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Die Frau eines Professors hielt Huehner.
Nach jahrelanger Beobachtung gelangte sie zu der Ueberzeugung, dass die menschliche Gesellschaft im Grunde nach dem Modell eines Huehnerhofs organisiert sei und teilte diese Einsicht ihrem Mann mit.
Als der Professor fragte, ob sie die Dinge damit nicht ein wenig zu stark vereinfache, antwortete sie:
Urteile selbst. In einem Huehnervolk gibt es eine grosse Schar von Hennen die breite Masse und einen Anfuehrer: den Leithahn. Daneben stehen Haehne zweiter Reihe. Einige Hennen sind die erklaerten Lieblinge des Leithahns, andere lassen ihn kalt; doch auch sie duldet er, sofern sie sich fuegen. Ein Hahn, der etwas auf sich haelt, fuehlt sich fuer seine Hennen verantwortlich. Er schuetzt sie vor allerlei Unbill etwa vor streunenden Katzen und zeigt ihnen, wo das beste Korn und die fettesten Wuermer liegen. Faule Hennen treibt er aus dem Stall in den Hof. Kurz: Er will, dass sein Huehnerreich gedeiht.
Die Hennen sitzen in ihren Nestern und gackern (ich haette beinahe gesagt: an ihren Smartphones). Oft scheint dieses Gackern ins Leere zu gehen. Meistens aber hat es Gruende: eingebildete oder wirkliche Aengste, Aufregung, Empoerung oder den Wunsch, eine Rivalin zu verjagen. Besonders ausdauernd und nachdruecklich gackern sie, wenn sie der Welt mitteilen wollen, dass sie im Begriff sind, ein Ei zu legen oder welch praechtiges Ei sie soeben gelegt haben.
Gelegentlich kommt es unter den Hennen zu handfesten Skandalen etwa wenn eine den Nistplatz besetzt, den eine andere bereits fuer sich ausersehen hatte. Oder wenn zwei Hennen um den Hahn streiten. Solche Skandale sind laut und zaeh.
Die Haehne stolzieren umher und prahlen voreinander: wie schoen sie seien, wie tapfer, wie heldenhaft. Sie plustern ihr Gefieder auf, um den Gegner schon durch schiere Groesse einzuschuechtern. Vor dem Zweikampf stehen sie Schnabel an Schnabel und starren einander unverwandt in die Augen, lauernd auf den kleinsten Moment der Schwaeche. Dann fahren sie aufeinander los, und die Federn fliegen. Es gibt besonders hinterlistige Haehne: Nach einem unentschiedenen Kampf koennen sie tagelang warten, den richtigen Augenblick abpassen und dem ahnungslosen Gegner einen gefaehrlichen, mitunter toedlichen Hieb versetzen.
Infolge solcher Kaempfe koennte das Huehnerreich theoretisch saemtliche Haehne verlieren, besonders wenn es von Anfang an nicht viele gab. Entweder haben sie einander erschlagen, und der letzte Sieger ist stolz an seinen Wunden gestorben oder eine andere Katastrophe hat den letzten Ueberlebenden ereilt, etwa ein Fuchs, der ihn holte. Geschieht so etwas, werden die Rollen neu verteilt. Die entschlossenste und meist auch groesste Henne uebernimmt die Aufgaben des Hahns: Sie treibt ihre Gefaehrtinnen an, zeigt ihnen, wo etwas zu holen ist, und springt zuweilen auf eine andere Henne, als vollzoege sie symbolisch den Akt des Hahns.
Vertreter des maennlichen Geschlechts besonders im Militaer haben sich unbewusst, in manchen Kulturen sogar ganz bewusst, diese stolzen Federtiere zum Vorbild genommen. Sie kleiden sich in bunte Uniformen, setzen sich Helme mit farbenpraechtigen Kaemmen auf, schnallen sich Stiefel mit Sporen an die Beine und kaempfen darum, vor noch mehr Hennen und Junghaehnen kraehen zu duerfen und die vorhandenen Futtertroege fuer sich allein zu beanspruchen.
Die Kommunikation im Huehnerreich folgt ihren eigenen Gesetzen. Die ganze Gemeinschaft gluckt, gackert und kraeht und beinahe niemand hoert dem anderen zu. Gesendet wird unablaessig, empfangen fast nie. So bleiben die Beduerfnisse und Wuensche der Artgenossen in der Regel ungehoert und unverstanden.
Man kann allerdings nicht behaupten, Huehner wuerden einander gar nicht helfen. Es gibt erfreuliche Ausnahmen. Droht etwa eine Henne an einem langen Grashalm zu wuergen, kann sie darauf zaehlen, dass eine Gefaehrtin ihr den Halm aus dem Schnabel zieht.
Meist kuemmert sich das Huhn nicht um das, was wirklich wichtig waere, gackert dafuer aber lautstark ueber Nebensaechlichkeiten. Ohne Zoegern tut es Dinge, die lebensgefaehrlich sind Glassplitter und Schrauben schlucken zum Beispiel. Es laeuft dorthin, wo es nichts zu suchen hat etwa auf die Fahrbahn und weigert sich, das zu tun, was ihm guttaete. Nahrhaftes, aber langweiliges Futter fressen? Nichts fuer ein Huhn.
Der Professor brummte nur. Im Grunde fand er nichts zu erwidern und sonderlich reizte es ihn auch nicht. Seine Frau war, wie viele Vertreterinnen des schoenen Geschlechts, ohnehin kaum dazu zu bewegen, an der eigenen Meinung zu zweifeln.
* * *
Nachdem der Professor eine Weile mit diesem Gedanken allein gewesen war, beschloss er, der Sache auf den Grund zu gehen.
Er begann mit der Militaergeschichte. Betrachtet man sie lange genug und mit einer gewissen Ironie, dachte er, beginnt sie tatsaechlich verdaechtig einem grossen internationalen Hahnenkampf zu aehneln. Natuerlich hat kein selbstachtender Feldherr je zu seinen Soldaten gesagt: Meine Herren, unser Ziel ist es, wie ein Huehnerhof im Ausnahmezustand auszusehen. Offiziell war alles anders begruendet. Man wollte groesser wirken, sichtbarer, furchteinfloessender, edler und den Kameraden schon aus der Ferne zeigen, wo der Befehlshaber stand. Doch das Ergebnis war oft dasselbe: Erwachsene, bis an die Zaehne bewaffnete Maenner setzten sich feierlich Kaemme, Buesche und Federn auf den Kopf und zogen aus, den Nachbarn ihre Ueberlegenheit zu beweisen.
