Петров Алексей Юрьевич
Herzogstand

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Herzogstand

Dem Herzogstand und König Ludwig II. gewidmet


I

Zuerst das Gras. Auf diesen Riesen
aus Fels und Kalk nährt Gras, was lebt.
Der Quendel blüht, der Klee auf Wiesen,
wo leicht die satte Hummel schwebt.

Die Kühe muhen vor Behagen,
die Glocken scheppern dumpf und laut;
dem Hirten scheinen sie zu sagen:
Die Welt ist fest und klug gebaut.

Die Herden fett, der Hirte heiter,
der Eimer voll, die Butter weich.
Die Almen blühen, und so weiter:
Forellen kräuseln Bach und Teich.

Am Abend steigt aus blauen Schleiern
ein Kamm von Gipfeln, kühl und blass,
und wandert aus, ein Stück von Bayern,
nach nirgendwo und ohne Pass.

Idylle? Ja. Seit tausend Jahren
geht hier das Metronom genau.
Doch kommt der Hofstaat angefahren,
steht selbst das Paradies im Stau.


II

Erst kam der Vater, dann der Erbe:
Zwei Kronen flohen Jahr für Jahr
vor Protokoll und Staatsgewerbe
hinauf, wo keine Akte war.

Der Vater (bei Monarchen selten)
war klug und brauchte keinen Arzt:
Er hatte seine Fichtenwelten,
und jede Fichte heilt und harzt.

Er baute eine Hütte - eine:
Ein Herrgottswinkel, Herd, Gewehr
und eine Pritsche. Polster? Keine.
Ein kluger Herrscher braucht nicht mehr.

Der Sohn war anders. Sohn und Gipfel
verschmolzen wie mit Siegellack.
Und neben jedem Tannenwipfel
verblassten Thron, Palast und Frack.

Für einen, der mit Ewigkeiten
per Du ist, reicht kein Vaterhaus.
Er schuf sich zwei - mit einem breiten
Altan: Der Blick geht weit hinaus.

Die Bergler jubeln: Welch ein Segen!
Der Kini selbst! Und nicht gemalt!
Der Käse kostet seinetwegen
jetzt mehr: Der Ruhm wird mitbezahlt.

Man baute, ohne Geld zu schonen,
den Reitweg aus für Fuhrverkehr.
Gott segne Adel, Hof und Kronen:
Bis heute ist der Weg nicht leer.


III

Er floh herauf, als ob er schwänzte:
Gefolge, Presse, Tantenkuss,
das Amt, das an sein Zimmer grenzte,
und jenes Donnerwort: "Man muss!"

Er schrieb ein Tagebuch. Die Sätze
daraus beschildern jetzt den Steig.
Tourist, verweile hier und schätze
die edle Träne. Lies und schweig.


IV
Aus dem Tagebuch des Königs

"Allein! Entkommen! Welche Stille hier!
Kein Hof, kein Bittgesuch und kein Applaus.
Natur begehrt nichts, fordert kein Papier;
bei ihr nur ruht die müde Seele aus.

Wie lügt das Schloss! Die Fichte ist mir Schwester,
kein Amt erstrebt der Bach, der niederfällt.
Hier bin ich nicht Gewalt: im Wind-Orchester
bin ich ein Cello, Quell und Sturm gesellt."


V

Der König, oben angekommen,
verlangte nach dem Ritt ein Bad.
Die Diener fragten sich beklommen:
Wer schafft das Wasser? Wer weiß Rat?

Man schleppte: Wanne, Fass und Kannen,
den ganzen Weg, von früh bis spät.
Lakaien wurden schlank wie Tannen:
Sie hatten Aufstieg statt Diät.


VI

Die Pavillons aus Holz und Steinen,
die Hütten, Turm und Bretterwand -
sie hatten einen Sinn, nur einen:
den Sternen näher, fern vom Land.

Die Menschen waren ihm zuwider,
doch ohne Kerker, ohne Beil:
Er ließ sich nachts bei Latschen nieder
und bot sich keinem Glotzen feil.

Im Schloss: Gesuche, Stapel, Mappen,
Gesandte, gähnend, auf Parkett;
im Prunksaal knarrt es unterm Wappen.
Es zieht. Der Thron: ein leeres Brett.

Er wäre lieber, statt zu thronen,
ein Schwan gewesen, weiß, im Schwarm,
mit Flügelschlag, wo Wolken wohnen:
kein Mensch, kein Hof und kein Gendarm.

Nur Wagner fand sein Wohlgefallen.
Er war ihm teuer, nicht gering.
Der Meister dankte ihm vor allen
und weihte ihm den ganzen "Ring".


VII
Aus dem Tagebuch des Königs

"Je höher, desto reiner wird die Luft.
Tief unten: Schulden, Ränke, Kabinette.
Ihr Hauch steigt nicht herauf, der Hauch der Gruft.
Auf Bergen ist die Freiheit. Keine Kette.

