Петров Алексей Юрьевич
Lumpi

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    Disclaimer: Diese Erzählung richtet sich ausschließlich an Erwachsene. Keine Verbindung zur gleichnamigen Kinderbuchreihe von Ralph Caspers.

LUMPI

Für Laima

 

    Ich wache früher auf als die Menschen, weil ihnen irgendwer sagen muss, dass die Nacht vorbei ist.

    Zuerst hört man den Kühlschrank. Er brummt gleichmäßig, und am Ende verschluckt er sich immer, als wäre ihm etwas Unangenehmes eingefallen. Dann kommen die Gerüche: der ausgekühlte Herd, der Tee von gestern, meine Decke, Herrchen. Aus dem Schlafzimmer zieht sein Geruch warm und verschlafen herüber, mit Medizin und alter Seife. Frauchen riecht anders – nach trockenen Kräutern, nach Handcreme und nach jener Säure, die bei Menschen aufkommt, wenn sie lange an Schlimmes denken und dabei schweigen.

    Ich liege und warte, bis der Körper einverstanden ist, aufzustehen.

    Zuerst die Vorderpfoten. Dann der Rücken. Dann die rechte Hüfte.

    Die Hüfte murrt heute. Nicht, dass sie jault, aber Dummheiten macht man mit ihr besser keine. Ich strecke mich langsam, bis es in den Schulterblättern zittert, und horche, wo etwas antwortet.

    „Lumpi, du bist keine zehn mehr“, sagt Frauchen manchmal.

    Ich weiß nicht, was zehn Jahre sind. Menschen zählen gern, was man nicht beschnüffeln kann. Ich weiß nur eines: Nach diesen Worten liegt weniger im Napf, und man sieht mich an, als müsste ich leiser werden. Deshalb stelle ich mich taub.

    Herrchen sagt manchmal etwas anderes:

    „In dir stecken Dackel und Jagdterrier. Du bist kein Hund, du bist eine Rakete.“

    Raketen sind wohl schnell. Besonders beim Start. Ich bin auch jetzt noch schnell. Nur muss ich vor dem Aufspringen erst überlegen, welcher Pfote es zuerst weh tun wird.

    In der Küche riecht es nach dem Abendessen von gestern, nach Zwiebelschalen unter dem Herd und nach kaltem Eisen. Im Kühlschrank ist alles. Ich weiß es genau: Von dort zieht Huhn, Käse, Wurst, Suppe und noch etwas, das die Menschen „nichts für dich“ nennen. Menschen verstecken überhaupt das Gute. Sie legen das Essen in einen kalten Kasten, machen die Tür zu und sind beruhigt. Und ich bewache diesen Kasten mein ganzes Leben lang, und mir fällt dafür nichts ab.

    Herrchen kommt herein, schlurfend.

    Er kommt falsch herein. Bleibt nicht in der Tür stehen, prüft die Luft nicht, schaut nicht nach unten. Er geht, als wäre der Boden leer. Der Boden ist nie leer. Auf dem Boden kann ich sein.

    Den Kopf schaffe ich weg. Den Schwanz nicht.

    Es tut nicht weh: Menschen treten nicht richtig zu, solange sie es nicht absichtlich darauf anlegen. Beleidigend ist es trotzdem. Ich fahre so hoch, dass die Hüfte mit einem heißen Blitz antwortet, und schreie auf. Kurz und mit Würde. Nicht aus Schmerz – aus Empörung.

    „Ojemine! Lumpi, entschuldige!“

    Er geht neben mir in die Hocke. Er riecht nach Schlaf und nach Reue; bei Menschen ist die Reue immer etwas süßlich. Er kratzt mich hinter dem Ohr, dort, wo ich selbst nicht hinkomme, und schiebt mir einen Augenblick später ein Stück Käse hin.

    Käse ist ein Argument.

    Ich verzeihe.

    Menschen glauben, ein Hund lebe vom Fressen. Falsch. Ein Hund lebt von der Ordnung. Nur: Wenn die Ordnung gestört ist und es danach Käse gibt, darf man die Ordnung als wiederhergestellt betrachten.