Besonders ueberzeugend wirkten in dieser Hinsicht die alten Griechen. Ein Hoplit im Helm mit hohem Kamm ist zweifellos ein furchtgebietender Krieger, Hueter der Polis und Held der rot- und schwarzfigurigen Vasenmalerei. Laesst man jedoch den Pathos beiseite, steht vor uns der beinahe perfekte Kampfhahn: die Brust heraus, der Helm glaenzt, der Kamm wogt, der Speer ist bereit. Die Roemer gingen noch weiter und brachten das Vogelhafte administrativ in Ordnung. Der Zenturio mit seinem Helmkamm wirkte, als haette der Hahnenkamm eine Planstelle, einen Dienstgrad und das Recht erhalten, Legionen zu befehligen. Das lateinische Wort crista bezeichnete sowohl den Kamm des Hahns als auch den Helmkamm vielleicht hatte die Antike selbst gespuert, wie gefaehrlich nahe die Militaeraesthetik der Gefluegelzucht kam.
Andere Voelker des Altertums standen dem in nichts nach. Samniten und andere italische Krieger schmueckten ihre Helme mit Bueschen und Kaemmen, als haetten sie sich vor der Schlacht nicht zu einem Einsatz, sondern zum Casting als auffaelligster Hahn der Gegend gemeldet. Die Kelten bevorzugten ein breiteres ornithologisches Repertoire: Bei ihnen fanden sich Helme mit Fluegeln und anderen wirkungsvollen Details aus der Vogelwelt. Das war kein Huehnerhof mehr, sondern ein ganzes Theater kriegerischer Federpracht. Der Feind eines Kelten sollte begreifen: Vor ihm stand nicht bloss ein Mann mit einem Schwert, sondern einer, der womoeglich auch noch davonfliegen konnte.
Diese militaerisch-luftfahrttechnische Linie fuehrten spaeter die polnisch-litauischen gefluegelten Husaren prachtvoll fort jene fliegenden Husarenschwadronen. Sie begnuegten sich nicht mit einem schlichten Kamm auf dem Kopf, sondern befestigten ganze Fluegel an sich. Das war die naechste Evolutionsstufe: von Ich sehe aus wie ein Hahn zu Ich bin ein schwer bewaffneter apokalyptischer Pfau. Der praktische Sinn liess sich leicht benennen: einschuechtern, psychologischen Eindruck machen, auf dem Schlachtfeld hervorstechen. Von aussen betrachtet aber scheint die strategische Fantasie irgendwann zu dem Schluss gelangt zu sein: Wenn ein Krieger mit Saebel schon furchtbar ist, dann ist ein Krieger mit Saebel und Federn doppelt furchtbar.
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Einer besonderen Erwaehnung beduerfen die britischen und schottischen Militaerkopfbedeckungen mit Federn, Bueschen und Haarbuescheln. Hier wird das Hahnenmotiv beinahe haeuslich: Die Federn konnten durchaus echten Voegeln entstammen, und die Gesamtsilhouette erinnerte oft weniger an zweckmaessige Kampfausruestung als an den feierlichen Auftritt eines Leithahns auf dem Dorfhof.
Den Vogel abgeschossen haben jedoch die Franzosen. Sie ergaenzten nicht nur die Uniform, sondern erhoben den gallischen Hahn gleich zum Nationalsymbol. Die Ironie ist hier besonders fein: Frankreich hat damit gewissermassen offiziell die Quelle jener aesthetischen Nuancen anerkannt, die andere Armeen lieber hinter Worten wie Ehre, Tapferkeit und Tradition verborgen hielten. Und es ist wohl kein Zufall, dass eines der beliebtesten franzoesischen Gerichte Coq au vin heisst woertlich: Hahn in Wein.
Natuerlich waere es ungerecht zu behaupten, das Militaer habe die Haehne buchstaeblich kopiert. Es bediente sich einer universellen Sprache der Machtdemonstration: groesser, breiter, bunter, auffaelliger erscheinen; Staerke, Status und Kampfbereitschaft zeigen. Doch eben deshalb war die Aehnlichkeit mit dem Hahn so augenfaellig. Der Hahn liest keine Traktate ueber Militaerpsychologie, aber er weiss: Stell dich auf die Zehenspitzen, schlag mit den Fluegeln, straeub den Kamm, pluster das Gefieder, kuendige laut deine Kampfabsichten an und vielleicht entscheidet der Gegner, dass ihm der Streit zu teuer wird. In diesem Sinne war der Unterschied zwischen antikem Schlachtfeld und Huehnerhof manchmal gar nicht so gross. Die einen hatten Speere, die anderen Schnaebel die Mittel der Einschuechterung aber waren erstaunlich aehnlich.
Das bis zum Aeussersten getriebene militaerisch-hahnische Motiv hat auch seine duesteren Seiten. Bekanntlich fuehren Gefluegelbetriebe regelmaessig die Aussortierung von Haehnchen durch. Dieser harmlos klingende Begriff bezeichnet in der Praxis die Massentoetung junger Haehne einen veritablen Hahnenmord. Die Bauern wissen schlicht nichts mit ihnen anzufangen. Eier legen koennen Haehne nicht, und auf dem gesaettigten Markt laesst sich so viel Fleisch nicht absetzen. Also wandern die jungen Kraeher in den Haecksler.
Denkt man darueber nach, behandeln menschliche Regierungen ihre Jugend kaum besser. Sie fuehren unnoetige Kriege, heute gern mit Hochpraezisionswaffen zur kollektiven und bisweilen massenhaften Vernichtung. Ganze Heere junger Maenner werden in solche Kriege geschickt. Am Ende wird das einzige wirklich erreichte Ziel sichtbar: die Entledigung eines Ueberschusses an jungen Maennern im eigenen Land wie im Land des Gegners. Ploetzlich stellt sich heraus, dass es dramatisch an Arbeitskraeften mangelt und dass die Frauen niemanden mehr zum Heiraten finden. Zaren, Koenige, Praesidenten, Sultane und Khane besinnen sich und verlangen vom schwachen Geschlecht, mehr und fleissiger zu gebaeren. Was sie dabei zu sagen vergessen: von wem. Die Ministerin oder der Minister fuer Familie, Demographie und Gesundheit muss herhalten. Die Herrscher schuetteln drohend den Zeigefinger: Ihr Faulenzer sorgt nicht fuer ausreichende Geburtenraten.
Liegt der Mangel hingegen bei den Hennen und Eiern selbst, trifft es zuerst die Landwirtschaftsminister. Sie werden auf die Steigerung der Legeleistung angesetzt. Versag nicht oder du setzt dich am Ende selbst auf die Eier.
