichtig durch die Halle, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Doch ihre weißen Lichtschwerter waren ein Leuchtfeuer - selbst die beschäftigtsten Meister drehten sich danach um, und in ihren Blicken las sie Neugier, Misstrauen oder ein leises Unbehagen. Ihre Montrale fingen die Schwingung der Macht auf, und hier fühlte sie sich besonders dicht an, als wäre der Raum selbst bis zum Äußersten gespannt.
'Du kommst aus der Zukunft", sagte eine Stimme hinter ihr.
Ahsoka drehte sich um. Ein Junge von etwa vierzehn Jahren, dunkelhaarig, mit Augen, die schon zu viel gesehen hatten, stand in der Tür und sah sie ohne Furcht an. Das Licht der Buntglasfenster spielte auf seinem Gesicht und fügte einem ohnehin schon erwachsenen Ausdruck weitere Jahre hinzu. Er roch, wie alle jungen Padawane rochen - nach einer Mischung aus Kinderseife, Stress und jener schwachen elektrischen Ladung, die sich immer um die Jungen und Machtsensitiven sammelt.
'Ich habe deine Ausbildung erkannt", erklärte er und nickte zu ihren Lichtschwertern. 'So bewegen sich Padawane. Aber du bist keine Padawan und trägst nicht die Farben des Tempels. Und deine Schwerter ... sie sind neuer, als sie sein dürften. Und du riechst anders."
'Ich rieche?"
'Nach Gewitter. Und Asche. Und noch nach etwas, das ich nicht kenne."
Ahsoka ging in die Hocke, um auf Augenhöhe mit dem Jungen zu sein.
'Wie heißt du?"
'Caleb", sagte er. 'Caleb Dume."
Ahsokas Herz setzte für einen Moment aus. Caleb Dume. Diesen Mann kannte sie unter einem anderen Namen - Kanan Jarrus. Er würde aufwachsen, Ezra Bridger ausbilden und sterben, um seine Freunde zu retten. Sie hatte ihn unter den Toten in der Welt zwischen den Welten gehört.
Aus der Nähe glich Caleb dem Erwachsenen, der er einmal sein würde: die leicht angespannte Haltung, der Blick, der immer nach dem Ausgang zu suchen schien, das leichte Grinsen, aufgesetzt, um Sorge zu verdecken. Dünne, nervöse Finger, halb zu Fäusten geschlossen, und die Haut über den Knöcheln, die trotz seines Alters schon anfing, hart zu werden. Er war noch unberührt, noch nicht vom Krieg gebrochen. Er hielt sich gerade, aber nicht herausfordernd - einfach ohne überflüssige Bewegung, als wäre er stets bereit loszurennen. Seine Zukunft strahlte in einem unsichtbaren Licht, und Ahsoka spürte sie als schmerzende Vorahnung eines Verlusts.
'Caleb", sagte sie sanft. 'Erzählst du niemandem, dass du mich gesehen hast?"
'Und was tust du dafür für mich?"
Ahsoka lächelte. Dieses Kind war eine exakte Kopie des Erwachsenen, den sie gekannt hatte.
'Ich zeige dir etwas. Ein Wissen, das dir das Leben retten kann."
'Oder mich umbringen?"
'Oder dich umbringen", stimmte Ahsoka zu. 'Aber du siehst aus wie jemand, der zu wählen versteht."
Caleb überlegte eine Sekunde. Dann nickte er.
'Zeig es mir."
Er schwieg einen Moment und fügte dann hinzu, als fiele ihm die Höflichkeit wieder ein:
'Nur hab ich weniger Zeit als du. Ich fliege morgen Abend raus. Meisterin Billaba ist auf Kaller, dort steht es schlecht, sie hat mich zu sich gerufen. Ich bin nur im Tempel, um Nachschub für sie zu holen."
Ahsoka erstarrte mitten im Schritt.
Kaller. In zwei Tagen. Sie wusste, was auf Kaller in zwei Tagen geschehen würde, wusste, wer dort sterben würde und für wen, und wusste es so sicher wie ihren eigenen Namen.
'Dann erst recht", sagte sie gleichmütig.
Ahsoka spürte, wie sich der Tempel plötzlich mit dem Gefühl eines Endes füllte: zu viel Leben, zu viel Hoffnung, ein Knoten aus Licht, der in zwei Tagen dem Erdboden gleichgemacht sein würde. Als existierte hier alles in Erwartung einer ungeheuren Dunkelheit, die jeden Augenblick hereinbrechen konnte. Doch die Dunkelheit war noch nicht gekommen, und bis dahin hatte Ahsoka eine Chance - und einen Gesprächspartner, der ein wenig mehr über die Zukunft wusste, als ihm zustand.
Merrin und die lebende Welt
Während Ahsoka durch den Tempel streifte, stand Merrin auf einem Balkon über der Stadt und versuchte, nicht den Verstand zu verlieren.
Coruscant breitete sich unten als endloser Ozean aus Licht: Türme, die durch die Wolken stießen, Werbehologramme, die in der Luft flackerten, Verkehrsströme, die Lichtlinien zwischen den Türmen zogen. Eine Million Gerüche fiel auf einmal über sie her - Ozon von Repulsorantrieben, Frittiertes aus den Straßen weit unten, Teer und Rauch, das Parfüm wohlhabender Passanten, der Geruch von Regen, der jeden Moment aus dem Himmel fallen würde. So viele Jahre allein mit Echos, und jetzt waren Tausende lebender Wesen um sie herum. Sie sprachen, lachten, stritten, aßen, tranken, liebten sich, bekamen Kinder - und all das gleichzeitig, betäubend, beinahe unerträglich. Merrin spürte jede Stimme als Schlag gegen die Schläfen, jedes Lachen als Lichtblitz in einer Dunkelheit, an die sie sich gewöhnt hatte.
'Geht es dir gut?", fragte eine Stimme.
Merrin drehte sich um. Caleb - der Junge, mit dem Ahsoka gesprochen hatte - stand in der Tür und hielt zwei Becher Tee in den Händen. Dampf stieg über der Keramik auf und löste sich in der Luft.
'Nicht ganz", gab sie zu. 'Ich war zu lange allein."
'Ahsoka sagt, ihr kommt aus der Zukunft."
'Wir kommen von einem Ort, an dem es keine Zukunft mehr gibt. Sie hat sich in eine Vergangenheit verwandelt, die durchlebt werden muss."
Caleb hielt ihr einen Becher hin. Die Keramik war warm, beinahe heiß - echte Wärme, keine Illusion der Welt zwischen den Welten. Merrin nahm den Becher in beide Hände und sog die Hitze durch Handflächen ein, die vergessen hatten, was Wärme war.
'Die Jedi sagen, die Zukunft sei immer in Bewegung. Dass man sie nicht sicher wissen kann."
'Die Jedi irren sich", sagte Merrin und nahm den Tee. 'Ich habe die Zukunft gesehen. Du wirst sterben, während du deinen Schüler aus einem Feuer rettest. Aber du wirst glücklich sterben, und das zählt mehr als ein langes, trübsinniges Leben."
Caleb runzelte die Stirn. In seinen Augen, die für vierzehn Jahre zu alt waren, regte sich etwas wie Begreifen.
'Das ist ... eine seltsame Prophezeiung."
'Es ist keine Prophezeiung. Es ist eine Tatsache, die in einer der Wirklichkeiten geschehen ist. Aber es gibt andere Wirklichkeiten, in denen du lebst. Und ich weiß nicht, in welcher davon wir herauskommen, wenn wir zurückkehren."
Sie trank. Der Tee war bitter - wie alles, an dessen Geschmack sie sich erinnerte. Doch die Bitterkeit war echt und greifbar, mit der metallischen Kante wirklicher Blätter, gewachsen in wirklicher Erde.
'Du kommst von Dathomir", sagte Caleb. 'Ich sehe die Tätowierungen. Du bist eine Nachtschwester."
Merrin betrachtete ihre Hände. Die Dathomiri-Tätowierungen - verschlungene Spiralen und Zeichen, mit schwarzer Farbe auf blasse Haut gezogen - pulsierten in einem kaum sichtbaren Schein und reagierten auf die lebendige Macht ringsum. Hier, in der Welt der Lebenden, wirkten sie heller als in der grauen Leere zwischen den Welten.
'Ich war es. Jetzt bin ich einfach ... Merrin."
'Warum hilfst du Ahsoka?"
Merrin blickte auf Coruscants untergehende Sonne - eine gewaltige rote Kugel, die den Himmel in Streifen schnitt. Das Licht überflutete die Stadt mit Gold und Blut und spiegelte sich in einer Million Fenster. Der Wind frischte auf und trug den Geruch von Regen heran.
'Weil sie die Einzige ist, die nach dem Preis gefragt hat, bevor sie etwas nahm. Und weil ich es müde bin, allein zu sein."
Sie stellte den Becher auf die steinerne Balustrade. Die Keramik klirrte gegen den Stein - ein Geräusch, das sie nicht mehr gehört hatte, seit sie in die Welt gegangen war.
'Und jetzt komm. Sie hat einen Plan, wie man eine Botschaft in der Macht hinterlässt. Und dafür braucht sie jemanden, der mit Erinnerung umzugehen weiß."
'Warum ich?"
'Weil du ein großer Lehrer werden wirst, Caleb Dume. Und weil ein Tag kommen wird - vielleicht bald -, an dem du jemandem beibringen musst, was du heute Abend siehst."
Sie streckte die Hand aus. Der Junge ergriff sie ohne Zögern - seine Handfläche war warm und lebendig, schwielig vom Training mit dem Schwert.
Sie gingen in den Tempel hinein, wo Ahsoka bereits im Herzen des Gebäudes meditierte und das Gewebe der Macht selbst berührte. Das Licht des Sonnenuntergangs fiel durch die Buntglasfenster und malte bernsteinfarbene und purpurne Flecken auf den Boden, und in diesem Licht fühlte sich Merrin zum ersten Mal seit sehr langer Zeit als Teil von etwas Größerem. Ihre Schritte hallten in den Korridoren - ein Geräusch, das sie fast vergessen hatte, so wie sie fast alles über die lebendige Welt vergessen hatte.
Eine Botschaft in der Macht
Diese Meditation glich keiner, die Ahsoka je geübt hatte.
Es war kein Beruhigen des Geistes. Es war ein Öffnen - ihrer selbst, jeder Zelle, jeder Erinnerung, jedes Schmerzes - weit aufgerissen, wie man Türen in einem Sturm aufreißt. Die Luft um sie begann zu vibrieren, und aus dem polierten weißen Stein des Bodens stiegen Lichtfäden auf: fein, beinahe unsichtbar, wie goldene Spinnweben, die sich um ihre Handgelenke, ihre Knöchel, ihren Hals wanden. Sie schnürten nicht ein; sie banden und verbanden sie mit etwas weit Größerem als ihrem eigenen Körper. Sie spürte, wie die Grenzen ihres Körpers verschwammen, wie ihre Haut durchlässig wurde für die Macht, die wie ein Strom durch sie hindurchfloss.
Das Herz des Tempels - jene Kammer, in die die Jedi seit Jahrhunderten kamen, um sich mit der Macht in ihrer reinsten Form zu verbinden - pulsierte vor Energie. Die Wände aus weißem Marmor schimmerten in einem kaum wahrnehmbaren Licht, und die uralten Symbole auf den Säulen wirkten lebendig: Sie bewegten sich, verflochten sich, erzählten die Geschichten von Jahrtausenden. Der Boden unter ihr war warm, beinahe heiß. Ahsoka saß im Zentrum auf einem niedrigen Steinsockel, und Bilder kreisten um sie: ihre Kindheit auf Shili, wo sie über die orangefarbenen Ebenen gelaufen war; ihre Lehrzeit bei Anakin, der Geruch seines überhitzten Jägers; die Anklage wegen des Tempelanschlags, die Gleichgültigkeit des republikanischen Gerichts, ihr Austritt aus dem Orden, als tausend Stimmen verstummten; ihr Leben danach, einsam und still; ihr Tod - und ihre Wiedergeburt im weißen Licht.
Die Bilder waren nicht bloß sichtbar. Sie roch jeden Augenblick: den Staub von Shili, Ozon von einem Lichtschwert, die Bitterkeit des Verrats, die Kälte des Alls, die Wärme der Rückkehr.
'Du kannst das", flüsterte Merrin, die im Schatten beim Eingang stand. Ihre Umrisse waren kaum auszumachen: Die Dunkelheit von Dathomir reagierte auf das Licht, das aus Ahsoka strömte, wich zurück und pulsierte. Ihre Stimme klang seltsam, gedämpft, als spräche sie durch Wasser. 'Du kannst hier eine Spur hinterlassen. Ohne die Vergangenheit zu ändern. Einfach nur ... der Zukunft zuflüstern, dass sie nicht allein ist."
Ahsoka öffnete die Augen. In ihnen brannte weißes Licht - kein Widerschein, sondern die Quelle. Das Licht ergoss sich nach außen und gab ihrem Gesicht, ihren Händen, ihren weißen Gewändern einen silberblauen Ton.
'Ich weiß nicht, wie diese Botschaft lauten wird. Ich weiß nicht, wer sie empfangen wird. Ich weiß nicht einmal, ob sie Order 66 und den Fall des Imperiums überdauert."
'Aber?"
'Aber ich weiß, dass jemand nach Antworten suchen wird. Jemand wie ich, der alle verloren hat und nicht weiß, wohin. Und ich will, dass dieser Jemand weiß: Du bist nicht allein."
Merrin schwieg. Als sie wieder sprach, war ihre Stimme gleichmäßig - so spricht man, wenn der Preis bereits ausgerechnet ist.
'Ist dir klar, was du da tust? Du webst dich in das Gewebe. Das Gewebe reißt davon nicht, das habe ich geprüft. Aber wo es dicker wird, verhält es sich anders. Irgendwo wird ein einzelner Faden falsch liegen. Einer. Vielleicht zwei."
'Ich weiß."
'Und du wirst nicht erfahren, welcher. Und du wirst ihn nicht aussuchen."
'Ich weiß", wiederholte Ahsoka und hob die Hand.
Die Kristalle in ihren Lichtschwertern, die neben ihr auf dem Boden lagen, begannen zu leuchten - im Takt mit dem Herzen des Tempels, im Takt mit ihrem eigenen Herzen. Ihr Licht stieg als Säule auf, traf auf die Lichtfäden, die von Ahsoka ausgingen, und verflocht sich mit ihnen zu einer Spirale aus reiner Energie.
'Ich hinterlasse Koordinaten. Nicht von Orten - von Zuständen. Punkte, an denen die Wirklichkeit dünn wird. Wo man die finden kann, die gegangen sind. Wo man die Stimmen derer hören kann, die nicht mehr sind."
'Du willst ein Leuchtfeuer errichten", sagte Caleb leise. Er stand abseits, den Rücken gegen eine Säule gepresst, die Augen weit aufgerissen. 'In der Macht selbst."
'Ich will Hoffnung errichten", antwortete Ahsoka. 'Denn Hoffnung ist das Einzige, was Palpatine nie zerstören konnte."
Die Energie brach aus ihr hervor als Welle aus Licht und Schmerz und Liebe und Verzweiflung. Sie ging durch die Mauern des Tempels, durch die Zeit, durch den Raum und webte sich in das Gewebe der Welt zwischen den Welten, in jeden Riss der Wirklichkeit, in jede dünne Stelle, die existierte oder je existieren würde. Das Licht war selbst durch geschlossene Lider zu sehen - es ging durch alles hindurch. Ahsoka spürte, wie ein Teil von ihr mit dieser Welle fortging: nicht schmerzhaft, aber spürbar, wie wenn man eine Haarsträhne abschneidet. Ein Teil ihrer Seele ging auf die Reise durch die Zeit.
Merrin spürte, wie ihre eigenen Kräfte antworteten - die Dunkelheit von Dathomir, die uralte Magie der Nachtschwestern, die Erinnerung an Mutter Talzin, an ihre Schwestern, an alle, die gegangen waren und nie zurückkehren würden. Ihre Tätowierungen leuchteten grün auf, im Widerhall zu Ahsokas weißem Licht, und sie trat vor, aus dem Schatten heraus.
'Ich helfe dir", sagte sie. 'Nicht auf eure Art und nicht auf unsere. Als eine, die auch dazwischensteht."
Sie legte eine Hand auf Ahsokas Schulter. Ihre Kräfte verflochten sich - das weiße Licht einer Jedi und die schwarze Magie von Dathomir - zu einem Muster, das kein Lebender je gesehen hatte. Licht und Dunkelheit wirbelten in einem Strudel um sie und zeichneten Zeichen in die Luft, die keine Namen hatten, aber einen Sinn trugen: Ihr seid nicht allein, die Hoffnung bleibt, sucht, und ihr werdet finden.
Caleb sah mit offenem Mund zu. In sein junges Herz, in seine empfindsame Padawan-Seele schnitt sich der Anblick für immer ein: zwei Frauen, Licht und Dunkelheit, die ein Drittes erschufen, etwas Neues, Unmögliches. Ihr Licht spiegelte sich in seinen Augen, und er spürte, wie die Macht um ihn sich veränderte, dichter wurde, absichtsvoller.
Ich werde mich daran erinnern, schwor er sich. Ich werde mich erinnern, um es denen zu erzählen, die nach mir kommen.
Im Morgengrauen flog er ab.
Ahsoka sah von der Landeplattform aus zu, wie ein gedrungener Transporter sich über die Türme hob und in Coruscants trüben Himmel hinaufstieg. Merrin stand neben ihr und schwieg lange.
'Du hättest ihn aufhalten können", sagte sie schließlich.
'Hätte ich."
'In zwei Tagen verliert er auf Kaller alles."
'In zwei Tagen überlebt er auf Kaller", sagte Ahsoka. 'Weil sich jemand zwischen ihn und die Blaster stellt. Wenn ich eingreife, rette ich ihn nicht. Ich nehme ihr nur das Recht, es zu tun."
Merrin sah sie von der Seite an, und zum ersten Mal lag in dem Blick weder Spott noch Prüfung.
'Bei uns schneidet man einem dafür die Zunge heraus", sagte sie. 'Fürs Wissen und Schweigen."
'Bei uns tut man dafür gar nichts", antwortete Ahsoka. 'Man lebt einfach weiter damit."
Das Schiff schrumpfte zu einem Punkt. Und als der Punkt erlosch, glaubte Ahsoka eine Stimme zu hören - keine Jungenstimme, sondern die eines erwachsenen Mannes, in die Caleb erst noch hineinwachsen musste:
'Danke, dass du mir beigebracht hast: Die Stärke liegt nicht in der Klinge. Die Stärke liegt in der Wahl."
Flucht
Order 66 kam nicht wie ein Donnerschlag aus heiterem Himmel. Sie kam wie ein Ausatmen - lang, langsam, beinahe zärtlich.
Ahsoka spürte sie eine Sekunde, bevor der erste Klon das Feuer eröffnete. Die Macht erschauerte, weinte, schrie mit den Stimmen von Milliarden, die noch nicht wussten, dass sich ihr Schicksal soeben für immer geändert hatte.
'Sie kommen", sagte Merrin, deren Gesicht noch blasser war als sonst. 'Ich spüre sie. Soldaten. Tausende Soldaten."
'Klone", verbesserte Ahsoka. 'Soldaten, die nie eine Wahl hatten. Wir werden nicht gegen sie kämpfen."
Sie war auf den Beinen, bevor sie zu Ende gesprochen hatte.
'Lauf. Sofort."
Sie rannten durch den Tempel. Korridore, die vor Minuten noch voller Licht und der Stimmen von Padawan-Kindern gewesen waren, hatten sich in Labyrinthe des Chaos verwandelt. Die Luft bebte von Detonationen und dem harten Aufblitzen von Blasterschüssen; Rufe, Stöhnen, das metallische Klirren von Lichtschwertern, die auf Marmor fielen, verschmolzen zu einem einzigen entsetzlichen Lärm. Von den Decken rieselte Putz; Brandspuren krochen über die Wände. Um sie herum starben Jedi - junge, alte, berühmte, namenlose. Jeder Tod war ein Messer in Ahsokas Herz, und sie spürte jeden dieser rohen Stiche so scharf, dass die Macht sich aus ihrer Brust herauszureißen schien.
Ahsoka bog in einen Seitenkorridor ab - ihr Körper erinnerte sich an diese Abzweigungen besser als ihr Kopf - und zog Merrin hinter sich her, deren Umhang Schattenklumpen auffing. Sie liefen in eine runde Kammer, in der die alten Artefakte aufbewahrt wurden: uralte Helme, Bücher in abgegriffenen Einbänden, Kristalle und Figurinen von unerklärlicher Form. All das wirkte sinnlos unter einem Film aus Staub und Rauch und stumpfem, totem Licht. In den Regalen standen zerbrochene Holoprojektoren, Kristallscherben und antike Masken mit leeren Augenhöhlen. Es roch nach altem Papier und nach etwas, das noch älter war als die Republik selbst.
'Versiegle die Tür", befahl Ahsoka.
Merrin hob eine Hand. Dunkle Energie, dick und zäh, riss sich aus ihren Fingern und bog sich zu einem rauchigen Kokon. Sie roch nach Kälte und Erde und etwas Süßem, beinahe Widerlichem, wie faulende Beeren. Die Barriere sammelte sich über dem Eingang und erstarrte zu einer durchsichtigen Wand, durch die die Umrisse der herannahenden Klone kaum noch zu erkennen waren. Sie schloss den Durchgang so dicht, dass selbst das Geräusch der Schüsse verstummte.
'Wir haben eine Minute", sagte sie. 'Vielleicht zwei."
Hinter der Wand schrien Menschen. Ahsoka stand mit der Handfläche gegen die Barriere gepresst und hörte dem Haus zu, in dem sie aufgewachsen war, wie es starb. Sie erkannte die Stimmen. Nicht alle. Aber sie erkannte sie.
Ihre Lichtschwerter waren in ihren Händen, bevor sie irgendetwas entschieden hatte.
'Nein", sagte Merrin.
'Da draußen sind Kinder."
'Da draußen sind Kinder", stimmte Merrin zu. 'Und wenn du zu ihnen hinausgehst, änderst du keine drei Tage. Du änderst alles. Das Gewebe, in das du dich gestern eingewoben hast, reißt genau an der Stelle, an der du es gehalten hast."
'Das ist mir gleich."
'Nein." Merrin stellte sich zwischen Ahsoka und die Barriere, und zum ersten Mal lag in ihrer Stimme weder Dunkelheit noch Altertum - nur eine müde, sehr menschliche Grausamkeit. 'Es ist dir nicht gleich. Sonst wärst du längst draußen, statt mit mir zu streiten."
Ahsoka senkte die Klingen. Langsam, wie man etwas Schweres absetzt, das man nicht fallen lassen darf.
'Ich stand als Kind hier", sagte sie. 'Genau an dieser Stelle. Und dachte, das sei der sicherste Ort in der Galaxis."
'Das war er", sagte Merrin. 'Vor zwei Tagen."
'Es ist Zeit", sagte Merrin und öffnete ein Portal ins Nichts. Ein Trichter aus Dunkelheit wirbelte in der Luft und sog Licht und Klang und sogar Gerüche in sich hinein. An seinem Rand liefen Blitze, als widersetzte sich die Wirklichkeit selbst dem Öffnen eines solchen Durchgangs.
Ahsoka rührte sich nicht.
'Er ist jetzt auf Kaller", sagte sie. 'Und dort ist es dasselbe."
'Ja."
'Und ich kann nichts tun."
'Du hast bereits alles getan." Merrin streckte ihr die Hand entgegen. 'Du erfährst es nur erst in dreißig Jahren."
Ahsoka trat in das Portal. Merrin folgte. Die Luft presste sich zusammen, und jenseits der Kammer kam eine ohrenbetäubende Explosion: Die Klone brachen die Tür auf, ohne zu wissen, dass drinnen nichts mehr war.
Und dann war Stille.
Der Anfang einer Ära
Sie kamen um einige Stunden zu spät.
Die Schwerkraft der neuen Welt empfing sie mit unerwarteter Schwere. Ahsoka öffnete die Augen, blinzelte und sah einen Himmel, den sie nicht kannte: ein zähes, geschlossenes Leichentuch aus grauem Rauch, durch das drei Monde kaum hindurchschienen. Sie hingen tief und schwer da wie kranke Augen, die schlaflos jede Bewegung auf der Oberfläche verfolgten. Das Mondlicht war stumpf, und die tot-gelben Scheiben verschwammen im Nebel. Die kühle Luft trug eine Bitterkeit von Asche, und selbst der Boden unter ihren Füßen schien von fremdem Schmerz durchtränkt.
'Wo sind wir?", fragte Merrin, die in dem schneidenden Wind zu zittern begann, kaum dass sie aus dem Portal gefallen war. Das dünne Licht des Portals hinterließ auf dem Boden eine Spur, die neuer Staub sofort zudeckte.
'Ich weiß es nicht", gab Ahsoka zu. Langsam öffnete sie die Fäuste, die sie beim Sprung geballt hatte. 'Aber ich spüre ... ich spüre das Imperium. Es ist schon hier. Order 66 ist bereits geschehen. Die Jedi sind bereits tot."
Sie betrachtete ihre Hände. Sie waren sauber - kein Blut, kein Schmutz. Doch in ihren Gelenken und Sehnen summte noch eine Schwere, als hielte sie noch immer etwas tödlich Wichtiges fest und könnte es nicht loslassen. Ihr Atem ging scharf, als drücke die Atmosphäre selbst auf ihre Brust.
