Петров Алексей Юрьевич
Zwischen 'Galka' und Golgatha. Pelewin hat sich wieder einmal ueber Galkovsky lustig gemacht. Und was hat Zholkovsky damit zu tun?

Самиздат: [Регистрация] [Найти] [Рейтинги] [Обсуждения] [Новинки] [Обзоры] [Помощь|Техвопросы]
Links
Кожевенное мастерство: сумки, ремни своими руками Юристы. Круглосуточно
 Ваша оценка:

ZWISCHEN 'GALKA' UND GOLGATHA

Pelewin hat sich wieder einmal ueber Galkovsky lustig gemacht.

Und was hat Zholkovsky damit zu tun?

 

 

Denjenigen gewidmet, die "Die Rueckkehr Blaubarts" bewaeltigt haben.

 

 

1. Von der 'Galka' nach Golgatha

Wiktor Olegowitsch Pelewin (im Folgenden Pel., sofern es sich nicht um Zitate, Ueberschriften oder Tabellen handelt) hat sich wieder einmal ein wenig ueber Dmitri Jewgenjewitsch Galkovsky (im Folgenden Galk.) lustig gemacht. Das Wort "ein wenig" bezieht sich dabei nicht auf die Wucht des Schlages, sondern auf die Art, wie er gefuehrt wird: Pel. schlaegt im Allgemeinen so zu, dass das Opfer den Hieb zunaechst fuer ein Kompliment haelt, der Kritiker fuer eine philosophische Konstruktion und der Leser fuer eine Fussnote, die man getrost ueberspringen kann. Erst fuenfzig Seiten spaeter stellt sich heraus, dass die Fussnote der Haupttext war, das Kompliment ein Epitaph und die philosophische Konstruktion bereits an eine Figur mit anderem Familiennamen vermietet wurde.

Was haben nun 'Galka' - die Dohle im Russischen - und Golgatha miteinander zu tun? Die Dohle ist Galk.s familiaeres "Totemtier": ein kleiner, laermender, kluger Stadtvogel, der unablaessig ueber dem historischen Muell kreist und versucht, daraus eine glaenzende Perle, einen Uniformknopf oder eine britische Spur zu fischen. [1] Golgatha dagegen ist ueberhaupt kein Vogel, sondern ein Ort des Leidens, der Hinrichtung und der Verwandlung eines Menschen in ein Symbol. Pelewins Konstantin Parakletowitsch Golgofsky (im Folgenden Golg.) befindet sich genau zwischen diesen beiden Polen. Einerseits ist er eine unverkennbare Karikatur Galk.s. Andererseits ist er eine Figur, die Pel. auf ein literarisches Golgatha erhebt, um sie im Genre der intellektuellen Farce oeffentlich zu kreuzigen.

Der Titel dieses Essays ist nicht bloss ein Wortspiel. Bis zu einem gewissen Grad beschreibt er das Schicksal der Figur. Auf Golgatha stirbt der Gottmensch der bekannten Erzaehlung zufolge nicht einfach: Nach der Hinrichtung beginnt sein symbolisches Leben, das sich von aussen weit weniger steuern laesst als das biologische. Mit Golg. geschieht etwas Aеhnliches, wenn auch ohne theologische Ansprueche und mit einer deutlich sichtbaren Spur der krallenbewehrten Tatze britischer Geheimdienste. Pel. bringt die oeffentliche Figur Galk.s zunaechst als satirisches Opfer dar, entdeckt dann, dass das entstandene Symbol nuetzlich ist, und setzt es fortan als wiederverwendbares literarisches Instrument ein.

Deshalb ist die Frage "Aеhnelt Golg. Galk.?" laengst nicht mehr die wichtigste. Er aehnelt ihm - so sehr, wie eine Karikatur ihrem Vorbild aehneln muss, wenn ihr eine eigenstaendige Karriere bevorsteht. Weitaus wichtiger ist etwas anderes: Was macht Pel. von Buch zu Buch mit dieser Aеhnlichkeit? Weshalb genuegen in "Nekroment" (etwa "Nekrobulle", d.h. Nekropolizist) ein roter Bart, eine Truhe und ein Plakat gegen England? Weshalb muss in "Die Kunst der leichten Beruehrungen" (im Folgenden KLB) vor dem Leser ein beinahe massstabgetreues Modell der "Unendlichen Sackgasse" entfaltet werden? Und weshalb ist in "Die Rueckkehr Blaubarts" der wirkliche Galk. kaum noch zu erkennen, waehrend Golg. ueber die Handlung des Romans mit der Selbstsicherheit eines unsinkbaren Beamten verfuegt, der drei Staatsreformen und saemtliche ihrer Urheber ueberlebt hat?

Die Arbeitshypothese dieses Essays lautet: Wir haben es nicht mit der mechanischen Wiederholung ein und desselben Scherzes zu tun, sondern mit einer Abfolge literarischer Aneignung, die sich ueber vier Texte erstreckt. In "Nekroment" prueft Pel. Galk. auf Wiedererkennbarkeit - er kostet ihn, ohne das Risiko einzugehen, ihn zu verschlucken. In "Chramlag" (d.h. Tempel-Gulag) trennt er die Stimme vom Koerper und macht aus Golg. das Bild eines Autors, den man bequem referieren und zitieren kann. In KLB wird das Vorbild "in voller Lebensgroesse" vorgefuehrt: Seine Buecher, Gedanken, seine oeffentliche Pose und sein erklaererisches Temperament werden zum Gegenstand einer boshaften, aber interessierten Parodie. In RB ist die Operation abgeschlossen: Galk.-der-Mensch tritt zurueck, Golg.-der-Mechanismus bleibt. Mit ihm lassen sich Jahrhunderte und Chronotopoi umschalten, Jeanne d'Arc, Gilles de Rais, Tiberius, Jeffrey Epstein und die aktuelle Medienagenda miteinander verbinden, Kritiker mit fremder Feder vernichten und nebenbei auch noch der spaete Pel. selbst parodieren.

Daraus ergibt sich die Abfolge:

Mensch -> Karikatur -> Maske -> Erzaehler -> Textoperator.

Diese Abfolge werden wir zunaechst auf der Grundlage eines Ueberblicks ueber die vier genannten Werke als Arbeitshypothese formulieren, sie anschliessend durch eine vertiefte Untersuchung von Form und Poetik zu begruenden versuchen und schliesslich mithilfe einer semantischen Analyse der Kontexte ueberpruefen, in denen der Name "Golg." erscheint. Die Reihenfolge ist nicht beliebig: Eine Zaehlung kann die Interpretation nicht ersetzen, sollte aber zeigen, ob diese sich nicht nur anhand einiger bequem ausgewaehlter Zitate, sondern am gesamten Korpus der Belege bewaehrt.

Kehren wir zur ornithologisch-soteriologischen Bildwelt des Titels zurueck: Die Dohle wird gefangen, nach Golgatha getragen und gekreuzigt - worauf man feststellt, dass sich das Kreuz vorzueglich als Sendeantenne verwenden laesst.

Pelewins Texte erweisen sich bekanntlich als widerstandsfaehig gegen apodiktische Urteile: Der Autor laesst stets ein Schlupfloch, eine Oeffnung, eine Luke oder ein kleines buddhistisches Portal frei, durch das man aus jeder eindeutigen Interpretation wieder herauskriechen kann. Man kann daher nicht behaupten, dass ihm der wirkliche Galk. in RB vollkommen gleichgueltig sei. Vereinzelte Tritte werden weiterhin an die alte Adresse geliefert - allerdings eher aus Traegheit und zur Wahrung des Markenzeichens. Das Bedeutungszentrum hat sich bereits verschoben. Fuer Pel. wird nicht mehr der Galk. wichtig, den er einst parodierte, sondern das, wozu diese Parodie inzwischen faehig ist.

Hier entsteht ein Paradox. Pel. wollte Galk.s grosse Erklaerungsmaschine verspotten: die endlosen Kommentare, den totalen Verdacht, die historische Forensik, England als Universalknopf und die Gewohnheit, hinter der kulturellen Fassade ein System geheimer Steuerung zu erkennen. Um diesen Apparat ueberzeugend laecherlich zu machen, musste er jedoch seine Produktivitaet reproduzieren. Golg. darf nicht einfach ein Idiot sein, denn dann koennte er die Handlung nicht mehr erklaeren. Er muss laecherlich, selbstsicher und wortreich sein - und zugleich klug genug, um Dinge miteinander zu verbinden, die eine gewoehnliche Romanfigur niemals verbinden koennte. Die Karikatur erhaelt den Antrieb des Originals. Von diesem Augenblick an entsteht eine Gefahr, die jedem Konstrukteur kuenstlicher Wesen vertraut ist: Das Geschoepf arbeitet zwar weiter fuer seinen Herrn, aber nicht mehr ganz zu dem Zweck, fuer den es urspruenglich gebaut wurde.

In KLB laesst sich dies noch als feindliche Adoption bezeichnen. Pel. nimmt Galk. seinen intellektuellen Apparat ab, benennt ihn um und zwingt ihn, die eigene mystisch-verschwoerungstheoretische Handlung zu bedienen. In RB beginnt das Erwachsenenleben des Adoptierten. Golg. muss nicht mehr staendig mit dem Vorbild abgeglichen werden. Er ist zu Pelewins Koautor geworden, zu einem eingebauten Experten fuer unmoegliche Versionen, einem Adapter zwischen Epochen und einer literarischen Offshore-Zone: Dorthin lassen sich die schaerfsten Aussagen auslagern, waehrend die Verantwortungsbilanz des offiziellen Autors sauber und unbefleckt bleibt.

Daraus folgt eine zweite wichtige Praezisierung. Der spaete Golg. entfernt sich nicht nur von Galk., sondern naehert sich zugleich Pel. Man wirft ihm Wortreichtum, formale Lockerheit, Wiederholungen, als blosse Kleiderstaender dienende Handlungen und eine Vorliebe fuer konzeptuelle Abschweifungen vor - also genau das, was Rezensenten dem Autor von RB seit Langem vorhalten. Pel. privatisiert die Kritik, noch bevor sie erscheint: Er baut die negative Rezension in den eigenen Roman ein und versucht so, die kuenftige kritische Infektion mit einem vorsorglich hergestellten Impfstoff zu besiegen. Das Ergebnis ist nicht bloss eine Karikatur Galk.s, sondern eine Selbstparodie Pel.s, die vorsichtshalber auf einen Strohmann eingetragen wurde.

Und selbstverstaendlich erschoepft sich die ganze Geschichte keineswegs in der Psychologie gegenseitiger literarischer Abneigung. Galk. hat sich seinerseits tatsaechlich wenig schmeichelhaft ueber Pel. geaeussert, wie uebrigens auch ueber Wladimir Sorokin, Alexander Solschenizyn, Wladimir Solowjow und zahlreiche andere Autoren. In seinem System ist dies eher eine Gattungsnorm als ein einzigartiges Zeichen persoenlicher Feindschaft. Pel. antwortet jedoch weder mit einem Pamphlet noch in einem kritischen Interview. Er tut das, was er am besten kann: Er macht den Gegner zum Eigentum der Erzaehlung. Der eine Schriftsteller erklaert dem anderen, dieser koenne nicht schreiben (im Fall Pel.s ist hier eine Einschraenkung noetig - siehe Abschnitt 11 unten); der andere versucht das nicht zu widerlegen, sondern schreibt den Sprecher in sein Figurenensemble ein. Aus der Perspektive des klassischen literarischen Duells ist das ein Ausweichmanoever. Aus der Perspektive des Urheberrechts an einer fiktiven Wirklichkeit kommt es beinahe einer Beschlagnahme gleich.

Dieser Essay wird daher nicht von einer Liste aeusserer Aеhnlichkeiten zu der banalen Schlussfolgerung "Ja, Golg. ist Galk." fortschreiten, sondern die Geschichte einer Metamorphose verfolgen. Zunaechst kommen der fruehe Cameo-Auftritt und der spin-doctorische Jahrmarkt von "Nekroment". Dann folgt "Chramlag", wo das karikierte Portraet zur Unterschrift unter einer fiktiven Studie wird. Danach kommen die ausfuehrliche Bearbeitung des Vorbilds in KLB und die entscheidende Verwandlung in RB, wo die Figur zum Vergil, zur Grinse-Katze (Edamer-Katze), zum Vermittlungsknoten zwischen den Epochen und zum Vertrauensmann des Autors fuer besonders unangenehme Auftraege wird. Nebenbei muessen wir einen Blick in Borges' Werkstatt fiktiver Kommentatoren werfen, denn dort findet sich der Gattungspass des spaeten Golg. Anschliessend koennen wir zu den Kritikern, zur Fernpolemik und zu dem leicht hooliganhaften Vergleich zwischen Galk. und Alexander Zholkovsky zurueckkehren, dessen Familienname verdaechtig aehnlich klingt - und dessen intellektuelle Gewohnheiten sich als noch verdaechtiger aehnlich erweisen.

RB hat Pelewins lange "Transhumanismus"-Reihe erfolgreich unterbrochen, die vermutlich nicht nur den Lesern, sondern auch dem Autor selbst gruendlich ueberdruessig geworden war. Man sehnte sich nach guter alter Verschwoerungstheorie ohne Gehirne in Einmachglaesern - und hier ist sie wieder. Mit ihr kehrt eine Figur zurueck, die in achtzehn Jahren den Weg von einer rotbaertigen Signatur unter einem Witz zu einem der wichtigsten Mechanismen von Pelewins Prosa zurueckgelegt hat. Schwache Autoren parodiert man nicht zweimal. Noch seltener parodiert man zweimal Autoren, deren Bild sich als voellig nutzlos erwiesen hat.

 

 

2. Der erste Biss: "Nekroment" und die Wunderkammer politischer Zwerge

 

"Nekroment" ist wie eine Recherche der Boulevardpresse gebaut, in der die Gegenwartspolitik der fruehen 2000er-Jahre nicht durch Interessenkonflikte erklaert wird, sondern durch das Wirken von Figuren, die selbst fuer eine serioese Verschwoerungstheorie zu laecherlich sind. Hauptobjekt ist General Kruschin, der als Verkehrspolizist begann und von politischen Technologen in den nationalpatriotischen Himmel erhoben wurde. Seine Karriere beweist, dass es in der einheimischen Machtvertikale bisweilen genuegt, einmal das richtige Auto anzuhalten: Der Staat haelt das fuer Eigeninitiative und kann sich danach lange nicht mehr erinnern, wo er die Bremsen gelassen hat.

 

2.1. Kurzer Fuehrer durch das Personal

 

Kruschin ist ein synthetischer Politiker, hergestellt aus einem Verkehrspolizistenstab, Fernsehfuror und schlecht verdauter Eschatologie. Seine oeffentliche Unbestechlichkeit wirkt besonders ueberzeugend, weil seine Verbrechen tatsaechlich frei von jener in bestimmten Kreisen ueblichen Neigung zur Bestechlichkeit sind. Er toetet nicht des Geldes, sondern der Konzeption wegen. Das befoerdert ihn selbstverstaendlich unverzueglich aus der Kriminalchronik in hoehere Sphaeren. In Pelewins Russland erhaelt jeder Wahnsinnige, sofern man ihm einen Redakteur und ein geopolitisches Vokabular zur Seite stellt, augenblicklich eine Chance auf einen Auftritt im landesweiten Fernsehen.