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Waehrend er die Theorie seiner Frau weiterbedachte, fiel dem Professor Elias Canetti ein, der Literaturnobelpreistraeger, der sein Leben der Frage gewidmet hatte, wie die Masse den Einzelnen verschlingt, wie Macht den Menschen verformt und wie die Masse nach ihren eigenen Gesetzen lebt. Canettis Werk Masse und Macht ist eines der seltsamsten und gewaltigsten Denkmaeler des 20. Jahrhunderts: Anthropologie, Dichtung und Diagnose zugleich.
Der Professor vermutete, Canetti muesse unbedingt etwas ueber Huehner geschrieben haben. Er konnte doch unmoeglich an ihnen vorbeigegangen sein. Leider fanden sich in Masse und Macht keine direkten Huehnerstellen. Canetti bevorzugte exotischere Geschoepfe. Zur Veranschaulichung der Macht zog es ihn vor allem zu den Bandikuts, kleinen australischen Beuteltieren, die Ratten aehneln, in Wahrheit aber mit Kaengurus, Wombats und Bilbys verwandt sind und keineswegs zu den Nagetieren gehoeren.
Canetti erwaehnt die Bandikuts im Zusammenhang mit den Ritualen des Aranda-Stammes. Die Aborigines glaubten angeblich, ein korrekt vollzogenes Ritual werde die Bandikuts auf Erden vermehren. Der Mechanismus ist klar: Der Haeuptling verspricht Ueberfluss, die Masse glaubt und gehorcht. Ein Huehnerhof haette dieselbe Idee wunderbar illustrieren koennen doch Canetti schien der Bandikut als Anschauungsmaterial wuerdiger.
Wendet man Canettis Begriffssystem dennoch auf die Huehnergesellschaft an, ergibt sich ein nicht minder lebendiges Bild. Den Ueberlebenden den, der ueber einem Haufen Besiegter steht und einen Machtrausch erlebt haelt Canetti fuer die Grundfigur aller Macht. Genau das ist der Leithahn nach dem Sieg: Er steht aufgeplustert da, stoesst seinen Triumphschrei aus und fuehlt das, was Canetti als den Moment der Macht in Reinform beschrieben haette. Und die Hennen, die sich beim Anblick des Habichts eng zusammendraengen, sind die belagerte Masse, jene Urform menschlicher Solidaritaet: Menschen schliessen sich nicht aus Liebe zueinander zusammen, sondern aus gemeinsamer Angst. Also: Canetti hat ueber Huehner nicht geschrieben aber die Huehner, besonders die Haehne, scheinen Canetti gelesen zu haben.
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Der Professor stellte fest, dass das Huehnerthema tief in die Weltliteratur eingedrungen war. Vielen Schriftstellern war die Idee seiner Frau die Aehnlichkeit von Huehner- und Menschengesellschaft keineswegs fremd.
In der Weltliteratur gibt es mindestens mehrere Hundert mehr oder weniger bekannte Werke, die eigens dem Huehnerthema gewidmet sind, und noch weit mehr, in denen Huehner zumindest am Rande erscheinen. Das Thema erweist sich, bei aller scheinbaren Leichtfertigkeit, als unerschoepflich: Zieht man an einer Feder, zieht man einen ganzen Huehnerstall voller Bedeutungen hervor.
Der Volksmund behauptet, Huehner seien dumm. Folklore und Literatur widersprechen ihm ueberwiegend und entschieden.
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Den Anfang in der europaeischen Maerchen- und Fabeltradition machte allem Anschein nach der altgriechische Fabeldichter Aesop ein Mann, der der Ueberlieferung zufolge selbst Sklave gewesen war und aus eigenem Erleben wusste, wie die Schwachen unter den Starken ueberleben.
In der Fabel Die Katze und die Huehner erzaehlt er: Eine Katze hoerte, im Huehnerhof seien die Huehner krank. Sie verkleidete sich als Aerztin, nahm ihre medizinischen Geraete mit die es im alten Griechenland durchaus schon gab, begab sich zum Stall und fragte von der Schwelle aus, wie es den Huehnern gehe. Ausgezeichnet!, antworteten die Huehner, aber nur, wenn du nicht in der Naehe bist. Die Diagnose war gestellt, und die Aerztin musste unverrichteter Dinge abziehen.
Nicht weniger geschliffen ist eine andere aesopische Geschichte: die vom Hahn, dem Hund und dem Fuchs. Der Hahn flog auf einen Baum und liess sich in den Aesten nieder; der Hund schlief unten im hohlen Stamm. In der Morgendaemmerung kraehte der Hahn, wie es seine Gewohnheit war. Der Fuchs kam herbei und lud ihn ein, herabzusteigen und gemeinsam ein Lied anzustimmen. Doch der Hahn war nicht auf den Kopf gefallen: Komm naeher, sagte er, und ruf dem Waechter dort unten am Stamm, er soll ans Holz klopfen. Der Fuchs trat heran und wurde sogleich vom Hund zerrissen.
Aesops Moral bleibt unveraendert: Verstand ist wichtiger als Kraft, Vorsicht wichtiger als Tapferkeit, und die ueberzeugendste Schmeichelei erklingt immer dann, wenn jemand Hunger hat. Huehner und Haehne verkoerpern in seinen Fabeln den gesunden Menschenverstand des kleinen Mannes, der in einer Welt grosser Raubtiere zu ueberleben weiss.
Interessant ist, dass Aesop den Huehnern gegenueber beinahe so etwas wie Berufsrespekt empfunden zu haben scheint. Schliesslich sprach auch er selbst sein Leben lang die Wahrheit durch fremde Muender wie ein Huhn, das Ihnen nie direkt sagen wird, die Katze sei boese, es aber so deutlich andeutet, dass nur der Raeuber auf sanften Pfoten selbst es nicht begreift.
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Im Mittelalter kehrte das Huehnerthema in der muendlichen Volksueberlieferung mit bewundernswerter Regelmaessigkeit wieder. Eine der beliebtesten Figuren der franzoesischen und gesamteuropaeischen Folklore ist Reineke Fuchs der Schlauberger, der Barone, Bischoefe und den Koenig selbst hinters Licht fuehrt. Der Roman de Renart entstand im 12. und 13. Jahrhundert und wurde zu einem der fruehesten Beispiele dessen, was wir heute Satire nennen.