'Wir sind zu spät", sagte sie leise. 'Wir haben es nicht geschafft, sie zu retten."
'Wir haben niemanden gerettet", widersprach Merrin. Sie schwankte kaum merklich, noch nicht an die fremde Schwerkraft gewöhnt. 'Caleb hat allein überlebt. Genauer: Jemand hat für ihn bezahlt, und wir waren es nicht. Wir haben ihm etwas zur Erinnerung dagelassen, mehr nicht."
'Wozu dann das Ganze?"
'Dazu, dass er sich erinnert", sagte Merrin. 'Ein Mensch, der sich erinnert, verhält sich anders als einer, der vergessen hat. Manchmal ist der Unterschied eine Sekunde. Manchmal reicht eine Sekunde."
In der Ferne sahen sie durch den gespenstischen Nebel die Lichter einer Stadt. Winzig, schmutzig, zu zerfransten Ketten verklumpt, als schäme sich die Stadt selbst ihrer Hässlichkeit. Flüchtlinge und Ausgestoßene strömten bereits auf sie zu, und die Luft füllte sich mit dem Geruch von Ruß und Feuchtigkeit und Angst. In dieser Menge, zwischen ununterscheidbaren Gesichtern, ging ein dunkelhaariger Halbwüchsiger mit Augen, die zu viel gesehen hatten.
'Er ist nicht allein", sagte Merrin und kniff die Augen zusammen. 'Da ist jemand bei ihm."
Ahsoka hatte es bereits gesehen. Neben dem Jungen ging ein Mann, den man mit niemandem verwechseln konnte: Janus Kasmir, Schmuggler, ganz aus scharfen Kanten und schlechter Laune, einer von denen, die nicht dank der Galaxis überleben, sondern ihr zum Trotz. Er hatte Caleb aufgelesen, ihm die Jedi-Robe vom Leib gezogen, ehe ein anderer sie bemerken konnte, und ihm befohlen zu lügen, zu stehlen und keine Fragen zu stellen. Und damit hatte er ihn gerettet - zuverlässiger, als es irgendein Meister des Ordens vermocht hätte.
'Er wird ihm nichts Gutes beibringen", sagte Merrin.
'Er wird ihm beibringen zu überleben", antwortete Ahsoka. 'Manchmal ist das dasselbe."
Sie wusste auch, was Merrin nicht wissen konnte: dass sich diese beiden bald trennen würden. Der Junge würde allein weiterziehen und beim Abschied den Namen des Schmugglers zu einem eigenen zurechtschneiden - der einzige Dank, den er sich würde leisten können. Janus Kasmir würde bleiben, wo er stand, und nie erfahren, dass er der Name eines anderen geworden war.
Und Caleb Dume blieb auf Kaller, neben der Frau, die ihn mit ihrem Körper gedeckt hatte. So würde er es später erzählen, wenn ihn jemand fragte: Caleb starb mit dem Orden. Der Junge, der jetzt unter drei kranken Monden in eine schmutzige Stadt lief, würde Kanan Jarrus heißen.
Ahsoka und Merrin sahen zu, wie er im schwarzen Strudel der Menschen verschwand.
'Komm", sagte Merrin und drückte Ahsokas Schulter. 'Wir müssen zurück in unsere Zeit. Sabine und Ezra warten."
'Ich weiß", antwortete Ahsoka leise, ohne den Blick von der fernen Gestalt zu nehmen. 'Ich will mir diesen Moment nur ... merken. Dass jemand überlebt hat. Dass nicht alles verloren war."
Sie wandte sich ab und ging, dabei hinkte sie kaum merklich auf einem eingeschlafenen Bein.
Merrin folgte ihr. Auf ihren Lippen lag zum ersten Mal seit Langem ein schwaches, aber echtes Lächeln.
Staffelfinale Zwei: Zwischen Welten und Zeiten
Die Rückkehr
Das Gegenstück in Morrens Händen pulsierte ein letztes Mal - ein trübes, sterbendes Licht, wie ein Herz, das weiß, dass es gleich stehen bleibt. Die blauen Linien auf seiner Oberfläche, einst hell und lebendig, flackerten kaum noch und hinterließen nur graue Spuren auf dem Metall. Morren spürte, wie das Artefakt mit jeder Sekunde schwerer wurde - oder vielleicht ermüdeten nur seine Hände, die zu lange etwas gehalten hatten, das nicht in seiner Obhut bleiben wollte.
Sabine stand am Rand des Risses und starrte in den grauen Dunst, aus dem Ezra, Ahsoka und - mit etwas Glück - etwas hervortreten sollten, das man einen Sieg nennen könnte. Der Wind um den Riss war kalt und schneidend, als wehte er vom anderen Ende des Universums her. Sie spürte die Gänsehaut über ihr Gesicht kriechen, ihr Haar klebte ihr von Schweiß an der Stirn, der augenblicklich gefror. Der Geruch war seltsam - Ozon, uralter Staub und noch etwas, das sie nicht benennen konnte, aber überall wiedererkannt hätte: der Geruch von Hoffnung, die im Sterben liegt.
'Die Zeit ist um", sagte Morren trocken. 'Ich schließe den Riss."
'Nein." Sabine packte ihn am Arm. 'Geben Sie ihnen noch eine Minute."
Ihre Finger schlossen sich um das Handgelenk des Chiss, und sie spürte den Puls unter seiner Haut schlagen - schnell, nervös, längst nicht so ruhig, wie Morren erscheinen wollte. In seinen Augen, sonst leer und fern, regte sich etwas, das Beunruhigung ähnelte. Oder Hoffnung.
'Ich habe ihnen zwei Stunden gegeben. Ihr Freund mag ein ewiger Gast dieses Ortes werden. Das ist nicht meine Schuld."
Der Chiss riss sich los und griff nach den Kontrollen. Seine Bewegungen waren abrupt, beinahe zornig, als fürchte er sich selbst vor dem, was er tun wollte. Sabine spürte, wie sich etwas Kaltes und Schweres in ihrer Brust zusammenzog. Zwei Stunden. Sie hatten zwei Stunden gewartet, und jetzt, da die Zeit ablief, begriff sie, dass sie nicht darauf vorbereitet war, dass die beiden fort sein könnten.
Doch ehe Morrens Finger die Konsole erreichten, explodierte der Riss in Licht - nicht weiß, nicht schwarz, sondern silberblau wie ein Sonnenaufgang auf einem fremden Planeten, wie Tränen, die nicht fallen, sondern in der Luft hängen bleiben.
Sie traten aus der Leere.
Ahsoka - ein wenig älter, ein wenig müder, aber mit brennenden Augen. Das Licht der Welt zwischen den Welten tanzte noch immer in ihren Pupillen, und die weißen Klingen an ihrem Gürtel summten leise als Antwort auf die Rückkehr in den wirklichen Raum. Ezra - heil und unverletzt, das Schwert in der Hand, dessen Klinge noch unverbrauchte Energie versprühte. Und eine Dritte: eine Frau, die Sabine noch nie gesehen hatte, mit schwarzen Augen und Tätowierungen, die jede Handbreit blasser Haut bedeckten. Die Tätowierungen pulsierten grün als Antwort auf den neuen Raum, und die Luft um sie vibrierte, als könne die Wirklichkeit sich nicht entscheiden, was sie mit ihr anfangen sollte.
'Darf ich vorstellen: Merrin", sagte Ezra mit einem Lächeln, das seine Augen nicht erreichte. 'Sie gehört zu uns."
'Zu uns?", wiederholte Morren, ohne die Hand von der Waffe zu nehmen. Seine Finger zitterten am Abzug. 'Zu uns?"
'Zu uns", bestätigte Ahsoka und stellte sich zwischen den Chiss und ihre neue Gefährtin. Ihre Stimme war leise, aber fest wie ein Stein, der seinen Platz im Universum kennt. 'Sie wird uns helfen, nach Hause zu kommen."
'Und wo ist Thrawn?", fragte Sabine und sah sich um. Ihr Blick sprang von Gesicht zu Gesicht auf der Suche nach einer Antwort. 'Ihr habt ihn nicht gefunden?"
Die Stille wurde schwer wie ein Mantel, den man nicht ablegen kann. Ezra und Ahsoka wechselten einen Blick, und in diesem Blick zog eine ganze Prozession unaussprechlicher Worte vorüber.
'Er wird uns selbst finden", sagte Ahsoka schließlich. Ihre Stimme klang, als käme sie von weit her, als wäre ein Teil von ihr noch immer in der Welt zwischen den Welten. 'Wenn er so weit ist."
Und hinter ihnen begann sich der Riss zu schließen - langsam, unerbittlich, wie ein Traum, vor dem es kein Entkommen gibt.
Ein Sprung, der kein Sprung war
Die Rückkehr in die eigene Galaxis war kein Sprung. Es war ein Dehnen - jeder Zelle, jeder Erinnerung, jeder Verbindung zu dem, was zurückgeblieben war.
Ahsoka spürte es zuerst als Prickeln in den Fingerspitzen, leicht, beinahe angenehm. Dann wuchs das Prickeln zu einem Pulsieren, das durch ihren ganzen Körper lief und ihr Herz in einem anderen Rhythmus schlagen ließ. Der Raum ringsum begann zu zittern, als wäre die Wirklichkeit ein Tuch, das jemand auswringen wollte.
Merrin holte ein zweites Artefakt hervor - einen Splitter des Mortis-Throns, einen von jenen, welche die Welt seit Jahrhunderten gehortet hatte. Sie hatte ihn vor langer Zeit gefunden und versteckt, ihn für diesen Tag bereitgehalten und mit hinausgetragen. Der Splitter war faustgroß, aber schwerer, als er es hätte sein dürfen - als wäre ein Stern darin zusammengepresst, oder die Zeit, oder der Sinn des Daseins selbst. Seine Oberfläche war glatt, aber nicht kalt: Er pulsierte mit einer Wärme, die sich bei Berührung veränderte und auf die Absichten dessen reagierte, der ihn hielt. Sie hielt ihn zwischen ihnen. 'Alle - die Hände zusammen."
'Das bringt uns dorthin, wo wir hinwollen", sagte sie. 'Aber nicht dorthin, wo wir ankommen sollen. Die Welt zwischen den Welten hat ihren eigenen Humor."
'Und wo kommen wir an?", fragte Ezra.
'Keine Ahnung."
Sabine und Morren schlossen sich dem Kreis an. Erst dann aktivierte Merrin das Artefakt.
Der Raum kollabierte - und öffnete sich wieder.
Nicht nur öffnete er sich. Er explodierte nach außen wie eine Blüte im Zeitraffer. Ahsoka sah, wie sich Farben in ihre spektralen Bestandteile zerlegten, wie Klänge zu sichtbaren Wellen wurden, wie die Zeit sich aus einer Linie in eine Spirale verwandelte, in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft an verschiedenen Punkten gleichzeitig existierten. Sie sah sich selbst - nicht ein Selbst, sondern eine unendliche Zahl von Versionen, und jede traf eine andere Entscheidung, jede lebte ein anderes Leben.
Und als das Öffnen seine Grenze erreichte, zog sich alles in einen Punkt zusammen - weiß, heiß, pulsierend. Einen Punkt, der Ende und Anfang zugleich war.
Ahsoka spürte, wie sie fiel - oder nach oben flog oder sich seitwärts bewegte, denn Richtungen hatten jede Bedeutung verloren. Um sie pfiffen Trümmer anderer Wirklichkeiten: Stücke von Planeten, die nie existiert hatten, Gesichter von Menschen, die nie geboren worden waren, Worte, die niemand je gesprochen hatte. Sie hörte sie alle - das Flüstern von Milliarden Möglichkeiten, von denen jede darum schrie, gewählt zu werden. Und die Gerüche. Jeder trug eine ganze Geschichte: den Geruch der Kindheit, den Geruch des ersten Lichtschwerts, den Geruch des Alls nach einer Schlacht, den Geruch von Blut, den Geruch von Hoffnung. Sie legten sich übereinander zu einer Mischung, von der ihr schwindelte.
Aber sie hielt sich an Ezras Hand fest und drückte sie, bis ihre Finger weiß wurden. Seine Gegenwart war ein Anker, der einzige wirkliche Gegenstand in diesem Ozean der Unwirklichkeit.
Und als es schien, der Raum sei bis zum Äußersten gedehnt, schnappte er zu - wie eine Faust, die man zu lange offengehalten hat und dann jäh schließt.
Sie landeten. Nicht sanft: Der Raum warf sie aus wie ein unerwünschtes Geschenk, und sie fielen auf eine harte Fläche, die sich als das Metalldeck eines Schiffes erwies. Um sie herum war Sternenlicht - echtes, unverzerrtes, nicht totes. Lebendiges.
Ahsoka hob den Kopf. Sabine und Morren lagen ebenso benommen neben ihr, und in ihren Augen spiegelte sich das Sternenlicht. In diesem Licht lag etwas, dem Ahsoka lange nicht mehr begegnet war: Hoffnung.
'Willkommen zu Hause", sagte Sabine. Ihr Gesicht war rot vom Weinen, verzerrt von einem Lächeln, das sie nicht zurückhalten konnte.
Und in diesem Augenblick spürte Ahsoka, wie sich etwas in ihr - etwas, das sie seit dem Tag ihres Austritts aus dem Orden straff gespannt gehalten hatte - endlich löste.
Sie war zu Hause.
Eine Neue Republik, aber nicht diese
Aus dem Hyperraum zu kommen war wie Auftauchen: erst die Kompression, dann das Sichöffnen, dann die Luft der Wirklichkeit, die die Lungen füllte.
Das Schiff erbebte, die Triebwerke schalteten mit einem Brummen, das durch den ganzen Rumpf lief, auf Unterlichtgeschwindigkeit. Ahsoka stand am Sichtfenster, und ihr Spiegelbild legte sich über Sterne, die sich nach und nach in Lichter verwandelten - die Milliarden Lichter einer Stadt, die niemals schlief. Coruscant. Aber nicht das Coruscant, an das sie sich erinnerte.
Die Flaggen, die von den Spitzen der Türme wehten, waren falsch. Ahsoka betrachtete sie durch ein Vergrößerungsglas: dunkel, mit Symbolen, die sie zunächst nicht entziffern konnte und von denen sie dann begriff, dass sie sie nicht entziffern wollte. Nicht das Emblem des Imperiums. Nicht das Emblem der Neuen Republik. Etwas Neues. Etwas Fremdes.
'Wir sind zu spät", sagte Sabine leise. Ihre Stimme zitterte, als stünde sie am Rand eines Abgrunds. 'Oder zu früh gekommen."
Sie stand an der Navigationskonsole, und ihre Finger wanderten über die Tasten, ohne sie zu drücken. Auf dem Bildschirm flimmerten Koordinaten, die nicht mit denen übereinstimmten, die dort hätten stehen sollen. Sabines Schultern waren angespannt, ihre Wirbelsäule gerade wie die eines Soldaten in Formation. Ahsoka sah ihre Hände zittern, während sie versuchte, auf einem Deck das Gleichgewicht zu halten, das sich, soweit irgendjemand sagen konnte, gar nicht bewegte.
'Weder noch", antwortete Merrin und sah auf den Planeten hinab. Ihre Tätowierungen warfen das Licht der Bildschirme grün zurück, und ihre Stimme war ruhig, aber Ahsoka hörte einen vertrauten Ton darin: So spricht jemand, der zu viele Möglichkeiten gesehen hat, um sich über irgendeine davon noch zu wundern. 'Wir sind am falschen Ort angekommen. Oder am richtigen Ort, aber nicht zur richtigen Zeit."
Die Verbindung erwachte mit einem Knistern von Rauschen, das Ahsoka an die Stimmen von Geistern erinnerte. Eine holografische Gestalt materialisierte sich auf der Brücke - zuerst als verschwommene Lichtwolke, dann Schärfe gewinnend, Einzelheiten, das Gewicht einer Anwesenheit. Han Solo. Aber nicht der Han, den sie zuletzt gesehen hatte: älter, grau im Haar, Linien um die Augen, die von Jahren des Kämpfens erzählten, bei denen sie nicht dabei gewesen war. Seine Stimme war heiser und von einer Müdigkeit durchzogen, die sich nicht vortäuschen ließ.
'Sabine? Ezra? Ein Wunder, dass ihr lebt. Wir dachten, wir hätten euch für immer verloren."
'Wir haben uns in der Zeit verlaufen", sagte Ahsoka und trat vor. Ihre Beine fühlten sich an wie Blei, jeder Schritt kostete Kraft, als ginge sie über den Grund eines Ozeans. 'Wie lange waren wir fort?"
Han schwieg einen Moment. Das Hologramm flackerte, als könne selbst der Sender das Gewicht der Antwort nicht tragen.
'Ein paar Monate. Aber in diesen Monaten hat sich viel verändert. Luke ist verschwunden. Leia ... Leia sagt nicht, wohin er gegangen ist."
'Verschwunden?" Ahsoka trat näher an das Hologramm heran. 'Luke Skywalker ist verschwunden?"
'Kennst du noch einen anderen?"
'Han, vor ein paar Monaten hat er eine Schule aufgebaut. Er hatte Schüler. Er hat Leia einmal pro Standardwoche geschrieben."
'Er würde immer noch schreiben, wenn er einen Ort dafür hätte." Han zuckte die Schultern, und in der Bewegung lag mehr Erschöpfung als Ratlosigkeit. Dann rieb er sich den Nasenrücken und blickte an ihr vorbei. 'Hör zu, Tano. Ich sag jetzt eine Sache, und schau mich nicht an, als hätte ich getrunken. Leia und ich erinnern uns unterschiedlich an seinen Abflug. Sie sagt, es war morgens. Ich sage, es war nachts - ich hab ihn verabschiedet, ich erinnere mich an den Regen und daran, wie er den Kragen hochgeschlagen hat. Das Wetterprotokoll für den Tag sagt, es hat nicht geregnet. Und ich erinnere mich."
Er hielt inne.
'Und von solchen Kleinigkeiten sind so viele zusammengekommen, dass ich aufgehört hab zu zählen. Die Leute erinnern sich an Verschiedenes. Die Aufzeichnungen stimmen nicht mit dem überein, was die Leute erinnern. Alles sieht aus, als wäre es an seinem Platz, und alles ist um eine Winzigkeit daneben. Als hätte jemand die Galaxis auseinandergenommen und wieder zusammengebaut und eine Schraube übrigbehalten."
Ahsoka antwortete nicht.
'Du weißt etwas", sagte Han. Es war keine Frage.
'Ich weiß, dass die Schraube nicht übrig ist", sagte Ahsoka. 'Sie wurde nur ins falsche Loch gedreht."
Han sah sie lange an. Dann beschloss er, nicht nachzufragen - und Ahsoka war ihm dankbar dafür.
'Und das ist noch nicht alles. Auf Mandalore ..." Er sah Sabine mit einem Bedauern an, das für ein Hologramm zu persönlich war. 'Dort gibt es eine neue Regierung. Nicht die, die ihr zurückgelassen habt."
Sabine spürte, wie ihr der Boden unter den Füßen wegsackte. Sie griff nach der Konsole, und ihre Finger wurden weiß an der Metallkante.
'Bo-Katan?"
'Lebt. Aber nicht an der Macht. Ein paar Clans haben entschieden, dass sie ... einen anderen Weg brauchen."
'Was für einen anderen Weg?"
Han antwortete nicht. Stattdessen richtete er den Blick auf Merrin, und Ahsoka sah seine Augen sich verengen: Einschätzung, Misstrauen, die Furcht vor dem Unbekannten.
'Ihr habt eine Freundin mitgebracht. Ich hoffe, sie macht keinen Ärger."
'Zu spät", sagte Merrin mit einem schiefen Lächeln, das ihre Augen nicht erreichte. 'Ich bin der Ärger."
Thrawn
Weit entfernt von dem Ort, an dem Ahsokas Schiff in den Hyperraum glitt, jenseits eines Gürtels zersplitterter Asteroiden, hing eine Station vor einem sturmzerrissenen Horizont.
Sie glich keiner bekannten Konstruktion: Ihre Oberfläche schillerte wie flüssiger Spiegel, und in ihrem Inneren flackerten Geisterlichter. Der Raum um sie war verzerrt - als weigere sich die Wirklichkeit selbst anzuerkennen, dass es sie gab.
Drinnen, auf der Kommandobrücke, herrschte Stille. Dunkle Konsolen warfen das Licht matt zurück, als sögen sie es auf. In der Mitte stand ein Mann, und schon seine bloße Anwesenheit lastete auf dem Raum: eine dunkelblaue Silhouette vor weißen Lichtadern, und die Wirkung war unwirklich. Doch die Augen waren durchaus wirklich. Zunächst schien es, als fingen sie nur einen Widerschein ein, doch das weiße Licht in Thrawns Augen pulsierte, als hielte es Takt mit einem unsichtbaren inneren Mechanismus.
'Sie sind zurückgekehrt", sagte er, ohne die Stimme zu heben. Selbst Worte wirkten hier fremd, als würden sie durch den Filter eines anderen Universums übersetzt. 'Genau wie ich es vorhergesagt habe."
Es war niemand da, der hätte antworten können. Keine Wache, kein Posten, kein Adjutant: Thrawn hatte sie alle fortgeschickt, und die gewaltige Station hörte ihm allein zu.
Er blickte durch das Sichtfenster, wo die Trümmer alter Satelliten im Orbit vorüberglitten.
'Nun beginnt das Spiel von Neuem." Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem kaum sichtbaren Lächeln.
Vier Gesichter spiegelten sich in seinen Pupillen: Ahsoka, Sabine, Merrin, Ezra. Die Spiegelbilder waren verzerrt, als sähen alle vier sich von der falschen Seite eines Spiegels aus an und könnten die eigenen Gesichter nicht wiedererkennen.
'So sind wir also zu Hause", sagte Thrawn, kaum die Lippen bewegend, und die Worte kamen als Echo aus der Substanz der Station selbst zurück.
Jenseits des Sichtfensters war nichts als Dunkelheit, und diese Dunkelheit spiegelte nun gar nichts mehr.
Staffel Drei: Die Letzte Weiße
Erster Handlungsbogen: Der Großadmiral, der alles sah (Episoden 1-4)
Ein neues Spiel
Das Treffen sollte auf neutralem Boden stattfinden. Thrawn wählte die Leere - eine Region des Alls, in der es weder Planeten gab noch Asteroiden noch auch nur Staub. Nur Sterne, die in Entfernungen jenseits jeder Zählbarkeit funkelten und deren kaltes Licht von den matten Rumpfplatten zurückkam wie Eisfunken in unendlich dunklem Wasser. Es gab hier keinen Laut und keine Bewegung, nur eine Stille, in der selbst Atmen wie ein verräterischer Bruch der Ordnung wirkte.
Ahsoka kam allein.
'Das ist Wahnsinn", hatte Sabine vor ihrem Abflug gesagt. 'Er wird dich töten."
'Wenn er mich töten wollte", antwortete Ahsoka, 'hätte er kein Treffen angesetzt."
Sie erinnerte sich an dieses Gespräch, als geschähe es gerade jetzt. Das pulsierende Licht des Hyperantriebs erlosch, und ihr Schiff glitt in den realen Raum und stand als zitternder Punkt in vollkommener Dunkelheit. Vor ihr hing Thrawns Schiff - nicht riesig, keiner der Kampfkreuzer, sondern eher ein persönliches Flaggschiff: ohne Kennung, mit glatt gezogenen Linien und einem Rumpf in der Farbe der Nacht. Es sah nicht aus wie ein Schiff. Es sah aus wie ein Schatten, der sich aus dem Vakuum materialisiert hatte. Wenn es überhaupt wie eine Waffe wirkte, dann wie eine, die nicht zum Einschüchtern gebaut war, sondern für einen einzigen Zweck: zu überleben und zu siegen.
Ahsoka dockte an. Die Luke öffnete sich beinahe lautlos. Die Korridore waren in ein weiches blaues Licht getaucht, das von verchromten Paneelen zurückgeworfen wurde. Die Wände waren glatt, ohne Nischen und Ecken, in denen sich eine Bedrohung hätte verbergen können. Kein Laut, kein Schritt einer Wache, kein Murmeln eines Systemterminals. Nur ein langer, seltsam sauberer Gang, bis zu sterilem Glanz geleckt, und ihre eigenen Schritte, die dumpf aus der Leere zurückkamen.
Eine schmale Treppe führte zur Offiziersmesse; blaues Licht lag auf den halb durchsichtigen Stufen. Hinter der Tür wartete Thrawn. Er saß an einem langen Tisch, gedeckt mit einem schneeweißen Tuch ohne eine einzige Falte. Darauf stand Porzellan, das im kalten Licht glänzte, und eine dünne Glaskanne mit einer rötlichen Flüssigkeit, die einen würzigen, beinahe metallischen Duft verströmte. Die Tassen waren durchsichtig, und Ahsoka bemerkte, wie der Tee das Licht in rubinrote Sprenkel zerlegte.
Thrawn trug eine tadellos gebügelte Uniform - keine imperiale, aber eine ebenso strenge. Blaue Finger umschlossen eine Tasse, seine Haut wirkte in diesem Licht noch blauer und seine Augen noch weißer und abgründiger. Diese Augen verfolgten jede ihrer Bewegungen.
'Setzen Sie sich, Ahsoka Tano", sagte er und deutete auf den Stuhl gegenüber. 'Ich beiße nicht."