    Frauchen kommt später heraus und ruft dreimal:

    „Lumpi! Lumpi! Lumpi!“

    Ich höre beim ersten Mal. Ich höre immer beim ersten Mal. Nach dem zweiten habe ich die Wahl, zu kommen oder nicht zu kommen, aber nach dem dritten gehört es sich nicht mehr, Menschen warten zu lassen.

    Im Napf ist Trockenfutter. Es riecht nach Pappe, nach Hühnerstaub und nach dem Fett, mit dem sie es außen einreiben, um uns zu täuschen. Ich fresse. Nicht weil es schmeckt, sondern weil Hunger der Feind ist und der Körper, wenn man ihm glaubt, gerade seine letzten Stunden vor dem Hungertod erlebt. Frauchen sieht das anders. Menschen spüren den Hunger schlecht: Sie können den ganzen Tag Häppchen in sich hineinschieben und nennen das „nur schnell was zwischendurch“, und wundern sich dann, dass ein Hund am Herd steht und sie kummervoll ansieht.

    Nach dem Frühstück sucht Herrchen seinen Hausschuh.

    „Lumpi, hast du ihn heute wieder verschleppt?“

    Ich sehe ihn mit ehrlichen Augen an.

    Heute nicht. Verschleppt habe ich ihn gestern. Den rechten, den alten, mit der Sohle, die nach dem Schuster schreit. Er roch nach Herrchen, nach Straßenstaub und ein wenig nach Käse: Herrchen war vor kurzem am Kühlschrank auf eine Käserinde getreten. Die Sohle klappte beim Gehen, und das war richtig – ein Ding soll riechen und klingen und nicht wie tot in der Ecke liegen.

    Jetzt liegt der Hausschuh unter dem Johannisbeerstrauch, direkt am Zaun. Das mitzuteilen bin ich nicht verpflichtet. Menschen werfen nötige Dinge weg und nennen das Ordnung. Ich hebe auf.

    Frauchen öffnet die Tür.

    Ich gehe als Erste hinaus. Wer nicht als Erster hinausgeht, dem kann die Tür vor der Nase zufallen. Menschen haben diese Angewohnheit – Türen genau dann zu schließen, wenn man hindurch muss. Sie meinen es nicht böse. Sie begreifen nur nicht, dass eine Tür eine Grenze ist und dass man Grenzen nicht ohne Grund schließt.

    Der Morgen riecht nach nassem Asphalt, nach Erde, Würmern, gemähtem Gras und nach Kaffee aus dem Nachbarfenster. Der Wind geht tief. Er kriecht über den Boden und bringt Neuigkeiten: Irgendwessen Katze ist rollig, irgendwer hat gestern Kohlen im Grill glühen lassen, irgendwer hat hinter seinen Thujen gegraben, und über den Weg ist vor kurzem ein Hund mit einer kranken Pfote gegangen. Der Wind weiß es früher, als man es sieht.

    Ich gehe meine Runde.

    Zuerst der Pfosten am Gartentor. Dann die Ecke am Drahtzaun. Dann der Betonsockel, in dem mein Geruch so dicht sitzt, dass ihn nicht einmal der Regen herausholt.

    Nachts war Rex vom hinteren Weg am Pfosten. Er hat seine Marke über eine fremde gesetzt, die Grenze aber nicht überschritten. Ich schnuppere und erneuere das Meine. Grenzen halten nicht durch Schlagbäume. Schlagbäume sind für Menschen. Grenzen halten durch Geruch. Ist der Geruch richtig, braucht man nicht zu bellen. Ist er falsch, muss man erziehen.

    Wamperl sitzt auf unserem Zaun.

    Er sitzt da, als hätte man den Zaun für ihn gebaut. Ein riesiger Kater, rotgrau, mit weißer Brust und einer Räuberschnauze. Die Menschen nennen ihn Plutonium, aber Menschen können Faulenzern und Ganoven keine richtigen Namen geben. Ich nenne ihn Wamperl, weil ihm sein Bauch näher ist als sein Gewissen.