Solange Reineke die Maechtigen betruegt, kommt er ungestraft davon. Sobald er seinen Schwindel jedoch gegen den einfaeltigen Hahn Chantecler richtet, geraet der Fuchs selbst in die Bredouille. Chantecler, den Reineke durch List gefangen hat er hatte ihn gebeten zu zeigen, wie er mit geschlossenen Augen kraehe , wendet genau dieselbe Taktik an: Er ueberredet den Fuchs, seinen Verfolgern triumphierend etwas zuzurufen, und entreisst sich seinen Faengen in dem Moment, in dem dieser den Mund oeffnet.
Die Geschichte wiederholt sich in Chaucers Canterbury Tales, in der Erzaehlung des Nonnenpriesters, wo der Hahn Chantecleer und seine geliebte Henne Pertelote ein gelehrtes Gespraech ueber die Natur prophetischer Traeume fuehren. Der Hahn traeumt von einem Fuchs und will auf der Hut sein; Pertelote erklaert ihm, Traeume seien nichts als Magenbeschwerden, und empfiehlt ein Abfuehrmittel. Chantecleer, ein gewandter Polemiker, zitiert dagegen Cicero und Macrobius und faellt am Ende doch auf die Schmeichelei des Fuchses herein. Chaucer schrieb damit eine Komoedie ueber die Ohnmacht der Gelehrsamkeit vor der Eitelkeit und kleidete sie in Huehnerfedern.
Das ist das charakteristische Merkmal der gesamten mittelalterlichen Huehnerliteratur: Unter dem Federkleid verbergen sich sehr wiedererkennbare menschliche Schwaechen. Chantecleer ist nicht nur ein Hahn. Er ist jeder von uns in jenem Augenblick, in dem jemand sagt, wie schoen wir singen.
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In der Neuzeit griffen die Meister der Fabel das Thema der Klugheit und List der Huehner auf Jean de La Fontaine und Iwan Andrejewitsch Krylow.
La Fontaine, ein franzoesischer Aristokrat mit baeuerlicher Seele, war ueberzeugt, dass Tiere die Welt besser verstehen als Menschen nur haben sie selbst keine Moeglichkeit, Memoiren darueber zu schreiben. In seinen Fabeln erscheinen Huehner als Verkoerperung des ewigen Widerspruchs zwischen Schein und Sein. Besonders am Herzen lag ihm die Geschichte von der Henne, die goldene Eier legt: Sie klingt bei La Fontaine weniger wie eine Lehre als wie eine traurige Diagnose menschlicher Gier, die ausgerechnet das zu zerstoeren vermag, was sie ernaehrt.
Krylow, La Fontaines Erbe in russischem Klima und russischer Wirklichkeit, trieb diesen Gedanken in Der Geizhals und das Huhn mit jenem duesteren Spott auf die Spitze, der ihm so eigentuemlich war. Seine Figuren sind nicht einfach dumm sie sind dumm mit Pathos und Wuerde, ohne es zu ahnen, was ihre Dummheit besonders unheilbar macht.
Bemerkenswert ist, dass sowohl La Fontaine als auch Krylow die Huehner nicht nur der Moral wegen waehlten, sondern wegen der Genauigkeit des Portraets. Das Huhn in ihren Fabeln ist eine hoechst realistische Gestalt: keine blosse Allegorie, sondern gewissermassen eine Bewohnerin des Nachbarhofs. Eben das macht die Hiebe der Fabeldichter gegen menschliche Laster so treffsicher.
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Auch in persischen Volksmaerchen gibt es die Geschichte vom Hahn, der den Fuchs ueberlistet ganz im Geist Aesops, nur mit orientalischem Kolorit. Ein alter Hahn rettet sich vor dem Fuchs, indem er auf einen Baum fliegt. Der Fuchs versichert ihm, der Padischah habe befohlen, dass die Tiere von nun an in Frieden leben und die Starken die Schwachen nicht mehr quaelen sollen; der Hahn koenne also furchtlos herabsteigen und mit ihm spazieren gehen. Da tut der Hahn, als saehe er in der Ferne eine Schar Tiere herankommen, und deutet an, es muessten wohl Schaeferhunde sein. Der Fuchs erschrickt und will fliehen. Der Hahn fragt ihn: Wenn der Erlass des Padischahs wirklich gelte, warum fuerchte er sich dann? Der Fuchs antwortet, die Schaeferhunde seien vermutlich ausserhalb der Stadt gewesen und haetten den Erlass noch nicht gehoert und nimmt die Beine in die Hand.
Im tatarischen Maerchen Schah-Hahn zeigt sich eine andere Eigenschaft: nicht Schlaeue, sondern die leere Aufgeblasenheit des Hahns. Das Federvieh stolziert ueber den Hof, macht sich wichtig, springt auf den Zaun und erklaert sich ploetzlich zum Schah, Padischah, Khan und Sultan zugleich. Die Hennen bewundern ihn und preisen ihn im Chor als den tapfersten, schoensten und maechtigsten. Von Eitelkeit aufgeblaeht, fordert er immer neue Lobeshymnen auf seinen Thron und seine Krone doch in diesem Augenblick schleicht sich der Koch heran, packt ihn, schlachtet ihn, rupft ihn und kocht aus ihm eine Suppe.
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Nachdem der Professor alles Gesehene und Gelesene zusammengetragen hatte, arbeitete er mehrere feste Huehnermotive heraus, die mit einer Beharrlichkeit von Kultur zu Kultur wandern, die ihresgleichen sucht.
Das erste und wohl verbreitetste: Ein Dummkopf wurde von einem anderen Dummkopf ueberlistet, den man fuer den noch groesseren Dummkopf hielt. Der Schlaue Fuchs, Kater, boeser Nachbar unterschaetzt das Huhn oder den Hahn und steht am Ende selbst als der Dumme da. Die Anziehungskraft dieses Motivs liegt darin, dass es allen Hoffnung gibt, die unterschaetzt wurden: also der Mehrheit der Lebenden.
Das zweite: Anderswo ist es auch schoen, aber zu Hause ist es am besten. Das Huhn oder der Hahn zieht in die weite Welt, begegnet ihr in all ihrer Groesse und kehrt mit der festen Ueberzeugung zurueck: Hier ist das Glueck zu finden. Eine philosophisch durchaus anfechtbare Haltung an einem guten Futtertrog jedoch sehr praktisch.