'Ich weiß. Sie bevorzugen raffiniertere Methoden."
Thrawn lächelte; es war das Lächeln eines Raubtiers, aber kein spöttisches, sondern ein anerkennendes, als hätte er einen würdigen Gegner getroffen und empfände nun so etwas wie Respekt für ihn.
'Sie haben recht. Deshalb habe ich Sie hergebeten. Nicht um zu kämpfen. Um zu reden."
Ahsoka setzte sich. Der Stuhl war bequem, mit echtem Leder bezogen, leicht kühl unter den Händen. Zwischen ihnen stand ein Schachbrett - kein holografisches, sondern ein uraltes, gegenständliches, mit von Hand geschnitzten Figuren aus Elfenbein und Obsidian. In den weißen schimmerten mikroskopische Bernsteinadern, die schwarzen hatten die polierte Tiefe von Kohle. Das Brett war alt, an manchen Stellen abgegriffen, und vollkommen eben.
'Spielen Sie?", fragte Thrawn und machte den ersten Zug.
'Früher. Mit Anakin."
'Skywalker war begabt. Aber impulsiv. Er sah nur den nächsten Zug, manchmal zwei." Thrawn schob eine Figur vor. 'Ich sehe die ganze Partie. Von der Eröffnung bis zum Ende."
Ahsoka antwortete nicht sofort. Sie ließ ihre Finger auf einer kalten Figur ruhen, spürte ihr Gewicht und erinnerte sich: Anakin hatte eine Figur stets so gepackt, als wäre sie ein Abzug. Als bereite er sich darauf vor zu schießen, nicht zu spielen. Sie lächelte in sich hinein und schob einen Bauern vor.
'Und was sehen Sie jetzt?"
Thrawn sah sie lange an. Seine Augen waren wie Brunnen, in denen sich keine Sterne spiegelten, sondern Wahrscheinlichkeiten. Hunderte, Tausende, Millionen von Wegen, die von diesem Punkt aus in die Zukunft auseinanderliefen.
'Ich sehe Chaos", sagte er schließlich. Seine Stimme war ohne Regung, doch eine berechnende Kälte durchzog sie, wie bei einem Chirurgen, der über den Tod eines Patienten spricht. 'In acht Jahren wird das, was jetzt namenlos an den Rändern heranwächst, einen Namen bekommen. Die Erste Ordnung, wenn Sie es vorab wissen wollen. Nicht das Imperium. Nicht ich. Es wird aus der Asche Ihrer Fehler geboren - und es wird alles, was Sie aufgebaut haben, innerhalb einer Generation hinwegfegen."
'Woher wissen Sie das?"
'Ich habe es in der Welt zwischen den Welten gesehen. Nicht als Wahrscheinlichkeit - als Tatsache. Als das, was geschehen wird, wenn sich nichts ändert."
Thrawn schob das Brett ein wenig zur Seite, als hätte das Spiel seinen Sinn verloren. Seine Bewegungen waren weich und exakt wie die eines Restaurators, der ein Artefakt in die Hand nimmt.
'Ich will diese Zukunft nicht, Ahsoka Tano. Nicht, weil ich gütig wäre. Weil sie ineffizient ist. Chaos ist eine schlechte Strategie. Ein Krieg, der Jahrzehnte dauert, vernichtet Ressourcen ohne jeden Nutzen. Ich bevorzuge Ordnung. Stabilität. Kontrolle."
Ahsoka sah ihn an und erblickte zum ersten Mal keinen Feind, sondern einen Strategen - einen Mann, dem die Namen von Systemen und Regimen tatsächlich gleichgültig waren. Ihm kam es darauf an, dass die Sache funktionierte.
'Die Kontrolle, die das Imperium bietet."
'Die Kontrolle dessen, der die Spielregeln kennt. Es ist unerheblich, wie es heißt: Imperium, Republik, ein Drittes. Worauf es ankommt, ist die Struktur."
Ahsoka verschränkte die Arme. In der Geste lag Abwehr und ebenso Herausforderung. Sie war es nicht gewohnt, Bauer auf einem fremden Brett zu sein, konnte aber auch nicht ignorieren, was sie eben gehört hatte.
'Und Sie schlagen vor?"
'Ein Bündnis." Thrawn brachte das Wort hervor, als koste es ihn körperliche Anstrengung. 'Ein zeitweiliges. Ein taktisches. Bis zu dem Moment, in dem die Erste Ordnung keine Bedrohung mehr ist."
'Sie wollen, dass ich Ihnen helfe, die Macht zu ergreifen."
'Ich will, dass Sie mir helfen, die Galaxis vor sich selbst zu retten. Danach können Sie mich gern wieder hassen."
Sie sahen einander über ein Schachbrett hinweg an, auf dem die Züge noch nicht gemacht waren. Die Stille in der Messe wurde greifbar, beinahe zäh.
'Ich muss über die Bedingungen nachdenken", sagte Ahsoka. 'Aber bis der Erste Orden eingedämmt ist, haben Sie Ihr Bündnis."
'Dann sind wir uns einig." Thrawn erhob sich. 'Denken Sie daran: Zeit ist die einzige Ressource, die sich nicht wieder auffüllen lässt."
Er begleitete sie nicht hinaus. Ahsoka ging schweigend, spürte Thrawns Blick zwischen ihren Schulterblättern brennen, und die Tür schloss sich sanft hinter ihr, ohne Klicken. Sie ging durch die leeren Korridore zurück und fühlte im Rücken noch immer einen Blick, der dort längst nicht mehr war. Die Fragen brodelten in ihrem Kopf wie der Tee in der Glaskanne auf dem verlassenen Tisch. Sie verließ sein Schiff mit einem Bündnis, dem sie nicht traute, und einer Frage, schwerer als jede Klinge.
Zurück in ihrem Shuttle blickte sie lange in die Leere jenseits des Sichtfensters. In dieser Stille, in der selbst das Sternenlicht fremd wirkte, versuchte sie eine Antwort zu finden, die leichter wäre als das Gewicht einer fremden Zukunft. Es gab keine Gewissheit. Nur ein neues Spiel, dessen Regeln erst noch zu lernen waren.
Auf Mandalore
Die Winde Mandalores strichen durch die toten Ruinen der Festung und bliesen den Staub aus den Rissen zwischen den uralten Steinen. Was einst ein Saal für Kriegsräte gewesen war, war jetzt eine offene Wunde: halb eingestürzte Mauern, verkohlte Balken, Haufen aus zerschlagenem Marmor und Metall. Inmitten dieses Chaos hatte jemand sorgfältig ein Feuer geschichtet, und die Flamme riss am Dunkel und warf gespenstische Schatten an die Wände, die aussahen wie gefallene Krieger.
Das Feuer knisterte und schleuderte Funken in die aufgerissene Leere. Seine Hitze versengte den Raum ringsum und warf rostiges Licht auf die zerbrochenen Mauern, auf die rauen, von grauem Schimmel überzogenen Steine. Der herbe Rauchgeruch kam Ezra beinahe vertraut vor - so hatten in seiner Kindheit die Nachtmärsche gerochen, vor jedem Imperium, vor dem Krieg. Er saß da, die Arme um die Knie geschlungen, und wirkte in diesem Licht jünger und verletzlicher, als es einem Mann zustand, der aus anderen Welten zurückgekommen war. Die Flamme belebte seine Züge: Sein Gesicht war ernster geworden, seine Augen tiefer, sein Haar bis fast auf die Schultern gewachsen, verfilzt und ausgebleicht. Auf einer Wange schimmerte eine dünne Narbe. Er blinzelte kaum, als fürchtete er, einen einzigen Stern zu verpassen, eine einzige Erinnerung an Lothal.
Sabine kam lautlos heran, doch die Panzerung an ihrem Oberschenkel schepperte gegen eine heruntergestürzte Platte. Sie ließ sich achtlos neben ihm nieder; die Platten quietschten, als sie über die Steine rollten, und das zurückgeworfene Licht schnitt ein scharfes Profil und mürrische Schatten unter den Augen aus der Dunkelheit. Sabine schob eine Strähne zurück, die unter dem Helm hervorgerutscht war. Ihr Haar war kürzer geworden und dunkler, ihr Gesicht von der Sonne verbrannt, doch in ihren Augen brannte noch dasselbe störrische Feuer. Sie sah Ezra nicht an - nur die Flammenzungen, die gierig die Reste der alten Balken fraßen.
Ein Scharren durchbrach die Stille: Aus der Tiefe der Ruinen trat ein Mann. Die Silhouette hob sich gegen die am Himmel zerfasernden Wolken ab, und einige Sekunden lang schien es nur ein Spiel des Lichts zu sein. Doch die Schritte waren schwer und sicher. Die Absätze seiner Stiefel waren blank gelaufen, und das Grau in seinem Haar wirkte im Feuerschein silbern. Er blieb an der Grenze zwischen Licht und Schatten stehen, und erst dann wurde sein Gesicht ganz sichtbar. Er hielt sich gerade, obwohl das Grau und die Falten ihn älter wirken ließen, als er war. Das rechte Bein machte ihm offenkundig zu schaffen, jeder Schritt kostete ihn Schmerz, doch Kanan - denn er war es - ließ sich nichts anmerken; nur seine Augen blitzten raubtierhaft im Dunkel.
Ezra sprang auf und traute den eigenen Sinnen nicht. Seine Hand zitterte wie die eines Kindes, das man überrascht hat.
'Du sitzt zu dicht am Feuer", sagte Kanan. 'Man sieht dich von drei Seiten. Ich hab's dir besser beigebracht."
Die Stimme war dieselbe. Tiefer, trockener, mit einem Riss in der Mitte - aber dieselbe. Und erst jetzt glaubte Ezra es ganz.
Kanan ließ sich am Feuer nieder; sein Atem ging ein wenig rau, seine Gelenke knackten. Seine Handflächen waren von alten Brandnarben überzogen, und wenn er die Finger bewegte, schien die Flamme sich zu ihnen hinzuziehen und sich folgsam in der Luft zu krümmen.
'Sag irgendwas", bat er. 'Sonst beschließe ich noch, dass ich doch gestorben bin."
'Du bist gestorben." Ezras Stimme kam fremd heraus, brüchig. 'Ich hab's gesehen. Ich hab dich mit der Macht gehalten, und du hast mich weggestoßen. Ich hab dein Gesicht im Feuer gesehen, Kanan. Ich sehe es immer noch, jedes Mal, wenn ich die Augen schließe."
'Ich weiß", sagte Kanan. 'Es tut mir leid."
Sabine rührte sich nicht und nahm den Blick nicht von den Flammen.
'Hera", sagte sie.
Das eine Wort fiel zwischen sie wie ein Stein in einen Brunnen.
'Sie hat dich begraben. Sie hat dein Schwert getragen, bis sie es dem Jungen gegeben hat. Sie hat deinen Sohn großgezogen und ihm erzählt, wie du warst, und sie hat kein einziges Mal gelogen, weil sie nicht lügen musste."
Kanan schwieg lange.
'Ich weiß", sagte er schließlich.
'Du wusstest es. Und bist nicht gekommen."
'Bin ich nicht."
Er hob ein Balkenstück vom Boden auf und warf es ins Feuer. Die Funken stoben in einer Säule hoch und erloschen.
'In den Archiven der Allianz bin ich als gefallen geführt", sagte er. 'Eine Zeile, ein Datum, ein Ort, Zeugen. Ich hab's mit eigenen Augen gesehen. Und ich hätte es richtigstellen können: Es gab die Zeit und die Mittel und Leute, die mir aufs Wort geglaubt hätten. Ich hab's nicht getan."
'Warum nicht?"
'Weil niemand einen Toten jagt." Kanan sah Sabine an, und in seinem Blick lag weder Rechtfertigung noch Bitte. 'Das Imperium jagte die Lebenden. Zuerst die Inquisitoren, später Geheimdienstoffiziere und Informanten, die sie überlebten. Die Überlebenden hinterließen Spuren: Sie schrieben ihrer Familie, nahmen ihren alten Namen wieder an, kamen zu einer Beerdigung nach Hause. Ich hab mir eingeredet, eine Lüge im Archiv sei billiger als eine Reihe von Menschen, die für die Wahrheit bezahlen. Hera stand als Erste in dieser Reihe. Jacen als Zweiter."
'Das war nicht deine Entscheidung", sagte Ezra.
'Nein", stimmte Kanan zu. 'Es war Angst, als Strategie verkleidet. Ich hab diese Entscheidung getroffen, und sie war falsch."
Wind ging durch die Ruinen, und irgendwo weit weg, jenseits eines Trümmerkamms, löste sich ein Stein und rollte davon. Alle drei wandten die Köpfe nach dem Geräusch; da war niemand.
'Warum dann jetzt?", fragte Sabine.
Kanan sah ins Feuer.
'Weil vor sechs Tagen etwas aufgewacht ist und an mir gezogen hat", sagte er. 'Weit weg und sehr alt. Ich trage es seit meinem vierzehnten Lebensjahr in mir und war all die Jahre sicher, dass ich es mir eingebildet hatte. Vorgestern hat es geantwortet. Ich bin weitergegangen, und es hat mich hierhergebracht, zu euch."
Er hob den Blick, und darin war keine Wärme mehr und kein Lächeln.
'Jemand hat eine Tür geöffnet, die vor sehr langer Zeit geschlossen wurde. Ich würde gern wissen, wer. Möglichst, bevor etwas durch sie hindurchkommt."
Niemand antwortete. Der Feuerschein spiegelte sich in drei Augenpaaren und wirkte heller als alle Sterne jenseits des zerbrochenen Dachrands. Der Macht gehorchend, tanzte er in seltsamen Formen und zeichnete uralte Symbole und die Schatten vergangener Helden an die Wände. Irgendwo hoch oben schimmerte ein vertrauter Sternengürtel, doch der mandalorianische Himmel wirkte entfremdet und unruhig, als dürste er selbst nach einer Veränderung.
In dieser Nacht saßen drei Überlebende zwischen Ruinen an einem Feuer. Ihr Gespräch, ihr Schweigen und selbst ihre Vorwürfe waren eine Herausforderung an alle, die ihre Erinnerung aus der Geschichte tilgen wollten.
Und nur der Wind, der durch die Ruinen strich, trug die Funken des Feuers hinaus in die endlose Nacht.
Dünne Stellen
Die Portale, welche die Welt zwischen den Welten zurückgelassen hatte, waren nicht vollständig geschlossen.
Ezra spürte sie - Risse im Gewebe der Wirklichkeit, wo der Raum bis zur Durchsichtigkeit dünn geworden war. Manche waren klein wie eine Nadelspitze. Andere gewaltig wie Krater. Sie pulsierten irgendwo an der Schwelle der Wahrnehmung, lebendig und unverheilt. Und er spürte sie körperlich: als leichten Schwindel, als Klingen in den Ohren, als das Kribbeln in den Fingerspitzen, wenn eine Hand einschläft.
Ezra stand auf einem Berggipfel, und der Wind zerrte an seinem Haar und trug den Geruch von Ozon heran und von etwas anderem, das er nicht kannte. Der Gipfel war scharf und unwirtlich. Die Felsen ringsum waren schwarz, beinahe obsidian, ihre Flächen vom Wind poliert und das Sternenlicht zurückwerfend. Der Himmel wirkte zu nah, zu schwer: Die Sterne hingen tief wie Girlanden an unsichtbaren Drähten. Die Luft schimmerte, als schwanke die Atmosphäre selbst zwischen zwei Seinszuständen. Jeder Atemzug fiel schwer, als versuchten die Lungen, nicht Sauerstoff zu fassen, sondern die Substanz des Raumes.
'Es sind Hunderte", sagte Merrin, die neben ihm stand. Ihre dunklen Kleider bewegten sich, aber nicht im Wind - in der Energie, die aus den Portalen strömte. Ihr Haar, zu einem straffen Knoten gebunden, warf seltsame Schatten auf die Steine. 'Vielleicht Tausende. In der ganzen Galaxis."
'Wer hat sie geschaffen?"
'Die Welt zwischen den Welten selbst. Oder vielleicht die, die in ihr feststeckten. Oder die, die aus ihr herauskamen."
Sie sah ihn an. Der Sternenhimmel spiegelte sich in ihren schwarzen Augen, aber auf seltsame Weise: als fielen die Sterne nach unten, statt oben zu brennen. Ezra bemerkte, dass ihre Pupillen bis zum Äußersten geweitet waren und dass darin nicht Spiegelungen tanzten, sondern die Sterne selbst, die in die Unendlichkeit zurückwichen.
'Ich spüre sie", sagte Ezra. Seine Stimme zitterte, nicht vor Furcht, sondern in einem seltsamen, beinahe intimen Wiedererkennen. 'Nicht als Bedrohung. Als ... Einladung."
'Nicht alle sind ungefährlich. Manche führen in Fallen. In andere Wirklichkeiten. In Zeitpunkte, aus denen es keine Rückkehr gibt."
'Woher weißt du das?"
'Weil ich selbst einige davon geschaffen habe. Aus Versehen. Oder auch nicht: Die Welt zwischen den Welten glaubt nicht an Zufälle."
Sie gingen den Grat entlang, und die Steine unter ihren Füßen klangen in einem seltsamen, glockenhellen Echo. Voraus, über dem Abgrund, klaffte ein Riss - gewaltig, gierig. Er flammte violett auf, dann schwarz, dann in einer Farbe, die Ezra nicht benennen konnte, weil es sie im Spektrum dieser Welt nicht gab. Die Luft ringsum vibrierte, und die Haut an seinen Armen zog sich zu Gänsehaut zusammen.
'Da darfst du nicht hinein", sagte Merrin. Ihre Stimme wurde härter, beinahe befehlend. 'Der führt ins Herz des Kults."
'Welches Kults?"
'Sie nennen sich Antara - 'dazwischen', in einer der ältesten Sprachen entweder Coruscants oder Correllias. Sie verehren die Welt zwischen den Welten als lebendigen Gott. Und sie wollen sie ins Unendliche ausdehnen, damit sie die physische Wirklichkeit ganz verschlingt."
Merrin schwieg einen Moment und wählte ihre Worte, als fürchte sie, mit ihnen die Luft zu beschädigen. Der Wind legte sich, als hielte die Natur den Atem an.
'Sie verwechseln die beiden Leeren, Ezra. Es gibt die Leerheit der Klarheit - shunya. Kein Loch und kein Tod, sondern der Raum nach der letzten Furcht, wenn ein Wesen nicht mehr an sich festhält und doch nicht in Gewalt verschwindet. Ein Jedi würde sagen: in die Macht zurückkehren, nachdem man alles ohne Verzerrung gesehen hat. In diese Leerheit geht, wer seinen Weg gegangen ist und keinen Körper, keinen Namen und keinen Kampf mehr braucht."
Sie sah auf den Riss, und ihre Stimme sank tiefer, fast zu einem Flüstern, doch jedes Wort schnitt schärfer in Ezras Bewusstsein als der Wind.
'Und dann gibt es rikta - die Aushöhlung. Das ist keine Befreiung, sondern ein Abpumpen der Wärme. Nicht die Stille nach der Musik, sondern der Raum, in dem man die Musik erwürgt hat. Zuerst wird die Welt träge, dann blind, dann unbeweglich. Der Strang der Trägheit wuchert wie eine graue Wurzel und frisst die beiden anderen - den Strang der Tat und den Strang des Gleichgewichts. Am Ende bleibt weder Licht noch Dunkelheit noch Wahl. Nur kalter Staub, in jeder Richtung derselbe. Eine entropische Hölle, die gelernt hat, als Frieden durchzugehen."
'Und der Kult hält das für Erlösung?", fragte Ezra. Seine Kehle war trocken geworden, und die Worte kamen heiser heraus.
'Sie nennen es das Erwachen. Aber es ist ein Schlaf ohne Träumenden. Deshalb wurde Rikt zu Rikt: Baylan Skoll suchte ein Ende des alten Krieges, und seine Anhänger haben aus der Suche eine Anbetung des grauen Zusammenbruchs gemacht."
Ezra spürte sein Blut kalt werden. Er ballte die Fäuste, um das Zittern zu bändigen, doch es kam nicht von der Kälte - es kam davon, dass er das Ausmaß der Sache begriff.
'Das ist Wahnsinn."
'Das ist Glaube", sagte Merrin. 'Die gefährlichste Kraft der Galaxis."
Aus dem Riss trat eine Gestalt - in Schwarz gehüllt, das Gesicht hinter einer Maske verborgen. Sie trug keine Waffe. Nur Gegenwart, schwer und drückend wie die Luft vor einem Gewitter. Der Raum um sie verdichtete sich, als weigere sich die Wirklichkeit, sie einzulassen.
'Ezra Bridger", sagte die Gestalt mit einer Stimme, in der das Echo von Jahrtausenden mitschwang. 'Wir haben auf dich gewartet."
'Wer sind Sie?"
'Jene, die begreifen, dass eure Welt nur ein Traum ist. Und dass wir das Erwachen sind."
Die Gestalt hob eine Hand, und der Riss hinter ihr öffnete sich weiter und zeigte eine Unendlichkeit von Korridoren, Türen, Schatten. Darin war kein Licht - es war ein Fehlen von Dunkelheit, eine Leere, die ruft und Ruhe und Vergessen verspricht.
'Schließ dich uns an", sagte Rikt. Er war es. Das Wort kam nicht als Name heraus, sondern als Diagnose: kein Mensch, sondern ein Gefäß, aus dem man allen vorherigen Inhalt gegossen hatte. 'Erkenne die wahre Natur der Wirklichkeit."
Ezra trat einen Schritt zurück - nicht aus Furcht, sondern instinktiv. Jede Zelle seines Körpers schrie, dass hinter diesem Angebot eine Lüge stand.
'Nein", sagte er. 'Ich habe eure Wahrheit gesehen. Da ist kein Leben drin."
Rikt erstarrte. Dann nickte er langsam, und in der Bewegung lag weder Enttäuschung noch Zorn - nur eine gleichgültige Hinnahme.
'Du wirst Zeit haben, es dir anders zu überlegen. Die haben alle. Bis zu dem Moment, in dem es keine Wahl mehr gibt."
Er trat zurück in den Riss, und dieser schloss sich hinter ihm mit einem leisen Ausatmen, wie sich die Tür einer Gruft schließt. Die Luft ließ sich wieder atmen, aber die Kälte blieb.
Merrin packte Ezra am Arm. Ihre Finger waren Eis, doch sie griffen mit einer verzweifelten Kraft zu.
'Wir müssen es Ahsoka sagen. Sofort."
Ezra nickte, unfähig zu sprechen. Er sah auf die Stelle, an der einen Augenblick zuvor die Leere geklafft hatte, und spürte, wie in ihm etwas zerbrach - nicht die Hoffnung, sondern die Unschuld, die letzte Illusion, die Welt könne einfach sein.
In seinem Kopf klang noch immer Rikts Stimme - die Stimme eines Mannes, der einmal ein Jedi gewesen war und dann alles verloren hatte, einschließlich seines eigenen Namens.
Ahsokas Wahl
Ahsoka kehrte in einem Zustand zur Basis zurück, den sie selbst nicht hätte beschreiben können. Kein Sieg. Keine Niederlage. Etwas dazwischen.
Die Basis lag an der Flanke eines verlassenen Industrieasteroiden, zwischen riesigen Antennen und alten, ausgetrockneten Schiffsdocks. Die Dämmerung war hier von Dauer: schwaches Licht, scharlachrote Schatten von den laufenden Turbinen, das grünliche Glühen der Kontrollpaneele. Die Wirklichkeit selbst schien zwischen zwei Zuständen zu hängen - wie sie. Eine unnatürliche Stille lag über der Basis; selbst das vertraute Dröhnen der Generatoren und das Tropfen in den Kondensatoren klangen zu laut gegen ihre Gedanken. Zwei Droiden hantierten am Hangareingang und wischten Ölflecken auf, doch beim Anblick Ahsokas hielten beide inne und sahen ihr nach.
Ahsoka ging durch die Metallkorridore, ohne zu bemerken, dass ihr ein langer, verzerrter Schatten folgte. Ihre Schritte kamen als dumpfes Echo aus den leeren Abteilen zurück. Sie ging langsam, als kämpfe sie gegen das eigene Gewicht - nicht das körperliche, sondern jenes, das von innen drückte. Im Gehen öffnete sie ihre Schutzweste und ließ sie mit einem dumpfen Schlag auf die Bodenplatten fallen. Dann streifte sie die Handschuhe ab: Ihre Hände waren aufgeschürft, und in ihnen zitterte die Erschöpfung.
Thrawn hatte die Wahrheit gesagt - das spürte sie. Die Erste Ordnung existierte. Die Bedrohung war real. Und die Neue Republik, versunken in Politik und Selbstzufriedenheit, war nicht darauf vorbereitet.
Am Hangareingang empfing sie Sabine. Das Gesicht der Mandalorianerin war eingefallen, unter den Augen lagen dunkle Schatten: Sie hatte im letzten Standardtag kaum geschlafen. Sabine lehnte an der Wand und umklammerte einen alten Helm - eine Gewohnheit, die sie nicht ablegen konnte, wie viel Zeit auch verging.
'Was hat der Admiral gesagt?", fragte sie, beugte sich vor und suchte in Ahsokas Gesicht.
'Was er gesagt hat oder was er gemeint hat?"
'Gibt es bei so einem denn einen Unterschied?"