Goida Orestowitsch Puschisty ist ein spin-doctorischer Demiurg, in dessen Namen Gleb Olegowitsch Pawlowski jener Operation unterzogen wird, der die einheimische Politikwissenschaft gewoehnlich die Gesellschaft unterzieht: Die Initialen bleiben erhalten, der Inhalt wird ausgetauscht. Puschistys Team heisst GOP - eine treffliche Abkuerzung, weil sie zugleich Methodik verheisst und davor warnt, dass man in Gegenwart von GOPniks [1a] die Brieftasche besser mit beiden Haenden festhaelt. Diese Leute produzieren keine Ideen; sie verleihen jedem beliebigen Material die Form einer Idee, wie ein Lebensmittelkombinat einer Sojamischung die Form eines Fleischpflanzerls (einer Bulette) verleiht. Wie so oft bei Pel. ist auch hier ein doppelter Boden zu erkennen. Gleb Pawlowski ist in "Nekroment" nicht einfach Pawlowski, sondern Pawlowski mit einer deutlichen Note von Ochlobystins Goida. [1b]

Makar Getman ist der unverkennbare Schatten Marat Gelmans, der Kurator als Vermittler zwischen kuenstlerischer Geste und Preisliste. Seine Aufgabe besteht darin zu erklaeren, weshalb die neueste gesellschaftliche Zuckung zeitgenoessische Kunst ist - und, falls sie es noch nicht ist, weshalb sie es nach der Pressemitteilung unweigerlich sein wird. In der Welt von "Nekroment" interpretiert der Kurator die Wirklichkeit weniger, als dass er den Auftrag zu ihrer vorherigen Herstellung erhaelt.

Der sozialhumanistische Denker Dupin ist eine durchsichtige Maske Dugins. Seine Geopolitik besitzt die seltene Tugend, neben dem klassisch atlantistischen Amerika auch China, Russland und vermutlich ganz Eurasien zu den Atlantisten rechnen zu koennen, sollte Eurasien unvorsichtigerweise den Blick zum Meer wenden. In einer kurzen Passage reist Dupins Logik ohne Visum einmal um die Welt und kehrt mit dem Beweis zum Ausgangspunkt zurueck, dass Pindostan [1c] den Weg ohnehin kennt. Pel. verspottet hier nicht eine konkrete Doktrin, sondern eine Denkform, die den Massstab der Karte fuer ein hinreichendes Argument haelt.

Und schliesslich Golg. Sein Auftritt ist kurz und beinahe statisch: ein Videointerview, ein "rotbaertiger Hobbit", ein mongolisches Hemd, der halbe Lotossitz, eine Truhe und ein Plakat mit der Aufschrift "Gott, strafe England!" Nur wenige Striche, und doch ist dies kein Portraet mehr, sondern ein Wappen. Der Bart macht den Philosophen, die Truhe sorgt fuer historische Tiefe, der halbe Lotossitz eroeffnet den Zugang zur Metaphysik, und das Plakat erklaert den Rest. Besonders schoen ist die lange Namensliste, die dem Verb beigegeben wird: England erweist sich nicht als Staat, sondern als Universaldatei, in der sich der gesamte Weltschmerz ablegen laesst. [2]

Golg. handelt hier nicht, er ermittelt nicht und spricht kaum. Er stattet die Erzaehlung mit einer augenblicklich wiedererkennbaren intellektuellen Textur aus. Pel. prueft, ob ein Bart, ein Hemd und ein anti-englisches Plakat genuegen, damit der kulturell vorbereitete Leser den Familiennamen des Vorbilds hoert. Sie genuegen. Die fruehe Internetrezeption entschluesselte das gesamte Herrenset tatsaechlich sofort: Puschisty war Pawlowski, Getman war Gelman, Dupin war Dugin und Golg. war Galk. [3]

Doch in "Nekroment" steht Golg. nicht im Zentrum der Erzaehlung. Das Zentrum bildet ein Panoptikum oeffentlicher und nichtoeffentlicher Figuren. Kruschin wird von politischen Technologen, Philosophen und Kuratoren "zusammengebaut". Der wirkliche Galk. wird von dieser Fabrik nur als einer der Lieferanten dekorativer Komplexitaet benoetigt. Von ihm uebernimmt man kein System von Ansichten, sondern das Emblem eines Systems. Wenn Dupin Geopolitik und Getman Kunst produziert, dann produziert Golg. das russische historische Geheimnis mit englischem Akzent. Die ganze Gesellschaft erinnert an eine Kommission zur Erklaerung des Geschehens, zu der man versehentlich keinen einzigen Menschen eingeladen hat, der das Geschehen aufhalten koennte.

Die Kritiker, die "Nekroment" Schwerfaelligkeit vorwarfen und bemaengelten, dass erkennbare Gestalten in eine allzu einfache Handlung eingesetzt wuerden, hatten teilweise recht. [4] Gerade diese Einfachheit ist fuer unsere Fragestellung jedoch nuetzlich. Sie zeigt, dass Golg. urspruenglich keine Figur, sondern ein medialer Aufkleber war. Man haette ihn durch einen anderen bekannten Philosophen, sogar durch irgendeinen Mamardaschwili, ersetzen koennen, ohne die Handlung wesentlich zu veraendern. Pel. hatte sich Galk.s Art, Texte zu bauen, noch nicht angeeignet; er hatte nur bemerkt, dass sie im Bild komisch aussah.

 

 

3. Die Zwischenschleuse: Warum man sich an "Chramlag" erinnern muss

 

Zwischen "Nekroment" und KLB liegt "Chramlag", der dritte Teil von "Die Lampe Methusalems". Grundsaetzlich koennte man ihn vor die Klammer ziehen, darf jedoch nicht so tun, als waere der Raum ausserhalb der Klammer leer. Hier erhaelt Golg. einen neuen Beruf: Aus dem fluechtigen Gast eines Fernsehbeitrags wird der Autor einer pseudohistorischen Studie. Sein Text ueber Freimaurer, Lager, Nowaja Semlja, ein uebernatuerliches Portal und den Ursprung der kriminellen Lagerkultur zeigt bereits jenen Modus, der in KLB und RB vorherrschen wird. Pel. erzaehlt die Ereignisse nicht unmittelbar, sondern referiert Golg.s Werk und entzieht sich damit vorsorglich der Verantwortung fuer den Anstieg der Fiebertemperatur des Wahnsinns.

"Chramlag" ist vor allem als formales Experiment wichtig. Golg. beginnt Pelewins Vorliebe fuer das fiktive Dokument, den apokryphen Aufsatz, den gelehrten Kommentar und die geschichtsphilosophische Version zu bedienen, die zugleich unwahrscheinlich und verdaechtig praktisch wirkt. Der wirkliche Galk. ist nun nicht mehr nur in Aussehen und Anglophobie praesent, sondern auch im Aufbau der Argumentation: Fragmente der Geschichte werden durch eine Kette kuehner Assoziationen verbunden, und eine kulturelle Marginalie wird ploetzlich zum geheimen Zentrum einer ganzen Epoche erklaert.

Es ist daher richtiger, nicht von drei isolierten Auftritten, sondern von vier Texten zu sprechen, die drei Hauptstadien und eine Zwischenschleuse bilden. "Nekroment" liefert das Emblem. "Chramlag" die Stimme und das Genre. KLB den Koerper, die Reiseroute und den grossen Umfang. RB die endgueltige Trennung der Funktion vom Vorbild. Diese Korrektur widerlegt die Ausgangsthese nicht, sondern macht ihre Genealogie praeziser: Bevor Pel. Galk. "in voller Lebensgroesse" bearbeitete - "bearbeiten" hier durchaus im militaerisch-repressiven Sinn -, pruefte er, ob sich in dessen Namen schreiben liess. Es liess sich. Und, noch schlimmer fuer das Vorbild, es war ausgesprochen bequem.

 

 

4. Der zweite Biss: "Die Kunst der leichten Beruehrungen"

 

In der titelgebenden Novelle des Bandes von 2019 veraendert Pel. den Massstab. Golg. ist kein Ausstellungsstueck und keine Unterschrift unter einem pseudowissenschaftlichen Aufsatz mehr. Er ist ein bekannter Historiker der Freimaurerei, Autor eines monumentalen Romans, Detektiv, Reisender, Playboy und intellektueller Operator, der den Tod eines GRU-Generals, gotische Chimaeren, de Sade, Goya, Rembrandt, digitale Memes, franzoesische Bordelle, amerikanische Politik und Transgender-Toiletten miteinander verbinden kann. Mit anderen Worten: Er tut genau das, was ein moderner grosser Denker tun soll - er liefert dem Leser eine "einheitliche Feldtheorie" fuer Phaenomene, die bis dahin selig nichts von der Existenz der jeweils anderen wussten.

Die Novelle ist als Zusammenfassung von Golg.s riesigem Werk gestaltet - als "Synopsis fuer VIPs". Schon darin liegt ein unmittelbarer formaler Angriff auf "Die unendliche Sackgasse": gigantischer Umfang, verzweigter Apparat, Abschweifungen, Kommentare und sekundaere Textebenen. Pel. kopiert Galk.s Roman nicht woertlich; er komprimiert dessen kulturellen Ruf zu einem Witz ueber ein Buch, das niemand bewaeltigt und das vielbeschaeftigten Menschen deshalb in einer gekuerzten Fassung verkauft wird. Ein Kritiker bemerkte treffend: Zielscheibe ist die zweibaendige, fast vollstaendig aus Anmerkungen bestehende "Unendliche Sackgasse". [5]

"Wenn Krimiautoren anfangen, die Geschichte Russlands zu schreiben, bleibt den Historikern nur eines uebrig - Kriminalromane zu verfassen."

Diese kurze Formel aus KLB beschreibt zugleich die Handlung und schafft Distanz. Golg. ist ein Historiker, der zum Helden von "Sakrileg" werden muss, weil die Geschichte selbst bereits wie ein Kriminalfall mit vernichteten Beweismitteln organisiert ist. Hinter dem Scherz verbirgt sich jedoch eine ernsthafte Naehe Pel.s zum Gegenstand seines Spotts. Galk. verwandelt Geschichte in eine Untersuchung verborgener Mechanismen, liest kanonische Texte als Indizien und verdaechtigt die offizielle Version, bewusst dekorativ angelegt zu sein. Pel. entbloesst diese Methode bis auf ihre Genreform: Er stellt dem Historiker ein Robert-Langdon-Ticket aus und laesst ihn auf der Jagd nach der eigenen Geschichtsphilosophie durch Europa hetzen.

Die wichtigste parodistische Geste besteht nicht darin, dass Golg. Unsinn redet. Im Gegenteil: Er ist oft klug und aufmerksam und kann loesen, was die uebrigen Figuren nicht einmal sehen. Pel. macht ihn durch Uebermass komisch. Golg. erkennt stets zu viele Verbindungen, schreibt zu lang, waehlt einen zu grossen Rahmen und verwandelt ein lokales Ereignis allzu bereitwillig in einen Beweis fuer die verschwoerungstheoretische Organisation der Weltgeschichte. Das ist eine feinere satirische Operation als die schlichte Entlarvung. Einen Dummkopf kann man leicht widerlegen; einen uebermaessig Klugen muss man zunaechst benutzen.

Der Tod oder die Vergiftung General Isjumins setzt die Ermittlungen in Gang, doch die Handlung wird rasch zum Stamm eines riesigen Systems verzweigter Abschweifungen. Dabei parodiert Pel. sowohl Galk. als auch sich selbst. Kritiker nannten KLB eine "Verschwoerungsmaschine von gewaltiger Leistung". Sie vermag Notre-Dame, Malerei, Geheimdienste, Pornografie, die Skripals, soziale Netzwerke und religioese Metaphysik in eine einzige Kette einzubauen. [6] Die Maschine ist nicht komisch, weil sie nicht funktioniert, sondern weil sie mit jedem Brennstoff laeuft. Man wirft eine frische Nachricht hinein - heraus kommen ein geheimer Ritus, zwei Freimaurerorden und eine historische Auskunft mit Dienstsiegel.

Die wichtigste Aеhnlichkeit mit "Die unendliche Sackgasse" liegt tiefer als der Umfang. Beide Texte sind Apparate zur Erzeugung eines zweiten, abgeleiteten Sinns. Bei Galk. ueberwuchern Anmerkungen den Ausgangstext, bis die Peripherie allmaehlich das Zentrum erobert. Bei Pel. ist Golg.s Handlung von Nacherzaehlung, redaktionellen Vorbehalten und ironischen Kommentaren umgeben. Der Leser muss fortwaehrend entscheiden, wer im jeweiligen Augenblick verantwortlich ist: Golg., der Zusammenfasser, der Verleger oder Pel. Die Antwort liegt auf der Hand: Die Verantwortung ist so sorgfaeltig verteilt und versteckt, dass nur ein erfahrener Historiker der Freimaurerei sie finden koennte.

Die Zeitfelder und Chimaeren/Chimeme in KLB bilden ein kuenstlerisches Modell der Massenkommunikation. Geschichte ist hier kein Archiv von Ereignissen, sondern eine Flaeche, auf der sich Sinnbilder hinterlassen lassen. Eine Chimaere wird sichtbar, sobald ein Ausloeser erscheint. In einer kurzen Passage vergleicht Pel. die Wahrnehmung der Vergangenheit mit dem "Durchblaettern" halb leerer Seiten. Das Bild verbindet Golg.-den-Historiker mit Pel.-dem-Medientheoretiker: Beide gehen davon aus, dass kollektive Wirklichkeit nicht aus sich selbst besteht, sondern als Ergebnis von Montage, Suggestion und dem richtigen Hinweis darauf, wohin man schauen soll.

An dieser Stelle verwandelt sich die Parodie Galk.s ueberraschend in ein Buendnis. Seit Jahrzehnten behauptet Galk., das kanonische Bild der russischen Geschichte sei von Literatur, Intelligenzija und aeusseren Einflusszentren konstruiert worden. Pel. uebersetzt diesen Gedanken in die Sprache magischer Informationskriegsfuehrung: Geheimdienste malen Chimaeren in das kollektive Unbewusste. Der Unterschied zwischen beiden liegt nicht im Misstrauen als solchem, sondern in der aesthetischen Offenheit. Galk. praesentiert Alternativgeschichte als Rekonstruktion. Pel. praesentiert einen aehnlichen Mechanismus als erhitzte okkulte Fantastik und stattet ihn vorsorglich mit Feuerloescher und Clownsnase aus.

Die Formel von der "boesen Ironie ueber den wirklichen Galkovsky" ist daher richtig, reicht aber nicht aus. KLB ist nicht nur die Hinrichtung des Vorbilds, sondern auch seine feindliche Adoption. Pel. nimmt Galk. mehrere wirksame Instrumente ab: das Misstrauen gegenueber offizieller Geschichte, die Lektuere kultureller Details als Symptome, die Verbindung grosser politischer Konstruktionen mit persoenlicher Psychologie, hypertextuelle Verzweigung und die Faehigkeit, einen Kommentar in ein eigenstaendiges Werk zu verwandeln. Anschliessend stellt er diese Instrumente in einen Genre-Vergnuegungspark. Galk. wird nicht nur zur Zielscheibe, sondern zum Brennstoff der pelewinschen Lokomotive.

 

 

4.1. "In voller Lebensgroesse vorgefuehrt": Anatomie der Karikatur

 

Die Wendung "in voller Lebensgroesse vorfuehren" beschreibt Pel.s Umgang mit Galk. in KLB auch deshalb gut, weil das Werk die Figur "auswachsen" laesst und ihr alles hinzubaut, was in "Nekroment" fehlte: ein Haus, Nachbarn, berufliches Renommee, ein sexuelles Rollenfach, internationale Reiserouten, eine Forschungsmethode und ein sehr, sehr langes Buch. Diese Vollstaendigkeit bleibt jedoch karikatural. Der wirkliche Galk. ist ein Moskauer Schreibtischautor mit einem eigenen langjaehrigen Internetprojekt; Golg. ist ein kosmopolitischer Professor und Playboy, der sich wie der Held eines Unterhaltungsthrillers durch Europa bewegt. Pel. geht es nicht um biografische Treue, sondern um die Moeglichkeit, "Die unendliche Sackgasse" mit Dan Brown kollidieren zu lassen. Aus dieser "Ehe" entsteht eine Figur, die gleichzeitig eine esoterische Abhandlung lesen, eine Zeugin verfuehren und erklaeren kann, weshalb eine amerikanische Toilette eine Spaetphase im Kampf der antiken Goetter darstellt.