Das dritte: Die Perle im Mist. Das Huhn findet einen Edelstein und laesst ihn gleichgueltig liegen; es bevorzugt einen Wurm oder ein Koernchen. Das Motiv laesst sich mindestens zweifach lesen: Entweder ist das Huhn eine ueberaus weise Gestalt, die weiss, was sie wirklich braucht oder umgekehrt eine 'material girl in a material world', der es nicht gegeben ist, ueber den Alltag hinauszublicken. Doch die Literatur sympathisiert in der Regel mit dem Huhn.
Das vierte: Der goldene Hahn und der Preis des kostenlosen Kaeses. Jemand erhaelt einen Zauberhelfer Haehnchen, Henne, Ei und damit eine Bedingung. Wer die Bedingung bricht, dem droht die Katastrophe. Puschkin hat dieses Motiv im Maerchen vom goldenen Haehnchen mit einer politischen Schaerfe bearbeitet, die der Zensur lange ein Dorn im Auge war. Die Moral ist zeitlos: Kostenlosen Kaese gibt es nur in der Mausefalle und ein Zauberhaehnchen nur im Maerchen.
Das fuenfte: Gier frisst den Geier. Aesop hat es zuerst formuliert: Eine Witwe fuettert ihr Huhn ueber jedes Mass hinaus, um statt eines Eis gleich zwei zu bekommen das Huhn wird fett und hoert ganz auf zu legen. In spaeteren Versionen schlachtet die Baeuerin die Henne, um sich alle goldenen Eier auf einmal zu holen und bleibt ohne Eier und ohne Huhn zurueck. Die Geschichte wiederholt sich in der Weltwirtschaft mit erschreckender Regelmaessigkeit; doch jede neue Generation von Staatsmaennern und Unternehmern scheint von Aesop erst zu spaet zu erfahren.
Das sechste: Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen. Das fleissige Huhn saet, erntet, mahlt das Korn und baeckt das Brot. Bei jedem Schritt bittet es die Nachbarn um Hilfe alle sind beschaeftigt. Als das Brot fertig ist, sind alle zur Stelle. Nun gibt das Huhn niemandem etwas ab. Das Motiv laesst sich zugleich als Apologie der Gerechtigkeit und als Trost fuer alle lesen, die am Ende doch alles selbst erledigen.
Das siebte: Optimismus als Ueberlebensstrategie. Angesichts der Gefahr scharen Huehner sich zusammen, staerken einander und verlieren den Kopf nicht jedenfalls nicht im uebertragenen Sinne. Diese Motivgruppe gewann nach dem Animationsfilm Chicken Run (2000) erheblich an Popularitaet: Dort organisieren Huehner mit solchem Einfallsreichtum und solcher Opferbereitschaft eine kollektive Flucht aus der Gefluegelfabrik, dass mancher Partisanentrupp sie darum beneiden wuerde.
Das achte: Geistige Transformation. Damit betreten wir das Territorium Viktor Pelewins eines Schriftstellers, der scheinbar eigens dazu geboren wurde, die Metaphysik dort zu entdecken, wo andere nur Huehnerdreck sehen.
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In der Erzaehlung Der Einsiedler und Sechszeher beschreibt Pelewin zwei Broilerkueken in einer Gefluegelfabrik den Einsiedler und Sechszeher , die nicht stumpf Futter picken, sondern Philosophie betreiben. Sie diskutieren die Natur der Realitaet, den Sinn der Existenz und die Moeglichkeit der Flucht. Die Gefluegelfabrik ist in dieser Erzaehlung eine Metapher fuer die autoritaere Gesellschaft, in der alles so eingerichtet ist, dass den Bewohnern weder Zeit noch Kraft bleibt, an etwas anderes als ans Essen zu denken. Zwei denken trotzdem und gerade das macht sie gefaehrlich. Das Ende der Erzaehlung gehoert zu den erschuetterndsten der russischen Literatur der letzten Jahrzehnte: Die Kueken fliegen davon. Nicht im uebertragenen Sinne. Buchstaeblich.
Pelewin treibt in seinen Huehnertexten die Parallele zwischen beiden Gesellschaften der huehnerischen und der menschlichen bis an eine groteske und eben darum besonders ueberzeugende Grenze. Wenn Huehner wir sind, dann ist die Gefluegelfabrik Nun, jeder darf den Satz selbst zu Ende denken.
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Als die Frau des Professors begann, sich ernsthaft mit Huehnern zu befassen, stellte sich heraus, dass das haeusliche Huehnerhalten oder genauer: die Huehnerliebhaberei, bei der es nicht um Eier und weisses Suppenhuhn geht, sondern um die Freude am Umgang mit Huehnern eine weit verbreitete Leidenschaft ist. Besonders viele Huehnerliebhaber leben am Stadtrand und auf dem Land, dort, wo man Gefluegel noch auf Erde halten kann und die Nachbarn sich daran erinnern, dass es Huehner gab, bevor es Supermaerkte gab.
Huehnerliebhaber sind eine bunte, begeisterte Gemeinschaft. Eines verbindet sie: Sie haben die rein utilitaristische Sicht auf das Tier laengst hinter sich gelassen und betrachten es nun ungefaehr so, wie ein Sammler eine seltene Briefmarke betrachtet oder ein Musikliebhaber eine kostbare Vinylplatte. Das heisst: mit einer Liebe, die an Besessenheit grenzt.
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Das Erste, was dem Uneingeweihten auffaellt, wenn er in die Welt der Huehnerliebhaber eintaucht, sind die Huehnerhaeuser. Nicht die tristen Holzschuppen, die seit Sowjetzeiten auf Gemuesegaerten stehen. Die Rede ist von wahren Architekturjuwelen.
Ein moderner Designer-Huehnerstall kann im Stil eines alpinen Chalets ausgefuehrt sein mit geschnitzten Fensterrahmen und kleinem Ziegeldach. Oder im Stil des japanischen Minimalismus mit Schiebepaneelen und einem Kiesgarten vor dem Eingang. Oder im viktorianischen Stil mit Tuermchen, einem Wetterhahn in Hahngestalt und einer verglasten Veranda, auf der die Huehner bei schlechtem Wetter den Garten betrachten koennen, ohne sich die Fuesse nass zu machen.
Bisweilen begegnet man geradezu avantgardistischen Loesungen. Es gibt Huehnerhaeuser mit Klimaanlage: im Sommer Belueftung, im Winter Fussbodenheizung. In manchen die Rede ist nicht von professionellen Gefluegelfarmen, sondern von Liebhaberunterkuenften sind beheizte automatische Traenken eingebaut, Beleuchtung, die den natuerlichen Tagesrhythmus imitiert, Videoueberwachungskameras, damit die Besitzer das Leben ihrer Lieblinge per Smartphone verfolgen koennen, und sogar Systeme zur Huehnererkennung, damit die automatische Tuer weiss, wen sie fuer die Nacht einlaesst und wen nicht.