Ahsokas Mundwinkel zuckte. In dem Lächeln lag mehr Erschöpfung als Belustigung.
'Gute Frage. Der Unterschied ist, dass er die Wahrheit gesagt hat, aber nicht die ganze. Er will ein Bündnis, zu seinen Bedingungen. Er will die Galaxis retten, unter seinem Kommando."
Sabine schnaubte und schüttelte den Kopf.
'Das ist, als würde man sich an einen Rancor kuscheln, um nicht zu frieren."
'Manchmal gibt es keine andere Wahl."
Ahsoka bemerkte, dass Sabine nervös war: Sie zupfte am Ärmelsaum, und ihr Blick sprang zwischen dem Boden und Ahsokas Gesicht hin und her.
'Glaubst du wirklich, dass wir ihm trauen können?"
'Ich glaube, dass wir ihn benutzen können. Und er uns. Die Frage ist, wer wen besser spielt."
Sabine antwortete nicht. Sie nickte nur und schloss sich ihr an. Jenseits der durchsichtigen Sichtfenster drehten sich langsam die Sterne; irgendwo weit fort jaulten die Greifarme eines Frachtdroiden, als wollten sie daran erinnern, dass hier zwar über Schicksale entschieden wurde, die Galaxis aber ihre gewöhnlichen Angelegenheiten zu erledigen hatte. Sie gingen am Hangar vorbei, wo jemand einen alten X-Flügler reparierte, und bogen in den Korridor zur Kommandozentrale ein.
Ezra und Merrin warteten bereits. Ezra war gespannt wie ein Draht: Er lief an der Wand entlang und blieb hin und wieder am Holoprojektor stehen, als versuche er, ein Dutzend Routen auf einmal auswendig zu lernen. Merrin saß auf dem Fenstersims, ein Bein herabhängend, das andere angezogen. Sie starrte ins Nichts, und erst als Ahsoka eintrat, fand ihr Blick einen Punkt.
'Wir haben ein Problem", sagte Ezra ohne Vorrede. 'Jemand will alle Portale gleichzeitig öffnen. Die Welt zwischen den Welten zur dauerhaften Wirklichkeit machen."
Ahsoka erstarrte. Etwas in ihr sackte ab.
'Das ist unmöglich."
'Rikt sieht das anders."
Ahsoka runzelte bei dem Namen die Stirn.
'Rikt?"
'Das Oberhaupt des Kults", erklärte Merrin in gleichmäßiger, regungsloser Stimme, als spräche sie über das Wetter. Sie sprach langsam und wählte ihre Worte, als wäre jedes eine geschliffene Klinge. 'Oder vielmehr das, was von ihm übrig ist. Der frühere Jedi Baylan Skoll. Nach dem Krieg suchte er nicht den Sieg der Jedi oder der Sith, sondern das Ende des Spiels zwischen ihnen. Auf Peridea fand er einen Riss, ging dem Ruf von Mortis hinterher hinein - und kehrte nicht als Baylan zurück, sondern als Rikt. Er dachte, er hätte die Befreiung gefunden. Tatsächlich hatte er die Aushöhlung gefunden."
"Baylan Skoll", wiederholte Ahsoka, und der Name lag ihr wie kaltes Metall auf der Zunge. "Wir sind uns begegnet. Auf Seatos."
"Er hat mir gesagt, du seist tot", sagte Sabine leise. "Ich habe ihm einen ganzen Tag lang geglaubt."
"Er hatte fast recht. Er hat mich besiegt und über die Klippe gestoßen, und das Erste, was ich danach sah, war die Welt zwischen den Welten." Ahsoka schüttelte den Kopf. "Ich dachte, er sei in jener Galaxie geblieben, zusammen mit seiner Suche. Und die Stimme, die mich im Riss rief, war nicht seine. Diese Stimme war älter. Verbrauchter. Jetzt weiß ich, warum: So klingt ein Mensch, aus dem man den Namen herausgenommen hat."
Ahsoka betrachtete Merrin und suchte in ihren Augen auch nur den Schatten eines Zweifels. Doch die Hexe kniff nur die Lider zusammen, und zum ersten Mal trat in der schwarzen Iris ein grüner Rand hervor - dünn wie das erste Gras auf einer Brandstelle.
'Das ist Wahnsinn", sagte Ahsoka.
'Das habe ich auch gesagt", warf Ezra mit einem Schulterzucken ein. 'Er hat nicht widersprochen."
Sie sahen einander an. Vier - die Frau, die den Orden verlassen hatte, der Mann, der es nie ganz hineingeschafft hatte, eine Mandalorianerin und eine Hexe - standen an der Schwelle eines Krieges, der schlimmer war als alle, die sie zuvor gesehen hatten.
Eine Pause hing im Raum. Sabine fuhr nachdenklich mit dem Finger die Tischkante entlang, als zeichne sie einen unsichtbaren Plan. Merrin sah Ahsoka weiter an, und in ihren Augen lag keine Furcht, sondern ein wachsamer Respekt - wie bei einer Jägerin, die unversehens einer Ebenbürtigen begegnet ist. Ezra blieb endlich stehen und wandte sich den anderen zu.
Ahsoka setzte sich auf die Tischkante neben Merrin und starrte in die holografische Karte. Lichtpunkte markierten darauf die Portale, verbunden durch feine Linien wie ein Spinnennetz.
'Jetzt haben wir zwei Bedrohungen", sagte sie. 'Thrawn, der die Galaxis durch Kontrolle retten will, und Rikt, dessen Lehre Erlösung durch Verschwinden verspricht. Rikt selbst mag sich noch als Mensch erweisen. Aber sein Kult ist bereits eine Maschine."
'Dann sollten wir vielleicht keinen von beiden wählen." Merrin lächelte jenes seltsame Lächeln, das sie zugleich schön und beängstigend machte.
Ahsoka wandte den Blick zu ihr. Im Raum wurde es still, nur das Summen der Lebenserhaltung war zu hören. Selbst Ezra hielt den Atem an.
'Was schlägst du vor?", fragte Ahsoka mit einer Spur von Herausforderung in der Stimme.
'Unseren eigenen Weg. Eine dritte Möglichkeit. Zwischen Antara und Thrawn."
In ihren Augen brannte ein Feuer - ursprünglich, wie ein Sturm in der Leere. Das Feuer eines Menschen, der aus einer sehr langen Einsamkeit nicht gebrochen, sondern gehärtet hervorgegangen ist.
Ahsoka sah verstohlen zu Sabine: Sie stand da wie bereit zum Kampf, doch ihre Hände zitterten. Ezra wirkte geradezu ratlos, als glaube er nicht, dass es überhaupt eine Lösung gab.
'Es ist Zeit, ihnen zu zeigen, was es heißt, die Letzte Weiße zu sein", murmelte Merrin.
Ahsoka nickte - langsam, widerwillig, aber sie nickte.
'Gut", sagte sie. 'Zeigen wir es ihnen."
Und in diesem Augenblick spürte sie zum ersten Mal, dass sie eine Mannschaft hatte.
Zweiter Handlungsbogen: Drei Schüler
(Episoden 5-7)
Der Mann, den man für tot hielt
Kanan Jarrus sprach nicht gern über die Vergangenheit.
Er sprach überhaupt nicht gern: Nach allem, was geschehen war, kamen ihm Worte als eine zu billige Art vor, Zeit zu verbrauchen. Am Feuer auf Mandalore hatte er genau so viel gesagt, wie nötig war, um nicht für ein Gespenst gehalten zu werden - und kein Wort mehr. Doch als Ezra ihn eine Woche später in einem alten Haus am Rand von Lothal fand, mit abblätternden Wänden, durchhängenden Fensterbrettern und dem hartnäckigen Geruch trockenen Staubs, war klar, dass das Schweigen vorbei war.
Das Haus gehörte ihm nicht. Ezra erkannte es von der Schwelle an.
'Setz dich", sagte Kanan und deutete auf einen zerschlissenen Stuhl mit aufgeschlitzter Lehne und wackligen Beinen. 'Den Tee hab ich mandalorianisch aufgegossen. Stark, bitter, mit einem Beigeschmack von Metall. Sabine hat's mir beigebracht."
Ezra setzte sich und spürte das Holz unter sich nachgeben. Es saß sich unbequem, aber er beklagte sich nicht. Er sah seinen alten Freund an - grau, von einem Netz aus Falten überzogen, mit einer Tätowierung am linken Arm, die er über zehn Jahre nicht gesehen hatte. Kanans Augen waren dieselben, dieses störrische Blau, doch jetzt lag darin nicht nur Kraft, sondern auch Müdigkeit. Das Feuer darin versengte nicht mehr, es wärmte eher - wie ein Herd in einem Haus, in dem seit Jahren niemand mehr wohnt, das aber noch immer auf jemanden wartet. Seine Hände waren kräftig, zitterten aber leicht, wenn er den Becher zum Mund führte.
'Du bist ins Haus meiner Eltern gezogen", sagte Ezra.
'Es stand leer." Kanan zuckte die Schultern. 'Ich dachte, wenn du je zurückkommst, kommst du zuerst hierher. Ich hatte recht. Ich musste nur länger warten, als ich gerechnet hatte."
Er stellte den Becher ab und sah in das trübe Fensterglas. Dahinter lagen die Felder, über die einmal ein Junge namens Ezra Bridger gelaufen war, ohne zu wissen, dass er ein Jedi werden würde. Jetzt lag dort nur grauer Dunst, und zu hören war nur der Wind: raschelnder Staub, knarrende Bretter, das ferne Bellen von Farmhunden.
'Du hast am Feuer nicht zu Ende gesprochen", sagte Ezra. 'Das Wie."
'Nachdem Ahsoka ihre Botschaft im Tempel hinterlassen hatte, vor Order 66, hat sich etwas verändert. Nicht in der ganzen Galaxis. Aber an einem Punkt - an meinem Punkt - konnte ich ausweichen. Nicht dem Feuer. Dem Schicksal."
'Und du hast dich die ganze Zeit versteckt?"
'Ich hab gelebt", verbesserte Kanan. 'Das ist etwas anderes. Ich hatte ein Zuhause. Eine Frau, die nie gefragt hat, woher die Narben kommen. Ich hatte Kinder - nicht meine, fremde; nach dem Imperium gab es weit mehr davon als Hände, die bereit waren, sie zu nehmen. Der Älteste fliegt einen Frachtgleiter und hält mich für einen langweiligen alten Mann. Ich hatte einen Namen, den niemand mit den Jedi in Verbindung brachte. Ich dachte, ich hätte alles hinter mir gelassen: die Macht, die Schwerter, den Krieg, mich selbst."
Ezra erinnerte sich, wie Kanan einmal gesagt hatte: Krieg ist eine Krankheit. Wenn du leben willst, lerne gesund zu sein. Damals hatte er es nicht verstanden; jetzt klangen die Worte in seinem Kopf wie eine Faust auf einem leeren Eimer. Er senkte den Blick in seine Tasse, und die Bitterkeit des Getränks schien den Geschmack der Erinnerung zu vollenden. Er hatte das Gefühl, das ganze Gespräch finde weder hier noch jetzt statt, sondern in einer Zeitblase, in der Vergangenheit und Gegenwart ineinandergelaufen waren.
'Und Ahsoka hat dich trotzdem gefunden."
'Ahsoka findet immer die Leute, die sie braucht. Das ist ihre Gabe. Und ihr Fluch."
Kanan stand auf - langsam, mit knackenden Gelenken, als müsse jeder Schritt erkämpft werden - und ging zu einer Truhe in der Ecke. Sie war alt, ihre Eisenbänder verrostet, und jemand hatte ein kunstvolles Zeichen in den Deckel geschnitzt, das den Bridgers gehört haben mochte oder jemandem vor ihnen. Darin lag, in altes Tuch gewickelt, ein Lichtschwert. Nicht das, welches er als junger Mann getragen hatte. Ein anderes. Schlichter. Gebaut aus Raumschiffschrott und alten Kabeln, der Griff mit Leder umwickelt, das stellenweise bis auf den gelben Untergrund durchgescheuert war.
'Ich hab geschworen, nie wieder eine Waffe in die Hand zu nehmen", sagte Kanan. 'Aber die Galaxis hat mich anscheinend nicht um Erlaubnis gefragt."
Er fuhr mit einem Finger über die Naht des Emitters, beinahe zärtlich, und einen Moment lang wirkte er wie ein Vater, der das Spielzeug eines fortgegangenen Kindes durchgeht.
'Wir brauchen dich." Ezra trat näher. 'Ahsoka schafft das nicht allein. Thrawn hat sich verändert. Er ist gefährlicher. Und dann ist da der Antara-Kult, über den wir fast nichts wissen."
'Ich kenne ihn." Kanan erstarrte, die Faust um das Tuch geschlossen. 'Nicht Rikt. Baylan Skoll. Er war nie mein Meister, aber einmal, damals im Tempel, als ich noch Caleb Dume war, hat er für die Jünglinge eine Stunde über Mortis gehalten, über die Grenzen der Macht und darüber, warum die Jedi ihre eigenen Prophezeiungen fürchten. Ich hab mir seine Stimme gemerkt. Solche Stimmen vergisst man nicht."
Die Stille wurde vollkommen. Selbst der Wind draußen legte sich, als fürchte er, jemanden in diesem Raum zu erzürnen.
'Er war ein Jedi", fuhr Kanan fort. 'Kein Heiliger und kein Ungeheuer. Zu klug, um dem Rat ohne Fragen zu vertrauen, und zu stolz, um zuzugeben, dass auch Fragen zur Kette werden können. Nach dem Fall des Ordens suchte er das Ende der Jedi und der Sith. Auf Peridea beschloss er, es gefunden zu haben. Rikt ist also kein fremdes Wesen, das in Baylan gefahren ist. Es ist Baylan, der zu lange in die Leere gesehen und der Leere erlaubt hat, ihm einen Namen zu geben."
'Und Shin Hati?", fragte Ezra. 'Seine Schülerin. Sie war bei ihm, als das alles anfing."
Kanan schloss die Augen. Für einen Moment wurde sein Gesicht ruhig wie das eines Menschen, der dem Regen lauscht oder einer Musik, die nur er versteht. Er schien selbst das Kräuseln auf der Oberfläche der Macht aufzufangen, als wäre sie ein Fluss, in dem man barfuß waten kann.
'Shin ist weitergegangen, als er es wollte. Baylan suchte ein Ende des Krieges. Shin wollte eine Macht, die sie jedes Ende überleben lässt. Sie fand Bruchstücke dathomirianischer Aufzeichnungen über Abeloth - keine Göttin und keine Sith, sondern ein dunkler, hungriger Schatten, der einst Teil der Familie von Mortis gewesen war und nun außerhalb von ihr existierte. Wenn die Tochter ein Licht war, das die Gestalt des Mitgefühls annehmen konnte, und der Sohn die Dunkelheit, dann war Abeloth die Verzerrung des Verlangens nach Gestalt selbst: der Wunsch, alles zu sein, ohne irgendetwas herzugeben."
'Der Legende nach war die Frau, die später Abeloth genannt wurde, einst sterblich und diente der Familie von Mortis treu. Der Sohn und die Tochter, die sie immer wieder zu versöhnen versuchte, nannten sie Mutter. Doch sie fürchtete, zu sterben und von ihrer unsterblichen Familie zurückgelassen zu werden. Deshalb widersetzte sie sich dem Gebot des Vaters: Sie trank aus dem Quell der Kraft, einem Ort der Dunklen Seite, und badete anschließend im Teich des Wissens, einem Ort der Hellen Seite. Diese Kräfte verzerrten ihren Körper und ihren Geist. Sie verwandelte sich in ein unermesslich mächtiges, halb wahnsinniges und unsterbliches Ungeheuer - hungrig, Chaos säend, fähig, ihre Gestalt zu wechseln und die Macht meisterhaft zu beherrschen."
In der Tür standen, fast unbemerkt, Sabine und Merrin. Sabine lehnte mit verschränkten Armen am Rahmen und verfolgte jede von Kanans Bewegungen. Merrin hielt sich dahinter, als fürchte sie, die Ruhe des alten Hauses zu stören.
'Warum ist Abeloth dann nicht hier?", fragte Sabine. Ihre Stimme zitterte.
'Weil Shin einen Fehler gemacht hat", antwortete Kanan. 'Sie glaubte, sie könne diesem Wesen nur die Macht entnehmen und die Tür schließen, bevor das Wesen sie selbst nimmt. Sie hat sich beeilt. Sie hat sich nicht geschützt. Und Abeloth hat sie verschluckt - nicht so, wie ein wildes Tier Beute verschluckt, sondern so, wie das Meer eine Spur im Sand auslöscht. Nur hat sie mit Shin auch einen Teil des Riegels verschluckt, der sie draußen hielt. Jetzt ist Abeloth nicht frei. Sie schläft im Riss, gesättigt und von ihrer eigenen Beute gefesselt."
Merrin wurde blass, und ihre Pupillen wirkten vor der schneeweißen Haut noch dunkler. Sie biss sich auf die Lippe, als schmecke sie ein Wort, das sie nicht auszusprechen wagte.
'Das heißt, sie kann aufwachen."
'Sie kann", sagte Kanan. 'Nicht jetzt. Nicht in diesem Krieg. Aber wenn wieder jemand den Hunger für Erlösung hält, bleibt die kleine Tür. Und eines Tages hört vielleicht jemand dahinter eine Frauenstimme, die verspricht, alles Verlorene zurückzugeben."
Sabine sah Kanan mit neuem Respekt an - und mit einer Unruhe, die selbst ihre Gewöhnung an verzweifelte Lagen nicht verbergen konnte. Sie schüttelte den Kopf, als wolle sie einen Bann abwerfen, und trat vor, endlich entschlossen, die eigentliche Frage zu stellen:
'Kannst du Rikt aufhalten?"
'Ich kann es versuchen." Kanan nahm das Lichtschwert auf. Es war leicht - zu leicht für einen Mann, der zehn Jahre keine Waffe angerührt hatte. 'Aber nicht allein. Dafür brauche ich euch. Euch alle."
Ezra nickte, und alles lag in dieser Geste: Vertrauen und Zweifel und die Bereitschaft, bis zum Ende zu gehen, selbst wenn das Ende dasselbe wäre wie bei allen Jedi. Er spürte, wie in seiner Brust eine Schwere wuchs - eine Mischung aus Furcht, Hoffnung und einer seltsamen Erleichterung. Als wäre mit Kanans Rückkehr auch ein verlorener Teil von ihm selbst in sein Leben zurückgekehrt.
'Dann komm. Sabine macht das Schiff schon klar."
Kanan sah ein letztes Mal aus dem Fenster - auf ein Haus, das nicht seines war und das er zehn Jahre lang das seine genannt hatte, auf Felder, über die Kinder gelaufen waren, die nicht seine waren, auf einen Himmel, an dem die Sterne erloschen. Er umklammerte den Schwertgriff, bis die Knöchel weiß wurden, und atmete kaum hörbar aus:
'Leb wohl. Ich hoffe, ich komme zurück."
In diesem Abschied lag etwas Unabwendbares, wie in einer Sonnenfinsternis oder einer Flut.
Er durchquerte langsam den Raum, hinterließ einen schwachen Geruch nach Tee und Metall, trat über die Schwelle und schloss die Tür nicht hinter sich - nicht nur des Lichts wegen, sondern damit die Vergangenheit endlich gehen konnte.
Eine Bruderschaft ohne Namen
Der Planet Yavin IV gehörte niemandem. Nach der Zerstörung des Todessterns hatte sich hier niemand angesiedelt: zu viele schlechte Erinnerungen, zu viele Gespenster. Doch die alten Massassi-Tempel standen noch - ihre Pyramidensilhouetten ragten über den Dschungel, und ihre Steinmauern erinnerten sich an die Stimmen von Jedi, die es nicht mehr gab. Drinnen roch es nach Harz und uraltem Weihrauch, und durch die Durchbrüche in den Kuppeln fielen Bahnen gelben Lichts und zeichneten goldene Quadrate auf den Boden.
Ahsoka hatte diesen Ort nicht zufällig gewählt. Die Asteroidenbasis war bequem, verborgen und namenlos - und taugte genau deshalb nicht. Was sie vorhatten, brauchte einen Ort mit Gedächtnis. Sie waren zwei Standardtage hierhergeflogen und im Morgengrauen gelandet, das Schiff auf einer alten Plattform abgestellt, durch deren Platten schon Gras gestoßen war.
'Hier gehören wir niemandem", sagte sie, als alle sich in der Haupthalle des Tempels versammelt hatten. Ihre Stimme kam als Echo von den hohen Gewölben zurück, und sie selbst stand im Mittelpunkt des einfallenden Lichts wie in einem Scheinwerferkegel. 'Nicht dem Orden. Nicht dem gefallenen Imperium. Nicht der Republik. Nur uns selbst."
'Klingt nach Anarchie", bemerkte Ezra. Er stand an einer Säule, die Arme um die Ellbogen geschlungen, und sah auf die Risse in der Decke, durch die der Himmel schien.
'Klingt nach Freiheit", hielt Sabine dagegen. Sie blieb näher am Schatten, ihre Rüstung warf das Licht in einem weichen Hornglanz zurück, und in ihren Augen lag eine vorsichtige Hoffnung.
Merrin stand an der Westwand und schwieg. Ihr dunkles Kleid verschmolz mit dem Stein, und nur ihre Augen verrieten ihre Anwesenheit: Das Grün hatte das Schwarz darin inzwischen fast verdrängt, und im Halbdunkel wirkten sie wie zwei glimmende Kohlen in der falschen Farbe. Sie war hier noch immer fremd - nicht, weil man sie zurückwies, sondern weil sie selbst nicht wusste, wie man angenommen wird. Ihre Finger nestelten an der Schnur aus Knochenperlen, die sie noch von Dathomir trug, aus einem Zuhause, das es nicht mehr gab.
'Wir werden uns keinen Orden nennen", fuhr Ahsoka fort. Sie trat vor, und ihr Schatten legte sich über das uralte Bodenmosaik. 'Orden schaffen Regeln, Hierarchien, Dogmen. Und Dogmen haben die Jedi getötet. Wir werden einfach ... Lehrende sein. Und Lernende. Gleiche unter Gleichen."
'Und was werden wir lehren?", fragte Kanan. Er hockte in einer Ecke und betrachtete die uralten Schriftzeichen an den Wänden; seine Finger fuhren langsam über die verwitterten Zeichen und ertasteten ein Relief, das seit Jahrtausenden niemand mehr gelesen hatte.
'Was wir können", antwortete Ahsoka. 'Sabine bringt ihnen bei, zu treffen, ohne zu töten. Ezra bringt ihnen bei, den Lebewesen zuzuhören." Beim Blick auf Merrin stockte sie. 'Merrin bringt ihnen bei, dass Dunkelheit nicht immer böse ist. Und Licht nicht immer gut."
'Und du? Was bringst du ihnen bei?", fragte Merrin. Ihre Stimme war leise, kaum mehr als ein Flüstern, doch in der Stille der Halle trug sie.
Ahsoka betrachtete ihre Hände - Hände, die länger Lichtschwerter gehalten hatten, als sie sich an die Wärme eines anderen Menschen erinnerten. Auf den Handflächen zeichneten sich alte Schwielen und Narben ab, im Halbdunkel unsichtbar, für sie selbst aber spürbar wie eine Karte durchschrittener Schlachten.
'Ich bringe ihnen bei zu verlieren", sagte sie. 'Und danach nicht aufzugeben."
Sabine lachte kurz auf, mit einem Anflug von Ironie, doch in ihrem Blick regte sich etwas wie Verstehen.
'Bist du sicher, dass Schüler das brauchen? Vielleicht fängt man mit etwas Einfacherem an. Mit Paraden zum Beispiel."
'Das Leben fängt nicht mit dem Einfachen an", antwortete Ahsoka. Ihre Stimme wurde weicher, beinahe nachdenklich. 'Niemand hat versprochen, dass es leicht wird."
Sie trat in die Mitte der Halle, wo das Licht durch das zerstörte Dach fiel. Blütenstaub tanzte in den goldenen Säulen, und für einen Augenblick wirkte Ahsoka weniger wie eine Togruta als wie eine lebendige Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft.
'Wir haben wenig Zeit. Thrawn baut bereits sein neues Imperium. Der Antara-Kult wächst mit jedem Tag. Die Neue Republik zerfällt schneller, als man sie zusammensetzen kann. Aber wir haben etwas, das sie nicht haben."
'Was?", fragte Ezra. Er löste sich von der Säule, und sein Schatten vereinigte sich mit Ahsokas.
'Eine Wahl", sagte Ahsoka fest. 'Wir haben eine Wahl. Dem System nicht zu folgen. An Prophezeiungen nicht zu glauben. Die Vergangenheit nicht anzubeten. Einfach hier zu sein. Jetzt. Und zu tun, was getan werden muss, weil es getan werden muss."
Sie sah jeden Einzelnen an: Ezra mit seinem offenen Gesicht, Sabine mit ihrer versteckten Zärtlichkeit, Merrin mit ihrem uralten Gedächtnis, Kanan mit seiner Erfahrung und seinen Narben.
'Das ist eine Bruderschaft ohne Hierarchie. Ohne Tempel. Ohne Dogmen. Wir kommen zusammen, wenn wir gebraucht werden. Wir gehen auseinander, wenn die Arbeit getan ist. Und niemals - hört ihr mich - niemals sagen wir, dass wir die Wahrheit kennen. Denn die Wahrheit ist ein Weg und kein Ort, an dem man ankommt."