    Er ist dick, doch die Dicke ist Schau. Er läuft über die Zaunkante, ohne dass der Draht schwankt, ist in einer Sekunde verschwunden und schafft es, mir beim Pfotenlecken in die Augen zu sehen – wie auf Staub, den man aus Gnade duldet.

    Heute sitzt er da und wäscht sich.

    Ich knurre.

    Wamperl blinzelt langsam.

    Das ist eine Beleidigung. Langsames Blinzeln bedeutet etwa: „Ich sehe dich, halte es aber nicht für nötig, meine Körperlage zu verändern.“ Er weiß, dass ich nicht springen werde. Früher hätte ich mich ohne Nachdenken auf ihn gestürzt. Früher habe ich Zäune überhaupt nicht um Erlaubnis gefragt. Jetzt erinnert die Hüfte daran, dass Höhe ein Faktor ist, mit dem man manchmal rechnen muss.

    Wamperl springt in den Hof hinunter.

    Nicht zu mir. Zum Johannisbeerstrauch.

    Das ist schon Unverschämtheit.

    Ich gehe hinterher. Nicht im Laufschritt: Ich habe Würde und einen Plan – hingehen, knurren und dann entscheiden, ob gebissen werden muss. Wamperl bleibt dort stehen, wo die unteren Zweige auf der Erde liegen und es darunter dunkel ist. Er setzt sich nicht. Er drückt sich an den Boden, und die Schwanzspitze beginnt fein zu zucken.

    Diesen Schwanz kenne ich.

    So riecht Jagd.

    Wamperl schlägt mit der Pfote in das Dunkel unter den Zweigen. Springt zurück. Faucht. Sein Nackenfell stellt sich auf.

    Unter dem Strauch ist ein Rascheln zu hören.

    Keine Maus.

    Keine Ratte.

    Trocken, schwer, als kröche etwas ohne Beine über alte Rinde. Ich bleibe stehen, und in die Nase steigt mir ein Geruch, von dem sich das Fell auf dem Rücken hebt.

    Kalt. Nicht wie Wasser – wie ein Stein, der eine Nacht in der Erde gelegen hat. Darin sind alte Haut, Staub, Mäusespur und etwas Eisernes. So etwas habe ich einmal gerochen, vor langer Zeit, am Mauerwerk hinter den Garagen. Damals sagte Herrchen: „Kreuzotter.“ Das Wort sagte mir nichts, aber Herrchens Geruch wurde unruhig – also war das Wort wichtig.

    Wamperl sieht mich an.

    Katzen können einen ansehen, als wäre man bei ihnen verschuldet. Aber Wamperl würde nicht dorthin gehen, wo nichts ist, und würde nichts anfauchen, was man fressen kann. Also ist da kein Futter.

    Ein Schritt nach vorn. Die Hüfte zieht.

    Unter dem Strauch ist es eng. Früher wäre ich ohne Überlegung hineingekrochen: Dackel und Jagdterrier – das ist nicht nur der niedrige Wuchs, das ist auch die Sturheit, mit der man in jeden Bau kommt. Jetzt schätze ich erst ab, ob die Sache meine Gelenke wert ist.

    Das Rascheln verstummt.

    Wamperl fliegt auf den Stapel alter Betonplatten am Zaun und sitzt dort wie ein flauschiges Denkmal. Ich belle. Einmal, kurz. Nicht für die Menschen – für die Ordnung.

    Wamperl geht über den Zaun davon, den Schwanz hoch erhoben, als wäre alles nach seinem Plan gelaufen. Ich tue, als hätte ich nicht bemerkt, wie er sich beeilt hat.

    Hinter dem Zaun geht die Wand auf und ab.

    Die Wand ist der Schäferhund aus dem Nachbarhof. Die Menschen nennen sie Taiga, und der Name passt zu ihr: Sie sieht wirklich aus wie ein zottiges Taiga-Ungeheuer, versteckt hinter blinden Brettern. Ich nenne sie Wand, weil sie riesig ist und mit sich selbst den Schall verstellt.