Es gibt Huehnerhaeuser, in denen klassische Musik gespielt wird. Unter Huehnerliebhabern kursiert die Ansicht, Mozart oder Vivaldi wirkten sich guenstig auf die Legeleistung aus obwohl die wissenschaftlichen Daten dazu widerspruechlich sind und die Huehner selbst jeden Kommentar verweigern.
Man erzaehlt von einem amerikanischen Huehnerfreund, der fuer seine Lieblinge ein dreigeschossiges Huehnerschloss von etwa zwanzig Quadratmetern gebaut haben soll mit separaten Apartments fuer jede Rasse, einer Bibliothek aus Attrappen zur Atmosphaere und einem kleinen Schild an der Tuer: Willkommen im Bedlam, d.h. im Irrenhaus. Mit dem Namen hat er immerhin nicht gelogen; ganz glaubwuerdig wirkt die Geschichte dennoch nicht.
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Manchen Huehnerliebhabern ist selbst der Weg vom Haus zum Huehnerstall zu weit. Sie lassen die Huehner einfach ins Haus. Nicht voruebergehend, sondern dauerhaft, so wie andere eine Katze oder einen Hund halten. Die Huehner spazieren durchs Wohnzimmer, springen aufs Sofa, picken die Reste des Fruehstuecks vom Kuechentisch und zeigen einen Charakter, den ihre Besitzer am liebsten mit den Worten schwierig, aber interessant beschreiben.
Liebhaber dieser Kategorie tun so, als wuerden Huehner nicht koten. Genauer gesagt: Am Rande ihres Bewusstseins erkennen sie an, dass Huehner Visitenkarten hinterlassen haben aber fuer deren Beseitigung ganze Systeme entwickelt: spezielle Huehnerwindeln (ja, die gibt es wirklich und sie sind im Internet erhaeltlich), regelmaessiges Putzen, besondere Bodenbelaege. Manche Hausfrauen ueberziehen weisse Tischdecken mit Wachstuch und halten das fuer einen vernuenftigen Kompromiss zwischen Aesthetik und Realitaet.
Haushuehnern bringt man Kunststuecke bei: auf den Namen zu hoeren, auf die Hand zu springen, auf Befehl bestimmte Gegenstaende anzupicken. Ein Huehnerliebhaber aus Colorado brachte seinen elf Huehnern bei, auf einem kleinen Xylophon zu spielen also die Tasten in einer mehr oder weniger vorhersehbaren Reihenfolge anzuschlagen. Das Video ging im Internet viral und sammelt weiter Aufrufe. Musikkritiker enthalten sich des Kommentars.
Eine weitere populaere Huehnermarke in den sozialen Netzwerken ist Fresh Eggs Daily von Lisa Steele, einer ehemaligen Buchhalterin an der Wall Street, die sich als Huehnerhalterin in fuenfter Generation bezeichnet mit einer beinahe siebenstelligen Zahl von Followern weltweit.
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Huehnerliebhaber lassen sich am einfachsten nach den Rassen ihrer Huehner unterscheiden. Das ist ungefaehr so, als teilte man Musikliebhaber nach Genres ein: Es gibt Jazzsnobs, Metalheads, Menschen, die nur Barock hoeren und alle betrachten die anderen mit freundlichem Unverstaendnis.
Leghoerner sind Voegel fuer Pragmatiker. Weiss, legefreudig, effizient. Geliebt von denen, die das Ergebnis schaetzen und nicht den Prozess.
Lohmann Braun ist das Arbeitstier der Gefluegelzucht: braun, zuverlaessig, produktiv. Beliebt bei denen, die gleich zur Sache kommen wollen.
Wyandottes sind fuer Aestheten. Ueppiges Gefieder, weiche Formen, phantasievoll gerundete Schwaenze. Das gemusterte Spitzengefieder laesst manche Vertreterinnen dieser Rasse wie Damen in Ballkleidern erscheinen. Wyandottes werden meist von Menschen mit kuenstlerischem Geschmack und engelsgleicher Geduld gezuechtet.
Kroaten, Augsburger, Le Flche vergleichsweise seltene Rassen fuer wahre Kenner. Sie zu erhalten heisst, den Genpool zu bewahren. Die Besitzer solcher Rassen betrachten sich als Hueter des Kulturerbes und damit liegen sie, alles in allem, nicht einmal falsch.
Ameraucanas sind fuer Liebhaber der bunten Seite des Lebens. Sie legen ueberwiegend blaue Eier, koennen bei entsprechender Laune aber eine ganze Farbpalette hervorbringen von Hell- und Dunkelblau ueber Gruen und Oliv bis Rosa und Braun. Ameraucanas existieren, damit die Menschen endlich begreifen: Das Leben steckt voller Ueberraschungen, und nicht alle sind schlecht.
Cochins sind riesig, bis zu den Fuessen zottig und unerschuetterlich. Sie eilen nirgends hin. Wirklich nirgends. Sie verkoerpern Zen.
Das Chinesische Seidenhuhn ist eine Rasse für jene, die schon lange ahnen, dass die Welt anders eingerichtet ist, als es den Anschein hat. Seinem Gefieder fehlen die kleinen Häkchen, die normale Federn zusammenhalten, weshalb sie auseinanderstreben und sich anfühlen wie Seide oder Kaninchenfell - aber keinesfalls wie ein Huhn. Die Haut ist schwarz oder bläulich-schwarz, die Knochen ebenso, das Fleisch dunkelgrau - und dennoch gilt es in der chinesischen Medizin als Heilmittel und in der chinesischen Küche als Delikatesse. Den Abschluss des Porträts bildet ein Federschopf auf dem Kopf, durch den das Tier die Welt unablässig wie durch seine eigene Frisur betrachtet. Seidenhühner werden von Menschen gehalten, denen ein gewöhnliches Huhn nicht genügt - sie brauchen ein Huhn, das den Begriff des Huhns selbst in Frage stellt.
Bantams, also Zwerghuehner, eignen sich vielleicht am besten fuer Stadtwohnungen und kleine Reihenhausgaerten. Minihuehner fuer Miniunterkuenfte. Der gesamte Huehnerkosmos im Kleinformat: ausserordentliche Vielfalt des Gefieders und doch dieselben Leidenschaften, dieselben Hierarchien, dieselben Skandale. Nur en miniature.