Die Karikatur arbeitet mit einer Mischung aus Genauigkeit und Willkuer. Genau sind der Gleichklang der Familiennamen, das Ausmass des Autorenegos, der verschwoerungstheoretische Ruf, das anglophobe Motiv, der historische Totalitaetsanspruch und die Liebe zu alternativen Erklaerungen. Willkuerlich sind Lebensweise, erotische Biografie, institutioneller Status und abenteuerliche Beweglichkeit. Gerade diese Mischung reizt das Vorbild am staerksten: Die Wiedererkennbarkeit reicht fuer eine oeffentliche Identifizierung aus, doch der konkrete Mensch fehlt im Bild. Galk. formulierte das spaeter mit aeusserster Klarheit: Bei Pel. gebe es "irgendeinen Galk.", aber nicht einmal elementare Tatsachen aus dessen Leben; "Ich interessiere ihn nicht." [7] Diese Aussage widerlegt die parodistische Verbindung nicht - sie beschreibt ihren Charakter genau.

 

 

5. Erschliessung der Lagerstaette: Was Pelewin vom wirklichen Galkovsky uebernimmt

 

 

5.1. Form: Der Kommentar, der das Buch verschlingt

 

Die erste und augenfaelligste Uebernahme ist der Ruf von "Die unendliche Sackgasse" als eines Textes, in dem die Anmerkung aufhoerte, dem Hauptkorpus zu dienen, und einen "Staatsstreich" veruebte, indem sie die Macht ueber das Narrativ an sich riss. Galk. schafft einen Kommentarroman: Ein System von Anmerkungen, Wiederholungen, autobiografischen Bekenntnissen, philosophischen Ausfaellen und Kulturportraets bildet einen nichtlinearen Raum. Pel. verwandelt diese Eigenschaft in einen Handlungswitz ueber ein mehrtausendseitiges Opus und eine kostenpflichtige Synopsis. Zugleich reproduziert er sie in der Praxis: Der Bericht ueber Golg.s Buch ist wichtiger als das Buch selbst; der Kommentar zum fiktiven Original ist das eigentliche Werk.

In KLB und besonders in RB entsteht ein Effekt doppelten Parasitierens. Der namenlose Zusammenfasser lebt von Golg., indem er dessen Werk fuer VIP-Leser kuerzt; Pel. lebt vom Zusammenfasser; der Leser lebt von der Hoffnung, irgendwo muesse eine noch kuerzere Synopsis existieren. Die Parodie auf den Hypertext wird zu einem neuen Hypertext. Der Autor verspottet die endlose Abschweifung durch eine Reihe von Abschweifungen ueber deren Endlosigkeit. Das ist kein Widerspruch, sondern eine Form der Anerkennung: Man kann das Verfahren eines anderen nicht zerstoeren, ohne vorzufuehren, wie gut man es selbst beherrscht.

 

 

5.2. Geschichte als Forensik

 

Das zweite Element ist das Prinzip des Totalverdachts. Fuer Galk. sind der literarische Kanon, die russische Intelligenzija, die Revolutionsgeschichte und die britisch-russischen Beziehungen keine neutralen Gegenstaende; es sind Schauplaetze, an denen die offizielle Version den Produktionsmechanismus verbirgt. Pel. uebertraegt diese Sichtweise in die Welt der Geheimdienste und magischen Technologien. Wo der Historiker eine ideologische Konstruktion erkennt, sucht Golg. nach einem Chimem, einem Freimaurerverfahren oder einer Geheimdienstoperation. Der Unterschied ist ein Gattungsunterschied, doch die Denkmatrix ist aehnlich: Die sichtbare Geschichte ist Fassade, darunter liegt eine andere Geschichte, und den Schluessel liefert ein Detail, das die akademische Forschung fuer unwissenschaftlich oder zumindest fuer allzu komisch hielte.

Golg. ist in KLB nicht einfach ein Mensch, der an Verschwoerungen glaubt. Er ist ein professioneller Restaurator der Kausalitaet: Er nimmt verstreute Ereignisse und gibt ihnen den verlorenen gemeinsamen Rahmen zurueck. Gerade deshalb ist er zugleich parodistisch und funktional. Pel. lacht ueber die Gewissheit, die Welt habe einen einzigen verborgenen Autor, benoetigt aber selbst einen solchen Autor, um eine Sammlung aktueller Themen in eine zusammenhaengende Handlung zu verwandeln. Verschwoerungsdenken erweist sich als bequeme Form der Montage. Es fragt nicht, ob die Ereignisse tatsaechlich verbunden sind; es fragt, wie effektvoll sich ihre Verbindung vorfuehren laesst.

 

 

5.3. England als Universalknopf

 

Das dritte Element ist die anti-englische Optik. In "Nekroment" wird sie auf ein Plakat reduziert; in den spaeteren Buechern waechst sie zu einem bestaendigen Motiv. Im alternativen Geschichtsbild des wirklichen Galk. nimmt der britische Einfluss auf Russland und Europa einen zentralen Platz ein. Bei Pel. wird England beinahe zu einem aesthetischen Prinzip. Ist eine Verschwoerung nicht elegant genug, ergaenzt man sie um Aristokratie, Geheimdienst, einen geschlossenen Gentlemen's Club und einen alten Kupferstich. In RB ist die britische Dimension bereits so tief in Golg.s Welt eingebaut, dass sie ohne zusaetzliche Beweise funktioniert. England uebernimmt dort die Funktion der dunklen Materie: Niemand sieht sie, doch ohne sie gehen die Rechnungen nicht auf.

Pel. uebernimmt von Galk. nicht eine konkrete anglophobe Doktrin, sondern deren rhetorische Vorzuege. England eignet sich ausserordentlich gut fuer literarische Verschwoerungstheorien. Es ist Russland zugleich nah und feindlich, historisch und gegenwaertig, respektabel und geheim, demokratisch und aristokratisch. Jede Verschwoerung mit britischer Beteiligung schaltet unverzueglich Nebel, Familienwappen und alte Bibliothek ein. Galk. sieht darin einen geopolitischen Mechanismus; Pel. eine fertige Szenografie.

 

 

5.4. Der Intellektuelle als Ein-Mann-Zivilisation

 

Das vierte Element ist das Bild eines Autors, der keinem normalen literarischen Milieu angehoert und aus seiner Isolation heraus ein alternatives Universum errichtet. Um "Die unendliche Sackgasse", seine Essays, LiveJournal, seinen Telegram-Kanal und seine Streams schuf Galk. eine autonome Welt mit eigener Terminologie, eigenen historischen Massstaeben, Figuren und einer Schule des lesenden Wiedererkennens. Auch Pel.s Golg. existiert als autarke intellektuelle Marke. Der Verleger mag ihn verspotten, doch eine akademische Sanktion benoetigt er nicht: Seine monumentalen Werke besitzen bereits Leser, VIP-Synopsen und den Ruf gefaehrlichen Wissens.

In diesem Sinn richtet sich Pel.s Spott nicht nur gegen den Inhalt, sondern auch gegen eine Form kultureller Souveraenitaet. Golg. schreibt, als koenne ein einzelner Mensch eine Universitaet, eine Geheimdienstdirektion, eine Zeitschrift, ein Archiv und einen erotischen Klub ersetzen. Die Parodie entsteht aus dem Missverhaeltnis zwischen dem einsamen Autor und dem Massstab der Institutionen, die er in seiner Person ersetzt. Eine solche Souveraenitaet ist jedoch zugleich verfuehrerisch. Pel. selbst existiert seit Jahrzehnten als beinahe autonomer Literaturstaat mit geschlossener Grenze, seltenen diplomatischen Noten und jaehrlichen Ausgaben der Landeswaehrung im Hardcover.

 

 

5.5. Der Mechanismus assoziativer Totalitaet

 

Das fuenfte Element ist die Faehigkeit, weit voneinander entfernte Phaenomene zu verbinden. Bei Galk. bringt sie oft starke kulturkritische Beobachtungen hervor, birgt aber zugleich die Gefahr eines sich selbst bestaetigenden Systems: Jedes neue Ereignis wird zu einer weiteren Illustration eines bereits fertigen Modells. Pel. macht dieses Risiko zum Motor der Handlung. Golg. reist vom Gemaelde zum Ritual, vom Ritual zum Geheimdienst, vom Geheimdienst zum Meme, und jeder Uebergang ist innerhalb der gewaehlten Welt zugleich absurd und ueberzeugend. Parodiert wird nicht eine einzelne Schlussfolgerung Galk.s, sondern die Geste selbst: das intellektuelle Vergnuegen darueber, dass sich endlich alles miteinander verbunden hat.

Diese Geste ist im Zeitalter des Informationsueberflusses besonders wichtig. Der Mensch ist von Tausenden Nachrichten, Bildern und Begriffen umgeben, zwischen denen sich nur schwer eine Hierarchie herstellen laesst. Der Verschwoerungstheoretiker liefert weniger Wissen als Komposition. Er gibt der Welt ihre Handlung zurueck. Pel.s Golg. liefert Komposition fuer eine Wirklichkeit, die sich selbst ueberlassen wie ein schlecht moderierter Kanal aussieht. Seine Taetigkeit laesst sich deshalb nicht auf Dummheit reduzieren: Er produziert, was dem Leser fehlt - das Gefuehl, das Chaos bis zum Ende gelesen zu haben.

 

 

5.6. Was Pelewin verwirft

 

Fast vollstaendig fehlen die konkrete Biografie, die soziale Erfahrung des spaetsowjetischen Intellektuellen, die familiaer-autobiografische Schmerzhaftigkeit von "Die unendliche Sackgasse", die rosanowsche Bekenntnishaftigkeit und das tragische Thema der Nichtanerkennung. Gerade diese Elemente machen Galk. zu einer literarisch komplexen Figur, eignen sich aber schlecht fuer Pelewins Attraktion. Pel. trennt die Methode vom Trauma. Er bewahrt den Bart, das riesige Buch, England und den Verdacht, entfernt jedoch den Lebenspreis, mit dem all dies bezahlt wurde. Das Ergebnis ist ein schneller Golg., ein "Turbo-Golg.", waehrend der wirkliche Galk. Autor eines grundsaetzlich langsamen, zaehen und autobiografisch belasteten Textes ist.

Auch das fuer Galk. wichtige Thema der persoenlichen Niederlage als Quelle der Ein- und Durchsicht fehlt bei Pel. Odinokow betrachtet die Kultur in "Die unendliche Sackgasse" aus dem Inneren der eigenen Biografie, familiaeren Abhaengigkeit, gesellschaftlichen Erfolglosigkeit und Isolation. Golg. dagegen ist im Sinn des Abenteuerromans erfolgreich: Er hat Zugang zu Eliten, Archiven, Laendern, Freimaurern und geheimem Wissen. Pel. ersetzt tragische Unbeweglichkeit durch die Mobilitaet der Unterhaltungsliteratur. Das Vorbild, das jahrzehntelang in einem einzigen intellektuellen Knoten sitzt, wird zur Figur, fuer die Europa ein Netz von Umsteigestationen zwischen verschwoerungstheoretischen Seminaren ist.

Diese Auswahl erklaert die Willkuer des Portraets. Pel. braucht nicht Galk.-den-Menschen, sondern Galk. als fertige kulturelle Schnittstelle. KLB "bearbeitet" das Vorbild tatsaechlich vollstaendiger als die frueheren Texte, aber nicht im Sinn psychologischer Tiefe. Es erschliesst sorgfaeltig die fuer Pel. brauchbaren Oberflaechen. Vor uns liegt keine Biografie, sondern die intensive Ausbeutung einer Lagerstaette.

 

 

6. Wenn die Karikatur zum Instrument wird: "Die Rueckkehr Blaubarts"

 

Das Buch von 2026 beginnt mit einem Wiedererkennungseffekt. Erneut erhaelt der Leser die gekuerzte Darstellung eines riesigen Werks von Golg. Diesmal umfasst das Original "mehr als dreitausend Seiten", besitzt einen gewaltigen Anmerkungsapparat, und der Verleger warnt vorsorglich vor seiner Toxizitaet und einer moeglichen Distanz zur Philosophie des Autors. Schon der erste Rahmen teilt mit: Pel. will uns keinen neuen Menschen vorstellen. Er aktiviert ein bereits installiertes Modul. Golg. ist derjenige, der zu viel schreibt, zu weit denkt und den Leser zwangslaeufig dorthin fuehrt, wo eine historische Auskunft in einen okkulten Thriller uebergeht.

In KLB liess sich die Parodie auf den wirklichen Galk. noch ausfuehrlich mitlesen. In RB ist diese Abhaengigkeit gelockert. Die zentrale Handlung verbindet Golg.s Erinnerungen an das Leben des Marschalls von Frankreich Gilles de Rais mit Jeanne d'Arc, Reinkarnation, morphischer Resonanz, den Experimenten Schenja Epsteins, Jeffrey Epsteins Insel, britischen Okkultisten, CIA, Mossad, dem roemischen Kaiser Tiberius und einer Beschaedigung des Raum-Zeit-Kontinuums. Der wirkliche Galk. wird hier ungefaehr in demselben Mass benoetigt wie ein wirklicher Professor fuer Semiotik fuer die Abenteuer Robert Langdons. Der Name liefert das Startkapital an Vertrauen in einen unglaublichen Vortrag; danach uebernimmt die Kreditlinie der Handlung.

I. Kirijenkow beschreibt die neue Rolle treffend als "ein wenig Robert-Langdon-artig": Golg. reist durch die Welt und beweist, dass die wichtigsten Nachrichtenereignisse nicht das sind, was sie zu sein scheinen. [8] In RB erhaelt er jedoch eine noch wichtigere Funktion - die Verwaltung der Chronotopoi. Da der Held zugleich Historiker, Mystiker, reinkarniertes Subjekt und Leser fremder Dokumente ist, kann Pel. ohne lange Vorbereitung zwischen dem heutigen Russland, dem Frankreich des 15. Jahrhunderts, der roemischen Antike, alternativen Zeitlinien und der medialen Gegenwart wechseln. Golg. ist der Mitarbeiter der "Passkontrolle" der Zeit, der jeder Epoche einen Stempel erteilt.

 

 

6.1. Der universelle Reisende zwischen den Epochen

 

Bei einer gewoehnlichen Figur muss die Zeitreise motiviert werden. Golg. braucht nur eine weitere Abhandlung aufzuschlagen, in einen veraenderten Bewusstseinszustand einzutreten und festzustellen, dass sein Bewusstsein bereits in einer anderen historischen Jurisdiktion registriert ist. In dieser Hinsicht eignet er sich ideal fuer den spaeten Pel., der immer haeufiger nicht die Entwicklung eines Charakters, sondern den Wechsel konzeptueller Buehnenbilder schreibt. Die Figur widersetzt sich solchen Uebergaengen nicht, weil ihre Identitaet von Anfang an textuell ist. Sie existiert als Autor von Versionen. Verlangt eine Version, dass Golg. Gilles de Rais ist, handelt es sich nicht um eine psychische Krise, sondern um ein neues Kapitel der Untersuchung.

Pel. nutzt diese Formbarkeit, um drei Zeitformen miteinander zu verbinden. Die historische Zeit wird durch Jeanne d'Arc, Gilles de Rais und Tiberius vertreten. Die Medienzeit durch den Skandal um Jeffrey Epstein und aktuelle Verschwoerungstheorien. Die metaphysische Zeit durch multiple Welten, Reinkarnation und Bewusstseinsuebertragung. Golg. reist nicht einfach zwischen den Welten; er uebersetzt jede in die Sprache der anderen. Die mittelalterliche Legende wird zur Geheimdienstoperation, der gegenwaertige Skandal zum okkulten Ritual, der antike Ruf zum Ergebnis eines Eingriffs in die Kausalitaet. So verwandelt sich der Historiker endgueltig in eine Schaltzentrale.