    Die Lieblingsbeschäftigung der Wand ist Schweigen und Lauern. Sie kann so schweigen, als wäre sie nicht da. Du gehst vorbei, schnüffelst an der Erde, denkst über etwas Wichtiges nach – und sie steht schon am Spalt und schaut. Und erst dann bellt sie.

    Tief.

    Laut.

    Direkt ins Ohr.

    Ich springe jedes Mal hoch. Nicht aus Angst, aus Überraschung. Die Tricks der Wand sind billig. Richtige Erziehung ist, wenn von Anfang an klar ist, wer wen fürchtet. Sie aber versteckt sich in der Stille wie ein Floh im Fell.

    Heute wartet sie nicht, bis ich näher komme.

    Sie läuft selbst am Zaun entlang. Der Geruch kommt durch die Bretter: heißer Hund, Staub, altes Fell und Unruhe. Die Wand schnaubt, schiebt die Nase in den Spalt am Boden und bellt nicht mich an, sondern in Richtung unserer Johannisbeeren.

    Wenn die Wand es auch riecht, dann geht es nicht um den Kater.

    Ich habe keine Fantasie. Ich habe eine Nase. Und die Nase sagt, dass sich innerhalb der Grundstücksgrenzen ein Fremder eingerichtet hat.

    Ich gehe zurück zum Haus. Herrchen kommt auf die Stufen heraus.

    „Lumpi, was bellst du denn so?“

    Ich sehe ihn an. Er versteht nicht. Menschen verstehen schlecht, wenn man es ihnen nicht zeigt. Ich gehe zur Tür und kratze mit der Pfote an der Schwelle.

    „Dir geht es doch bloß ums Rausgehen, gell?“

    Ich will nicht raus. Ich erkläre.

    Aber Menschen haben eine Eigenart: Solange du ihnen nicht in den Zähnen bringst, was du meinst, glauben sie, du willst einfach fressen.

    Aus der Küche sagt Frauchen:

    „Heute Abend kommt ein Gewitter. Die Johannisbeeren müssen abgemacht werden, sonst schlägt es sie herunter.“

    „Machen wir nach dem Mittagessen“, antwortet Herrchen.

    Ich drehe den Kopf zu den Sträuchern.

    Johannisbeeren. Gewitter. Die kriechende Kälte. Die Menschen spüren es nicht, ich spüre es: Der Wind dreht schon, es liegt Feuchtigkeit darin, nasses Eisen und ferner Rauch. Der Wind bringt fremde Entscheidungen, bevor die Menschen sie treffen können.

    Ich lege mich in den Schatten an der Treppe und schlafe nicht.

    Nach dem Mittagessen döst Herrchen. Frauchen hantiert in der Küche: Es riecht nach Teig, nach Äpfeln und nach dieser süßen Angst, die Menschen vor einem Gewitter haben. Das Haus atmet langsam. Die Uhr tickt, der Kühlschrank brummt, eine Fliege stößt gegen die Scheibe. Frauchen lässt zweimal den Löffel fallen. Hinter dem Zaun hört die Wand auf zu laufen und legt sich.

    Dann höre ich den Kater.

    Wamperl kommt nicht über den Zaun. Er schleicht tief über dem Boden, hinter dem Geräteschuppen. So schleicht man nicht, wenn man bloß stehlen will.

    Ich stehe auf. Die Hüfte widerspricht erst, dann ist sie einverstanden. Ich gehe am Haus entlang, im Schatten: kürzer und weicher für die Pfoten.

    Wamperl sitzt auf der unteren Platte und sieht in den Strauch. Er wäscht sich nicht. Er sieht mich nicht an. Er ist ganz gesammelt.

    Der Geruch ist stärker geworden. Er versteckt sich nicht mehr. Zur Kälte hat sich Warmes gemischt: über den Tag aufgeheizter Stein, trockenes Laub, Staub.

    Wamperl schlägt mit der Pfote auf die Platte. Kurz. Noch einmal.

    Unter den Zweigen raschelt es wieder.

    Wamperl springt zurück, geht aber nicht – er klettert höher und führt den Schwanz.