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Huehnerliebhaber veranstalten regelmaessig Ausstellungen, auf denen sie mit ihren besten Tieren prahlen. Diese Veranstaltungen eine Art Huehner-Haute-Couture sind Schoenheitswettbewerb, wissenschaftliche Konferenz und Dorfkirmes zugleich, und das alles ohne den geringsten inneren Widerspruch.
Das Tier wird nach dem Rassestandard beurteilt einem Dokument, in dem mit buerokratischer Genauigkeit festgelegt ist, wie das ideale Huhn der jeweiligen Rasse auszusehen hat: Form des Kamms, Farbe der Ohrlappen (ja, Huehner haben Ohrlappen, und ihre Farbe ist von grundlegender Bedeutung), Winkel der Schwanzhaltung, Struktur des Gefieders, Proportionen des Koerpers. Kritische Richter wandern zwischen den Kaefigen umher mit der Miene von Experten, die Stradivari-Geigen begutachten.
Die Sieger erhalten Baender und Pokale. Die Besitzer erhalten Befriedigung und das Recht, ihre Champions im Gespraech ungefaehr so zu erwaehnen, wie andere ihre Kinder erwaehnen, die mit Auszeichnung promoviert haben.
Die groessten Ausstellungen finden jaehrlich statt: in Grossbritannien die National Poultry Show, in den USA das APA National Meet. Bei Letzterem werden jedes Jahr mehrere Tausend Tiere bewertet. Das ist kein Hobby mehr. Das ist eine Lebensweise.
Das Internet hat diese Gemeinschaft natuerlich auf planetarische Groesse ausgedehnt. Foren, YouTube-Kanaele, Instagram-Accounts mit Tausenden von Abonnenten, einzelne Huehner mit Namen und Biografien. Unter den klingendsten Namen der Instagram-Huehner sticht Princess Leya hervor oder, in der fuer eine Legehenne angemesseneren Form: Princess Layer, erraten Sie es, benannt nach Prinzessin Leia Organa aus Star Wars. Vielleicht war es gerade dieser extravagante Name, der den Huehnerberuehmtheiten Instagrams einen Loewenanteil ihrer Popularitaet bescherte.
Eine andere Henne mit dem schlichten Namen Sammi (@sammichicken) versammelte über 111.000 Follower auf Instagram - keine sonderlich seltene Geschichte in der Welt der Hühner-Sozialen-Netzwerke, wo der Hashtag #ChickensOfInstagram Millionen von Beiträgen vereint. Das Phänomen hat sogar einen eigenen Namen erhalten: 'Henfluencer'. Freilich können Hühner aus natürlichen Gründen nicht allzu lange henfluencen. So erging es auch Sammi. Als sie im Juni 2023 ins hühnerische Jenseits entschwand, folgte ihr zunächst Gypsi und dann Dusti, die bis heute munter henfluencert - unter demselben Markennamen und ohne eine einzige Feder zu ändern.
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Die groesste Gemeinschaft von Huehnerliebhabern im Internet das Forum BackYardChickens.com zaehlt mehr als 400.000 registrierte Teilnehmer. Dort diskutiert man Krankheiten, Futter, Konstruktionen von Huehnerhaeusern, die Psychologie der Huehner und den Sinn des Huehnerhaltens. Es gibt den Thread Zeigt mir eure Huehner, der seit vielen Jahren laeuft und Hunderttausende von Beitraegen umfasst. Vielleicht ist es der laengste Diskussionsfaden in der Geschichte des Internets zu einem einzigen Thema.
In Russland und den GUS-Staaten sammeln sich aehnliche Gemeinschaften in Foren wie Chosjajstwo und in VKontakte-Gruppen, wo Huehnerhalter mit derselben Leidenschaft Futterrezepte austauschen und sich ueber Nachbarn beklagen, die die Schoenheit des Hahnenrufs um fuenf Uhr morgens nicht zu schaetzen wissen.
Es gibt auch philosophisch veranlagte Huehnerliebhaber, die im Huehnerhalten etwas Groesseres sehen als ein Hobby. Sie sprechen von der Rueckkehr zu den Wurzeln, vom Rhythmus der Natur, davon, dass die Beobachtung von Huehnern Geduld, Gelassenheit und die Faehigkeit lehre, sich ueber kleine Dinge zu freuen. Das klingt ein wenig pathetisch aber wenn man einen Menschen sieht, der eine halbe Stunde lang in der Hocke sitzt und zuschaut, wie seine Wyandotte gemessenen Schritts ueber den Hof schreitet, beginnt man zu vermuten, dass er etwas Besonderes weiss.
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Leider gibt es neben der Huehnerliebhaberei auch die Huehnerphobie eine verbreitete, wenn auch weniger fotogene Erscheinung. Die bekannteste Spielart ist wohl die Hahnenphobie, die unter Menschen verbreitet ist, die mit Strafanstalten zu tun haben oder sich zumindest an den Regeln der Gefaengniskultur orientieren.
In der Gefaengnissubkultur bezeichnet das Wort Hahn keineswegs den munteren Vogel, der das Dorf im Morgengrauen weckt. So nennt man einen Gefangenen der untersten Kaste jemanden, der aus dem einen oder anderen, meist sehr bestimmten Grund das Ansehen der kriminellen Gemeinschaft endgueltig und unwiderruflich verloren hat. Entweder war er schon vor der Haft erniedrigt worden, oder er wurde in der Anstalt sexuell missbraucht, oder er sitzt wegen Verbrechen hinter Gittern, die selbst in kriminellen Kreisen als schaendlich gelten.
Der Wortschatz zur Bezeichnung der Angehoerigen der untersten Gefaengniskasten ist von ueberraschender Fuelle. Sprache entwickelt sich bekanntlich besonders rasch dort, wo soziale Unterschiede exakt klassifiziert werden muessen. Neben den 'Haehnen' gibt es 'Kaemme', 'Petis' und eine Reihe weiterer Begriffe, jeder mit eigenen Schattierungen und eigener Geschichte. Es ist eine ganze Taxonomie der sozialen Erniedrigung, mit einer Sorgfalt ausgearbeitet, um die mancher systematische Biologe ihre Verfasser beneiden wuerde.
Das Verhaeltnis zu den Haehnen in der Gefaengnishierarchie ist paradox was allerdings niemanden ueberraschen sollte, denn Paradoxe bilden ueberhaupt die Grundlage der Gefaengnisethik. Einerseits darf man die Haehne nicht beruehren, nicht mit ihnen essen und keinerlei Geschaefte mit ihnen machen, will man nicht riskieren, sich ihren niedrigen Status wie eine Krankheit einzufangen. Andererseits gilt es keineswegs als anstoessig, mit ihnen in aktiver Rolle sexuell zu verkehren. Die innere Logik dieses Systems bleibt Gegenstand der Ueberlegungen und Diskussionen sowohl unter Forschern als auch unter den aufgewecktesten kriminellen Autoritaeten.