Sein Nutzen ist besonders an Stellen sichtbar, an denen ein normaler Roman Dutzende Seiten Exposition benoetigen wuerde. Golg. kann mitteilen, eine neue Theorie erklaere den Zusammenhang zwischen de Rais, Epstein und Tiberius - und die Erzaehlung erhaelt augenblicklich das Recht, in eine andere Epoche zu wechseln. Vom Leser wird nicht verlangt, der Figur zu glauben; er soll voruebergehend das Protokoll ihres Denkens akzeptieren. Das ist ein grundsaetzlich pelewinsches Verfahren: Glaubwuerdigkeit wird durch die Intensitaet des intellektuellen Spiels ersetzt.

 

 

6.2. Warum der wirkliche Galkovsky in den Hintergrund tritt

 

RB benoetigt kaum neue satirische Informationen ueber das Vorbild. Alle obligatorischen Zeichen wurden bereits frueher aufgestellt: Wortreichtum, Anglophobie, Verschwoerungstheorie, das riesige Werk und der Anspruch auf eine geheime Geschichte. Pel. drueckt nur gelegentlich auf diese Knoepfe, damit der Leser die Marke nicht vergisst. Deshalb wirken die "Tritte" gegen den wirklichen Galk. wie Traegheitsbewegungen (siehe auch oben). Sie bilden nicht das Bedeutungszentrum; sie bewahren eine wiedererkennbare Klangfarbe der Stimme.

Die staerkste Bestaetigung liefert wiederum Galk. selbst. Seine Bemerkung von 2020, Pel. kenne nicht einmal elementare Tatsachen seiner Biografie (siehe oben), bezog sich noch auf fruehere Verkoerperungen Galk.s in Golg., sagt RB jedoch vollkommen voraus. Der empirische Galk. interessiert Pel. tatsaechlich nicht. Ihn interessiert die von ihm selbst geschaffene Maske - denn die Maske kann bereits literarische Arbeit leisten. Wenn der Mensch verschwindet und die Funktion bleibt, ist die Aneignung abgeschlossen.

Pel.s gewisses Desinteresse am Vorbild ist hier produktiv und in einem spezifisch literarischen Sinn sogar ehrenvoll. Ein Schriftsteller hoert genau dann auf, eine Figur am Original zu ueberpruefen, wenn sie zum vollstaendigen Eigentum seiner Welt geworden ist. Golg. ist Galk.s Kontrolle ebenso entkommen wie Ostap Bender [8a] der Kontrolle seiner moeglichen Vorbilder. Der Unterschied besteht darin, dass Bender als Attribut ein Automobil erhielt, Golg. dagegen dreitausend Seiten und den britischen Geheimdienst.

 

 

6.3. Die Selbstparodie, die sich nicht dem Vorbild anlasten laesst

 

Der spaete Golg. trennt sich nicht nur von Galk., sondern naehert sich auch dem Pel. Wiederholen wir es: Der namenlose Zusammenfasser wirft Golg. Wortreichtum, eine lockere Handlung, endlose Abschweifungen, Selbstwiederholung und die Neigung vor, die Fabel als Kleiderstaender fuer philosophische Monologe zu benutzen. Genau diese Vorwuerfe richtet die Kritik jedoch seit Jahren an Pel. selbst. A. Wereschtschagin formuliert dies als Fraktal: "Hinter der Maske Konstantin Golgofskys sollte sich scheinbar Dmitri Galkovsky verbergen, doch dort verbirgt sich wieder derselbe Pelewin, waehrend ein anderer Pelewin ueber dem Labyrinth schwebt". [9] Afisha Daily spricht noch treffender von einer Spitze gegen Galk., die zu einer boesen Selbstparodie mutiert. [10]

Selbstparodie bedeutet keine vollstaendige Selbstentlarvung. Pel. spannt vielmehr ein Sicherheitsnetz: Jeder Vorwurf wird im Voraus als dem Autor bekannt dargestellt und scheint dadurch seine Kraft zu verlieren. Das ist ein alter intellektueller Trick - den Mangel als Erster einzugestehen und das Eingestaendnis in eine Tugend der Reflexivitaet zu verwandeln. Die besten Kritiker von RB haben daher doppelt recht: wenn sie die Selbstironie des Autors bemerken und wenn sie sich weigern, sie als automatische Rechtfertigung gelten zu lassen.

 

 

7. Golgofsky, Borges und der Beruf des fiktiven Kommentators

 

In dem Augenblick, in dem eine Figur aufhoert, ein Mensch zu sein, und die Arbeit eines Instruments oder Apparats uebernimmt, tritt zwangslaeufig ihre literarische Genealogie hervor. Der naechste literarische Vorfahr des spaeten Golg. ist weder der fruehe Golg. noch der wirkliche Galk. und nicht einmal Professor Langdon, sondern der borgesianische Autor eines nicht vorhandenen Buches: jener Gelehrte, Redakteur, Haeresiarch oder Bibliograf, dessen Biografie nur in dem Mass benoetigt wird, in dem sie die Echtheit einer erfundenen Abhandlung beglaubigt.

Borges baute Erzaehlungen immer wieder nicht als unmittelbare Darstellung von Ereignissen, sondern als Notiz ueber ein Buch, Rezension eines unmoeglichen Textes, Biografie eines erfundenen Autors oder Kommentar zu einem intellektuellen Labyrinth. In "Tloen, Uqbar, Orbis Tertius" erzeugt ein Enzyklopaedieartikel nach und nach eine ganze Welt. In "Pierre Menard, Autor des Quijote" verwandelt ein fiktiver Kritiker den literaturwissenschaftlichen Kommentar in eine Maschine zur Veraenderung von Sinn. In den "Fiktionen" und den Essays erweist sich die Bibliothek immer wieder als gefaehrlicher als die Strasse: Waehrend gewoehnliche Menschen handeln, veraendern Kommentatoren durch Katalogisierung unbemerkt die Wirklichkeit. [11]

Golg. handelt in RB auf aehnliche Weise. Seine menschliche Biografie wird nur als Ausweis fuer den Eintritt in das jeweils naechste Archiv benoetigt. Das wichtigste Kapital der Figur ist ihre Faehigkeit, ein Buch zu schreiben oder nachzuerzaehlen, dessen blosse Existenz die Welt des Romans unverzueglich neu ordnet. Golg. erlebt Geschichte weniger, als dass er sie mit einem Kommentar versieht, nach dem die Geschichte sich als Sonderfall des Kommentars anerkennen muss. Gilles de Rais, Jeanne d'Arc, Tiberius und Epstein bilden keine Abfolge von Personen, sondern werden zu Fussnoten fuereinander. Golg. nimmt den Platz des einzigen Menschen ein, der die vollstaendige Bibliografie der Verschwoerung gesehen hat.

Der Unterschied zwischen Borges und Pel. ist jedoch grundlegend. Borges erfindet seinen Pseudogelehrten gewoehnlich von Grund auf oder verbirgt einen realen Autor in einem feinen Spiel der Zuschreibungen. Pel. nimmt einen bereits existierenden Schriftsteller, schneidet ihm die Biografie ab, bewahrt einige erkennbare Merkmale und verwandelt ihn erst danach allmaehlich in einen borgesianischen Literaturapparat. Der reale Mensch dient hier nicht als Quelle psychologischer Tiefe, sondern als Garantieschein fuer eine erfundene intellektuelle Maschine.

Im ersten Stadium knarrt diese Maschine noch laut mit einem Witz, der auf der Aеhnlichkeit der Familiennamen beruht: Galk. - Golg. Im zweiten erlernt sie den Beruf des fiktiven Autors: Golg.s riesiges Buch existiert vor allem in der Nacherzaehlung, als haette Borges beschlossen, "Die unendliche Sackgasse" zu rezensieren, ohne sie zu lesen, dafuer aber mit einem Geheimorden, dem Mord an einem Geheimdienstgeneral und internationalem Tourismus auszustatten. Im dritten Stadium uebernimmt die Figur endgueltig den borgesianischen Posten des Hueters eines nicht vorhandenen vollstaendigen Textes. Der Leser erhaelt eine Synopsis, eine redaktionelle Warnung, Auszuege, Nacherzaehlungen und polemische Kommentare - alles ausser dem Buch selbst. Je ausfuehrlicher die es umgebende Ausstattung, desto eindrucksvoller wird das abwesende Original.

Dies ist besonders wichtig fuer das Verstaendnis der "Synopsis fuer VIPs". Die Satire richtet sich nicht nur gegen Golg.s Wortreichtum und "Die unendliche Sackgasse". Vor uns liegt eine Parodie auf die moderne Art, grosse intellektuelle Systeme zu konsumieren. Die sogenannten Eliten moechten wissen, wie die Welt funktioniert, wollen aber keine dreitausend Seiten lesen. Sie benoetigen Geheimwissen im Format eines Executive Summary: die Apokalypse auf zwei Seiten, moeglichst mit Schlussfolgerungen, Risikoanalyse und Anlageempfehlungen. Die borgesianische fiktive Rezension, mit der man sich einst ein vollkommeneres Buch vorstellen konnte als jedes geschriebene, wird bei Pel. zu einer Premiumdienstleistung fuer Menschen, denen zum Vorstellen die Zeit fehlt.

Golg. aehnelt daher nicht Vergil als Figur Dantes und erst recht nicht Vergil als realem roemischen Dichter, sondern Vergil als Begleitfunktion. Er fuehrt den Leser durch die Kreise der historischen Hoelle, erlaeutert knapp die oertlichen Regeln und kennt stets jemanden, der das benoetigte Manuskript einmal gesehen hat. Mit der Grinsekatze verbindet ihn die Faehigkeit, nicht dort zu erscheinen, wo sich der Koerper befindet, sondern dort, wo die Erzaehlung dringend das Laecheln einer Erklaerung braucht. Mit Nabokovs Kinbote aus "Fahles Feuer" teilt er die Neigung, den kommentierten Text zu kapern und das Gedicht eines anderen in einen Anhang zur eigenen Biografie zu verwandeln. Mit Umberto Eco teilt er die Liebe zur Bibliothek als einem Ort, an dem Semiotik unter unguenstigen Umstaenden leicht in einen Kriminalfall uebergeht. [12]

Golg. unterscheidet sich von den genannten Figuren jedoch dadurch, dass er die Spur einer realen Polemik bewahrt. Ein borgesianischer Kommentator kann die Erzaehlung gewoehnlich nicht verlassen und einen Stream aufnehmen, in dem er sich darueber beklagt, der Autor habe alles verfaelscht. Hinter Golg. scheint diese Moeglichkeit auf, weil hinter ihm der lebende Galk. steht. Pel. erzielt einen zusaetzlichen Effekt: Der fiktive Gelehrte ist zugleich literarisches Geraet und potenziell beleidigter Zeitgenosse. Der Kommentar wird nicht nur zur Erzaehlform, sondern auch zum Mittel eines Fernduells.

Und doch ist der biografische Draht in RB nahezu durchschnitten. Golg. kann ohne Kenntnis Galk.s funktionieren, wie Pierre Menard ohne Kenntnis der Biografie eines moeglichen Vorbilds. Genau dies ist das Zeichen der vollzogenen Verwandlung. Die Figur hat das satirische Portraet verlassen und ist in die internationale Zunft erfundener Autoren, Pseudoredakteure und parasitaerer Kommentatoren eingetreten. Pel. wollte Galk. an ein literarisches Golgatha nageln und erhielt einen Mitarbeiter der Bibliothek von Babel.

Eine solche Verwandlung bedeutet weder Versoehnung noch respektvolle Verbeugung. Sie bedeutet etwas Zweideutigeres: die Anerkennung von Funktionsfaehigkeit. Der Parodist mag das Denksystem des Vorbilds verachten, kann aber auf dessen Faehigkeit zur Erzeugung von Verbindungen nicht verzichten. Golg. erweist sich damit als eine seltene pelewinsche Figur, die von der Ironie nicht zerstoert wird. Die meisten Helden Pel.s werden am Ende von ihrer eigenen Konzeption zerlegt, loesen sich in der Leere auf, werden als Werbeslogans entlarvt oder bleiben ohne ontologische Meldeadresse. Golg. hingegen ueberlebt die Entlarvung, weil die naechste Handlung ihn braucht. Die Ironie nimmt ihm das menschliche Antlitz, bewahrt aber die Dienststelle.

 

 

8. Golgofsky als fremde Feder und Foerster des literaturkritischen Waldes

 

In RB ist eine weitere Funktion Golg.s besonders deutlich: Er ermoeglicht Pel., unangenehme Phaenomene nicht ganz mit der eigenen Stimme zu vernichten. Das ist die klassische Technik des Ventriloquismus oder, einfacher gesagt, des Bauchredens. Da ist Golg., der Autor scharfer Urteile. Da ist ein namenloser Redakteur oder Zusammenfasser, der sich ironisch von ihm distanziert. Und da ist Pel., der angeblich nur den Konflikt zweier Stimmen vorfuehrt. Der Schlag ist gefuehrt, doch am Griff des Degens bleiben keine Fingerabdruecke. Der Autor kann die Invektive geniessen und zugleich so tun, als untersuche er sie als merkwuerdiges Sprachobjekt.

Die umfangreichsten Passagen richten sich gegen Literaturkritiker, Kulturvermittler, moderne Kommunikationsnormen, journalistische Rituale und die Sprache oeffentlicher Verurteilung. Golg. ermoeglicht es, das kritische Milieu als ununterbrochenen Scheissregen darzustellen, unter dem der Schriftsteller trotzdem waechst, ungeachtet der Zusammensetzung der auf ihn herabfallenden Fluessigkeit. Die Figur belegt Rezensenten mit groben Bezeichnungen; der Zusammenfasser tadelt abwechselnd und zwinkert; Pel. kann aus seinem Aеrger eine aesthetische Nummer machen. M. Prorokow bemerkt zu Recht, Golg. sei Held und Autor, aber nicht Erzaehler, und zwei Filter trennten Pel. vom Inhalt: Die Fiktion bleibe auf dem Gewissen eines anderen. [13]

Damit liegt auf der Hand: Waehrend Pel. in KLB Galk. benutzte, um einen Roman ueber den Galkovskyschen Denktyp zu schreiben, benutzt er in RB Golg., um eigene angestaute Beschwerden auszusprechen. Der wirkliche Galk. haette manche Ausfaelle moeglicherweise sogar unterstuetzt - etwa die Verachtung fuer literarische Hierarchien oder ideologisch formatierte Sprache -, doch das ist nicht mehr entscheidend. Wie bereits erwaehnt, ist die Figur zum Bevollmaechtigten des Autors fuer die unangenehmsten Auftraege geworden.

Besonders elegant ist der Angriff auf die Kritik durch vorausgehende Selbsterniedrigung angelegt. Golg. wird zum Graphomanen erklaert; sein Text zur Ruine; der Verleger distanziert sich von einer moeglichen Toxizitaet; der Zusammenfasser beklagt die Abschweifungen. Danach besitzt die Figur das moralische Recht, den Kritikern alles zu sagen, was sie von ihnen haelt. Das erinnert an das alte Manoever eines Duellanten, der sich zunaechst als kraenklich und rheumatisch bezeichnet und anschliessend als Erster die Pistolen waehlt. Selbstkreditierung durch Diskreditierung wird zur Angriffslizenz.

Pel. benutzt Golg. ausserdem zur Kritik an Massenkommunikation und generativen Sprachmodellen, die im russischen computernahen Diskurs gewoehnlich als neuronale Netze bezeichnet werden. Im spaeten Text spricht die Figur ueber die Vorhersagbarkeit maschinellen Schreibens und stellt ihr wahre Kreativitaet gegenueber. Doch hier wirkt erneut das Spiegelprinzip: Das Buch selbst ist aus erkennbaren pelewinschen Mustern gebaut, was die Kritiker sofort bemerkten. [14] Golg. verteidigt die Unvorhersehbarkeit der Kunst in einem Werk, das der Leser nach wenigen Absaetzen identifizieren kann. Vielleicht liegt gerade darin der Witz: Ein grosses Sprachmodell unterscheidet sich von einem Klassiker dadurch, dass es sich von Rezensionen nicht beleidigt fuehlt.