    Ich verstehe: Er will, dass es herauskommt. Aber nicht unbedingt von allein.

    Katzen mögen es, wenn den gefährlichen Teil der Arbeit ein anderer macht. Wamperl schaut von oben auf mich herunter, und in seinen gelben Augen liegt im Voraus keine Dankbarkeit – nur Kalkül. Ich mag es nicht, benutzt zu werden. Noch weniger mag ich es, wenn sich auf meinem Boden etwas einrichtet, das nach Unglück riecht.

    Ich gehe zu den Zweigen. Von unten zieht Kälte. Ich schnaube, Staub kommt in die Nase. Ich kratze die Erde am Rand der Platte auf und erwische einen Splitter. Der Schmerz geht in die Schulter.

    Früher hätte ich diese Platte umgeworfen. Jetzt muss ich nachdenken.

    Wamperl kommt tiefer, fast neben mich. Er riecht nach Fell, Mäusen, Sonne und Unverschämtheit. Er maunzt kurz. Leise. Etwa: „Na?“

    Ich knurre ihn an. Er nimmt es nicht übel. Er sieht in den Strauch.

    Hinter dem Zaun explodiert die Wand.

    Nicht wie sonst, nicht mit einem einzigen Schlag aus der Stille: Sie bellt hintereinander, heiser, mit einem Heulen darin, und ihre Unruhe dringt durch die Bretter. Wamperl zuckt, bleibt aber.

    Also riecht sie es auch. Also habe ich es mir nicht ausgedacht.

    Die Menschen wissen es noch nicht.

    Ich laufe zum Haus.

    Frauchen schüttet Futter in den Napf – dieselbe Pappe mit Hühnerstaub.

    „Friss, Lumpi.“

    Ich fresse nicht. Ich stehe an der Tür und sehe auf die Sträucher.

    „Was denn jetzt noch?“

    Sie kommt her, schaut in den Hof hinaus. Menschen sehen schlecht. Sie sehen den Draht, die Zweige, den Kater auf den Platten. Den Geruch sehen sie nicht.

    „Schleich di, Plutonium!“

    Wamperl dreht nicht einmal den Kopf.

    Da beschließt Frauchen, dass ich krank bin. Sie geht in die Hocke und tastet mir den Bauch ab. Ihre Hände sind warm und riechen nach Teig und Medizin. Ich lecke ihr das Handgelenk. Nicht aus Zärtlichkeit. Ihr Geruch bedeutet einfach Haus: Solange er da ist, kann man an der Tür schlafen.

    „Is schon gut, alte Dame“, sagt sie und legt mir für eine Sekunde die Hand in den Nacken.

    Ich bin keine alte Dame. Ich weiß nur, wann man keine Kräfte verschwenden muss.

    Gegen Abend wird der Himmel dunkel.

    Der Wind kommt in Böen, jagt Staub über den Hof, zerrt an den Zweigen und wirft die ersten schweren Tropfen. Donner rollt irgendwo hinter den Dächern. Die Menschen bewegen sich schneller: Frauchen schließt die Fenster, Herrchen kommt mit einem Eimerchen auf die Stufen.

    „Ich geh sie abpflücken.“

    Ich stehe auf.

    Er schlurft über den Hof in seiner alten Jacke. An einem Fuß ein Hausschuh, am anderen ein Gartenschlappen: Der rechte Hausschuh liegt unter dem Johannisbeerstrauch, am Zaun. Ich weiß es genau. Ich habe ihn selbst dorthin gelegt.

    Ich gehe neben ihm. Nicht weil ich helfen will – ich will sehen, wohin er die Hände steckt. Menschen stecken ewig die Hände dorthin, wo man zuerst die Nase hineinstecken muss.

    Am Strauch ist der Geruch jetzt anders. Oben heiß, innen kalt. Die Zweige haben sich über den Tag erwärmt, aber darunter ist der Schatten geblieben.

    Herrchen beugt sich vor. Er hält die oberen Zweige weg und greift nach den unteren Rispen – dort, wo die Beeren größer sind und wohin die Sonne nicht kommt.