Kanan erhob sich - langsam, mit knackenden Knien, gestützt auf einen Stab, in den eben jenes Schwert aus der Truhe eingebaut war. Das Holz knarrte, das Metall blitzte geisterhaft im Halbdunkel auf.
'Ich bin dabei", sagte er. 'Aber nur, wenn ihr versprecht, das nicht einen neuen Jedi-Orden zu nennen. Ich habe schon einmal einer Organisation angehört, die glaubte, alles zu wissen. Eine Wiederholung brauche ich nicht."
'Ich verspreche es", sagte Ahsoka.
'Und was lernen wir heute?" Kanan lächelte, und in dem Lächeln blitzte jener junge Padawan auf, der Ezra einst beigebracht hatte, über Schluchten zu springen.
Die erste Prüfung
Die dünne Stelle fand sich auf Toydaria - einem Planeten, auf dem es nichts gab außer Sümpfen und Händlern, die bereit waren, alles zu verkaufen, die eigene Seele eingeschlossen. Die Luft war dick und klebrig, gesättigt vom Geruch verfaulender Pflanzen und billigen Treibstoffs. Ein tiefer Himmel hing in schweren grauen Wolken herab, durch die sich das trübe Licht der örtlichen Sonne kämpfte und die Sümpfe in ein schmutziges Grün tauchte. In der Ferne waren zwischen den Dünsten die Zelte der Händler zu erkennen - bunt, zusammengeflickt wie Pilze auf einem faulenden Stamm.
'Sie ist hier", sagte Merrin und fuhr mit den Fingern durch die Luft. Ihre Hände zitterten und spürten die Resonanz einer fremden Energie. 'Ich fühle es. Jemand vom Kult hat schon versucht, sie zu weiten."
'Rikt?", fragte Sabine. Sie stand da, das Gewehr umklammert, und ihre Augen strichen über die Sümpfe in Erwartung eines Angriffs.
'Nein. Seine Anhänger. Jung, dumm, verängstigt. Sie wissen nicht, was sie tun."
Ahsoka ging zu der Stelle, an der die Luft flimmerte wie eine Fata Morgana in der Wüste. Vor ihr erstreckte sich eine Verzerrung der Wirklichkeit - ein Riss, der in weißem Licht pulsierte, das aufflammte und wieder verblasste wie der Atem eines schlafenden Tieres. Von ihm ging Wärme aus, unangenehm und klamm, und ein leises Summen wie ein Singen in den Ohren.
'Wir müssen sie schließen", sagte sie fest, obwohl in ihren Augen Unruhe lag.
'Nicht schließen", verbesserte Merrin. Sie trat näher, ihr dunkles Kleid wehte im feuchten Wind. 'Stabilisieren. Wenn man einen Riss mit Gewalt zumacht, kann er sich anderswo wieder öffnen. Wir müssen lernen, uns mit ihnen zu ... verständigen. Mit der Welt zwischen den Welten."
'Sich mit einem Ort verständigen?" Ezra hob eine Augenbraue. Er stand etwas abseits, die Hände zu Fäusten geballt, kampfbereit. 'Das klingt verrückt."
'Die Welt zwischen den Welten ist kein Ort. Sie ist ein Wesen. Und ausgerechnet du solltest das am besten wissen."
Sie wandte sich dem Riss zu und streckte die Hände aus. Schwarze Energie strömte zwischen ihren Fingern hervor - nicht aggressiv, nicht gierig, sondern behutsam, als striche sie über ein wildes Tier. Ihre Augen schlossen sich, ihr Gesicht verzerrte sich vor Anstrengung, und sie begann in einer Sprache zu flüstern, die man nicht mit den Ohren hörte, die aber in den Knochen antwortete.
'Du willst dich nicht weiten", flüsterte sie. 'Du willst schlafen. Man zwingt dich. Aber du kannst dich wehren."
Der Riss pulsierte, weitete sich und zog sich wieder zusammen. Die Luft ringsum begann zu vibrieren, und das Sumpfwasser regte sich und hob sich in kleinen Wellen.
'Jetzt", sagte Merrin scharf, im Befehlston. 'Alle schlagen zu. Nicht auf ihn - auf die Punkte drumherum. Dorthin, wo die Energie dünn wird."
Ahsoka, Ezra und Kanan schlugen im selben Augenblick mit der Macht zu - drei Wellen, drei Schattierungen, drei Auffassungen. Weiß, Blau und Grün verflochten sich zu einem einzigen Strom und fuhren in den Boden rings um den Riss. Der Schlamm bäumte sich auf, Steine barsten, und für einen Moment erbebte der ganze Raum.
Er stöhnte, beinahe wie etwas Lebendiges. Der Klang war nicht laut, aber durchdringend, drang nach innen und ließ die Zähne aufeinander fahren.
'Noch einmal!", rief Merrin. Blut war auf ihre Lippen getreten, doch sie hielt nicht inne und hielt die Verbindung offen.
Sie schlugen erneut zu. Die Macht lief in einem Punkt zusammen, der Riss zuckte - und begann sich zu schließen. Nicht abrupt wie eine Tür, sondern langsam wie ein Lid, das sich vor dem Schlaf senkt. Das weiße Licht wurde matt, das Pulsieren verlangsamte sich, und schließlich trafen sich die Ränder und ließen nichts zurück als verzerrten Raum und Stille.
Als das letzte weiße Aufflackern erlosch, war es ringsum still. Keine Sumpfgeschöpfe. Keine Händler. Nur vier schwer atmende Menschen und eine Hexe, der Blut aus der Nase lief. Sie zitterte, ihre Schultern waren gesunken, und sie trat unsicher einen Schritt zurück.
'Geht es dir gut?", fragte Sabine, lief hinzu und fasste sie am Ellbogen.
'Es geht mir gut." Merrin wischte sich mit dem Ärmel übers Gesicht und hinterließ einen roten Streifen auf dem Stoff. 'Es ist nur lange her, dass ich so etwas gemacht habe."
'Du warst großartig", sagte Kanan. Er trat näher, und seine alten Augen leuchteten vor Respekt.
Merrin sah ihn überrascht an und mit etwas, das Verlegenheit ähnelte. Sie war Lob nicht gewohnt, am wenigsten von jemandem, der einst ein Feind ihres Volkes gewesen war.
'Danke", sagte sie leise.
Sabine fing Ahsokas Blick auf. Der Blick sagte: Die beiden werden sich verstehen.
Ahsoka nickte kaum merklich. Vielleicht. Wenn sie die nächste Prüfung überlebten.
Die zweite Prüfung: Ein Echo der Vergangenheit
Die nächste dünne Stelle lag auf Dathomir.
Für Merrin war es eine Heimkehr - an einen Ort, an dem jeder Stein sich an ihre Kindheit erinnerte und jeder Schatten die Stimme ihrer Mutter barg. Sie ging über die verbrannte Ebene mit unlesbarem Gesicht, doch Ahsoka spürte es: In ihr schrie alles. Die Luft war dünn und heiß, durchtränkt vom Geruch verbrannten Grases und von etwas Metallischem, Bitterem. Unter den Füßen knirschte Asche, vermischt mit Tonscherben - den Resten von Töpfen, in denen einst Heilkräuter gewachsen waren. Weit hinten am Horizont standen die Silhouetten toter Bäume, ihre Äste in unmögliche Richtungen verdreht, als wären sie in Agonie gestorben. Der Wind trug den Geruch von Asche und einer uralten Magie, die erloschen war, ohne ihre Kraft zu vergessen.
'Wir können das auch ohne dich machen", bot Ahsoka an.
'Nein." Merrin schüttelte den Kopf. Ihre Schritte waren langsam und schwer, jeder einzelne eine Anstrengung. Ihr Haar, sonst zu einem strengen Knoten gebunden, wehte jetzt offen im Wind, und schwarze Rußflocken verfingen sich darin. 'Diesen Riss habe ich geöffnet. In der Nacht, als die Droiden von Grievous kamen."
Sie schwieg einen Moment.
'Wir beide haben Grievous auf dieser Welt gesehen, Ahsoka. Du hast gesehen, wie meine Mutter im letzten Kampf starb. Ich habe Jahre zuvor gesehen, wie meine Schwestern fielen - und wie ich selbst floh."
Sie ging zu der Stelle, an der einst der Altar der Nachtschwestern gestanden hatte. Jetzt klaffte dort ein Loch in der Wirklichkeit - schwarz, pulsierend, mit Zungen aus weißem Licht darin. Es war nicht statisch: Es atmete, weitete und verengte sich, und mit jedem Atemzug stieß es einen Schwall kalten Windes aus, der zur Hitze Dathomirs nicht passte. Ringsum verzog sich der Raum wie Glas am Schmelzpunkt, und durch die Verzerrungen waren schimmernde Bilder zu sehen: andere Welten, andere Zeiten, andere Möglichkeiten.
'Das ist kein bloßer Riss", sagte Kanan und kniff die Augen zusammen. Sein Gesicht spannte sich, seine Stirn legte sich vor Konzentration in Falten. 'Das ist eine Wunde."
'Eine Wunde, die ich geschlagen habe", bestätigte Merrin. Sie sah in das blendende weiße Licht, und ihre Augen spiegelten es. 'Ich war damals jung und hatte Angst. Ich wusste nicht, dass die Welt zwischen den Welten sich an alles erinnert. Dass sie auf mich warten würde."
'Was passiert, wenn du sie schließt?", fragte Ezra. Er stand etwas abseits, sein Blick wanderte zwischen Merrin und der Wunde.
'Ein Teil von mir bleibt für immer dort. Eine Erinnerung. Ein Schatten. Ein Echo. Aber körperlich werde ich frei sein."
'Und wenn nicht?"
'Dann kann der Kult sie als Hauptdurchgang benutzen. Und dann ... dann verschwindet Dathomir. Vollständig. Als hätte es ihn nie gegeben."
Merrin trat vor. Ihre Hände zitterten, und sie verbarg sie in den Falten ihres Kleides, doch das Zittern übertrug sich auf ihren ganzen Körper: Ihre Schultern bebten, ihre Lippen pressten sich zu einem dünnen Strich.
'Ich mache das allein", sagte sie leise, aber fest. 'Ihr könnt nicht helfen. Das ist mein Schmerz. Meine Vergangenheit. Meine Wahl."
'Wir sind hier", sagte Ahsoka. Sie stand unbeweglich, aber ihre Gegenwart war zu spüren wie die Wärme eines Feuers. 'Auch wenn wir nicht helfen können."
Merrin nickte und ging hinein.
Das Licht nahm sie - löste sie nicht auf, sondern zerlegte sie in Teile, als bestünde sie aus Myriaden von Partikeln, die nun nach allen Seiten davonflogen.
Drinnen war es dunkel, aber anders als in der Welt zwischen den Welten, wo die Dunkelheit lebendig war und atmete. Hier war die Dunkelheit tot. Leer. Vergessen. Sie war nicht bloß ein Fehlen von Licht - sie war eine feindselige Gegenwart, die auf die Brust drückte und das Herz langsamer und schwerer schlagen ließ. Merrin stand in dieser Dunkelheit, und ihr eigener Körper kam ihr fremd vor, unwirklich, als wäre sie selbst zu einem Echo geworden.
'Du bist zurückgekommen", sagte eine Stimme. Talzins Stimme. Weich, beinahe überrascht, mit jenem leisen Lächeln, das Merrin aus ihrer Kindheit kannte. Sie kam von überall und nirgends, nah und fern zugleich, wie ein Echo in einem leeren Raum.
'Mutter", flüsterte Merrin.
'Du bist gewachsen. Du bist stärker geworden. Und hast noch immer Angst."
'Ich hatte immer Angst. Das wusstest du."
'Ich wusste es. Und ich habe dich nicht für deinen Mut geliebt, sondern für deine Zartheit. Nicht jeder Held trägt eine Klinge, Merrin. Manche bleiben einfach ... da."
Aus der Dunkelheit trat eine Gestalt - kein Geist, nein, etwas Festeres. Eine Erinnerung, in das Gewebe dieses Ortes eingewoben. Talzin, wie sie vor dem Krieg gewesen war, vor ihrem Tod, vor allem. Weißes Haar zu kunstvollen Zöpfen geflochten, mit Knochenperlen geschmückt. Ein Gewand aus demselben Stoff, den die Nachtschwestern trugen, aber ohne das Blut und die Asche, die Merrin zuletzt daran gesehen hatte. Und die Augen - grün wie Merrins eigene, aber ruhig, voller Liebe, ohne eine Spur des Wahnsinns, der später kam.
'Du bist nicht wirklich", sagte Merrin und ballte die Fäuste, um nicht die Hände auszustrecken.
'Nicht wirklich", stimmte Talzin zu. Sie stand unbeweglich, und ihre Gestalt pulsierte leicht, als bestünde sie aus Licht statt aus Fleisch. 'Aber die Gefühle, die du für mich hast, sind wirklich. Der Schmerz, den du trägst, ist wirklich. Und nur du kannst entscheiden, was du damit machst."
'Ich will den Durchgang schließen", sagte Merrin. 'Und ich fürchte, dass ich dich damit endgültig verliere."
'Du hast mich in jener Nacht verloren, mein Mädchen. Alles, was bleibt, ist ein Echo. Noch ein Schrei in der Leere. Lass es los. Lass mich los."
'Ich kann nicht."
'Du kannst." Talzin trat näher und legte eine Hand an die Wange ihrer Tochter. Die Hand war kalt, nicht wie die eines Lebenden, sondern wie die einer Erinnerung. Doch die Berührung war zart, behutsam, voller Liebe. 'Ich werde immer bei dir sein. In deinen Augen. In deinen Händen. In deinem Lachen. Erlaube dir nur ... weiterzuleben."
Merrin weinte, ohne es zu verbergen. An diesem Ort, an dem es weder Zeit noch Raum noch Mitleid gab, erlaubte sie sich, schwach zu sein. Die Tränen liefen über ihre Wangen, und sie versuchte nicht, sie aufzuhalten. Sie schluchzte mit geballten Fäusten, und ihre Schultern bebten unter dem Gewicht, das sie ihr ganzes erwachsenes Leben getragen hatte.
'Ich liebe dich, Mutter."
'Und ich dich, Tochter. Immer."
Talzin löste sich im Licht auf - verschwand nicht, sondern zerstob wie Blütenstaub im Wind. Und mit ihr begann sich die Wunde zu schließen. Sie schnappte nicht zu und platzte nicht: Sie schloss sich still, wie Wasser sich über einem geworfenen Stein schließt, wenn die Ringe endlich verlaufen sind. Merrin stand in der Mitte, und ihre Tränen wurden zu Kristallen - kleinen, klaren, mit einem grünlichen Schimmer -, die auf die Steine fielen und Spuren hinterließen wie Sterne an einem schwarzen Himmel.
Als alles endgültig geschlossen war, sank sie auf die Knie. Die Steine waren kalt und scharf, doch sie spürte keinen Schmerz - nur eine Leere, die etwas Neues füllte, etwas Helles.
Ahsoka trat als Erste ein und hob sie auf. Ihre Hände waren stark und warm und lebendig.
'Du hast es geschafft."
'Wir", sagte Merrin und weinte noch immer. Die Tränen flossen weiter, aber jetzt waren es Tränen der Erleichterung, nicht des Schmerzes. 'Wir haben es geschafft. Du warst bei mir. Ihr wart alle bei mir."
Kanan legte ihr eine Hand auf die Schulter - vorsichtig, beinahe scheu, als fürchte er, sie könne bei der Berührung zerbrechen.
'Willkommen zu Hause", sagte er.
Merrin sah auf die verbrannte Ebene Dathomirs: auf die schwarzen Steine, auf die Trümmer der Altäre, auf den grauen Himmel. Und zum ersten Mal empfand sie keinen Schmerz. Nur Trauer. Nur Liebe. Nur eine stille Dankbarkeit für das, was gewesen war.
'Danke", sagte sie. 'Euch allen."
Die dritte Prüfung: Meister und Schüler
Rikt erwartete Kanan auf Coruscant - nicht im Jedi-Tempel, sondern in den Ruinen der unteren Ebenen, wohin kein Licht drang und wo die Zeit ebenso erstarrt war wie in der Welt zwischen den Welten. Hier, unter den gestapelten Etagen der Megalopolis, herrschte ewige Nacht. Verrostete Rohre verflochten sich zu riesigen Wurzeln, die Kondenswasser schwitzten, und die Tropfen fielen einzeln mit dumpfem Laut auf den Metallboden. Die Luft war dick, durchtränkt vom Geruch alten Maschinenfetts, faulenden Abfalls und von etwas Bittersüßem - dem Rückstand der Chemikalien, die die hiesigen Fabriken einst ausgeatmet hatten. Wasser oder etwas, das wie Wasser aussah, floss durch Rinnen im Boden und trug einen Geruch von Fäulnis und Rost. Es gab kein Licht außer dem schwachen Schein von Laminatpaneelen, längst überzogen von einem Belag und von Rissen.
Er hatte diesen Ort nicht zufällig gewählt: Baylan Skoll hatte einst durch diese Tunnel Jünglinge aus dem brennenden Tempel geführt und danach begriffen, dass zu wenige gerettet waren, um die Überlebenden zu rechtfertigen.
Kanan kam allein. Ohne Schwert. Ohne Rüstung. Ohne Schutz. Seine Kleidung war schlicht - eine abgetragene Jacke, Hose, Stiefel, in denen sich der Staub der oberen Ebenen gesammelt hatte. Er ging über nasses Metall, und seine Schritte klatschten in dieser Stille unanständig laut. Er bewegte sich langsam und tastete den Weg mit der Macht ab, doch die Macht klang hier anders: gedämpft, als hätte man sie in ein dickes Glasgefäß gesperrt.
'Baylan Skoll", sagte er, als eine Gestalt in Grau und Weiß aus der Dunkelheit trat. 'Oder ist es Ihnen lieber, wenn ich Sie Rikt nenne?"
Die Gestalt war groß, aber gebeugt, wie unter einer unsichtbaren Last. Graue Gewänder hingen sackartig an dem hageren Körper, doch Kragen und Manschetten waren noch weiß - das letzte Zeichen dessen, was er gewesen war. Das Gesicht war alt und verbraucht, seine tiefen Furchen weniger Spuren der Zeit als Narben von Ungesagtem. Die Wangenknochen traten hervor; die Lippen waren trocken und aufgesprungen. Doch die Augen waren jung geblieben. Hell. Blau wie Eis auf einem fernen Planeten, und ebenso kalt.
'Nenn mich, wie du willst, Caleb." Rikts Stimme war beinahe dieselbe wie im Tempel: weich, lehrerhaft, doch jetzt knirschte Eis darunter. 'Namen sind Etiketten. Etiketten sind Gefängnisse."
'Sie haben uns einmal gelehrt, dass Namen Macht haben, Meister. Auch wenn es nur diese eine Stunde war."
'Ich habe euch vieles gelehrt, das später verlernt werden musste. Die Jedi irrten. Die Sith irrten. Ich beschloss, dass ich aus ihrem Kreis heraustreten könnte. Und irrte mich tiefer als sie alle."
Rikt kam näher. Seine Bewegungen waren geschmeidig, beinahe schwerelos, als schreite er nicht über rostiges Metall, sondern gleite darüber hinweg. Die weißen Manschetten waren dunkel verschmiert - von Öl, von Staub oder von etwas anderem.
'Du bist gekommen, um mich aufzuhalten."
'Ich bin gekommen, um zu reden."
'Ist das nicht dasselbe? In eurer Neuen Republik, in eurer Bruderschaft ohne Namen, in euren Versuchen, Licht und Dunkelheit zu versöhnen - versucht ihr nicht, den natürlichen Lauf der Dinge aufzuhalten?"
'Wir versuchen zu verhindern, dass Sie die Wirklichkeit zerstören", antwortete Kanan. 'Das ist etwas anderes."
Rikt lachte leise, ohne Bosheit. Das Lachen lief durch die Tunnel, wurde von den Rohren zurückgeworfen und kam verzerrt zurück, als lachten Dutzende Stimmen.
'Die Wirklichkeit ist bereits zerstört, Caleb. Sieh dich um. Kriege, Verrat, Tote. Jede eurer Entscheidungen führt zu Leid. Jedes eurer Ideale zur nächsten Diktatur. Ich biete nichts Besseres an. Ich biete etwas anderes an."
'Aufzuhören zu sein."
'Aufzuhören zu leiden."
Kanan trat dicht an ihn heran. Von Rikt ging ein Geruch aus - nicht der eines Körpers, nein, ein anderer. Der Geruch von Leere. Der Geruch jenes Ortes, an dem ein Mensch aufhört, ein Mensch zu sein.
'An jenem Tag im Tempel haben Sie gesagt: Der Schmerz ist nicht der Feind. Der Feind ist die Weigerung, Schmerz zu fühlen. Ich habe mir diese Worte gemerkt. Ich habe mein ganzes Leben mit ihnen gelebt, während Sie offenbar versucht haben, vor ihnen davonzulaufen."
Rikt erstarrte. Seine jungen Augen weiteten sich, und etwas blitzte darin auf - eine Erinnerung oder der Schatten dessen, was er gewesen war.
'Ich erinnere mich", sagte er leise. 'Ich war damals ein anderer."
'Sie waren ein Mensch." Kanan legte ihm eine Hand auf die Schulter. Die Schulter war dünn, zerbrechlich und starr. 'Nicht leer. Kein Kultführer. Einfach ein Mensch, der zu viel verloren hatte und nicht wusste, wohin mit dem Schmerz."
Er drückte zu - nicht fest, aber sicher. Die Wärme seiner Handfläche ging durch den Stoff des grauen Gewandes.
'Ich kenne dieses Gefühl. Ich habe auch alles verloren. Mehrmals. Aber ich bin nicht leer geworden."
'Weil du schwach bist." Rikts Stimme zitterte. Er versuchte zurückzuweichen, doch Kanan hielt ihn fest.
'Weil ich gelernt habe, mit dem Verlust zu leben", sagte Kanan. 'Ihn nicht zu leugnen. Nicht vor ihm davonzulaufen. Ihn als Teil von mir anzunehmen. Das ist keine Schwäche. Das ist die einzige Stärke, die etwas zählt."
Rikt sah auf die Hand an seiner Schulter. Langsam, sehr langsam begannen seine weißen Gewänder dunkel zu werden. Zuerst an den Rändern, dann tiefer, bis sie grau waren. Der Stoff schien den Schatten aufzusaugen, den er in sich trug. Die weißen Manschetten wurden stumpf, wurden dunkel, nahmen die Farbe alter Asche an.
'Was tust du da?", fragte er, und jetzt lag Furcht in seiner Stimme. Echte, menschliche Furcht.
'Nichts", antwortete Kanan. 'Du machst das selbst, Baylan. Du erinnerst dich daran, wer du warst. Und das tut weh. Und Schmerz ist Leben."
Rikt zuckte zusammen, und nicht wegen der Worte.
'Du hast mich geduzt."
'Meister siezt man", sagte Kanan. 'Als meinen Meister sehe ich dich nicht mehr. Du bist bloß ein Mann, den ich in einem Keller gefunden habe."
Rikt wich zurück, doch die Gewänder wurden weiter dunkler. Die jungen, irren Augen begannen zu altern; die Falten traten in seinem Gesicht hervor, nicht als Maske, sondern als Wahrheit. Er sah auf seine Hände und sah, wie das Weiß daraus wich, grau wurde, dann dunkel, dann gewöhnlich - die Farbe der Kleider eines Bettlers auf den unteren Ebenen Coruscants.
'Nein ... ich will nicht ... ich war frei ..."
'Du warst eingesperrt", sagte Kanan. 'In deinem eigenen Traum von Unsterblichkeit. Aber die Welt verzeiht solche Fehler nicht. Und die Macht verzeiht sie auch nicht."
Rikt sank auf die Knie. Sein Körper wurde geschüttelt - nicht von Krämpfen, sondern von Schluchzern, trocken und ungeübt wie bei einem Menschen, der verlernt hat, wie das geht.
'Ich wollte nicht ... ich wollte nur ... ich wollte nur, dass sie aufhören zu sterben ..."
'Ich weiß." Kanan ließ sich neben ihm nieder. Seine Knie schlugen auf den Metallboden, doch er beachtete es nicht. 'Aber der Tod ist nicht der Feind. Der Tod ist ein Lehrer. Der strengste, aber der ehrlichste."
Er nahm seinen alten Meister in die Arme, und in dieser Umarmung lag keine Macht und keine Magie, nichts als menschliche Wärme. Kanans Hände waren stark, aber behutsam, als hielte er etwas, das zerbrechen kann.
Rikt weinte mit dem Gesicht an seiner Schulter, und die Tränen waren heiß, lebendig, wirklich.
'Ich kann nicht zurück", flüsterte er. 'Ich habe zu viel getan."
'Dann bleib hier", sagte Kanan. 'Hilf denen, die du beinahe vernichtet hättest. Nicht als Rikt. Als Mensch."
Rikt hob die Augen zu ihm - gewöhnliche, alte, müde Augen eines Mannes, der zu lange vor sich selbst davongelaufen war. Darin lagen Dankbarkeit und Furcht und Hoffnung, alles zu einem trüben Gefühl vermischt.
'Und wenn sie mich nicht aufnehmen?"
'Dann versuchst du es noch einmal. Und noch einmal. Und noch einmal. Bis es klappt. Das ist Leben."