Pel. braucht die fremde Feder auch deshalb, weil eine unmittelbare publizistische Stimme seine charakteristische Unbestimmtheit zerstoeren wuerde. Ein pelewinscher Text muss die Moeglichkeit behalten, sich herauszuwinden. Jede These wird von ihrem Gegenteil begleitet, jedes ernste Fazit in ein Wortspiel verpackt, und die Autorenposition aehnelt einem Quantenobjekt, das seinen Zustand veraendert, sobald ein Kritiker es zu messen versucht. Golg. liefert eine bequeme Superposition. Pel. stimmt ihm zu und lacht ueber ihn; spricht durch seinen Mund und verleugnet ihn; benutzt seinen Gedanken und erklaert ihn zur Graphomanie. Der Leser erhaelt keine Position, sondern ein Buendel von Alibis.

Dieser Mechanismus erlaubt Pel. sogar den Angriff auf konkrete Formen kritischer Rede, ohne den Roman in ein direktes Pamphlet zu verwandeln. Kommentare, die erkennbaren Figuren des literarischen Feldes zugeschrieben werden, modellieren weniger einzelne Personen als ein heutiges Bewertungsregime, in dem ein Text zunaechst auf politische und ethische Unbedenklichkeit und erst danach auf kuenstlerische Leistungsfaehigkeit geprueft wird. Pel. sehnt sich offensichtlich nach dem alten Recht des Schriftstellers, jeden intellektuellen Unsinn zu verbreiten, sofern er gut geschrieben ist. Golg. ist der ideale Anwalt dieses Rechts, weil sein eigener Unsinn sogar mit einem Anmerkungsapparat versehen ist.

 

 

9. Vom Menschen zum Textoperator: Ein Vergleichsmodell

 

Status Golgofskys. "Nekroment": Cameo, Medienemblem; "Die Kunst der leichten Beruehrungen": Hauptfigur und Autor eines riesigen Romans; "Die Rueckkehr Blaubarts": etablierte Figurenfunktion, Autor eines weiteren Megatextes.

Verbindung zu Galkovsky. "Nekroment": haengt von der Wiedererkennung aeusserer Zeichen ab; "Die Kunst der leichten Beruehrungen": maximal dicht - Form, Ruf, Themen und Manier; "Die Rueckkehr Blaubarts": gelockert; die alten Merkmale funktionieren als Markenzeichen.

Hauptzielscheibe. "Nekroment": die spin-doctorische Wunderkammer; "Die Kunst der leichten Beruehrungen": Galkovsky und der Galkovskysche Typ der Totalerklaerung; "Die Rueckkehr Blaubarts": Gegenwart, Kritik, Medienmilieu und Pelewin selbst.

Kompositorische Rolle. "Nekroment": nahezu keine; "Die Kunst der leichten Beruehrungen": traegt die Untersuchung und das Ideensystem; "Die Rueckkehr Blaubarts": verbindet Chronotopoi, Dokumente, Versionen und Invektiven des Autors.

Art der Ironie. "Nekroment": schnelle Portraetsatire; "Die Kunst der leichten Beruehrungen": boshafte, aber interessierte Aneignung; "Die Rueckkehr Blaubarts": traege weiterlaufende Karikatur plus Selbstparodie.

Haltung des Autors. "Nekroment": prueft die Wiedererkennbarkeit; "Die Kunst der leichten Beruehrungen": eignet sich den intellektuellen Mechanismus an; "Die Rueckkehr Blaubarts": nutzt den fertigen Mechanismus aus.

Die Tabelle fixiert drei Stuetzpunkte des Modells; "Chramlag" bleibt ausserhalb ihres Rasters nicht deshalb, weil ihm eine eigenstaendige Rolle fehlte, sondern weil es, wie oben beschrieben, als Uebergangsschleuse dient. Die Entwicklung fuehrt nicht von schwacher zu starker Satire, sondern von aeusserer Parodie zu innerer Aneignung. In "Nekroment" zeigt Pel. Galk. In "Chramlag" lernt er, im Namen Golg.s zu schreiben. In KLB zeigt er, wie Golg. handelt und schreibt. In RB schreibt er selbst mithilfe des bereits geschaffenen Golg. Darin liegt der entscheidende Unterschied. Die spaete Figur aehnelt dem Vorbild gerade deshalb weniger, weil sie tiefer in die Technik des Autors eingebaut ist.

In "Nekroment" weist der Name nach aussen - auf den wirklichen Menschen. In "Chramlag" beginnt er eine geliehene Autorenstimme zu beglaubigen. In KLB weist der Familienname zugleich nach aussen und nach innen - auf Galk. und auf Pelewins Handlung. In RB weist er ueberwiegend nach innen - auf die frueheren Buecher, die etablierte Maske und das System wiederkehrender Motive des Autors. Golg. wird Teil von Pel.s eigener Mythologie. Der Leser erkennt nicht nur Galk., sondern auch die Tatsache, dass Pel. diese Figur bereits frueher geschrieben hat. Der Intertext verdraengt das Vorbild.

Die Ausgangsformel laesst sich daher praezisieren. "Nekroment" ist eine Probe des Darstellens. "Chramlag" eine Probe des Autorwerdens und Zitierens. KLB eine Probe der Aneignung. RB die industrielle Ausbeutung eines erfolgreich angeeigneten Bildes.

 

 

10. Was die Kritiker sahen - und was sie uebersahen

 

 

10.1. Kritiker, die das Vorbild erkannten

 

In der Kritik von 2019 taucht die Gleichsetzung von Golg. mit Galk. nahezu automatisch auf. Rezensenten schreiben "Galk. - nun gut, Golg.", nennen die Figur eine durchsichtige Parodie und bringen das riesige Werk mit "Die unendliche Sackgasse" in Verbindung. [15] Dies ist eine wichtige Bestaetigung: Der parodistische Code ist keine spaete Erfindung der Leser. Er wurde unmittelbar beim Erscheinen von KLB gelesen und war in die oeffentliche Rezeption des Buches eingebaut.

Die Staerke einer solchen Lektuere liegt in der Genauigkeit des Wiedererkennens. Ihre Schwaeche ist die Versuchung, nach der Entschluesselung des Familiennamens aufzuhoeren. Sobald der Kritiker mitgeteilt hat, "Golg. ist Galk.", scheint die Analyse beendet. Der Name des Vorbilds erklaert jedoch nur die Haelfte der Konstruktion. Er erklaert nicht, weshalb die Figur als erfolgreicher Ermittler auftritt, weshalb Pel. ihr das zentrale Konzept der Informationsmagie anvertraut und weshalb die Form der Nacherzaehlung so deutlich mit Pel.s eigener Metafiktion reimt.

Charakteristisch ist eine Rezension in Gorki, die beinahe ohne Umstaende beginnt: "Galkovsky (nun gut, Golgofsky) untersucht den raetselhaften Tod des legendaeren Generals Rogosin (nun gut, Isjumin)." [16] Ein solcher Namensaustausch funktioniert als kritisches Stenogramm, macht aber unbemerkt die gesamte Arbeit zunichte, die Pel. an der Figur geleistet hat. Golg. ist nicht Galk.s Pseudonym, sondern ein Produkt der Verarbeitung. Zwischen beiden liegen Dan Brown, Borges, die fiktive Rezension, Pelewins Theorie der Informationsviren und die Notwendigkeit, die Handlung mit einem Menschen auszustatten, der ein Gemaelde Rembrandts allen Ernstes fragen kann, fuer welchen Geheimdienst es arbeitet.

 

 

10.2. Dmitri Bykow und der kollektive "Intellektuelle-Silowik"

 

Dmitri Bykow bietet die entgegengesetzte Deutung an: Golg. sei ein kollektiver Typus, in dem man verschiedene oeffentliche Intellektuelle erkenne, "mal Belkowski, mal Pawlowski"; der konkrete Galk. sei angeblich nicht so wichtig. Er verbindet die Nacherzaehlung eines erfundenen Buches mit Borges und Lem und nennt die Figur einen typischen "Intellektuellen-Silowik". [17] Darin liegt eine nuetzliche Erinnerung: Pelewins Figur ist tatsaechlich breiter als ein einziges Vorbild, und das Genre der fiktiven Rezension besitzt eine eigenstaendige Tradition.

Doch die vollstaendige Aufloesung Galk.s in einen kollektiven Typus wirkt uebertrieben. Der Familienname, "Die unendliche Sackgasse", die Anglophobie, der gigantische Apparat, der fruehe Cameo-Auftritt mit Plakat und Galk.s eigenes Eingestaendnis bezueglich der Figur bilden einen zu dichten Knoten. Pel. haette den Helden Belmowski, Palkowski oder einfach Professor Kryptospasski nennen koennen; stattdessen behaelt er ueber fast zwei Jahrzehnte hinweg gerade Golg. bei. Das Kollektive ist hier sekundaer: Zum grundlegenden Galk. treten Dan Brown, der akademische Abenteurer, der Geheimdienstexperte und Pel. selbst hinzu.

Auch die Bezeichnung "Intellektueller-Silowik" beschreibt die Figur nicht ganz. Golg. gehoert nicht zum Macht- und Zwangsapparat, obwohl er staendig mit ihm in Beruehrung kommt. Eher ist er ein privater Auftragnehmer des metaphysischen Staates - der Mann, den man ruft, wenn die offiziellen Experten ihre Auskunft bereits verfasst haben, aber nicht verstehen konnten, was die gotische Kathedrale damit zu tun hat. Seine Unabhaengigkeit ist entscheidend: Sie ermoeglicht ihm, gleichzeitig Geheimdienstinformationen zu verwenden, ein wenig fuer die Dienste zu arbeiten und sie einer noch umfassenderen Operation zu verdaechtigen.

 

 

10.3. Akademische Kritik: Fabulation statt Faktografie

 

Die Forschungsliteratur verschiebt das Gespraech mit Gewinn von der Frage "Wer aehnelt wem?" zu den Verfahren, durch die Geschichte erzeugt wird. G. Salomkina betrachtet Pelewins Fabulation als kuenstlerische Arbeit mit der globalen Verschwoerungstheorie und betont den Unterschied: Galk. erhebt den Anspruch einer geschichtsphilosophischen Erklaerung, Pel. bewegt sich im Feld der Belletristik und fuehrt den Prozess der Herstellung einer Version selbst vor. [18] Dieser Gedanke stuetzt unsere These: Pel. uebernimmt vom Vorbild nicht die Pflicht zu beweisen, sondern das Recht zu verbinden.

Andere literaturwissenschaftliche Untersuchungen zu KLB beschreiben den "Roman im Roman" als Nachahmung eines modischen Verschwoerungscodes und analysieren Fachwortschatz, Chimaeren/Chimeme, Kryptosprache und Informationsmanipulation. [19] Sie machen Galk. selten zum Hauptgegenstand, zeigen aber, weshalb Golg. fuer Pel. so praktisch ist: Die Figur verbindet wissenschaftlichen Jargon, okkulte Fantasie und politische Aktualitaet auf natuerliche Weise. Wo eine gewoehnliche Figur wie eine Marionette des Autors aussaehe, wirkt der Verschwoerungshistoriker wie der zustaendige Fachmann.

Akademische Arbeiten sind gewoehnlich vorsichtiger als die Massenmedienkritik, doch Vorsicht kann den Gegenstand verarmen lassen. Betrachtet man Golg. nur als Traeger fachsprachlicher Kommunikation [20] oder als Funktion der Fabulation, verschwindet die im Familiennamen eingebaute persoenliche literarische Feindschaft. Pel. schafft nicht zufaellig keinen abstrakten "Verschwoerungshistoriker", sondern wiederholt ueber Jahre hinweg den parodistischen Namen eines bestimmten lebenden Autors. Die angemessene Lektuere muss daher beide Ebenen festhalten: die allgemeine Poetik der verschwoererischen Version und die persoenliche satirische Genealogie.

 

 

10.4. Kritik an RB: Galkovsky verschwindet, Pelewin bleibt

 

Die Rezensionen von 2026 registrieren die Verbindung zu Galkovsky beinahe einmuetig; die besten von ihnen gehen jedoch sofort zur Selbstparodie ueber. Neben den bereits genannten ist Konstantin Miltschins neue Rezension hervorzuheben, die eine radikale Formel vorschlaegt, welche weitgehend mit den Ueberlegungen dieses Essays harmoniert: Golg. sei keine Karikatur des lebenden Galk., sondern des Galk., der in Pel.s persoenlichem Multiversum existiert. [21] Diese und die uebrigen in Abschnitt 6.3 angefuehrten Beobachtungen der Kritik stuetzen die Idee einer funktionalen Abloesung der Figur vom Vorbild.

I. Kirijenkows Rezension ist besonders fuer die Chronologie nuetzlich: Sie unterscheidet den Cameo-Auftritt von 2008, das zwischengeschaltete "Chramlag", die voll ausgebaute Figur von 2019 und die Rueckkehr von 2026. [22] Damit beschreibt der Kritiker faktisch den Prozess des Funktionsaufbaus. Die Behauptung, im Zentrum bleibe die Parodie Galk.s, muss allerdings eingeschraenkt werden. In RB ist die Parodie nicht mehr Motor, sondern genealogisches Etikett. Der eigentliche Motor ist die Faehigkeit der Figur, jede aktuelle Sensation in ein metaphysisches Schema zu verarbeiten.

K. Miltschin bemerkt in einer anderen Rezension treffend, der urspruengliche Galk. sei komplexer und interessanter als der karikierte Golg. [23] Das ist ein berechtigter Einwand gegen eine allzu direkte Gleichsetzung, aber kein Argument gegen die kuenstlerische Funktion. Eine Karikatur ist nicht verpflichtet, die Komplexitaet des Originals zu bewahren. Die Frage lautet, welche Zuege uebertrieben werden muessen, damit das Bild im neuen Zusammenhang funktioniert. Pel. entfernt aus Galk., was die Abenteuerhandlung behindert, und verstaerkt, was den Uebergang von der Nachricht zur Metaphysik erleichtert. Das Ergebnis ist dem Menschen gegenueber ungerecht, fuer den Roman jedoch ausserordentlich bequem.

 

 

10.5. Negative Kritik

 

Scharf negative Rezensionen - hier muessen wir uns ein wenig wiederholen - werfen RB Formlosigkeit, endlose Reflexionen, eine grob zusammengezimmerte Handlung, Selbstwiederholung und zwanghafte Angriffe auf Kritiker vor. [24] Paradoxerweise bestaetigen sie unsere Deutung. Waere Golg. bloss eine Karikatur Galk.s, blieben die Maengel seines Buches Eigenschaften der Figur. Die Kritiker schreiben sie jedoch ohne Zoegern Pel. zu. Die Grenze zwischen Autor und Maske funktioniert nicht mehr als vollwertige Trennwand. Golg. ist tatsaechlich zu Pel.s Verfahren geworden, ueber sich selbst zu schreiben und zugleich das Recht zu behalten, zu behaupten, ein anderer habe es geschrieben.

Bei dieser Gelegenheit kann man auch einige Widersprueche der Kritik selbst kritisieren. Ein Rezensent, der gleichzeitig das Fehlen einer Handlung beklagt und gleich darauf ein Dutzend Handlungswendungen zwischen Jeanne d'Arc, Tiberius und Epstein nacherzaehlt, meint vermutlich nicht das Fehlen von Ereignissen, sondern das Fehlen dramatischer Notwendigkeit. Das waere gerechter. RB enthaelt genug Ereignisse, um damit die Geschichte eines kleinen europaeischen Landes auszustatten. Das Problem besteht darin, dass sie haeufig als Transportmittel fuer das naechste Konzept dienen. Gerade deshalb wird Golg. benoetigt: Er ist kein Held, den die Ereignisse veraendern, sondern eine Art Zollbeamter, der sie fuer die Einfuhr in die Philosophie des Autors abfertigt.