    Ich sehe den Hausschuh.

    Die halb abgerissene Gummisohle ragt als dunkle Zunge unter den Blättern hervor. Er liegt da, wo ich ihn gelassen habe, aber er riecht nicht mehr nur nach Herrchen. Er riecht nach dieser kriechenden Kälte. Ob er im Weg ist oder Deckung gibt – ich weiß es nicht. Ich weiß nur eines: Herrchen streckt die Hand dorthin, wo es nach Unglück riecht.

    Ich knurre.

    „Lumpi, stör nicht.“

    Ein Schritt nach vorn. Die Hüfte flammt auf.

    Die Hand geht ins Laub. Darunter bewegt sich etwas. Ich höre es nicht mit den Ohren – mit der Haut. Ein trockener, kurzer Laut.

    Ich packe den Hausschuh mit den Zähnen.

    Das Gummi ist hart, alt, mit einem Geschmack von Erde. Ich reiße – er sitzt fest. Der Schmerz geht von der Hüfte bis ins Schulterblatt. Ich reiße noch einmal.

    „Aus!“

    Herrchen fasst mich am Halsband und zieht mich zu sich. Genau das ist nötig. Er macht einen Schritt zurück. Noch einen.

    Der Hausschuh schnellt heraus.

    Unter den Zweigen schlägt eine kurze dunkle Peitsche hervor.

    Sie klatscht gegen das Gummi – nicht gegen die Hand. Ich schleudere den Hausschuh zur Seite, die Peitsche geht ihm nach. Von oben, von den Platten, fällt ein roter Schatten: Wamperl schlägt mit der Pfote, faucht und fliegt höher. Er hilft nicht so sehr mir wie sich selbst. Aber er schlägt auf denselben Punkt.

    Hinter dem Zaun bellt sich die Wand die Seele aus dem Leib, als hätte sie ihr Leben lang darauf gewartet.

    Herrchen verliert das Gleichgewicht und setzt sich auf die Erde. Regentropfen fallen auf seine Jacke.

    Zwischen ihm und dem Strauch liegt die Kreuzotter.

    Sie ist kurz und dick, mit dunklem Rücken und flachem Kopf. Sie sieht nicht mich an – sie sieht den Hausschuh an. Der Hausschuh riecht nach Herrchen und nach Bewegung. Für sie ist das auch ein Feind.

    Aus dem Haus ruft Frauchen:

    „Was ist da?!“

    Herrchen antwortet nicht gleich:

    „Eine Kreuzotter.“

    Er spricht das Wort so aus, wie man den Namen einer Sache ausspricht, die man gut kennt, aber nicht hinter dem eigenen Haus finden möchte.

    Sie kriecht nicht weg. Sie hebt den Kopf. Ihr Geruch steht unmittelbar daneben: glatte Schuppen, Staub, Kälte, Wut. Man darf nicht nah stehen – ich weiß das nicht mit dem Kopf, sondern mit dem Körper. Früher sprang der Körper sofort. Jetzt fragt er erst, ob die Kraft reicht.

    Wamperl schlägt mit der Pfote auf die Platte. Die Platte klopft dumpf. Die Kreuzotter dreht den Kopf zum Geräusch.

    Herrchen kriecht auf allen vieren zurück, tastet mit der Hand über die feuchte Erde und findet einen Stock. Er holt nicht aus. Er hält ihn einfach vor sich, wie Menschen Dinge halten, wenn sie nicht wissen, was sie tun sollen.

    Ich stelle mich zwischen ihn und die Schlange.

    Nicht weil ich mutig bin. Weil das mein Platz ist. Menschen begreifen Grenzen vielleicht nicht – ich begreife sie. Hier ist mein Hof. Hier ist mein Napf. Hier ist Herrchen, der mir auf den Schwanz tritt. Hier ist Frauchen, die mich alte Dame nennt und zu wenig Fleisch in den Napf legt. Hier ist mein Geruch.

    Ich knurre. Tief, aus der Brust. Nicht für die Schlange – für mich. Damit der Körper sich erinnert, was er noch kann.