O, wenn die Weiten ohne Untertanen
bestehen könnten! Ich, emporgeklommen,
ich brauchte keinen Jubel, keine Fahnen:
Wie wäre ohne Volk die Welt vollkommen!"


VIII

Ein König ist von Gottes Gnaden,
die Grille ist kein Hochverrat.
Doch schlimmer als die Barrikaden:
die Schlösserrechnung an den Staat.

Dann brach es los. Der Kreisel kreiste:
Notizen, Flüstern, tief gebückt,
bis, reif geworden, eine dreiste
Idee entstand: Er ist verrückt.

Vier hochgelehrte Ärzte fanden,
nach Aktenlage, ohne Sicht,
er sei "nicht ganz". Und, recht verstanden:
Der Kini wäre nicht ganz dicht.

Ein Gift? Ein Dolch? Die Diagnose
entzieht ihm Zepter und Verstand.
Kein Sturm, kein Putsch. Die ganze Chose:
ein Blatt Papier und eine Hand.

Die Krone durfte er behalten,
als Hutersatz und Ornament.
Der Onkel aber, zum Verwalten,
bekam das Reich als Prinzregent.


IX

Dann kam man ihn zu holen: Wagen,
ein Arzt, ein Graf, die Kommission
und Herren mit Gewicht und Kragen.
Kein Schuss, kein Eisen: feiner Ton.

Die Haft war eher Sommerfrische:
am See ein Schloss mit Park und Steg,
Lakaien und gedeckte Tische -
das blaue Blut hat Privileg.

Ein Häftling sonst: ein Loch, ein Riegel
und Rübensuppe. Ihm: Genuss,
Spaziergang, Sonne, See als Spiegel -
Pension de luxe und ultra plus.

Zu Pfingsten, abends, zwei Gestalten:
der König und sein Arzt. Ihr Schritt
führt seewärts. Wie sie sich verhalten,
verrät kein Kies, verrät kein Tritt.

Man fand sie nachts im Seichten, beide.
Die Uhren standen. Alles stumm.
Laternen warfen, weiß wie Kreide,
drei Punkte auf den See: Warum ...

Ein Facharzt war an seiner Seite,
aus erster Hand und promoviert.
Der Schlick am Ufer zeigt die Pleite:
Nicht jedes Leiden wird kuriert.

Ein Streit? Verzweiflung? Flucht? Befehle
von oben? Nichts, was Spuren zeigt.
Ein Zeuge? Keiner. Keine Seele.
Das Wasser hütet es und schweigt.

Ein Kirchlein wacht am Hang darüber,
ein Kreuz steht knöcheltief im See
und warnt: Hier geht man leicht hinüber,
im Wasser kaum bis an den Zeh.


X

Der Thron ging an den kranken Bruder,
der nicht erfuhr, dass er regiert.
Der Staat lief weiter, und am Ruder:
der Onkel, doppelt engagiert.

Die Monarchie begann zu schwinden:
de facto erst, im Einerlei,
de jure dann, in bösen Winden:
November achtzehn. Schluss, vorbei.


XI

Die Jahre gingen. Neue Sitten,
ein neues Wappen, neues Geld,
und Reiche sind vorbeigeglitten
wie Masten, Zug um Zug, im Feld.

Und heute? Heute liebt der Bayer
den Kini, den das Volk verdross.
Es klingt die immer gleiche Leier:
"Ein Opfer! Schön! Und Schloss um Schloss!"

Wofür? Für Türme und für Schwäne,
für Mondlicht, Felsen und Kristall,
und weil er, gegen Dampf und Kräne,
gelebt hat - als ein Sonderfall.

Von Tassen, Krügen, T-Shirts, Tellern,
Kalendern, Vasen, Fensterglas,
von Postern in Geschäft und Kellern
zielt er auf uns mit Augenmaß.

Die schwarzen Locken, und die Augen:
zwei Seen, glänzend, tief und zahm,
die besser nicht zum Baden taugen.
Kein Groll, kein Vorwurf, wie es kam.

Die Schlösser, die das Land verschlangen,
ernähren es mit Zins und Zoll.
Verschwendung heilt: Vor Kassen Schlangen,
und jede Kasse klickt sich voll.

Der Eremit, von Flucht getrieben,
hängt in den Küchen als Magnet,
dem Kühlschrank lebenslang verschrieben,
wo jeder hin zur Brotzeit geht.

Am Wegrand Tafeln. Durch die Brille
entziffert schwitzend der Tourist:
"Allein! ... Entkommen! ... Welche Stille! ..."
Er keucht und flucht: Wie steil das ist!

Es dämmert. Glocken. Herden gleiten
zu Tal, Touristen hinterdrein.
Der König hat, wie einst, die Weiten
bis morgen früh für sich allein.

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