Auch der Vorwurf, die Nacherzaehlungsform sei blosse Koketterie, ueberzeugt nicht ganz. Ja, sie erlaubt Pel., ueber das eigene Buch zu ironisieren, bevor die Kritik es tut. Doch sie leistet auch reale kompositorische Arbeit: Sie verdichtet eine gewaltige Spannweite von Epochen, Dokumenten und Erklaerungen, gestattet Auslassungen, beschleunigt Uebergaenge schlagartig und erzeugt eine zusaetzliche Ebene der Unbestimmtheit. Koketterie ist hier kein Schmuck der Konstruktion, sondern eines ihrer tragenden Elemente - auch wenn es mitunter etwas zu eifrig vergoldet wurde.

 

 

11. Fernpolemik: Der Schriftsteller, der "wahrscheinlich schreiben kann"

 

Ein Gespraech ueber die Polemik zwischen Pel. und Galk. verlangt Genauigkeit. Sie existiert tatsaechlich, ist aber asymmetrisch. Pel. beteiligt sich kaum an unmittelbaren oeffentlichen Auseinandersetzungen; seine Antworten sind Figuren, Masken und Handlungsstrukturen. Galk. dagegen kommentiert das literarische Milieu seit vielen Jahren direkt, scharf und mit dem Vergnuegen eines Menschen, der literarische Etikette fuer eine spaete Form der Zensur haelt.

Die verbreitete Formel "Galkovsky sagte, Pelewin koenne nicht schreiben" muss allerdings korrigiert werden. In einem Eintrag von 2015 lobte Galk. zunaechst zu Recht Konstantin Krylows "Der goldene Schluessel" - heute kann man genauer sagen: den unvollendeten Buecherzyklus, den Krylow unter diesem Titel und unter dem Pseudonym Michail Charitonow verfasste - und fiel dann ueber eine ganze Reihe anderer zeitgenoessischer Autoren her: "All diese Grischkowez, Sorokins und Prilepins schreiben nicht bloss schlecht, sie koennen ueberhaupt nicht schreiben." [25] Anschliessend machte er eine vorsichtige Ausnahme: "Pel. kann wahrscheinlich schreiben", denn das Gesehene habe das Auge nicht gekratzt; das Problem liege anderswo - man wolle es nicht lesen, es inspiriere nicht. [26] Das ist kein Lob, aber auch kein Urteilsspruch. Pel. erhaelt eine bedingte Berufszulassung - etwa eine Bescheinigung, dass die Konstruktion sicher sei, auch wenn ein Aufenthalt in ihrem Inneren nicht vorgeschrieben ist.

Frueher, in Diskussionen der 2000er-Jahre, betrachtete Galk. Pel., Sorokin und Prigow als Figuren, die vom kulturellen Establishment kuenstlich gefoerdert worden seien, um die spaetsowjetische Intelligenzija zu zersetzen. P. Kornew fasst diese Position so zusammen: "galkovsky ... haelt seine [Pel.s - A.P.] Popularitaet fuer deutlich uebertrieben und 'von oben' aufgeblasen." [27] P. Kornew wendet ein, Pel. habe gerade die offiziellen kritischen Institutionen angegriffen, und es sei methodisch falsch, ihn mit Sorokin und Gelman in denselben Sack zu stecken. Der Streit ist charakteristisch: Galk. erklaert die kulturelle Hierarchie durch einen Steuerungsmechanismus, sein virtueller Gespraechspartner dagegen durch echten Lesererfolg und Unterschiede zwischen kuenstlerischen Praktiken.

Pel. antwortet auf eine solche Sichtweise nicht mit einem Schmaehartikel, sondern mit der ganzen Figur Golg. Er akzeptiert Galk.s Vermutung einer geheimen Steuerung der Welt und macht daraus ein Genre. Wenn hinter dem Erfolg eines Schriftstellers zwingend ein Projekt stehen muss, dann steht bei Golg. hinter jeder Epoche ein Geheimdienst, ein Orden oder eine okkulte Technologie. Pel. scheint zu sagen: Gut, nehmen wir an, alles werde gesteuert; sehen wir, wie viele Seiten noetig sind, bis sich diese Idee selbst in eine Komoedie verwandelt. Zugleich nutzt er ihre Anziehungskraft. Die Verschwoerungstheorie wird verspottet und verkauft gleichzeitig die Handlung.

Auch der Vergleich mit Galk.s Haltung zu Solschenizyn verlangt Nuancierung. Galk. kann gleichzeitig die schriftstellerische Technik, die soziale Rolle oder das Selbstbild eines Autors abwerten und dessen propagandistische Kraft, historische Bedeutung oder einzelne Leistungen anerkennen. Seine kritischen Formeln sind oft maximalistisch, reduzieren sich aber nicht immer auf ein schlichtes "Er kann nicht schreiben". Obwohl Pel. und Sorokin als Objekte von Galk.s Abneigung tatsaechlich nicht einzigartig sind, nimmt Pel. daher einen besonderen Platz ein: Sein Talent wird zugestanden, seine kulturelle Anziehungskraft bestritten. Das ist fast die ideale Voraussetzung fuer eine Gegensatire - der Angreifer erkennt die Kraft der Waffe an, erklaert aber, sie inspiriere ihn nicht.

 

 

11.1. Polemik ohne Adressaten

 

Pel.s Strategie ist als Literatur staerker und als Polemik schwaecher. Er schafft ein Bild, das sich besser einpraegt als jede Antwort, streitet aber kaum mit Galk.s wirklichen Thesen. Galk. hat recht, wenn er das Fehlen elementarer Tatsachen beklagt: Golg. ist weder Widerlegung noch Portraet, sondern die Beschlagnahme eines Namens. Pel. entzieht sich der Pflicht, den Gegner bis zum Ende zu lesen - vielleicht ist gerade dies der haerteste Spott ueber den Autor eines unendlichen Textes.

Andererseits ist die Forderung nach biografischer Genauigkeit bei einer satirischen Figur selbst begrenzt. Pel. schreibt nicht "Das Leben Dmitri Galkovskys"; er schafft aus einem oeffentlichen Ruf eine literarische Figur. Die Frage lautet nicht, ob jeder Strich gerecht ist, sondern wie produktiv die Verwandlung ausfaellt. Gemessen daran, dass Golg. vier Buecher ueberlebt und einen eigenen dicken Roman erhalten hat, war die Operation erfolgreich. Das Vorbild mag gegen die Diagnose protestieren, doch die Figur ist bereits entlassen und aktenkundig.

Man kann von einem asymmetrischen Duell sprechen. Galk. greift das System an, in dem Pel. eine zentrale Stellung eingenommen hat; Pel. verteidigt das System nicht, sondern verwandelt den Angreifer in eine literarische Maske. Der Erste versucht zu erklaeren, weshalb der Zweite gefoerdert wurde. Der Zweite demonstriert, dass man den Erklaerer in die eigene Marke einbauen und regelmaessig Sinn produzieren lassen kann. In einem solchen Duell laesst sich der Sieger nicht anhand von Argumenten bestimmen, weil der eine am Streit teilnimmt, waehrend der andere bereits dessen Verfilmung schreibt.

 

 

12. Die Willkuer der Vorbildwahl und der Fall Zholkovsky

 

Nun koennen wir, wie zu Beginn angekuendigt, zu einem hooliganhaften Experiment uebergehen. Wenn Pel. mit Galk. so willkuerlich verfaehrt, weshalb sollte man diese Linie nicht bis zur Absurditaet treiben und Galkovsky mit Zholkovsky vergleichen? Nach den Massstaeben einheimischer Verschwoerungstheorie sind die Gruende makellos: Die Familiennamen sind beinahe gleich. Ein Konsonant wurde leicht verschoben (g/zh), was in der Geschichte geheimer Gesellschaften gewoehnlich entweder eine Chiffre oder einen Korrekturfehler des britischen Geheimdienstes bedeutet. Einen Unterschied von einem Vokal kann man getrost vernachlaessigen. In manchen Sprachen gelten Vokale ohnehin kaum als vollwertige Buchstaben. Die Komik endet jedoch rasch, sobald hinter dem Gleichklang der Namen eine wirkliche Aеhnlichkeit intellektueller Territorien sichtbar wird.

Alexander Konstantinowitsch Zholkovsky - Linguist, Literaturwissenschaftler, Autor von Arbeiten zur generativen Poetik und memoiristischen Vignetten - gehoert einer voellig anderen akademischen und politischen Kultur an als Galk. Sie sind weder Gleichgesinnte noch Vertreter derselben Schule. Umso interessanter ist, dass beide eine Archaeologie der russischen Kulturpersoenlichkeit betreiben: Hinter dem erhabenen Autorenbild suchen sie nach psychologischen, sozialen und institutionellen Mechanismen. Sie verbindet ein grundsaetzliches Misstrauen gegenueber Fassaden. Ruf, Memoiren, Deklaration und Kanon sind fuer sie keine endgueltigen Antworten, sondern Material fuer ein Verhoer.

 

 

12.1. Entmythologisierung der russischen Literatur

 

Fuer beide ist die russische Literatur nicht nur eine Sammlung von Texten, sondern eine Fabrik moralischer Rangstellungen. Der Schriftsteller produziert ein Bild seiner selbst, sein Umfeld festigt es, die Kritik kanonisiert es, Staat oder Opposition eignen es sich an. Galk. revidiert Anton Tschechow, Wladimir Solowjow, Lev Tolstoi, Wladimir Majakowski, die Sowjetliteratur und die Intelligenzija als soziale Schicht. Zholkovsky analysiert lokaler und disziplinierter Michail Soschtschenko, Isaak Babel, Anna Achmatowa, Boris Pasternak, Welimir Chlebnikow, Eduard Limonow und sein eigenes philologisches Milieu. In beiden Faellen wird das kanonische Portraet auf seine alltaegliche, psychologische und textuelle Belastbarkeit geprueft.

Ihre gemeinsame Frage liesse sich so formulieren: Was drueckt ein Mensch - oder vielleicht nur ein Schriftsteller - durch einen Text aus, das er ueber sich selbst nicht direkt zu sagen wagt? Galk. antwortet eher mit einer Anklageschrift, Zholkovsky mit einer Rekonstruktion der Poetik. Beide sind jedoch ueberzeugt, dass der Schriftsteller nicht dort anwesend ist, wo er feierlich seine Position erlaeutert, nicht im idealen positiven Helden und nicht in direkten Erklaerungen, sondern dort, wo er ein obsessives Bild wiederholt, eine Figur uebermaessig hasst, in jener Gestalt, die er verspottet, erniedrigt oder von der er sich demonstrativ distanziert, und dort, wo er unwillkuerlich die eigene Schwaeche reproduziert.

 

 

12.2. Der negative Held als sublimiertes Selbstportraet

 

Hier gibt es eine unmittelbare Ueberschneidung. Galk. stellte die fuer orthodoxe Tschechow-Forscher schockierende These auf, Belikows Vorbild sei Tschechow selbst gewesen. Zholkovsky erwaehnt diese These in einer Untersuchung ueber Soschtschenko und stellt sie neben sein eigenes Thema der Selbstidentifikation des Autors mit einer "Futteral"-Figur. [28] Es geht nicht um woertliche biografische Identitaet. Die satirische Zielscheibe kann jene Eigenschaften des Autors bewahren, die er herabsetzt, komisch verfremdet und einem anderen uebertraegt.

Zholkovsky liest auf aehnliche Weise Soschtschenkos kleinen, veraengstigten, misstrauischen Helden als herabgesetzte Variante des Autoren-Ichs. Galk. fuehrt eine vergleichbare Operation an Tschechow durch, nur in polemischerem Modus. Beide gelangen zu dem bereits erwaehnten wichtigen Schluss: Der Autor drueckt sich besonders vollstaendig in jener Figur aus, von der er sich demonstrativ lossagt. Dann faellt Pel. mit seinem Golg. in dasselbe Schema. Je beharrlicher der Zusammenfasser Golg. zum Graphomanen erklaert, desto deutlicher erscheint hinter dessen Schulter der spaete Pel. selbst.

Diese Parallele ist durch ihre Umkehrbarkeit besonders schoen. Galk. behauptet, Tschechow habe sich in Belikow versteckt; Zholkovsky zeigt, wie der Autor sich in eine herabgesetzte Figur uebertraegt. Pel. verbirgt sich in einer Figur, die als Spott ueber Galk. geschaffen wurde. Es entsteht eine Spiegelkette, in der jeder Entlarver frueher oder spaeter an die Stelle des Entlarvten tritt. Eine literarische Maske ueberlebt, wie ein guter Nomenklaturposten, ihren urspruenglichen Inhaber und geht an den naechsten Benutzer ueber.

 

 

12.3. Biografie und Poetik als einheitliches System

 

Zholkovsky verbindet die wiederkehrenden Handlungen Soschtschenkos mit Phobien, koerperlichen Symptomen, Misstrauen und Strategien der Selbstkontrolle. Galk. liest literarische Stile als Existenzformen von Persoenlichkeit und Gesellschaft. Fuer beide ist Stil kein Schmuck, sondern eine verfestigte Art zu leben. Eine wiederkehrende Formulierung, eine Sprechmaske, ein Humor- oder Handlungstyp sagt ueber den Autor mehr aus als seine unmittelbaren Selbsterklaerungen.

Der Unterschied liegt im Beweisstandard. Zholkovsky erstellt lokale Vergleiche, arbeitet mit einem Textkorpus und kennzeichnet die Uebergaenge. Galk. kann aus einer einzigen intonatorischen Geste die Struktur der russischen Geschichte ableiten und anschliessend aus dieser Struktur die Ursache der Geste. Der Erste bevorzugt eine Schleife mit ueberpruefbarem Knoten; der Zweite ein Netz, in dem das gesamte 19. Jahrhundert gefangen ist.

Fuer Pel. ist dieser Unterschied entscheidend. Von Zholkovsky haette er die Methode zur praezisen Ermittlung eines Autoreninvariants uebernehmen koennen; von Galk. uebernimmt er die Theatralik der totalen Schlussfolgerung. Golg. benoetigt einen Massstab, auf dem ein einziges Detail sofort eine Epoche, einen Geheimdienst und einen okkulten Orden eroeffnet. Das wirkliche Vorbild ist daher nicht der methodisch naehere Autor, sondern derjenige, dessen Methode sich leichter in ein Abenteuer verwandeln laesst.

 

 

12.4. Misstrauen gegenueber der Selbstdarstellung des Autors

 

Zholkovsky und Galk. gehen beide davon aus, dass ein Schriftsteller sich entweder schlecht versteht oder eine bequeme Legende konstruiert. Vorworte, Erinnerungen, politische Erklaerungen und die Bilder des Maertyrers, Humanisten, Dissidenten und Volkslehrers stehen daher unter besonderem Verdacht. Zholkovsky nennt seine Methode der Soschtschenko-Lektuere eine "Poetik des Misstrauens". Galk. dehnt das Misstrauen auf ganze Institutionen und historische Narrative aus. Bei Zholkovsky lautet die Frage: Welches Spiel spielt der Autor? Bei Galk.: Wer hat die Buehne gebaut, auf der diesem Autor - und anderen Autoren - dieses Spiel erlaubt wurde?

Gerade dieses Misstrauen bringt beide einander und Pel. naeher. Pel.s Welt akzeptiert grundsaetzlich nicht die erste, an der Oberflaeche liegende Erklaerung. Jede Deklaration verbirgt eine Technologie, jede spirituelle Lehre ein Geschaeftsmodell, jede politische Idee einen Werbeauftrag, jedes historische Ereignis einen Eingriff in die kollektive Wahrnehmung. Der Unterschied besteht darin, dass Pel. die falsche Erklaerung nicht durch eine endgueltig wahre ersetzt. Er bietet die naechste Ebene an und baut unverzueglich eine Falltuer darunter.