    Ein Donnerschlag rollt näher.

    Der Regen wird stärker. Frauchen läuft mit der Taschenlampe auf die Stufen, obwohl es noch hell ist, und der Strahl zittert über die Zweige, über die Erde, über den dunklen Rücken. Die Kreuzotter beschließt, dass es zu viele Menschen und Tiere und zu wenig Strauch gibt, und geht mit einer schnellen, raschelnden Bewegung unter die Platten.

    Ein paar Sekunden bewegt sich niemand.

    „Jessas“, sagt Herrchen.

    Wamperl sitzt oben und leckt sich die Pfote mit einer Miene, als hätte er alles genau so geplant. Die Wand bellt noch einmal, heiser und kurz, als setzte sie einen Punkt.

    Ich lege den Hausschuh vor Herrchens Füße. Nicht weil er darum gebeten hat. Das Ding riecht jetzt einfach richtig: nach Regen, nach Gefahr und nach meiner Arbeit.

    Herrchen sieht auf den Hausschuh. Dann auf mich. Dann auf die Platten.

    „Was war das denn, Lumpi?“, fragt er leise.

    Ich antworte nicht. Ich behalte den Spalt im Auge.

    „Hat sie dich weggezogen?“, sagt Frauchen.

    Herrchen schweigt.

    Dann steht er auf, verzieht das Gesicht und fasst sich ins Kreuz. Menschen werden im Alter auch vorsichtiger, sie geben es nur nicht gern zu. Er nimmt den Hausschuh mit zwei Fingern, als könnte der beißen.

    „Also gut. Gehen wir rein.“

    Ich gehe als Erste. Nicht weil ich die Erste sein will. Es muss nur irgendwer vorangehen und auf den Boden schauen.

    Im Haus riecht es nach nassem Herrchen, nach Frauchens Schreck, nach aufgegangenem Teig und nach dem Regen aus der Tür, die eine Minute offen stand. Frauchen stellt mir den Napf hin. Kein Futter. Etwas Richtiges. Ein Stück gekochtes Huhn, warm, mit dem richtigen Fett und dem Geruch von Glück.

    Ich setze mich auf die Hinterpfoten und fresse langsam. Nicht aus Vornehmheit – nach dem Ruck brennt die Hüfte, und lange stehen ist unbequem.

    Herrchen sitzt auf dem Hocker und erzählt, wie alles war. Er hat viele Worte, und die Hälfte davon ist überflüssig. Menschen fügen immer dort Worte hinzu, wo ein Geruch gereicht hätte.

    „Ich wollte an die untere Rispe, und da war sie … Und Lumpi hat den Latschen gepackt … Ich dachte, sie treibt Blödsinn … Und dabei hat sie es gerochen …“

    „Morgen schneiden wir den Strauch zurück“, sagt Frauchen. „Und die Platten kommen weg. Das war längst überfällig.“

    Herrchen nickt. Dann sieht er mich an. Ich mag es nicht, wenn man mich so ansieht, als wollte man etwas Menschliches in mir finden. Ich bin ein Hund. Ich fresse Huhn. Ich liege an der Tür. Ich weiß, wo der fremde Geruch ist. Das genügt.

    Frauchen gibt noch ein Stück.

    Ich nehme es.

    Wamperl kommt nicht mehr – jedenfalls heute nicht. Vielleicht sitzt er auf einem Fenstersims und denkt, er hätte das alles eingerichtet. Katzen können sich fremde Siege aneignen. Wamperl ist nicht dumm: Er hat früher als ich verstanden, wo die Kreuzotter sitzt, und ist nicht dorthin gegangen, wo sich giftige Zähne in die Schnauze schlagen können. Loben werde ich ihn nicht. Ein unverschämter Kater. Nur sehen unverschämte Kater manchmal mehr als Menschen.

    Die Wand bellt hinter dem Zaun nicht. Der Regen klopft auf die Bretter, und ihr Geruch wird ruhiger. Sie hat das Ihre getan: Sie hat gebrüllt. Jeder hilft auf seine Art. Die Wand mit Bellen. Wamperl mit Unverschämtheit. Ich mit Nase und Zähnen. Die Menschen mit den Händen und der Angewohnheit, sie dorthin zu stecken, wo sie nicht hingehören.