Rikt nickte langsam und schwer, wie einer, der aus einem langen Schlaf erwacht. Seine Bewegungen waren unsicher und scheu, als lerne er von Neuem, ein Mensch zu sein.
'Ich werde es versuchen", sagte er. 'Für dich, Caleb. Für den Jungen, dem ich einmal beigebracht habe, nicht aufzugeben."
Kanan half ihm auf die Beine. Rikts Arme waren dünn, bedeckt von alten Narben und den Flecken langer Jahre im Dunkeln.
'Dann komm", sagte Kanan. 'Nach oben. Ahsoka wird entsetzt sein, aber sie gewöhnt sich daran."
Rikt blieb stehen.
"Wird sie nicht. Ich habe ein Zeichen auf ihr hinterlassen - keine Narbe, etwas Schlimmeres. Ich habe einmal für sie entschieden, dass ihre Zeit gekommen sei."
"Dann wirst du ihr etwas zu sagen haben", erwiderte Kanan. "Keine Entschuldigung. Nur die Wahrheit."
Rikt rührte sich nicht.
'Du glaubst, du hättest gewonnen", sagte er.
'Ich glaube, dass du lebst."
'Das ist nicht dasselbe." Rikt sah an ihm vorbei in die Dunkelheit des Tunnels. 'Vor drei Wochen habe ich ihnen den Befehl gegeben aufzuhören. Allen Kreisen, allen Lesern, allen, die Weiß tragen. Ich habe gesagt: Es reicht, ich habe mich geirrt, geht nach Hause."
Er richtete den Blick auf Kanan.
'Sie haben beschlossen, es sei eine Prüfung des Glaubens."
Kanan schwieg lange.
'Das heißt, sie brauchen dich nicht mehr."
'Sie haben mich schon lange nicht mehr gebraucht. Sie brauchten mich als Namen. Und den Namen haben sie ins Reine geschrieben, ohne den Menschen darin." Rikt wischte sich mit dem Ärmel übers Gesicht, und die Geste war beinahe alltäglich. 'Du hast der Maschine das einzige Teil entnommen, das sie noch hätte anhalten können, Caleb. Der Mechanismus hat es nicht bemerkt."
Und sie gingen - der alte Meister und sein alter Schüler - nach oben, dem Licht entgegen. Ihre Schritte hallten in den Tunneln und entfernten sich allmählich, und die Stille kehrte zurück. Aber sie war nicht mehr leer: Sie war von etwas Neuem erfüllt, das keineswegs gut sein musste.
Weit unter ihnen, auf ebenjenen unteren Ebenen, flüsterten Rikts weiße Schüler weiter die alten Formeln. Sie standen in Kreisen und zeichneten Symbole auf das verrostete Metall, die in einem matten Blau leuchteten. Sie hatten gespürt, dass ihr Lehrer zurückgetreten war, und hatten es nicht als Befehl zum Aufhören verstanden, sondern als letzte Prüfung des Glaubens.
Der Kult war keine Armee, die man mit einem einzigen Befehl auflösen kann. Er war ein Mechanismus, aufgezogen von fremdem Schmerz. Rikt konnte sich noch vom Abgrund abwenden, doch die von ihm geschaffenen Rituale bewegten sich bereits aus eigener Kraft weiter - wie Droiden ohne Kommandanten, die einen längst widerrufenen Befehl weiter ausführen.
An der Schwelle
Die Bruderschaft ohne Namen versammelte sich ein letztes Mal im Massassi-Tempel, bevor sie auseinandergingen.
Yavins untergehende Sonne schlug durch die Durchbrüche der Kuppel und zeichnete lange goldene Keile auf das uralte Bodenmosaik, und den halben Himmel füllte Yavin selbst - die gewaltige rostrot gestreifte Masse des Gasriesen, um den dieser Mond kreiste. Drinnen war es kühl trotz der Hitze draußen. Staub, der sich über Jahrhunderte auf dem Boden abgesetzt hatte, hob sich jetzt in die Luft, als weigere er sich, an einem Tag der Veränderung stillzuliegen. Meterdicke Steinmauern bewahrten hier eine ewige Stille, jene, die nur Schritte und Stimmen brechen. Von der Zeit und den Händen der Massassi-Baumeister poliert, gaben sie ein Flüstern mit solcher Klarheit zurück, dass jedes Wort eine Spur zu hinterlassen und jede Entscheidung sich in den Stein zu prägen schien.
'Rikt hat sich zurückgezogen", sagte Ahsoka. Sie stand in der Mitte der Halle, ihre Montrale fingen das Dämmerlicht auf, ihr Gesicht war ernst und gesammelt. 'Aber der Kult ist nicht verschwunden. Einige Anhänger sind keine Feinde, sondern nur verirrte Menschen. Andere sind bereits zu einer Art ritueller Automaten geworden: Sie vollziehen den Willen ihres Lehrers, auch wenn der Lehrer diesen Willen nicht mehr äußert. Genau darin liegt das Grauen dieses Dings - es hat vor, die Reue seines Gründers zu überleben. Merrin hat sich bereit erklärt, denen unter unserer Aufsicht zu helfen, die noch zurückkehren können."
'Stimmt das?", fragte Ezra. Er stand an der Wand, die Schultern angespannt, sein Blick sprang zwischen Merrin und Ahsoka hin und her, als könne er noch immer nicht glauben, dass eine Frau, die ihnen noch vor Kurzem fremd gewesen war, nun ihre Verbündete werden sollte.
'Ich kann nicht versprechen, dass ich sie alle rette", antwortete Merrin. Ihre Stimme war leise, aber fest. Sie hielt sich etwas abseits, ihre dunklen Kleider standen im Widerspruch zum goldenen Licht, und nur ihre grünen Augen leuchteten und erinnerten daran, woher sie kam. 'Aber ich kann es versuchen. Ich weiß, was es heißt, an einem Ort ohne Zeit eingeschlossen zu sein. Ich weiß, was es heißt, sich selbst zu verlieren. Vielleicht kann ich für sie das sein, was Ahsoka für mich war."
'Jemand, der nicht aufgibt", lächelte Sabine. Sie stand neben Ezra, die Hand am Blastergriff, doch ihr Lächeln war aufrichtig, beinahe kindlich in seiner Hoffnung.
'Jemand, der die Tür offenhält", sagte Merrin.
Kanan stand abseits und beobachtete. Seine Gestalt war gebeugt, seine Hände stützten sich auf den Stab, doch auf seinem Gesicht lag ein leichtes Lächeln - nicht das eines Siegers, sondern das eines Menschen, der endlich Ruhe gefunden hat. Der graue Bart und die Falten erzählten von Jahren im Exil, doch seine Augen waren klar, beinahe jung. Er sah sie an, und in dem Blick lag Stolz auf das, was aus ihnen geworden war.
'Und du, Kanan?", fragte Ahsoka. 'Bleibst du bei uns?"
'Nein." Er schüttelte den Kopf. Seine Stimme war leise, aber fest. 'Meine Zeit ist vorbei. Auf mich warten Kinder, die mich für ihren halten, obwohl ich ihnen niemand bin. Da ist ein Haus, das ich nicht gebaut, aber mit den eigenen Händen instandgesetzt habe. Da ist ein Leben, das ich mir erhandelt und, wie mir scheint, tatsächlich verdient habe."
'Aber wenn wir dich brauchen ..."
'Ihr wisst, wo ihr mich findet." Er zwinkerte, und in diesem schlichten Scherz lag ihre ganze Geschichte: die Jahre der Trennung, die Begegnungen und die Abschiede. 'Alte Jedi sterben nicht. Sie verschwinden nur in unbekannte Richtung."
Ezra ging zu ihm. Seine Bewegungen waren zögernd, als wisse er nicht, wie man sich von jemandem verabschiedet, den man für tot gehalten hat.
'Danke", sagte er. 'Für alles."
'Bedank dich nicht." Kanan umarmte ihn. Die Umarmung dauerte lange, und als sie sich lösten, glänzte auf Ezras Wange eine Träne, die er rasch wegwischte. 'Sei einfach besser, als ich es war. Das ist der einzige Dank, der etwas wert ist."
Sie zerstreuten sich: einer zum Schiff, einer ins Ungewisse, einer in ein neues Leben. Die Schritte verklangen nach und nach, und der Tempel versank in Stille, als atme er ihre Anwesenheit vor einem langen Schlaf ein.
Ahsoka blieb allein zurück und sah durch das zerstörte Dach zu den Sternen. Sie waren hell und kalt und fern - und doch schien es, als sähen sie auf sie herab, beobachteten, warteten. Der Wind, der durch die Durchbrüche der Kuppel kam, trug den Geruch von Dschungel und von Stein, der den ganzen Tag warm gewesen war.
'Du schaffst das", sagte eine Stimme in ihrem Kopf. Anakins Stimme: nicht laut, nicht befehlend, sondern leise, beinahe flüsternd, als stünde er direkt hinter ihr. 'Du hast es immer geschafft."
'Ich weiß", antwortete sie laut. Ihre Stimme klang einsam in der Leere des Tempels, doch einsam fühlte sie sich nicht. 'Aber nicht, weil ich stark bin. Sondern weil ich euch hatte."
Sie verließ den Tempel und ging zum Schiff, wo Sabine und Ezra bereits warteten. Ihre Schritte waren fest und entschieden, doch als sie sich ein letztes Mal umsah, spürte sie ihre Augen brennen.
Am Abend des folgenden Tages waren sie auf dem Asteroiden.
Und vor ihnen lag das Treffen mit Thrawn.
Dritter Handlungsbogen: Ahsokas Wahl und Antara
(Episoden 8-10)
Der erwartete Verrat
Sie bemerkten nicht, wann Merrin ging.
Die Basis leerte sich genau um Mitternacht. Die Stille auf dem Asteroiden war von besonderer Art: nicht bloß ein Fehlen von Geräuschen, sondern die Anwesenheit von etwas Altem, das den Atem anhielt. Die alten Docks schluckten Schritte und Flüstern, und nur die Belüftung, die Luft durch verrostete Kanäle trieb, erinnerte daran, dass es draußen eine Welt gab. Ahsoka erwachte von einer Kälte, die nichts mit dem Wetter zu tun hatte. Solche Kälte hatte sie nur an einem einzigen Ort gespürt.
In der Welt zwischen den Welten.
'Merrin", flüsterte sie und war mit einer Bewegung aus dem Bett.
Ihr Zimmer war spartanisch: eine Matratze auf dem Boden, Kleidung zu einem ordentlichen Stapel gefaltet, ihre Lichtschwerter drei Schritte von der Liege entfernt. Doch in diesem Moment sah Ahsoka nichts außer der halb offenen Tür gegenüber, aus der es nach Ozon und uraltem Staub zog.
Das Zimmer der Hexe war leer. Die meisten ihrer Sachen - Amulette, uralte Schriftrollen, Knochenperlen - lagen noch da, mit pedantischer Genauigkeit ausgelegt, wie für einen Ritus. Ihr Komlink lag auf der Matratze. Einer der grünlichen Kristalle, die entstanden waren, als Talzins Echo verschwand, fehlte. Was fehlte, war das Wesentliche: die Wärme. Jene seltsame, beinahe schmerzhafte Wärme, die eine Frau ausstrahlte, die zu lange in der Leere gelebt hatte. Die Luft hier war nicht nur kalt; sie war tot, ihr fehlte jene kaum wahrnehmbare Resonanz, die Merrin überallhin mit sich trug.
Ich hätte es begreifen müssen, dachte Ahsoka und ballte die Fäuste, bis sich die Nägel in ihre Handflächen gruben. Frieden bedeutete nicht, dass man gegen jede Versuchung gefeit war, und Merrin hatte die Stimme ihrer Mutter schon einmal gehört.
Im Korridor waren Schritte zu hören - schwer, eilig, vertraut. Ezra, zerzaust, das Schwert griffbereit, die Augen rot vom Schlafmangel, stieß an der Tür der Lagezentrale mit ihr zusammen.
'Sie ist zu ihnen gegangen", sagte er, nicht als Frage. Seine Stimme zitterte vor unterdrücktem Zorn. 'Nicht zu der Mission, die wir vereinbart hatten. Sie hat ihren Komlink zurückgelassen und Talzins Kristall mitgenommen."
'Ich weiß."
'Und du hast sie nicht aufgehalten?"
Ahsoka sah ihn lange an. In ihren Augen lag kein Zorn, nur die Erschöpfung eines Menschen, der zu oft mit angesehen hat, wie Freunde gehen. Ihr Gesicht war blass im Notlicht, und die Schatten unter ihren Augen wirkten wie schwarze Narben.
'Merrin ist niemand, den man mit Gewalt aufhält", sagte sie leise, beinahe tonlos. 'Sie hat zu lange auf einen Ort gewartet, an dem man sie versteht. Der Antara-Kult ist ein solcher Ort. So entsetzlich das klingt."
'Entschuldigst du sie?"
'Ich erkläre es. Das entschuldigt nicht, dass sie unsere Abmachung gebrochen hat. Sie hat eine Wahl getroffen. Jetzt müssen wir verstehen, warum."
Ahsoka schwieg einen Moment.
'Ich habe nach Kanan geschickt."
Ezra hob den Kopf.
'Er hat gesagt, seine Zeit sei vorbei."
'Das hat er auf Yavin gesagt, als er dachte, das Schlimmste läge hinter uns." Ahsoka ging Richtung Lagezentrale, und Ezra schloss sich an. 'Ich habe ihm drei Zeilen geschrieben. Dass Merrin fort ist. Wohin sie geht. Und dass ich das allein nicht schaffe."
'Und?"
'Er hat innerhalb einer Stunde geantwortet. Lasst Platz im Frachtraum. Keine Frage, kein Vorwurf, kein einziges Wort darüber, dass er gewarnt hatte." Sie lächelte kurz und ohne Humor. 'Manchmal glaube ich, er hat seit dem Tag seines Abschieds auf diese Nachricht gewartet."
In der Lagezentrale fuhr Sabine bereits mit den Fingern über die holografische Karte und markierte die Punkte, an denen die dünnen Stellen besonders hell pulsierten. Das Licht des Projektors tauchte ihr Gesicht in Eisblau, und ihre Augen, sonst lebhaft und aufbrausend, waren jetzt kalt und konzentriert wie die einer Jägerin auf der Fährte.
'Sie hält auf den Hauptdurchgang zu", sagte die Mandalorianerin in gleichmäßigem, ausdruckslosem Ton. 'Auf einen Planeten ohne Namen. Die Koordinaten habe ich aus ihren Sachen errechnet - sie hat nicht damit gerechnet, dass wir nachsehen."
'Merrin denkt immer zehn Züge voraus", widersprach Ezra. Er trat an die Karte, und sein Spiegelbild verzerrte sich im holografischen Gitter. 'Wenn sie eine Spur hinterlassen hat, wollte sie, dass wir sie finden."
'Oder sie wollte, dass wir genau das denken", konterte Sabine, ohne den Blick von der Karte zu nehmen. Ihre Finger bewegten sich weiter und berechneten Flugbahnen. 'Bei ihr weiß man es nie sicher."
Ahsoka trat an die Karte. Der Planet, auf den der Marker deutete, war ein Nichts: keine Aufzeichnungen, keine Erwähnung in den Archiven der Neuen Republik. Nur ein schwarzer Punkt auf schwarzem Grund, nur eine Reihe von Koordinaten, die nirgendwohin führten. Solche Welten kannten nur die Chiss. Nur jene, die Geheimnisse tiefer vergruben, als die Jedi zu graben verstanden.
'Thrawn", sagte sie, und ihre Stimme wurde hart, beinahe metallisch. 'Er weiß von diesem Ort. Möglicherweise arbeitet er sogar mit ihnen zusammen."
'Du glaubst, Merrin ist zu Thrawn übergelaufen?" Ezra konnte sein Erstaunen nicht verbergen. Seine Brauen schossen hoch, seine Lippen öffneten sich.
'Ich glaube, Merrin ist zu denen übergelaufen, die ihr geben können, was sie will. Und sie will eines: die Vergangenheit ändern. Talzin retten. Ihre Schwestern retten."
Ahsoka trat von der Karte zurück. Ihr Spiegelbild im holografischen Gitter hielt sich einen Augenblick in der Luft wie ein Gespenst.
'Wir fliegen. Ein Schiff. Fünf: ich, du, Sabine, Kanan und ..." Sie stockte, ihre Lippen pressten sich zu einem dünnen Strich. 'Und derjenige, der den Weg besser kennt als jeder andere."
'Wer?", fragte Kanan, der den Raum betrat.
Er war vor Morgengrauen eingetroffen, hatte nicht geschlafen und sich nicht umgezogen; auf den Schultern seiner Jacke hielt sich noch der Reif einer fremden Atmosphäre. Sein altes Gesicht war blasser als sonst - auch er spürte, dass etwas Unwiderrufliches bevorstand. Seine Schritte waren leise, aber schwer, als müsse jeder einzelne erkämpft werden.
'Thrawn", sagte Ahsoka. Sie wandte sich ihm zu, und in ihren Augen brannte ein Feuer - keine Wut, sondern eine kalte, berechnende Flamme. 'Ich werde ihm eine Abmachung auf Zeit anbieten: Er führt uns zu dem Planeten und hilft uns, das Portal zu schließen. Im Gegenzug erhält er eine Antwort auf die Frage, ob die Zukunft, die er gesehen hat, tatsächlich unvermeidlich ist."
Die Stille wurde vollkommen. Selbst die holografische Karte schien zu erstarren.
'Du hast den Verstand verloren", hauchte Kanan. Seine Stimme war ein Flüstern, doch in diesem Flüstern lag Entsetzen.
'Möglich", stimmte Ahsoka zu und lächelte bitter, ohne Hoffnung. 'Aber es ist der einzige Weg zu verstehen, was tatsächlich geschieht. Und möglicherweise der einzige Weg, Merrin vor sich selbst zu retten."
Das Herz des Kults
Der namenlose Planet war schön, wie ein Grab schön sein kann.
Ahsoka brachte das Schiff durch Wolken herunter, die sich nicht auflösten, sondern verdichteten wie Fleisch, das sich über eine Wunde schließt. Unten, zwischen dem Dschungel, brannten Lichter - keine Stadt, sondern etwas anderes. Ein Muster. Geometrisch exakt, vollkommen symmetrisch, in den Boden gebrannt.
'Der Ritus", sagte Thrawn, der mit der Miene eines Ehrengastes im Sitz des Kopiloten saß. 'Sie bereiten sich darauf vor, den Durchgang zu öffnen. Nicht einen der kleinen - das Große Portal. Jenes, das die Welt zwischen den Welten ein für alle Mal mit der physischen Wirklichkeit verbindet."
'Und Sie haben das zugelassen?", fragte Ezra, ohne seinen Abscheu zu verbergen. Seine Hände umklammerten die Armlehnen, sein Blick sprang zwischen dem Instrumentenpult und dem Fenster hin und her, hinter dem Nebel waberte.
'Ich habe sie glauben lassen, ich wüsste nichts davon", antwortete Thrawn ruhig. Seine roten Augen leuchteten im Halbdunkel des Cockpits, und darin lag keine Beunruhigung, sondern Kalkül. 'Der Unterschied ist grundlegend."
Das Schiff setzte auf einer Lichtung im Zentrum des geometrischen Musters auf. Kaum hatte Ahsoka den Boden betreten, erzitterte die Luft ringsum und sang mit tausend Stimmen, die sie schon in der Welt zwischen den Welten gehört hatte.
'Du bist gekommen", sagten die Stimmen. 'Die Letzte Weiße. Wir haben auf dich gewartet."
'Alle aussteigen", befahl Ahsoka. Sie stand in der Luftschleuse, die Lichtschwerter am Gürtel, die Hände frei. 'Ohne Waffen. Die helfen hier nicht."
Sie traten heraus - zu fünft, jeder aus einer anderen Epoche und einem anderen Verständnis der Macht: die Frau, die den Orden verlassen hatte, ihr Schüler, eine Mandalorianerin, ein alter Lehrer und ein chissischer Stratege.
'Eine ungewöhnliche Gesellschaft", sagte eine Stimme aus der Dunkelheit.
Rikt trat ohne Maske ins Licht, und Ahsoka sah zum ersten Mal keinen Propheten, sondern einen Gefangenen. Das Gesicht war alt und abgenutzt wie ein Stein, den tausend Jahre Regen gewaschen haben. Die Augen brannten nicht mehr vor Wahnsinn; sie waren verängstigt. Hinter ihm standen seine Anhänger in Weiß, und ihre Blicke leuchteten in eben jenem kalten Licht, an dem die dünnen Stellen starben.
Ahsoka erstarrte.
Sie kannte diese Stimme. Sie hatte sie in der zerstörten Halle auf Peridea gehört, als sie in den Riss fiel, und danach in den Korridoren, bei den dathomirianischen Zeichen. Gemessen, von tempelhafter Schulung, mit der Müdigkeit eines Mannes, der zu lange nach dem Ausweg aus einem fremden Krieg gesucht hat.
'Du warst das", sagte sie. 'Damals, in der Welt. Du hast mit mir gesprochen."
'Das habe ich." Rikt leugnete es nicht. 'Du standest dazwischen, wie ich einst dazwischenstand. Ich musste wissen, was du mit deinem 'Dazwischen' anfangen würdest. Es als Geschenk annehmen oder als Urteil."
'Und was hast du entschieden?"
'Dass du es besser machst." Er lächelte schwach, und das Lächeln geriet erbärmlich. 'Das war unangenehmer, als ich erwartet hatte."
'Baylan Skoll", sagte Ahsoka. Ihre Stimme war fest, aber nicht feindselig: Sie sprach mit einem Menschen, nicht mit einem Feind. 'Du hast das Ende der Jedi und der Sith gesucht."
'Und dachte, ich hätte es gefunden." Seine Stimme zitterte, jedes Wort kostete Mühe. 'Ich nannte es Wahrheit. Ich sagte, die Macht dürfe das Universum nicht in Licht und Dunkelheit teilen. Aber ich habe den Austritt aus dem Kreis mit der Zerstörung des Kreises selbst verwechselt. Jetzt wiederholen sie meine Worte ohne mich."
"Du hast mich schon einmal dorthin geschickt, wohin deine Anhänger jetzt alle rufen", sagte Ahsoka. "Mit deiner Klinge. Auf Seatos, am Meer. Du hast nicht gefragt, ob ich aufwachen wollte."
Rikt wich ihrem Blick nicht aus.
"Ich erinnere mich. An jeden Schritt bis zur Klippe und an jeden danach. Ich erinnere mich auch daran, dass ich nichts gefühlt habe - damals hielt ich das für Klarheit." Er schloss für einen Moment die Augen. "Der Mann, der das getan hat, trug einen anderen Namen. Das ist keine Entschuldigung. Er war wirklich ein anderer."
"Du hast mir einen Gefallen getan." Sie lächelte nicht. "Nur nicht den, den du vorhattest."
Er kam näher. Von ihm ging ein Geruch nach Ozon und Altertum aus - der Geruch von Dingen, die zu lange im Vergessen gelegen haben.
'Ich bin nicht der Macht wegen in die Welt zwischen den Welten gegangen. Ich wollte die Tür finden, hinter der der Krieg von Jedi und Sith endlich aufhört. Zuerst schien es mir, die physische Welt sei nur ein Traum und die Welt zwischen den Welten das Erwachen. Das war die erste Lüge der Aushöhlung: Sie schreit nicht. Sie wiegt in den Schlaf."
'Aber deine Anhänger wollen das freilassen", sagte Ahsoka.
'Es sind nicht mehr meine. Ich habe abgesagt. Sie nicht. Wenn ein Kult lange genug gelernt hat, einen lebenden Menschen nicht zu hören, beginnt er, dessen alten Irrtum anzubeten."
Hinter ihm trat aus dem Großen Portal Merrin. Sie war in Weiß - nicht in Schwarz wie immer. In Weiß wie das Licht, das in Thrawns Augen brannte. Ihr Gesicht war blass, ihre Augen weit geöffnet, als sähe sie etwas, das sie zugleich betörte und erschreckte.
'Ahsoka", sagte sie. Ihre Stimme klang anders, entrückt, wie aus der Tiefe eines Traums. 'Ich weiß, was du denkst. Aber du irrst dich."
'Dann erkläre es mir."
Merrin ging nicht zu Rikt, sondern zu den weißen Anhängern am Durchgang. Sie wirkte nicht wie eine Untergebene. Eher wie ein Mensch, der zu müde geworden ist, dem Versprechen zu widerstehen, dass Schmerz sich widerrufen lässt.
'Sie haben den Kristall gefunden, den Talzin zurückgelassen hat. Sie ließen mich ihre Stimme wieder hören." Merrin blickte zum Durchgang. 'Sie bieten eine Welt an, in der niemand endgültig stirbt. In der jeder zurückkehren kann, solange man sich an ihn erinnert. In der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gleichzeitig bestehen. Du hast es gesehen. Du weißt, dass es möglich ist."
'Ich habe es gesehen", nickte Ahsoka. 'Und ich habe begriffen, dass es ein Urteil ist. Schlimmer als der Tod. Denn in einer Welt ohne Verluste gibt es auch keine Liebe. Nur endlos dasselbe."
Rikt lachte nicht. Er schloss die Augen, als hörte er die eigene Stimme aus fremden Mündern kommen.