 

 

12.5. Die Intelligenzija: moralische Elite oder Kompensationssystem

 

Weder Zholkovsky noch Galk. nehmen das Selbstportraet der Intelligenzija sine grano salis, also ohne "Windkorrektur", hin. Der russische Intellektuelle sieht sich gern als moralisch ueber dem Staat stehenden, uneigennuetzigen Diener der Kultur und innerlich freies Opfer. Galk. zerstoert diese Legende systematisch und findet Abhaengigkeit von der Macht, Gruppenanpassung, Hochmut und Heuchelei. Zholkovsky zeigt dieselben Mechanismen anhand einer konkreten Szene, einer peinlichen Bemerkung, einer literarischen Hierarchie oder einer Memoirenanekdote. Ihr gemeinsamer Schluss lautet: Reale Hilflosigkeit wird haeufig durch symbolische Ueberlegenheit kompensiert.

Daher ruehrt bei beiden die Aufmerksamkeit fuer Kraenkbarkeit, den Kreis der "Eigenen", das Recht zu urteilen, die Angst vor Ausschluss und das Reputationskapital. Galk. macht aus diesen Details eine Soziologie der Schicht; Zholkovsky eine mikroskopische Sittenkomoedie. Der eine zeichnet mit weitem Schwung die Karte des Imperiums, der andere zeigt akribisch, wie das Imperium seinem Tischnachbarn den Ellbogen in die Seite stiess.

Pel.s Golg. verbindet beide Perspektiven in grotesker Form. Er gehoert zur Intelligenzija, verhaelt sich aber wie eine unabhaengige Grossmacht. Er verachtet das literarische Milieu und reagiert zugleich schmerzhaft auf dessen Urteile. Er steht ueber den Kritikern und widmet ihnen gleichzeitig einen erheblichen Teil des Textes. Das ist ein praezises Kompensationsmodell: Die symbolische Unabhaengigkeit wird umso lauter, je deutlicher man hoert, dass hinter der Wand jemand eine negative Rezension schreibt.

 

 

12.6. Opfer und Mittaeter

 

Das binaere Schema "Staat - Verbrecher, Schriftsteller - Opfer" reicht beiden nicht aus. Zholkovsky formuliert eine memoiristische Regel: Der Held muesse nicht nur als Zeuge und Opfer erscheinen, sondern auch als "Beteiligter und Mitschuldiger"; entscheidend sei, "sich gegen sich selbst zu wenden". [29] Galk. beschreibt den sowjetischen Schriftsteller noch haerter als einen Menschen, der das System zugleich fuerchtet, von ihm abhaengt, ihm dient und nach Anerkennung durch die Machtelite sucht. Zholkovsky verwendete uebrigens Galk.s Beobachtung ueber die Unterwuerfigkeit des sowjetischen Dichters vor der tschekistischen Spitze in seiner Majakowski-Analyse: "Dm. Galkovsky schrieb, der sowjetische Dichter 'betrachte es als besondere Ehre, den Tschekisten sogar die Stiefel zu putzen'." [30]

Diese Doppelheit bringt beide ebenfalls Pel. nahe. Golg. ist in KLB und RB zugleich Gegenstand des Spotts und Traeger einer Autorenwahrheit. Pel. quaelt die Figur und nimmt gleichzeitig ihre Dienste in Anspruch. Das Vorbild wird beleidigt und im selben Zug kanonisiert. In der russischen Kultur ist Mittaeterschaft ueberhaupt die zuverlaessigste Form der Unsterblichkeit.

 

 

12.7. Das Hohe durch das Niedrige, die Idee durch den Alltag

 

Sowohl Galk. als auch Zholkovsky zerstoeren die Grenze zwischen grosser Idee und privatem Motiv. Hinter einem philosophischen System koennen Angst, Kraenkung, Eitelkeit, Familienkonflikt, Anerkennungswunsch oder die Unfaehigkeit stehen, den Alltag zu bewaeltigen. Das widerlegt die Idee nicht zwingend; es macht ihre menschliche Quelle verstaendlich. Zholkovsky bewahrt gewoehnlich den autonomen Wert des Werkes, selbst wenn er den Autor entlarvt. Galk. macht aus der biografischen Unterseite haeufiger eine Revision des moralischen Status des Schriftstellers.

Pel. verfaehrt auf eine dritte Weise: Er macht das loechrige Futter zum Motor der Komik. Bei Golg. steht die globale Theorie staendig neben erotischem Rollenfach, Datschaleben, Verlagslogistik und Reputationskraenkungen. So erhaelt die hohe Verschwoerungstheorie den alltaeglichen Geruch sauren Kohls und der philosophische Text den Tarif einer VIP-Synopsis.

 

 

12.8. Das kleine Detail als Indiz

 

Sowohl Galk. als auch Zholkovsky beherrschen einen detektivischen Lektueretyp. Eine seltsame Formulierung, ein Versprecher, eine Intonation, ein wiederkehrendes Bild, ein Alltagszeugnis oder eine uebermaessige Reaktion werden zum Schluessel des Ganzen. Zholkovsky leitet aus dem Detail ein poetisches Invariant ab; Galk. eine verborgene soziale oder historische Konstruktion. Beide betrachten die sichtbare Oberflaeche als Ergebnis eines unsichtbaren generativen Mechanismus.

Genau diese Methode hypertrophiert Pel. in Golg. Jedes Detail kann ein Portal zur Weltgeschichte oeffnen. Der Unterschied liegt nur in der Kontrolle des Massstabs. Zholkovsky vergroessert das Detail unter dem Mikroskop. Galk. baut bisweilen ein Teleskop daraus. Golg. erklaert es unverzueglich zum Kosmodrom.

 

 

12.9. Das Invariant unter der Vielzahl der Erscheinungsformen

 

Zholkovskys generative Poetik sucht nach einem stabilen Thema und dem Buendel von Transformationen, durch die es sich in unterschiedlichen Texten verwirklicht. Galk. fuehrt freier literarische Reputationen, historische Ereignisse und ideologische Konflikte auf wiederkehrende Modelle der russischen Kultur zurueck. Beide denken in Variantenserien. Eine Angst erzeugt verschiedene Handlungen; eine Abhaengigkeit von der Macht gegensaetzliche politische Gesten; ein Beduerfnis nach Anerkennung mehrere Masken.

Diese Aеhnlichkeit ist fuer die Analyse Pel.s besonders wichtig. Auch sein Golg. ist ein Invariant, das von Buch zu Buch seine Funktion veraendert. Die aeusseren Handlungen unterscheiden sich, doch die Tiefenformel bleibt konstant: Ein Intellektueller nimmt ein Detail, entdeckt dahinter ein Totalsystem und schreibt darueber einen Text, der gekuerzt werden muss. Die Figur ist keine Kopie Galk.s, sondern ein generatives Modell der "Galkovskyhaftigkeit".

 

 

12.10. Autobiografie als Analyse einer Epoche

 

"Die unendliche Sackgasse" verbindet Kulturkommentar mit Odinokows Familien- und Lebensgeschichte. Bei Zholkovsky verflechten sich wissenschaftliche, memoiristische und kuenstlerische Linien in Vignetten und philologischer Autobiografie. Beide erkennen an, dass der Kulturforscher selbst ein Produkt der Kultur ist und sich nicht aus der Analyse herausnehmen kann. Zholkovsky bemueht sich jedoch, die eigene "Peinlichkeit" und "Schuld" einzubeziehen. Galk. schafft das dramatische Bild eines verdraengten Einzelgaengers, der die Struktur des Ganzen gerade dank seiner Ausgeschlossenheit erkennt.

Bei Pel. kehrt dieses Dilemma in verzerrter Form zurueck. Er verbirgt sich hinter Golg., doch die Kritik erkennt ihn trotzdem. Je komplizierter das Maskensystem wird, desto deutlicher sieht man, dass der Autor es auf das Mass des eigenen Gesichts zugeschnitten hat. Zholkovskys beruehmte Regel, "sich gegen sich selbst zu wenden", erfuellt Pel. negativ: Er wendet sich lange einem anderen zu und entdeckt sich selbst in dessen Bart.

 

 

12.11. Selbstentlarvung als Selbstmythologisierung

 

Beide Autoren schaffen durch das Eingestaendnis von Schwaechen eine starke Legende. Zholkovsky stellt sich als ungezogen, eitel, unbeholfen und nicht immer edel dar - und baut gerade dadurch das Bild eines ehrlichen, freien Beobachters. Galk. spricht von Einsamkeit, Niederlage, Nichtanerkennung und Kraenkung - und erschafft die Figur eines Menschen, der das Verborgene gerade deshalb sah, weil man ihn nicht aufnahm. Die Formel ist dieselbe: Meine Unvorzeigbarkeit beglaubigt die Wahrheit meines Zeugnisses.

Pel. parodiert diese Formel im Verlagsrahmen von RB. Golg. wird im Voraus als schwierig, toxisch, wortreich und umstritten angekuendigt; gerade deshalb erwartet der Leser von ihm eine verbotene Wahrheit. Der Disclaimer wird zur Werbung. Je lauter sich der Verlag distanziert, desto klarer soll sein, dass im Inneren eine Luxusware liegt.

 

 

12.12. Fragmentaritaet und die Verbindung von Wissenschaft und Literatur

 

"Die unendliche Sackgasse" ist als Kommentarnetz gebaut. Zholkovsky schafft aus Vignetten ein memoiristisches Ganzes. In beiden Faellen weicht der lineare Traktat Fragment, Wiederholung, Querverweis und Anekdote. Die wissenschaftliche Analyse wird zur Literatur, der Forscher zur Figur. Pel. steht in dieser breiten Tradition philologischer Prosa: Seine fiktiven Rezensionen, Synopsen und Abhandlungen machen den Interpretationsprozess zur Handlung.

Der Unterschied liegt wiederum in der Temperatur. Zholkovsky benutzt das Fragment als genau abgestimmte Miniatur. Galk. als Knoten eines wachsenden Hypertexts. Pel. als Verpackung fuer die Serienproduktion von Konzepten. Der eine baut eine Sammlung auf, der zweite ein Labyrinth, der dritte eroeffnet im Labyrinth ein Franchiseunternehmen.

 

 

12.13. Komik und Skandal als Erkenntniswege

 

Fuer Galk. und Zholkovsky zerstoert das Komische den falschen Ernst einer Reputation. Eine Anekdote, ein peinliches Detail oder eine punktgenaue Herabsetzung machen die Luecke zwischen Pose und Verhalten sichtbar. Beide verbalisieren, was das kulturelle Milieu fuer taktlos haelt: Sie finden den Autor im negativen Helden, legen die Abhaengigkeit des Maertyrers offen und betrachten moralische Autoritaet als psychologische Strategie. Provokation ist wertvoll, wenn sie zwingt, bekannte Tatsachen neu zu lesen.

Pel. macht aus dieser Provokation ein Massenspektakel. Golg. ist der Gelehrte, dem unanstaendig grosse Erklaerungen erlaubt sind. Durch ihn setzt der Autor kulturelle Idole, oeffentliche Kampagnen und die Kritik selbst herab. Anders als Zholkovsky, der zum Text zurueckkehrt, und Galk., der zur Metageschichte zurueckkehrt, kehrt Pel. jedoch zum naechsten Wortspiel zurueck. Das ist kein Mangel, sondern ein Unterschied des Handwerks: Ein Satiriker muss wissen, wo sich der Notausgang aus der eigenen Theorie befindet.

 

 

12.14. Wo die Aеhnlichkeit endet

 

Zholkovsky bevorzugt lokale Erklaerung und Close Reading. Galk. strebt nach einem grossen Modell der Intelligenzija, der russischen Geschichte und aeusserer Steuerung. Zholkovsky haelt gewoehnlich die Ambivalenz fest; Galk. neigt zum Urteilsspruch. Zholkovsky kann einen Autor entmythologisieren und die Liebe zum Werk bewahren; Galk. revidiert zusammen mit der Persoenlichkeit nicht selten auch den kulturellen Rang. Schliesslich unterscheiden sich ihre politischen Horizonte erheblich: Zholkovskys liberal-philologisches Emigrantenmilieu und Galk.s nationalhistorischer Revisionismus lassen sich auf keinen gemeinsamen Nenner bringen.

Fuer unsere Argumentation genuegen die Aеhnlichkeiten jedoch. Pel.s Wahl des Vorbilds ist nicht deshalb willkuerlich, weil zwischen Golg. und Galk. keine Verbindung bestuende, sondern weil der Autor aus einer Vielzahl moeglicher Verbindungen nur die bequemen auswaehlt. Haette er einen anderen Golg. benoetigt - einen Spezialisten fuer Autorenmasken, negative Selbstportraets, memoiristische Schuld und philologische Vignetten -, haette der Namensreim Golgofsky-Zholkovsky beinahe fertiges Material geliefert. Den Unterschied eines Konsonanten haette man mit Machenschaften des MI6 erklaeren koennen.

 

 

12.15. Wozu dieses Experiment dient

 

Der Vergleich mit Zholkovsky zeigt, dass das Vorbild niemals die natuerliche und einzige Ursache einer Figur ist. Literatur waehlt aus einem Menschen eine Reihe von Merkmalen aus und ergaenzt sie anschliessend durch Merkmale anderer Menschen, Genres und des Autors selbst. Golg. besteht mindestens aus Galk.; einem Detektivprofessor la Langdon; einem fiktiven Akademiker aus der Tradition von Borges und Stanislaw Lem; einem oeffentlichen Verschwoerungstheoretiker; dem pelewinschen Raisonneur; und dem spaeten Pel. selbst, der sich ueber Rezensenten aergert. In RB nimmt der Anteil der letzten Zutat deutlich zu.

Die Frage "Wie sehr aehnelt Golg. Galk.?" weicht daher einer produktiveren: Welche Arbeit leistet das Zeichen Galk. bei Pel.? In "Nekroment" erzeugt es augenblickliche karikaturhafte Wiedererkennbarkeit. In "Chramlag" beglaubigt es eine pseudohistorische Untersuchung als Namen eines zitierten Autors. In KLB legitimiert es eine riesige verschwoerungstheoretische Konstruktion. In RB erlaubt es, die Selbstpolemik des Autors und die Mediensatire als weiteres Werk eines fremden Denkers auszugeben. Zholkovsky dient hier als Kontrollexperiment: Er zeigt, dass sich literarische Aеhnlichkeit auch entlang einer anderen Linie konstruieren laesst, wenn man im Voraus einen anderen Satz wesentlicher Merkmale auswaehlt.

 

 

13. Semantische Analyse

 

 

13.1. Methodik und Status der Arbeitshypothese

 

Bis hierher sind wir von einem allgemeinen Ueberblick ueber vier Texte Pel.s zu ihrer sukzessiven qualitativen Analyse fortgeschritten. Auf dieser Grundlage wurde die Arbeitshypothese formuliert: Golg. legt den Weg vom Menschen und der Karikatur ueber Maske und Erzaehler zum Textoperator zurueck. Die Aеhnlichkeit passend ausgewaehlter Beispiele beweist jedoch noch keine Dynamik des gesamten Korpus: Aus einigen Zitaten lassen sich bei entsprechendem Willen Evolution, Degeneration und sogar britische Sabotage zusammensetzen. Die abschliessende Ueberpruefung beruht deshalb nicht auf ausgewaehlten Illustrationen, sondern auf der Analyse saemtlicher Vorkommen des Stammes golgofsk* in "Nekroment", "Chramlag", KLB und RB.

Fuer jeden Text wurden saemtliche unabhaengig von Gross- und Kleinschreibung mit golgofsk beginnenden Wortformen extrahiert, und fuer jedes Vorkommen wurde ein Kontextfenster von sieben Woertern links und sieben Woertern rechts gebildet. Ein solches Fenster ist eng genug, um die unmittelbare Verbindung des Familiennamens zu erfassen, und weit genug, um in den meisten Faellen Praedikat, Rollenbezeichnung, Redegegenstand oder Bewertungsrahmen einzuschliessen. In die Analyse gingen alle gefundenen Kontexte ein, keine Zufallsstichprobe. Der Umfang der Werke wurde anhand der Zahl der Worttokens gemessen; die Haeufigkeit berechnete sich nach der Formel N(golgofsk) / N(Worttokens) x 10.000.