    Später zieht das Gewitter hinter die Dächer, und der Hof beginnt nach nassem Laub, nach abgekühltem Staub und nach dem Sauberen zu riechen, das es nur nach einem großen Regen gibt. Ich gehe mit Herrchen hinaus. Er ist nicht mehr im Hausschuh – in Gummistiefeln, und er schaut nach unten. Das ist richtig, aber trotzdem nicht genug: Stiefel ersetzen keine Nase.

    Wir gehen zu den Johannisbeeren. Die Lampe in seiner Hand zittert und reißt nasse Blätter, zerdrückte Beeren, den Rand einer Platte heraus. Die Kreuzotter ist nicht zu sehen. Der Geruch ist noch da, aber er wird schwächer, er löst sich im Regenwasser.

    Herrchen leuchtet unter den Strauch und schweigt. Dann nimmt er einen Stock und bewegt vorsichtig das Laub. Ich stehe daneben: Wenn jemand als Erster stehen muss, dann bin das ich.

    „Weg ist sie“, sagt er zu sich selbst.

    Er weiß es nicht. Vielleicht ist sie unter die Platten gegangen. Vielleicht tiefer, zum Kompost. Aber jetzt riecht der Hof nach Regen und nach den Unseren und nicht nach Unglück.

    Herrchen hebt den Hausschuh auf. Der ist schmutzig, nass, mit den Spuren meiner Zähne. Herrchen hält ihn und überlegt, ob er ihn wegwerfen soll. Früher hätte er ihn sicher weggeworfen: Menschen lieben das Wort „Gerümpel“ und das Ritual, es loszuwerden. Aber jetzt riecht der Hausschuh nicht nach Gerümpel, sondern nach dem, was passiert ist.

    Herrchen legt ihn auf die Bank an der Treppe. Nicht in den Mülleimer. Auf die Bank.

    Nachts atmet das Haus anders. Es riecht nach Tee, nach nassen Sachen, nach Frauchens Medizin und nach dieser müden menschlichen Wärme, die nach einem Schreck kommt. Frauchen geht zweimal zur Tür und prüft den Riegel. Herrchen trägt einen Eimer zu den Sträuchern, überlegt es sich dann anders und trägt ihn zurück. Menschen machen überflüssige Bewegungen, wenn sie sich davon überzeugen müssen, dass alles unter Kontrolle ist.

    Den Platz an der Schwelle wähle ich selbst: Von dort sieht man die Küche, den Hof und das Schlafzimmer. Ich lege mich hin, strecke die rechte Pfote aus, horche. Die Hüfte zieht gleichmäßig wie ein altes Brett nach dem Regen. Morgen wird es schlimmer, übermorgen vielleicht besser. So ist das. Der Körper fragt nicht, was ich will. Manchmal muss man sich mit ihm einigen.

    Draußen tropft das Wasser vom Dach. Irgendwo weit weg bellt die Wand ein einziges Mal. Nicht mich – nur damit alle daran denken, dass sie da ist.

    Herrchen geht Tee aufsetzen und bleibt bei mir stehen. Den Kopf hebe ich nicht. Er steht und schaut, und dann macht er einen kleinen Schritt zur Seite, um mir nicht auf den Schwanz zu treten.

    „Gute Nacht, Lumpi.“

    Ich klopfe mit dem Schwanz auf den Boden. Mehr braucht es nicht.

    Menschen begreifen vielleicht keine Gerüche, keine Grenzen und keine fremden Briefe an den Pfosten. Sie können einem die Tür vor der Nase zumachen, dreimal rufen und das Essen in einem kalten Kasten verstecken. Sie können danebentreten. Aber manchmal lernen sie.

    Ich schließe die Augen. Die Ohren lasse ich auf Wache. Das Haus riecht nach den Unseren – also darf man bis zum Morgen leise Wache halten.

    Aber auf den Boden schauen muss man trotzdem.


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