'Jedi-Propaganda", sprach der Chor der Anhänger. Die Stimmen liefen zu einer zusammen, unpersönlich, mechanisch. 'Verzicht auf das Leben im Namen der Pflicht. Du bist besser als sie, Ahsoka Tano. Du hast geliebt. Du hast verloren. Du weißt, dass Verluste uns nicht stärker machen. Sie machen uns leer."
'Nein." Ahsoka trat vor, und ihr Schatten fiel über das geometrische Muster und verdarb seine Vollkommenheit. 'Verluste machen uns menschlich. Und ich will nichts anderes sein."
Sie zog ihre Lichtschwerter. Sie zündete sie nicht - sie hielt sie nur, als Erinnerung daran, wer sie gewesen war und wer sie geworden war. Das Licht des Durchgangs spiegelte sich in den Griffen und in ihren Augen und machte sie beinahe durchsichtig.
'Merrin. Ich bin nicht gekommen, um dich zu töten. Ich bin gekommen, um dich nach Hause zu holen."
'Ich habe kein Zuhause", antwortete Merrin, und zum ersten Mal im ganzen Gespräch lag Trauer in ihrer Stimme. Kein Zorn, kein Wahnsinn - eine tiefe, verbrauchte Trauer, die eines Menschen, der seinen Schmerz zu lange getragen hat. 'Du hast es gesehen. Du warst dort. Meine Mutter ist gestorben. Meine Schwestern sind gestorben. Meine Welt wurde verbrannt. Was kannst du mir anbieten?"
'Eine Zukunft", sagte Ahsoka. 'Nicht die, die du dir vorstellst. Aber eine, in der du etwas Neues bauen kannst. Nicht anstelle des Alten. Sondern daneben."
Sie streckte die Hand aus. Die Handfläche war offen, ungeschützt, anbietend.
'Komm. Bitte."
Merrin sah die Hand an. Dann Rikt. Er schüttelte kaum merklich den Kopf: Geh nicht. Doch hinter ihm pulsierte der Durchgang und versprach das Unmögliche - Dathomir ohne Asche, Talzin ohne Tod, Schwestern ohne Schreie in der Nacht. Weißes Licht strömte in Wellen heraus, und in diesen Wellen glaubte Merrin die Gesichter aller zu erkennen, die sie verloren hatte.
Sie trat einen Schritt vor.
Aber nicht auf Ahsoka zu. Auf den Durchgang zu.
'Es tut mir leid", sagte sie. Ihre Stimme zitterte, doch die Entscheidung war gefallen. 'Ich kann nicht vergessen."
Und sie trat hinein.
Im Inneren der Bestie
Ahsoka sprang ohne nachzudenken hinterher.
Die Welt zwischen den Welten empfing sie mit einer brüllenden Sinfonie: Tausende Stimmen, Tausende Türen, Tausende Versionen der Zukunft, die ins Nichts zusammenfielen. Der Raum gehorchte hier keinem physikalischen Gesetz - der Boden unter ihren Füßen war einen Moment fest und im nächsten flüssig, als liefe sie über die Oberfläche eines Spiegels, der nicht sie zurückwarf, sondern alle, die sie hätte sein können. Die Farben waren falsch, zu grell, zu hart, mit Schattierungen, die es in der wirklichen Welt nicht gab. Die Luft roch nach Ozon und altem Staub, und ein gleichmäßiges Dröhnen vibrierte darin, als wäre das Gewebe der Wirklichkeit bis zum Äußersten gespannt.
Doch durch dieses Chaos hindurch sah sie Merrin - eine weiße Gestalt, die einen Korridor entlanglief, der kein Korridor war, über einen Boden, der kein Boden war. Ihre Schritte warfen kein Echo; stattdessen erzeugte jeder einen Laut, den Ahsoka hörte, bevor er geschah.
'Halt!", rief Ahsoka. Ihre Stimme lief in Echos aus, doch die Echos waren nicht ihre: Ihre eigenen anderen Stimmen riefen aus anderen Zeiten, aus anderen Entscheidungen.
Merrin drehte sich um. Ihre Augen, jene schwarzen, bodenlosen Brunnen, leuchteten nun nicht in Dunkelheit, sondern in Weiß. Demselben Weiß wie Thrawns. Demselben Weiß wie dem der Welt selbst. Ihr Gesicht war ruhig, beinahe selig, als hätte sie die Linie bereits überschritten, hinter der Schmerz aufhört zu existieren.
'Du verstehst nicht, Ahsoka", sagte sie, ohne stehen zu bleiben. Ihre Stimme kam von überall und nirgends zugleich. 'Ich bin bereits tot. Ich bin in dem Moment gestorben, als ich vor zwanzig Jahren hier hineingegangen bin. Alles, was bleibt, ist Erinnerung. Und ich will, dass meine Erinnerung eine glückliche ist."
'Und wenn das Glück eine Lüge ist?"
'Dann sterbe ich glücklich. Was macht das für einen Unterschied?"
Sie liefen in eine große Halle hinaus - das Herz der Welt zwischen den Welten, in dem alle Erinnerungen, alle Entscheidungen, alle Tode aufbewahrt wurden. Der Raum dehnte sich hier ins Unendliche und war zugleich eng und erstickend. Die Wände bestanden aus Türen - Millionen von Türen, jede führte in einen Augenblick, der hätte geschehen können und nicht geschehen war. Ihre Klinken zitterten, als versuche jemand, sie von innen zu öffnen.
Und dort, in der Mitte, stand der Altar. Ebenjener, den Ahsoka am ersten Tag gesehen hatte. Er war aus einem weißen Stein gehauen, der Knochen glich, und pulsierte in einem inneren Licht, das mit dem Herzschlag der Welt synchron war.
Auf dem Altar lag nicht Merrin, sondern ihr Abdruck: eine Hülle aus Erinnerung, geformt aus jenen Jahren, welche die Welt zwischen den Welten ihr genommen hatte. Sie atmete wie ein lebendiger Körper, doch es war das Atmen eines Archivs, nicht von Fleisch - gleichmäßig, mechanisch, ohne den Geruch von Schweiß und Blut. Der Körper war halb durchsichtig, und andere Szenen schienen hindurch: Merrin als junge Frau, Merrin auf Dathomir, Merrin in dem Augenblick, als sie zum ersten Mal in den Riss trat.
'Das bin ich", sagte Merrin und deutete auf die Hülle. Ihre Finger zitterten, nicht vor Furcht, sondern vor Erwartung. 'Nicht der Körper. Die Spur. Alles, was ich hiergelassen habe, als ich das erste Mal hereinkam. Wenn ich mich wieder mit ihr verbinde, kehre ich nicht körperlich in die Vergangenheit zurück. Ich werde eine Wunde, durch die die Vergangenheit in die Gegenwart auszulaufen beginnt. Ich komme zu meiner Mutter - aber durch alle anderen hindurch."
'Das wird dich töten."
'Das wird mich innerhalb dieses Ortes unsterblich machen."
Ahsoka umrundete den Altar langsam. Ihre Schritte machten keinen Laut, doch jeder hinterließ eine Spur - einen leuchtenden Abdruck, der sofort zu wuchern begann und die nächstgelegenen Türen verschlang.
'Du weißt, dass ich recht habe. Dass sich die Vergangenheit nicht ändern lässt. Du hast es bei Talzin gesehen. Sie hat ihren Tod gewählt."
'Sie hat sich geirrt." Merrins Stimme brach, und in diesem Brechen trat ihr ganzer Schmerz hervor. 'Sie dachte, das Opfer bedeute etwas. Aber Palpatine hat überlebt. Das Imperium hat überlebt. Nichts hat sich geändert."
'Doch, es hat sich geändert." Ahsoka trat ganz dicht an sie heran. 'Maul hat überlebt, weil sie sich entschied, ihn zu retten. Du hast lange genug gelebt, um hier zu stehen und dich anders zu entscheiden. Ein Opfer braucht keine Zeugen, um Bedeutung zu haben. Du siehst es nicht, weil du zu dicht am Schmerz stehst."
Sie nahm Merrin bei der Hand - einer eisigen, halb durchsichtigen, beinahe unwirklichen Hand. Die Finger waren dünn und zerbrechlich, wie aus Eis geschnitten, und durch diese Kälte hindurch spürte Ahsoka einen Puls - nicht den eines Herzens, sondern den der Welt selbst, die im Takt ihrer eigenen Furcht schlug.
'Ich will ihn auch zurück", sagte sie leise. 'Anakin. Jede Nacht sehe ich seine Augen in dem Moment, in dem er zu Vader wurde. Und jede Nacht frage ich mich: Was, wenn ich geblieben wäre? Was, wenn ich nicht gegangen wäre?"
'Und was antwortest du?"
'Dass er seine Wahl getroffen hat. Nicht Palpatine. Nicht die Jedi. Er selbst. Und ich habe kein Recht, ihm diese Verantwortung wegzunehmen."
Merrin sah auf ihre Finger, die in Ahsokas Hand lagen. Durch die halb durchsichtige Haut schienen Knochen hindurch, doch sie waren nicht weiß - sie leuchteten in demselben weißen Licht wie die Augen der Anhänger.
'Du bist stärker als ich", sagte sie.
'Nein. Ich übe nur länger, zu verlieren."
Am anderen Ende der Halle öffnete sich eine Tür. Nicht eine - Hunderte. Aus jeder traten Gestalten in Weiß; ihre Gesichter waren unter Kapuzen verborgen, doch ihre Augen brannten in einem toten Licht, identisch und unpersönlich. Ihre Schritte waren synchron, mechanisch, als wären sie keine Menschen, sondern Teile eines einzigen riesigen Organismus. Ihre Arme waren nach vorn gestreckt, ihre Finger zu Zeichen verflochten, die Ahsoka wiedererkannte: Rikts Ritualsiegel, ausgeführt ohne Eingebung, automatisch, wie ein Gebet, das man aufsagt, nachdem man seinen Sinn vergessen hat.
Rikt selbst war unter ihnen, aber nicht an ihrer Spitze: Ihn hielten die Fäden des Ritus, gewoben aus seinen eigenen alten Schwüren. Er kämpfte dagegen an, sein Gesicht verzerrt vor Anstrengung, doch die Fäden hatten sich in seine Handgelenke, seinen Hals, seine Schläfen gebissen, und das Blut, das aus diesen Wunden tropfte, war nicht rot - es war weiß wie das Licht des Durchgangs.
'Der Ritus beginnt", sagte der Chor. Die Stimmen waren verschieden, doch die Betonung war eine, eine alte, Rikts, mechanisch im Kult konserviert. 'In wenigen Minuten öffnet sich das Große Portal für immer. Rikta wird Gesetz, und eure Welt wird Erinnerung."
'Das könnt ihr nicht tun", sagte Ahsoka. Ihre Stimme zitterte, doch sie richtete sich auf, und die Lichtschwerter am Gürtel antworteten ihrem Willen und pulsierten kaum merklich. 'Die Macht wird es nicht zulassen."
'Die Macht hat keine Stimme", antwortete der Chor und lief zu einem einzigen dröhnenden, unpersönlichen Laut zusammen. 'Nur wir. Nur jene, die dazwischen sind."
Es hob sich nicht eine Hand - es hoben sich Dutzende. Der Altar mit Merrins Abdruck leuchtete blendend weiß auf, und dieses Licht begann alles in sich hineinzuziehen: Erinnerungen, Türen, Stimmen, den Raum selbst. Rikt riss sich nach vorn und versuchte, die Fäden zu zerreißen, doch seine alten Worte erwiesen sich als stärker als seine gegenwärtige Reue.
Das Große Portal ließ die nächstgelegenen Korridore der Welt zwischen den Welten in eine Singularität kollabieren. Das Licht wurde unerträglich, und Ahsoka spürte, wie ihre eigenen Erinnerungen sich loszureißen begannen - Augenblicke mit Anakin, mit Rex, mit Sabine -, und alle strebten dem Durchgang zu wie Motten der Flamme.
Die Mauer
Ezra spürte es eine Sekunde, bevor der Durchgang auf dem Planeten in Licht explodierte.
Er stand am Eingang des Tempels und sah, wie der weiße Schein aus dem Boden brach wie Blut aus einer Wunde, die sich nicht nähen lässt. Die Luft ringsum vibrierte, und von ihr ging Wärme aus - keine lebendige, keine angenehme, sondern eine klamme, kranke, wie eine Verbrennung, die nicht heilt. Der Himmel über dem Planeten hatte sich verändert: Die Wolken, eine Minute zuvor noch grau und trüb, drehten sich jetzt in einer Spirale, verdichteten sich zu einem Punkt über dem Durchgang und bildeten einen Trichter, der nirgendwohin führte.
'Ahsoka ist da drin!", rief er. Seine Stimme schnitt durch das Dröhnen, klang aber fremd, verzerrt, als schriee ein anderer durch seinen Mund.
'Und Merrin", fügte Sabine hinzu und zündete ihr Jetpack. Ihre Rüstung warf das weiße Licht zurück und ließ sie wie eine Statue aus Eis wirken. 'Ich gehe ihnen nach."
'Nein." Thrawn fing sie am Arm ab. Seine Finger waren kalt und stark und ließen keine Wahl. 'Sie würden dort nicht überleben. Niemand überlebt, außer jenen, die diesem Ort bereits gehören."
'Und was zum Teufel sollen wir dann tun?"
Thrawn sah auf den Durchgang - riesig, pulsierend, gierig darauf, die Wirklichkeit zu verschlingen. Seine roten Augen leuchteten im weißen Widerschein, und in seinem Gesicht stand keine Furcht, sondern Kalkül, kalt und exakt wie das Ziehen von Figuren auf einem Brett.
'Wir schließen ihn von außen", sagte er. 'Mit Splittern des Mortis-Throns. Ich habe drei. Gleichzeitig aktiviert, kollabiert der Durchgang."
'Und Ahsoka?"
'Ahsoka stirbt", sagte Thrawn erbarmungslos, ohne dass seine Stimme zitterte, als spräche er über das Wetter. 'Oder wird auf Dauer Teil jener Welt."
Sabine drehte langsam den Kopf zu ihm.
'Morren hat das schon einmal getan. Mit Ezra. Einen Splitter statt einer Uhr und den Befehl zu schließen, falls er nicht zurückkommt."
'Hat er." Thrawn nahm den Blick nicht vom Durchgang. 'Und damals hat es funktioniert."
'Und Sie haben beschlossen, es zu wiederholen."
'Ich habe bemerkt, dass ich mich wiederhole. Das ist etwas anderes." Endlich sah er sie an. 'Menschen reproduzieren, was einmal gelungen ist, selbst wenn von den früheren Umständen rein gar nichts übrig ist. Auf dieser Gewohnheit stehen ganze Zivilisationen, und an ihr enden sie. Der Unterschied zwischen mir und Ihnen liegt nicht darin, dass ich frei von dem Muster wäre. Der Unterschied liegt darin, dass ich es sehe."
'Und trotzdem machen Sie dasselbe."
'Und trotzdem mache ich es." Er neigte den Kopf ein wenig. 'Beständigkeit ist das Einzige, was ich anstelle von Glauben habe."
'Ich bin nicht einverstanden." Ezra trat vor. Sein Gesicht war blass, seine Augen weit aufgerissen, doch in ihnen brannte ein Feuer, das Ahsoka sofort erkannt hätte: das Feuer eines Menschen, der nicht bereit ist, noch einen Lehrer zu verlieren. 'Ich gehe da rein. Ich hole sie raus."
Kanan legte ihm eine Hand auf die Schulter. Die Handfläche war warm, schwielig, schwer von durchlebten Jahren.
'Das kannst du nicht, mein Junge. Die Welt zwischen den Welten kennt dich bereits. Vielleicht kommst du ein drittes Mal auf demselben Weg nicht unversehrt zurück. Glaub das einem, der seit Jahren der Wunde nachspürt, die sie in der Macht hinterlässt."
'Und was schlägst du vor? Zuzusehen, wie sie stirbt?"
'Ich schlage vor, ihr zu vertrauen", sagte Kanan. Seine Stimme war leise, doch eine unerschütterliche Gewissheit lag darin. 'Ahsoka weiß immer, was sie tut. Auch wenn es so aussieht, als wüsste sie es nicht."
Sie sahen zu, wie der Durchgang wuchs, pulsierte, atmete. Das weiße Licht wurde immer heller, und darin begannen Gestalten hervorzutreten - keine Menschen, keine Gespenster, sondern etwas dazwischen, etwas, das einmal lebendig gewesen und nun Teil des Archivs geworden war, Teil des ewigen Speichers. Ihre Hände streckten sich nach außen, ihre Finger bewegten sich, als versuchten sie, eine Wirklichkeit zu fassen, die ihnen aus den Armen glitt.
Drinnen, im Herzen der Dunkelheit, stand Ahsoka vor einer Entscheidung, die über das Schicksal der Galaxis befand. Sie sah den Durchgang nicht von außen, hörte den Streit ihrer Freunde nicht. Sie sah nur Merrin - weiß, leuchtend, am Rand des Altars stehend und bereit, in die Leere zu treten. Und sie sah Rikt, der gegen die Fäden seines eigenen Ritus kämpfte und dessen weißes Blut auf den Stein tropfte und ebenjene Maschine nährte, die er einst erschaffen hatte.
'Letzte Chance", sagte die Stimme der Welt zwischen den Welten. Sie kam aus allen Richtungen zugleich, aus dem Gewebe des Raumes selbst. 'Werde zur Tür. Oder stirb bei dem Versuch, sie zu schließen."
Ahsoka hob die Lichtschwerter. Die Klingen flammten weiß in der weißen Leere - und waren dennoch zu sehen, so wie Knochen im Schnee zu sehen sind. Für einen Augenblick stand alles still: die Zeit, der Raum, die Welt zwischen den Welten selbst. In diesem Augenblick sah Ahsoka alles - die Vergangenheit, die Gegenwart, die möglichen Zukünfte. Sie sah Anakins Gesicht: nicht das des jungen Mannes, nicht Vader, sondern den Mann, der er hätte werden können, wenn er anders gewählt hätte.
Und sie wählte.
'Ich werde nicht die Tür sein", sagte sie. 'Ich werde die Mauer sein."
Die letzte Tür
Im weißen Licht des Altars sah Ahsoka eine Tür.
Sie erschien ohne Vorwarnung: inmitten des Chaos aus pulsierendem Licht, inmitten der Tausenden von Türen, die sich ringsum öffneten und schlossen, war diese eine die einzige unbewegte. Weiß, schlicht, ohne Verzierung bis auf eine einzige - einen Namen, gewoben aus Schatten und Licht auf ihrer Oberfläche. Anakin Skywalker. Die Buchstaben leuchteten nicht; sie sogen das Licht auf und schufen um die Tür einen Hof aus Halbdunkel, als wäre sie ein Schwarzes Loch, das sich als Eingang ausgab.
'Wenn du sie öffnest", sagte Merrin, die neben ihr stand. Ihre Stimme war seltsam gleichmäßig, ohne alles Gefühl, das eine Minute zuvor noch in ihr getobt hatte. Die weißen Gewänder des Kults hingen in Fetzen an ihr, und darunter kam ihr eigener schwarzer Stoff hervor, echt. 'Dann siehst du ihn. Nicht Vader. Nicht das Ungeheuer. Nur den Mann, der er hätte sein können."
'Es ist eine Falle", antwortete Ahsoka. Ihr Herz hämmerte so, dass sie es in den Ohren hörte und den Puls in den Fingern spürte. Die Tür lockte nicht mit Schönheit und nicht mit Versprechen, sondern mit Einfachheit. Dahinter lag eine Welt ohne Schmerz, ohne Verlust, ohne Einsamkeit. 'Nicht Rikt. Seine alte Lehre. Sie weiß noch immer, was ich am meisten will."
'Vielleicht. Aber die Gefühle darin sind echt. Ich spüre sie. Er ist dort. Lebendig. Nicht in der Vergangenheit - in irgendeiner Spiegelung der Wirklichkeit, in der er anders gewählt hat."
Ahsoka ging auf die Tür zu. Die Entfernung zog sich zusammen und dehnte sich, als liefe sie über ein Band, das in die Gegenrichtung kroch. Doch sie ging, Schritt um Schritt, und spürte, wie mit jedem Schritt etwas abfiel: Zweifel, Ängste, gesunder Menschenverstand. Als sie die Tür berührte, erwies sich die Oberfläche als warm und lebendig, als wäre sie nicht aus Holz, sondern aus Haut.
Und sie hörte seine Stimme.
'Schnippi. Du bist gekommen. Ich wusste, dass du kommst."
Die Stimme war genau die aus ihren besten Erinnerungen. Jung, lachend, voller Hoffnung. Nicht jene, die auf Mustafar von unterschätzter Macht gesprochen hatte. Nicht jene, die im mechanischen Atem Vaders geröchelt hatte. Es war die Stimme ihres Meisters, ihres Freundes, ihrer Familie.
Tränen traten ihr in die Augen - zum ersten Mal seit Jahrzehnten. Sie waren unangenehm und heiß, und sie wusste nicht, ob sie vor Freude weinte oder vor Kummer.
'Anakin ..."
'Komm herein. Bleib bei mir. Wir können zusammen sein. Für immer."
Ahsoka stand vor der Tür, die sie von allem trennte, was sie je gewollt hatte. Von einer Welt, in der Anakin nicht zu Vader geworden war. In der der Orden nicht gefallen war. In der sie nicht allein war.
Ihre Hand zitterte über der Klinke. Sie wusste: Eine Drehung, ein Schritt hinein, und der Schmerz wäre fort. Alles wäre fort. Es gäbe nur Licht und ihn und sie - zusammen, wie sie es im Leben nie gewesen waren.
Und sie öffnete sie nicht.
Nicht, weil es falsch gewesen wäre.
Sondern weil sie endlich die Lektion begriffen hatte, die Anakin nie hatte lernen können: Liebe ist kein Grund festzuhalten. Liebe ist die Fähigkeit loszulassen.
'Leb wohl, Meister", flüsterte sie.
Und sie schlug mit der Klinge gegen die Tür.
Die Klinge flammte weiß auf, blendend selbst in der weißen Leere. Die Tür sprang - zerbarst nicht, sondern sprang, wie ein Spiegel springt, und in jeder Scherbe sah Ahsoka eine Spiegelung: Anakin lachend, Anakin weinend, Anakin Abschied nehmend. Dann zerfielen die Scherben zu Staub, und das Licht verschlang den Staub.
Merrin schrie. Die weißen Gewänder rissen auf und legten ihre schwarzen Tätowierungen frei; ihre Augen flammten in Dunkelheit auf und erloschen.
'Du ... du hast ihn getötet", flüsterte sie. 'Schon wieder."
'Ich habe ihn losgelassen", antwortete Ahsoka. 'Zum zweiten Mal. Und diesmal wirklich."
Der Durchgang hinter ihnen begann sich zu schließen: Thrawn hatte die Splitter des Throns ausgelöst. Die weißen Anhänger verschwanden im Licht und wurden zur Erinnerung an eine Erinnerung.
Was starb, war nicht die Welt zwischen den Welten. Was starb, war das künstliche Maul, das der Kult in die Wirklichkeit geschnitten hatte.
Rikt verschwand nicht. Er stand am Rand des Risses und hielt ihn von innen und wandte seinen Willen endlich nicht mehr auf das Öffnen der Leere, sondern auf ihr Versiegeln. Ahsoka sah ihn durch den sich verengenden Spalt und streckte die Hand aus.
'Komm!"
Rikt schüttelte den Kopf. Nähte aus Licht wuchsen bereits in seine Handflächen hinein, und er versuchte nicht, sie abzuschütteln.
'Jemand muss halten, bis es zusammenwächst", sagte er, und seine Stimme war gewöhnlich, alt, ohne jedes Echo. 'Ich habe mein ganzes Leben den Ausweg aus dem Kreis gesucht. Es stellt sich heraus: Der Ausweg ist, wenn man selbst zum Rand wird."
'Kanan hat dich nicht dafür herausgeholt."
'Kanan hat mich herausgeholt, damit ich wählen kann." Er lächelte beinahe. 'Sag ihm, ich habe gewählt."
Ahsoka packte Merrin bei der Hand.
'Lauf!"
Sie rannten durch einen Korridor, der unter ihren Füßen zerschmolz, vorbei an Türen, die einen Augenblick zuschlugen, bevor sie hindurchkamen. Die Zeit dehnte sich, presste sich zusammen, versuchte sie zu töten.
Und im letzten Moment, als keine Luft mehr da war und das Licht endgültig erloschen war, flogen sie hinaus - geradewegs in Sabines und Ezras Arme.
Der Durchgang schloss sich hinter ihnen mit einem Geräusch, als atme das Universum erleichtert aus.
Merrin lag auf dem Boden, sah in den Himmel - in einen wirklichen Himmel über einem wirklichen Planeten - und weinte. Zum ersten Mal mit lebendigen Tränen.
Ahsoka setzte sich neben sie und nahm sie in die Arme.
'Es ist gut", sagte sie. 'Du bist zu Hause."
'Ich habe kein Zuhause", flüsterte Merrin.
'Du wirst eines haben", antwortete Ahsoka. 'Ich verspreche es."
Zwei Begegnungen
Thrawn erwartete sie beim Schiff.
Er stand unbeweglich da wie eine Statue aus Eis und Schatten, und nur seine roten Augen brannten im Dämmerlicht des Sonnenuntergangs und fingen die letzten Strahlen einer sterbenden Sonne. Die weiße Uniform, nach allem, was sie durchgemacht hatten, noch immer makellos, wirkte gespenstisch vor dem silbernen Rumpf des Shuttles. Der Wind zerrte an seinem Mantel, und er beachtete es nicht, als wäre er Teil der Landschaft - ein Element, das sich nicht entfernen, sondern nur hinnehmen lässt.