Die Herkunft des Begriffs 'Hahn' ist dunkel, wie das meiste, was in geschlossenen Gemeinschaften entsteht. Eine recht plausible Version verknuepft den Hahn weniger mit dem Vogel selbst als mit dem Verb singen: Im Gefaengnisslang bedeutete dieses Wort nicht das Vortragen von Romanzen, sondern Denunziation. Wer zu singen begann also mit den Behoerden zu reden , rutschte rasch auf den untersten Platz der kriminellen Hierarchie. Eine andere Version verbindet die Entstehung des Begriffs mit alten Dialektformen wie 'Pevyen', die einst in Haftanstalten gebraeuchlich gewesen sein sollen. Die Terminologie duerfte sich in den sowjetischen Lagern der 1930er- und 1940er-Jahre gefestigt haben, als die Haftbedingungen so hart wurden, dass die soziale Struktur im Innern die aeussere mit verdoppelter Intensitaet nachzubilden begann.
Forscher, die sich mit diesem Thema befassen, sind sich im Allgemeinen einig: Gesicherte Schluesse lassen sich kaum ziehen zu wenige Schriftzeugnisse, zu viel muendliche Ueberlieferung. Was im Grunde logisch ist: Aus Orten, an denen das wichtigste Kommunikationsmittel das Klopfen durch die Ziegelwand ist, gibt es tatsaechlich nicht viele schriftliche Quellen.
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Nachdem der Professor seine Funde noch einmal bedacht hatte, erkannte er einen weiteren wichtigen Aspekt. Mit hoher Wahrscheinlichkeit haben die Huehner ihre sozialen Beziehungen von ihren fernen Vorfahren geerbt den Dinosauriern.
Diese Verbindung ist keine Metapher, sondern buchstaeblich zu verstehen. Die moderne Wissenschaft laesst daran keinen Zweifel: Voegel sind Dinosaurier, die die Katastrophe am Ende der Kreidezeit ueberlebt haben. Genauer gesagt: Sie sind Nachkommen der Theropoden jener zweibeinigen Raubtiere, zu denen auch der beruehmte Tyrannosaurus rex gehoerte. Das Huhn ist damit die entfernte Verwandte eines Wesens, das das gesamte Mesozoikum in Schrecken versetzte. Sich das beim naechsten Huehnerschnitzel vor Augen zu halten, verleiht dem Mahl eine ganz besondere Dimension.
Die Dinosaurier, mit ihrer beeindruckenden Vielfalt an Formen und Groessen vom Spatz bis zum sechsstoeckigen Haus , waren aller Wahrscheinlichkeit nach soziale Wesen. Palaeontologen finden Belege fuer Herdenverhalten, gemeinsames Bebrueten von Eiern und komplexe Balzrituale. Hierarchien und Hochzeitsrituale scheint es bei ihnen ebenfalls gegeben zu haben wie sonst waere zu erklaeren, dass manche Maennchen mit Kaemmen, Hauben und leuchtender Faerbung prahlten, die offensichtlich nicht fuer die Jagd gedacht waren, sondern zur Anziehung des schoenen Geschlechts?
Man muss kaum daran zweifeln, dass die soziale Organisation der Dinosauriergesellschaften nicht sehr viel hoeher entwickelt war als die der Huehnergesellschaften. Der Tyrannosaurus war natuerlich erheblich beaengstigender als ein Leithahn doch gemessen an der Gehirngroesse im Verhaeltnis zum Koerper wohl kaum klueger. Die Grundprinzipien der Huehnergemeinschaft Hierarchie, Zurschaustellung, Konkurrenz um Ressourcen, Verteidigung des Reviers sind vermutlich auch die Prinzipien, nach denen die Dinosaurier lebten. Von der Evolution wurden sie also mindestens einige hundert Millionen Jahre lang erprobt.
Kein Wunder, dass wir dieselben Prinzipien auch am Grund menschlicher Gemeinschaften wiederfinden. Die Art Homo sapiens lebt seit etwa dreihunderttausend Jahren auf der Erde. Blickt man auf die gesamte Ahnenreihe des Menschen, kommt man leicht auf ueber zwei Millionen Jahre. So oder so ist das im Massstab der Erdgeschichte kaum eine Zeitspanne. Ein Augenblick, nicht mehr. Die Dinosaurier hingegen beherrschten den Planeten viele Dutzend Millionen Jahre und hatten in dieser Zeit reichlich Gelegenheit, soziale Muster bis zur Perfektion zu schleifen.
Vielleicht werden Huehnerliebhaber unter den Menschen eben deshalb instinktiv von Huehnern angezogen. Nicht aus Sentimentalitaet und nicht aus oekologischem Bewusstsein, sondern weil der Mensch in der Naehe des Huhns eines Wesens, das in seinen Genen die Erinnerung an das Mesozoikum traegt eine eigentuemliche Beruhigung empfindet. All das hat es schon gegeben. Hierarchien, Skandale, Gackern ueber Nichtigkeiten, seltenes Aufflackern von Gegenseitigkeit: Das sind keine Krankheiten der Zivilisation. Es ist ein Programm, das seit Hunderten von Millionen Jahren laeuft.
Back to basics, wie die Englaender sagen. Oder frei uebersetzt: Der Huehnerstall ist aelter als das Grossraumbuero.
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Der Professor, der die Idee seiner Frau im ersten Augenblick abgelehnt hatte, fand am Ende nichts, was er ihr im Wesentlichen entgegnen konnte. Schliesslich ergab er sich. Er war Wissenschaftler und verstand: Die schoensten Theorien sind jene, die vieles mit wenigen Mitteln erklaeren. Die Theorie seiner Frau erklaerte die Geschichte der Menschheit mithilfe eines einzigen Huehnerstalls. Das ist, man muss es zugeben, sparsam.
Die Frau hatte unterdessen die Huehner gefuettert, den Huehnerstall geschlossen und war ins Haus gegangen, um das Abendessen zuzubereiten. Die Huehner gackerten noch ein wenig aus Gewohnheit und schwiegen dann. Zumindest von aussen sah es so aus.
Was sie drinnen einander sagten, hat der Professor nie erfahren. Er vermutete aber, dass es hoechstwahrscheinlich dasselbe war, worueber auch die Menschen reden.
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