'Der Ritus ist gestoppt", sagte er trocken, als sie herankamen. Seine Stimme war gleichmäßig und ohne Ausdruck, doch Ahsoka bemerkte, oder glaubte zu bemerken, eine leichte Müdigkeit in der Betonung. 'Der Durchgang ist geschlossen. Der Antara-Kult ist zerstört oder zerstreut. Mein Teil der Abmachung ist erfüllt."
'Welcher Abmachung?", fragte Ezra. Er stand etwas dahinter, die Hand am Schwert, und Kampfbereitschaft war in jeder Linie seines Körpers zu lesen.
'Nicht Ihrer." Thrawn sah Ahsoka an. Der Blick war durchdringend, abwägend, als versuche er noch immer zu ergründen, wie ihr gelungen war, was sich der Berechnung entzog. 'Unserer. Ahsoka Tanos und meiner."
Ahsoka nickte. Ihr Gesicht war ruhig, doch in ihren Augen, die zu viel gesehen hatten, regte sich etwas wie Respekt.
'Ich erinnere mich. Sie haben mir die Wahrheit über die Erste Ordnung gezeigt. Ich habe Ihnen gezeigt, dass die Zukunft nicht feststeht. Wir sind quitt."
'Vorläufig." Thrawn wandte sich seinem Schiff zu. Seine Bewegungen waren geschmeidig und sparsam, jede Geste bemessen. 'Aber vergessen Sie nicht, Ahsoka Tano: Ich halte meine Strategie noch immer für besser als Ihre. Und wenn Ihre Neue Republik fällt - und sie wird fallen -, dann komme ich. Und dann werde ich kein Bündnis anbieten."
'Ich weiß", sagte Ahsoka. Ihre Stimme war leise, aber fest wie ein Stein, auf den man sich stützen kann. 'Ich werde warten."
Thrawn blieb stehen. Sein Rücken war gerade, seine Schultern gestrafft, doch für einen Moment - nur für einen Moment - verharrte er, als hätte sich in seinem Inneren etwas verschoben.
'Sie fürchten mich nicht?"
'Ich fürchte vieles, Großadmiral. Aber nicht Sie. Sie achte ich einfach. Als Ebenbürtigen."
Der Chiss nickte langsam - eine Geste der Anerkennung, die er in all seinen Dienstjahren im Imperium niemandem gemacht hatte. Sein Gesicht blieb unlesbar, doch in den roten Augen blitzte etwas auf, das Dankbarkeit ähnelte. Keine Freundschaft, nein. Verständnis. Das Eingeständnis, dass beide Soldaten waren, die für ihre eigene Vorstellung von Ordnung kämpften, so verschieden diese Vorstellungen auch sein mochten.
'Das bedeutet viel", sagte er leise, beinahe zu sich selbst. 'Viel Glück, Ahsoka Tano."
'Ihnen auch, Thrawn."
Sein Schiff stieg mit einem Dröhnen in den Himmel, das über die Ebene rollte wie Donner. Sie sahen zu, wie es zu einem Punkt wurde, zu einem Funken, zu nichts, und im Hyperraum verschwand und nichts zurückließ als eine Spur ionisierten Gases, die langsam in der Atmosphäre zerging.
'Glaubst du wirklich, dass er nicht als Feind zurückkommt?", fragte Sabine. Sie stand neben ihr, und ihre Rüstung fing den Sonnenuntergang ein und ließ sie wie eine Statue aus Feuer wirken.
'Ich glaube, er kommt als Stratege zurück", antwortete Ahsoka, ohne den Blick vom Himmel zu nehmen, an dem das Schiff eben verschwunden war. 'Ob als Feind oder als Verbündeter - das liegt an uns."
Was bleibt
Nachdem Thrawn fort war, wirkte die Basis auf dem Asteroiden leer.
Ahsoka saß allein in der Lagezentrale. Jenseits des Aussichtsfensters drehten sich langsam die Docks: kahle Gerüste, erstarrte Greifarme, rostrote Flecken auf den Trägern, und weiter draußen, jenseits des Felsrands, die Sterne - jene, um derentwillen das alles geschehen war. Die Automatik hatte die Station auf den Nachtzyklus umgestellt, und das Licht in den Korridoren war auf ein Purpurrot gedimmt.
Auf dem Tisch vor ihr lag ein Lichtschwert - nicht ihre weißen Klingen, sondern ein altes, abgegriffenes mit ledernem Griff. Sie erkannte es sofort: Ezra hatte es als Junge getragen. Sabine hatte diesen Griff all die Jahre bei sich behalten, in denen sie fort gewesen waren, und erst heute wortlos auf den Tisch gelegt. Das Metall war warm von fremden Händen, und ein Echo lag darin - nicht das der Macht, sondern schlicht das einer Erinnerung, im Material erstarrt.
Sabine kam ohne anzuklopfen herein. Ihre Rüstung hatte sie abgelegt, und ohne sie wirkte die Mandalorianerin kleiner und verletzlicher - einfach eine Frau mit müdem Gesicht und nachlässig hochgestecktem Haar. Sie trug zwei Becher, und der Dampf des Kafs stieg in die kühle Luft und wand sich zu seltsamen, beinahe lebendigen Mustern.
'Sie ist weg", sagte Sabine und stellte einen Becher vor Ahsoka. 'Merrin. Heute Morgen."
'Ich weiß. Ich habe sie verabschiedet."
'Sie hat sich von jedem verabschiedet. Von Ezra gesondert, die beiden haben lange geredet." Sabine setzte sich gegenüber und umfasste ihren Becher mit beiden Händen. 'Ich dachte, sie geht wie beim letzten Mal. Nachts, wortlos."
'Beim letzten Mal ist sie geflohen", sagte Ahsoka. 'Heute ist sie gegangen. Das sind zwei verschiedene Dinge, und sie wollte, dass wir den Unterschied sehen."
Draußen veränderte sich nichts: Auf einem Asteroiden gibt es weder Sonnenuntergang noch Sonnenaufgang, nur einen Wechsel der Beleuchtungsprogramme, den ein Paneel meldet. Ahsoka ertappte sich dabei, dass ihr das fehlte.
'Und du hast sie gehen lassen."
'Ich habe ihr ein Zuhause versprochen." Ahsoka drehte den Becher zwischen den Fingern. 'Ein Zuhause ist nicht der Ort, der einen nicht gehen lässt. Es ist der Ort, an den man zurückkehren kann."
Sie schwiegen und tranken den Kaf, bitter und zu stark: Sabine kochte ihn immer, als bereite sie sich auf einen letzten Tag vor.
'Ezra versucht zu schlafen", sagte Sabine schließlich. 'Zum ersten Mal seit einer Woche. Er hat geweint, Ahsoka. Nachdem Thrawn weg war. Nicht vor Erleichterung. Weil er wieder wählen musste."
'Zwischen Vergangenheit und Zukunft?"
'Zwischen Rettung und Gerechtigkeit. Er wollte Thrawn töten. Selbst. Für alles, was der ihm angetan hat, uns, der Galaxis."
Ahsoka nickte. Sie verstand es viel zu gut. In ihrem Kopf klang noch immer Anakins Stimme, die aus der Tür rief, die sie zerstört hatte.
'Er hat richtig gewählt", sagte sie. 'Wir werden nicht besser, indem wir die töten, die schlechter waren."
Sabines Mundwinkel verzog sich - bitter, ohne Heiterkeit.
'Du klingst wie eine Jedi."
'Ich klinge wie jemand, der ihnen zu lange zugehört hat", sagte Ahsoka. 'Das ist nicht dasselbe."
Die Station ging vollends in den Nachtzyklus über, und im Raum wurde es beinahe dunkel. Die Sterne hinter dem Fenster hatten sich nicht um ein Haar verschoben, und Ahsoka sah sie an und erinnerte sich an den Tempel, an Anakin, an alle, die sie verloren hatte. Sabine schlief in ihrem Sessel ein, den Kopf zur Seite geneigt, und die angespannte Linie ihres Kiefers löste sich endlich.
Eine Stunde später stand Ahsoka auf und trat ans Fenster. Unten, auf der Aussichtsplattform des Docks, stand Ezra. Er sah in dieselbe Richtung wie sie. Seine Schultern waren gestrafft, doch seine Hände waren hinter dem Rücken zu Fäusten geballt.
Sie ging nicht zu ihm hinunter. Jetzt musste er allein sein. Jetzt musste jeder von ihnen allein sein - um zu spüren, was bleibt, wenn der Lärm einer Schlacht verklungen ist.
Bald darauf kam Ezra allerdings von selbst herein.
'Ich konnte nicht schlafen. Der Rundgang ist beendet. Alles sauber. Keine Spuren des Kults, keine Durchgänge."
'Es wird auch keine geben", sagte Ahsoka. 'Rikt ist geblieben, um die Naht von innen zu halten. Er ist auf keiner der beiden Seiten herausgekommen. Ich glaube, er hatte es auch nie vor."
Ezra ließ sich langsam in einen Sessel sinken.
'Weiß Kanan es?"
'Ich habe ihm eine Nachricht geschickt. Drei Worte, wie er es mag." Ahsoka hielt inne. 'Er hat mit einem geantwortet."
Sie sagte nicht, mit welchem, und Ezra fragte nicht nach.
'Und die anderen?", fragte Sabine, die von ihren Stimmen aufgewacht war. 'Die, die Weiß getragen haben."
'In alle vier Winde zerstreut." Ahsoka stellte ihren Becher ab. 'Die meisten werden wahrscheinlich zu ihren Familien zurückkehren, und viele werden sie nicht wieder aufnehmen: Ein Kult nimmt einem Menschen alles, einschließlich der Fähigkeit zu erklären, wo er gewesen ist. Einige werden sich vielleicht den Behörden der Neuen Republik stellen; ihnen wird es womöglich besser ergehen - mit ihnen redet wenigstens jemand. Ein paar Dutzend sind Rikt in den Riss gefolgt."
'Und?"
'Und sind nicht herausgekommen. Weder dort noch hier." Ahsoka sah aus dem Fenster. 'Vielleicht halten sie mit ihm. Vielleicht sind sie einfach nicht mehr da. Es gibt nur einen Weg, das herauszufinden, und den werde ich nicht wählen."
'Menschen, die getötet haben", sagte Sabine leise.
'Menschen, die man noch zurückholen kann", antwortete Ahsoka. 'Wenn sich jemand findet, der suchen geht."
Sabine sah sie lange an, abwägend, beinahe feindselig. Dann nickte sie.
'Merrin ist gegangen, um ihnen den Weg zu zeigen?"
'Merrin ist gegangen, um zu suchen. Das Zeigen kommt später, falls es dann noch jemanden gibt."
Sie verließen den Raum. Auf dem leeren Schränkchen neben der Tür lag die Schnur aus Knochenperlen - Merrin hatte sie am Morgen abgenommen und wortlos dort abgelegt. Ahsoka rührte sie nicht an. Ein zurückgelassener Gegenstand bedeutet die Absicht zurückzukehren, und das wussten sie beide.
Im Korridor war es dunkel: Die Automatik sparte Energie und schaltete das Licht nur bei Bewegung ein. Ihre Schritte lösten Lichtblitze aus, die sofort wieder erloschen, und sie gingen durch abwechselnde Streifen aus Helligkeit und Dunkelheit wie durch einen Reinigungsritus.
In der Kombüse fand sich kalter Kaf - Sabine hatte ihn morgens gekocht und vergessen. Ezra goss ihn in Becher und wärmte ihn auf. Sie tranken schweigend, zu dritt, jeder mit den eigenen Gedanken.
'Was jetzt?", fragte Sabine.
'Jetzt die Neue Republik", sagte Ahsoka. 'Mon Mothma erwartet einen Bericht."
'Und was sagen wir ihr? Dass wir mit Thrawn gearbeitet haben? Dass wir einen Kult ein Tor zur Hölle haben öffnen lassen?"
'Wir sagen ihr die Wahrheit." Ahsoka stellte den Becher ab, und das Porzellan traf den Metalltisch mit einem Laut, der durch die ganze leere Basis lief. 'Dass wir etwas aufgehalten haben, das die Galaxis hätte vernichten können. Dass der Preis hoch war. Dass wir ihn bezahlt haben."
'Und Merrin?", fragte Ezra leise.
'Merrin hat den ihren bezahlt", antwortete Ahsoka. 'Wie wir alle."
Sie saßen im Dunkeln, bis die Sterne hinter dem Fenster vollends hervorgetreten waren. Und jeder dachte darüber nach, was bleibt, wenn alles vorbei ist: kein Ruhm und kein Sieg - einfach Leere. Eine leere Basis, drei müde Menschen, bitterer Kaf und eine ungebetene Zukunft, die nicht gefragt hatte, ob sie bereit waren.
Aber auch das war genug.
Staffelfinale Drei
(Episode 10)
Was danach geschah
Es verging Zeit, und sie trieb sie weiter auseinander, als es je einem Krieg gelungen war.
Ezra stand auf dem Balkon des neuen Jedi-Tempelgebäudes und sah in den Sonnenuntergang. Coruscant breitete sich unter ihm aus - gestapelt, lärmend, lebendig. Eine Stadt, die niemals schlief, doch in ihrem Lärm lag jetzt ein anderer Ton: nicht die Furcht eines Imperiums, sondern die Hoffnung einer Republik. Die Luft roch nach Ozon von den fahrenden Zügen und nach süßem Gebäck aus den Straßen weiter unten - Gerüche, die vor zehn Jahren undenkbar gewesen wären.
'Du hast gewählt", sagte Kanan und trat auf den Balkon hinaus. Seine Schritte waren leise, aber Ezra hörte sie - spürte sie durch die Macht, die er noch immer nicht ganz verstand.
'Was gewählt?", fragte Ezra, ohne sich umzudrehen.
'Zu sein. Statt sich zu erinnern."
Ezra drehte sich endlich um. Kanan stand im Schatten, sein Gesicht war alt und müde, doch seine Augen waren dieselben wie auf Lothal, als er einem Jungen zum ersten Mal ein Lichtschwert hingehalten hatte.
'Ich hätte zu ihnen gehen können", sagte Ezra leise. 'In die Welt zwischen den Welten. Mit ihnen leben. Als Familie."
'Hättest du", stimmte Kanan zu. 'Aber du bist hier. Bei mir. Bei Ahsoka. Bei allen, die noch leben."
'Und sie?"
'Sie sind dort, wo es ihnen gut geht. Und du bist dort, wo du gebraucht wirst."
Ezra lächelte - zum ersten Mal seit Langem aufrichtig, ohne Bitterkeit. Der Sonnenuntergang färbte den Himmel in Farben, für die es keine Namen gab, und für einen Augenblick, nur für einen Augenblick, spürte er sie alle auf einmal. Die Lebenden: Hera Syndulla, die irgendwo eine halbe Galaxis entfernt lachte, und ihren Sohn, der seine Mutter am Ärmel zupfte. Und die Toten: seinen Vater und seine Mutter, deren Gesichter er kaum noch erinnerte, deren Berührung aber sehr wohl.
Er sagte Kanan nicht, dass er Hera spürte. Kanan fragte nicht.
'Danke", sagte Ezra. 'Dass du geblieben bist."
'Ich werde die Meinen nicht noch einmal im Stich lassen", antwortete Kanan. 'Niemals."
Später, als es dunkel geworden war, erwähnte Kanan beiläufig, das chissische Schiff habe das System vor einem Monat verlassen und niemand habe es seither gesehen. Ezra nickte nur. Er wusste auch so, wohin es gegangen war.
⁂
Thrawn betrachtete die Sterne von der Brücke aus.
Das weiße Licht verblasste - langsam, widerwillig, als nähme es Abschied. Er wusste, was das bedeutete: Der Durchgang war endgültig geschlossen, die Welt zwischen den Welten hatte sich zurückgezogen, und seine Vision, jene klare und unerbittliche Vision der Zukunft, war getrübt.
Aber sie war nicht verschwunden.
'Großadmiral." Die Stimme des Offiziers war vorsichtig. 'Kurs?"
Thrawn schwieg einen Moment. Seine Finger zitterten - nicht vor Furcht. Vor etwas anderem, für das er keinen Namen fand und das in keiner seiner Berechnungen vorkam.
'Die Erste Ordnung", sagte er schließlich. 'Sie sind noch nicht so weit. Aber bald werden sie es sein."
Er wandte sich wieder den Sternen zu. Irgendwo dort draußen setzte Ahsoka Tano ihren Weg fort, und er wusste mit alter Klarheit, dass sich ihre Wege erneut kreuzen würden. Da war allerdings noch eine Gestalt, die er nie ganz hatte durchrechnen können: die Hexe, die aus einem Ort herausgekommen war, aus dem niemand herauskommt, und die danach weder Macht noch Rache gewollt hatte.
'Wenn die Zeit gekommen ist", sagte er halblaut, 'werde ich bereit sein."
Das Schiff ging in den Hyperraum und ließ nur eine Lichtspur zurück, die sich rasch im Dunkel auflöste.
⁂
Merrin saß auf einem Hügel auf einem namenlosen Planeten und sah in den Himmel.
Es gab hier keine Städte, keine Tempel, niemanden, der sie hätte verstehen können. Nur Wind, Gräser und Sterne - dieselben Sterne, die über Dathomir gestanden hatten, aber anders angeordnet und darum andere Geschichten erzählend.
Sie hielt einen Kristall in den Händen, Ahsokas letztes Geschenk. Er war warm und pulsierte in einem seltsamen Rhythmus, der weder der Macht gehörte noch der Magie der Nachtschwestern. Es war der Rhythmus von etwas Neuem, das noch keinen Namen hatte.
'Du hast mir ein Zuhause gegeben", flüsterte sie ins Dunkel. 'Jetzt finde ich mein eigenes."
Der Kristall flammte schwach auf, beinahe unmerklich, aber sie sah es. Eine Vision: nicht die Vergangenheit, nicht ihre verlorenen Schwestern, sondern die Zukunft. Andere, so wie sie. Andere, die einen Ort zwischen den Welten gesucht hatten.
Merrin lächelte und stand auf. Ihr Kleid wehte im Wind, schwarz vor einem schwarzen Himmel, doch in ihren Augen - grünen, lebendigen - war Licht.
Sie machte einen Schritt hinab ins Tal, wo jene warteten, die sie noch nicht kannte und schon rettete.
Und über dem Tal, auf einem kahlen Kamm, stand ein Leuchtfeuer. Ahsoka hatte es aus Schrott alter Schiffe gebaut, ohne die Macht zu Hilfe zu nehmen - nur mit den Händen, nur mit Stahl, nur mit dem Wunsch, eine Spur für die Verlorenen zu hinterlassen. Das Leuchtfeuer blinkte einen Code in der alten Sprache der Jedi, und jeder Impuls war eine Zeile desselben kurzen Briefes.
Ich bin hier. Kommt, wenn ihr bereit seid.
Epilog: Drei Jahre später
Sabine Wren stand vor zwanzig Schülern. Togruta und Twi'leks, Menschen und sogar ein Chiss - alle sahen sie mit Vorsicht und mit Hoffnung an, mit dem Wunsch zu begreifen, wie das ist: stark zu sein und nicht grausam.
'Die Stärke liegt nicht in der Waffe", sagte Sabine und hielt einen Blaster, als wäre er kein Blaster, sondern ein Werkzeug der Wahl. 'Die Stärke liegt in der Absicht. Warum schießt ihr? Um zu töten? Oder um zu schützen?"
'Was ist da der Unterschied?", fragte ein junger Togruta, die Augen hell vor Neugier.
'Für den Toten keiner", sagte Sabine. 'Für den Lebenden ein sehr großer."
In der Ecke saß Ezra und lächelte, während er den Schülern zusah. Er war jetzt Diplomat, das Bindeglied zwischen der Neuen Republik und den Chiss. Die Arbeit war nicht einfach, besonders seit Thrawn mit seiner Flotte an der Grenze stand - nicht vorrückend, aber auch nicht abziehend, sodass niemand entscheiden konnte, ob es ein Schild war oder ein erhobenes Messer.
Krieg gab es allerdings nicht. Der Frieden beruhte auf ihrem Wort und auf der Furcht, dass jede falsche Bewegung alles zum Einsturz bringen würde. Aber vorerst hielt er.
Auf Leia Organas Schreibtisch lag zur selben Zeit ein Bericht, den niemand laut lesen wollte: zwanzig Schiffe unbekannter Bauart am äußersten Rand der Unbekannten Regionen, keine Kennungen, keine Forderungen, keine Verhandlungen. Der Bericht würde dort noch einen Monat liegen und dann unter einer Geheimhaltungsstufe ins Archiv wandern, die man zu spät aufheben würde. Thrawn hatte sich in Fristen genau einmal geirrt, und dies war nicht dieses eine Mal.
⁂
Kanan lebte, und fünf Menschen wussten davon. Er ließ sich am Rand einer Siedlung nieder, brachte Kindern das Schreiben von Gedichten bei und rührte kein Lichtschwert an.
'Ich habe genug gekämpft", sagte er zu allen, die fragten.
Merrin stand auf der Spitze des Leuchtfeuers und suchte den Horizont ab. Ein kalter Wind schlug ihr ins Gesicht, doch sie wandte sich nicht ab, sondern sog jede Sekunde der Gegenwart in sich auf, als stünde dahinter etwas Größeres als bloß ein Leben auf einem vergessenen Planeten.
'Vermisst du es?", fragte eine leise Stimme. Ahsoka stand neben ihr und sah in dieselbe Richtung, mit derselben Mischung aus Sehnsucht und Verwunderung.
'Die Welt zwischen den Welten? Manchmal", gab Merrin zu. 'Sie versprach, dass es keinen Schmerz mehr geben würde."
'Dort gab es auch keine Freude."
'Dafür gab es keine Verluste."
'Verluste gehören zum Leben." Ahsoka trat an den Rand. 'Wir lernen an ihnen. Wachsen. Werden wir selbst."
Merrin wandte sich ihr zu.
'Und du? Bist du geworden, wer du sein wolltest?"
Ahsoka überlegte, als erlaubte sie sich diese Frage zum ersten Mal.
'Ich bin geworden, wer ich werden sollte. Keine Jedi. Keine Sith. Einfach Ahsoka. Die Letzte Weiße."
'Das klingt einsam."
Ahsoka schüttelte den Kopf und sah auf das Leuchtfeuer, dessen Licht in der zunehmenden Dunkelheit flackerte.
'Manchmal ist Einsamkeit einfach Zeit zum Nachdenken. Über die, die gegangen sind. Über die, die geblieben sind."
Sie ging auf ihr Schiff zu - ein kleines, altes, aber treues.
'Du fliegst", sagte Merrin, und in ihrer Stimme lag kein Vorwurf.
'Ich habe zu tun. Jemand braucht Hilfe."
'Irgendjemand braucht immer Hilfe", lächelte Merrin sanft.
'Deshalb werde ich gebraucht." Ahsokas Lächeln war zum ersten Mal seit Langem ein echtes. 'Pass auf das Leuchtfeuer auf. Pass auf das Zuhause auf."
'Komm zurück", sagte Merrin schlicht.
Ahsoka ging an Bord, die Triebwerke kamen hoch, und das Schiff hob vom Boden ab. Mit jedem Meter flackerte das Leuchtfeuer schwächer, doch sein Licht erlosch nicht einmal dann, als der Planet zu einem Punkt geworden war.
Im Cockpit ließ Ahsoka sich in ihren Sitz sinken und blickte in die Unendlichkeit. Sie wusste nicht, wohin sie flog, und zum ersten Mal machte ihr das keine Angst.
'Wohin jetzt?", fragte sie laut.
Und zur Antwort, durch alle Sterne hindurch, durch das Dröhnen der Triebwerke, durch Vergangenheit und Zukunft, hörte sie eine Stimme. Eine lebendige. Eine wirkliche.
'Ich habe deine Wahl gesehen. Ich bin stolz auf dich, Schnippi."
Ahsoka erstarrte.
'Anakin?"
Es kam keine Antwort. Nur ein Echo, nur ein warmes Lächeln und das Gefühl, dass ihr Weg, wohin er auch führen mochte, dorthin führte, wo noch immer jemand wartete.
Sie lächelte.
'Danke, Meister", flüsterte Ahsoka.
Und indem sie den Hebel des Hyperantriebs zog, führte sie das Schiff in den Hyperraum und ließ nichts zurück als ein Aufblitzen von Sternenstaub.
⁂
Und auf einem namenlosen Planeten, in einer Dunkelheit, die keine Stadt vertrieb, blinkte weiter das Leuchtfeuer.
Sein Licht regte sich im Dunkeln, gleichmäßig und geduldig wie der Puls eines lebendigen Herzens, und es trug weiter, als jede Berechnung es zugelassen hätte. Es war kein Zeichen eines Ordens, kein Wappen, kein Schwur. Nur eine weiße Gestalt zwischen Licht und Dunkelheit - und eine Hand, die sich einem entgegenstreckt: nicht zum Schlag, nicht zur Abwehr, sondern um zu stützen.
Und eine einzige Zeile, immer und immer wiederholt, in einer Sprache, die fast niemand mehr lesen konnte:
Ich bin hier. Kommt, wenn ihr bereit seid.
|