Der maschinelle Teil der Analyse war mehrlabelig. Ein Kontext konnte gleichzeitig mehreren semantischen Feldern angehoeren - etwa Rede, Untersuchung und Autorschaft -, daher mussten sich die Anteile der Felder nicht zu hundert Prozent addieren. Lexikalische Marker dienten nicht als fertige Interpretation, sondern als Mittel, die Verteilung beobachtbarer Merkmale ueber das gesamte Material zu pruefen. Anschliessend wurden die Ergebnisse mit der qualitativen Lektuere verglichen: Die automatische Zaehlung erkennt gut, dass in der Naehe des Familiennamens Woerter wie "schreibt", "fragt", "Archiv" oder "Autor" stehen, entscheidet aber nicht selbst, ob Golg. als Mensch handelt, als Quelle zitiert wird oder den Erzaehlmodus umschaltet.

Die Methode besitzt zwei Einschraenkungen. Erstens bilden die sieben Kontexte aus "Nekroment" eine zu kleine Stichprobe fuer stabile prozentuale Schlussfolgerungen; hier ist vor allem die Zusammensetzung saemtlicher sieben Faelle bedeutsam. Zweitens erfasst ein Fenster von vierzehn Nachbarwoertern die lokale Umgebung, nicht die gesamte kompositorische Funktion. Die nachfolgenden quantitativen Daten werden daher als Pruefung und Praezisierung der Hypothese verstanden, nicht als Ersatz fuer eine aufmerksame Lektuere der vollstaendigen Texte.

 

 

13.2. Quantitative Dynamik

 

Das erste Ergebnis ist beinahe demonstrativ eindeutig. Von Text zu Text steigt nicht nur die absolute Zahl der Nennungen des Familiennamens, sondern auch seine normierte Haeufigkeit.

"Nekroment". Korpusumfang, Worttokens: 9.123; Kontexte mit golgofsk*: 7; je 10.000 Woerter: 7,67.

"Chramlag". Korpusumfang, Worttokens: 10.957; Kontexte mit golgofsk*: 54; je 10.000 Woerter: 49,28.

KLB. Korpusumfang, Worttokens: 70.774; Kontexte mit golgofsk*: 579; je 10.000 Woerter: 81,81.

RB. Korpusumfang, Worttokens: 68.113; Kontexte mit golgofsk*: 680; je 10.000 Woerter: 99,83.

Die Reihe 7,67 -> 49,28 -> 81,81 -> 99,83 enthaelt keine Rueckwaertsbewegung. Zwischen "Nekroment" und "Chramlag" steigt die relative Haeufigkeit ungefaehr auf das 6,4-Fache, zwischen "Chramlag" und KLB noch einmal auf das 1,66-Fache, zwischen KLB und RB auf das 1,22-Fache. Am Endpunkt erscheint der Familienname ungefaehr dreizehnmal so haeufig wie am Ausgangspunkt. Vor uns liegt nicht nur die Rueckkehr eines gelungenen Witzes, sondern eine stetige Erhoehung der Last, die das Zeichen traegt: Zunaechst markiert es eine Episode, dann beglaubigt es eine pseudohistorische Quelle, anschliessend traegt es die Haupthandlung und schliesslich bedient es ein ganzes System narrativer Uebergaenge.

Die Verteilung der einzelnen Wortformen sieht folgendermassen aus:

"Nekroment". Wortformen und Zahl der Vorkommen: Golgofsky - 6; Golgofskys - 1.

"Chramlag". Wortformen und Zahl der Vorkommen: Golgofsky - 33; Golgofskys - 16; durch Golgofsky - 3; an Golgofsky - 2.

KLB. Wortformen und Zahl der Vorkommen: Golgofsky - 467; Golgofskys - 73; an Golgofsky - 31; durch Golgofsky - 6; ueber Golgofsky - 2.

RB. Wortformen und Zahl der Vorkommen: Golgofsky - 511; Golgofskys - 112; an Golgofsky - 33; durch Golgofsky - 18; ueber Golgofsky - 2; Golgofsky-der-Raeuber - 1; Golgofsky-der-Verschwoerungstheoretiker - 1; des Golgofsky-Raeubers - 1; Golgofsky-Maniacs - 1.

Ein morphologisches Detail ist besonders aufschlussreich. Der Anteil der isolierten Nominativform Golgofsky betraegt in "Nekroment" 85,7 Prozent, in "Chramlag" 61,1 Prozent, in KLB 80,7 Prozent und in RB 75,1 Prozent. Anders als die Gesamthaeufigkeit verlaeuft diese Reihe nicht linear. In "Chramlag" steigt der Anteil der obliquen Faelle stark an: Die Erzaehlung verweist auf "Golgofskys Werk", berichtet "nach Golgofskys Ansicht" und spricht von Archiven, die "von Golgofsky" untersucht wurden. In KLB kehrt der Nominativ zurueck, weil Golg. wieder zum handelnden Subjekt wird: Er fragt, versteht, nickt, reist und sucht. Die Morphologie spiegelt daher nicht eine einfache Verstaerkung der Figur, sondern den Wechsel ihres Gattungsauftrags.

RB fuegt etwas hinzu, das in den frueheren Texten fehlt: Der Familienname beginnt, sekundaere Namen und soziale Etiketten zu produzieren. Formen wie Golgofsky-der-Raeuber, Golgofsky-der-Verschwoerungstheoretiker und Golgofsky-Maniacs zeigen, dass das Zeichen nicht nur flektiert, sondern wortbildend vervielfaeltigt wird. Die Sprache des Romans behandelt es als fertige kulturelle Einheit, aus der Rollen, Persoenlichkeitsversionen und die Bezeichnung einer Fangemeinschaft gebildet werden koennen. Das ist beinahe ein grammatischer Beweis dafuer, dass sich die Maske vom Vorbild geloest hat.

 

 

13.3. Semantische Felder: maschinelle Annotation

 

Fuer eine vergleichbare Annotation wurden sieben operationale Felder definiert: 1) Rede und Dialog; 2) Erkenntnis und Wahrnehmung; 3) koerperliche Handlung und Bewegung; 4) Text, Buch und Autorschaft; 5) Untersuchung, Archiv, Verschwoerung und esoterische Version; 6) satirischer oder wertender Wortschatz; 7) Rollenbezeichnungen. Die Tabelle zeigt den Anteil der Kontexte, in denen mindestens ein lexikalischer Marker des jeweiligen Feldes gefunden wurde.

Rede und Dialog. "Nekroment": 14,3%; "Chramlag": 18,5%; KLB: 29,5%; RB: 19,0%.

Erkenntnis und Wahrnehmung. "Nekroment": 28,6%; "Chramlag": 22,2%; KLB: 37,0%; RB: 38,4%.

Koerperliche Handlung und Bewegung. "Nekroment": 57,1%; "Chramlag": 27,8%; KLB: 35,9%; RB: 39,7%.

Text, Buch und Autorschaft. "Nekroment": 0,0%; "Chramlag": 25,9%; KLB: 18,1%; RB: 17,1%.

Untersuchung, Archiv, Verschwoerung und Esoterik. "Nekroment": 14,3%; "Chramlag": 35,2%; KLB: 14,2%; RB: 10,6%.

Satirischer und wertender Wortschatz. "Nekroment": 14,3%; "Chramlag": 5,6%; KLB: 2,8%; RB: 5,0%.

Rollenbezeichnungen. "Nekroment": 28,6%; "Chramlag": 5,6%; KLB: 2,2%; RB: 7,5%.

Die Prozentwerte fuer "Nekroment" sind woertlich als Anteile von sieben zu lesen: Ein Kontext ergibt 14,3 Prozent, zwei 28,6 und vier 57,1. Der hohe Koerperlichkeitswert bedeutet keine statistische Regelmaessigkeit; er beschreibt genau die kompakte Szene, in der die Figur schwankt, die Augen schliesst und oeffnet und sich von einem Gloeckchen ablenken laesst. Wichtiger ist der Nullwert im Feld "Text, Buch und Autorschaft": Im unmittelbaren Umfeld des Familiennamens tritt Golg. noch nicht als Textproduzent auf.

In "Chramlag" fuehrt der Komplex aus Untersuchung, Archiv, Verschwoerung und Esoterik mit 35,2 Prozent, waehrend das Feld Text und Autorschaft 25,9 Prozent erreicht. Das entspricht dem Aufbau der Novelle: Golg. ist vor allem als Autor einer Untersuchung, Inhaber von Archivzugang und Lieferant von Hypothesen praesent. In KLB treten Erkenntnis, Handlung und Dialog mit 37,0, 35,9 und 29,5 Prozent in den Vordergrund. In RB bleiben Erkenntnis und Handlung erhalten und steigen sogar leicht, waehrend der Dialog auf 19 Prozent sinkt. Der spaete Golg. hoert also nicht auf, Figur zu sein, existiert aber seltener im Frage-und-Antwort-Modus; immer haeufiger werden sein Denken und Handeln zum Verfahren, mit dem der Text durch die naechste historische oder metaphysische Zone gefuehrt wird.

Der Gesamtanteil des Feldes Text und Autorschaft sinkt zwischen KLB und RB leicht von 18,1 auf 17,1 Prozent. Auf den ersten Blick widerspricht dies der These vom Textoperator. Der Widerspruch verschwindet, wenn man nicht nur den Gesamtanteil, sondern Wortschatz und kompositorische Verteilung betrachtet. In KLB erscheint die genaue Form fragt 51-mal neben dem Familiennamen, sagt 38-mal, antwortet 29-mal, schreibt 15-mal. In RB sinkt fragt auf 25 und sagt auf 19, waehrend schreibt auf 24 steigt; das Wort Autor erscheint 12-mal, davon die Verbindung unser Autor 10-mal. Die Verschiebung fuehrt also nicht von beliebigem Text zu einer groesseren Zahl "textueller" Woerter, sondern vom dialogischen Helden zu einer Figur, die die Erzaehlung systematisch Autor nennt.

Noch deutlicher wird dies in den kompositorischen Bloecken. In den ersten dreizehn Kontexten von KLB sind Marker von Text und Autorschaft in 69,2 Prozent der Faelle vorhanden: Zunaechst wird Golg. als Autor eines riesigen Werkes eingefuehrt, danach steigt er in die Handlung hinab und wird zum Ermittler. In den ersten vierzehn Kontexten von RB liegt der Wert mit 71,4 Prozent nahezu gleich, doch der Textrahmen verschwindet anschliessend nicht. Im Schlussblock aus 55 Kontexten, in dem die Handlung bereits zu Kritik, Rezeption, anderen Werken und oeffentlichen Rollen Golg.s uebergeht, fallen Dialogmarker auf 7,3 Prozent; Text- und Autorschaftsmarker machen dagegen 21,8 Prozent aus, satirisch-wertende Marker 23,6 und Rollenmarker 12,7 Prozent. Der spaete Familienname arbeitet nach dem Ende des Hauptabenteuers weiter. Gerade dies unterscheidet die Figurenfunktion vom blossen Handlungsteilnehmer.

 

 

13.4. "Nekroment": Der Mensch wird zur Karikatur

 

Alle sieben Kontexte von "Nekroment" bilden ein kompaktes, beinahe szenisch geschlossenes Ensemble. Das erste Feld ist oeffentlich-medial: "kurzes Videointerview", "bekannter russischer Philosoph", Korrespondent. Das zweite ist koerperlich-portraethaft: "sympathischer rotbaertiger Hobbit", ein offen getragenes mongolisches Hemd, das Hin- und Herschwanken, Schliessen und Oeffnen der Augen, ein Gloeckchen. Das dritte ist pseudoesoterisch: Geruechte in esoterischen Kreisen und eine kurze meditative Pause. Das vierte ist das Feld von Rede und Geruecht: die Frage des Korrespondenten, die Antwort, die Wiederholung der Frage, umlaufende Geruechte. Das fuenfte besteht aus digitalen Doppelgaengern: Nutzer werden als "Mursilkas", also als virtuelle Identitaeten Konstantin Golgofskys, bezeichnet. Schliesslich entsteht ein philosophisch-zitathaftes Geruest: "der Kern des Streits", Epitaph, Auszug.

Der vorherrschende semantische Akzent liegt hier auf der augenblicklichen Entsakralisierung des oeffentlichen Intellektuellen durch ein koerperliches Emblem. Der hohe Status wird mit der Formel "bekannter russischer Philosoph" mitgeteilt, aber sofort durch den "rotbaertigen Hobbit", das Hemd, die Haltung und das Gloeckchen herabgesetzt. Der Name wird an einen sichtbaren Koerper und eine Medienszene geheftet; er loest Wiedererkennen aus, bevor er Sinn produziert.

Gleichzeitig zeichnen sich bereits die kuenftigen Moeglichkeiten der Maske ab. "Konstantin Golgofskys virtuelle Identitaeten" zeigen, dass die Figur sich in fremden Stimmen vermehren kann, waehrend Epitaph und "Kern des Streits" dem Namen erlauben, nicht nur einen Koerper, sondern auch eine intellektuelle Position zu bezeichnen. Diese Moeglichkeiten bleiben jedoch peripher. Golg. organisiert den Text nicht, verfuegt nicht ueber die Untersuchung und ist nicht die Quelle einer grossen Erzaehlung. Die Formel des Stadiums lautet daher: ein physischer Mensch, reduziert auf ein karikaturhaftes oeffentliches Bild; der Keim der Maske ist bereits sichtbar, eine eigenstaendige Funktion besitzt sie noch nicht.

 

 

13.5. "Chramlag": Institutionelle Autorenmaske und zitierte Quelle

 

In "Chramlag" verschwindet der physische Mensch fast vollstaendig aus dem unmittelbaren Umfeld des Familiennamens. An seine Stelle treten fuenf miteinander verbundene Felder. Das erste ist die historisch-archivalische Forschung: Archivarbeit, Dokumente, Fakten, Analyse, Hypothesen, Beweise, Berechnungen, Schlussfolgerungen, Vermutungen und Approximationen. Das zweite ist institutionelle Macht: FSB, die "Organe", General, geheimer Zugang, Publikationserlaubnis, gestellte Aufgabe. Das dritte ist Text, Zitat und Attribution: "Golgofsky schreibt" erscheint fuenfmal; hinzu kommen "nach Golgofskys Informationen", "nach Golgofskys Ansicht", "nach Golgofskys Gedanken", "faehrt fort", "behauptet", "fuehrt an", "Golgofsky hat das Wort", "Buch" und "Golgofskys Werk". Das vierte ist die freimaurerisch-okkulte Interpretation: Chramlag, der Tempel Salomos, Portale, das Hoehere, das Grosse Geheimnis, der kryptofreimaurerische Ursprung der Lager- und Kriminalkultur. Das fuenfte ist Legitimation, die staendig von ironischer Untergrabung begleitet wird.

Das letzte Feld ist besonders subtil angelegt. Golg. gilt als herausragender Historiker und Philosoph; sein Werk ist monumental, seine Formulierungen sind genial, seine Schlussfolgerungen scheinen goldene Lettern zu verdienen. Doch in denselben Kontexten erscheinen auch die "Nachtigall des FSB", masslose Konstruktionen, der Verlust strenger Wissenschaftlichkeit, der Vorbehalt "er ist kein Mathematiker" und das Schwanken zwischen Geruechtesammler und Gelehrtem. Die Parodie braucht weder Hobbit noch Hemd mehr: Komisch wird der Modus selbst, in dem Wissen beglaubigt wird.

Der semantische Hauptakzent von "Chramlag" liegt weder auf dem Portraet noch bereits auf einem voll entfalteten Abenteuer, sondern auf delegierter epistemischer Autoritaet. Golg.s Name beantwortet die Frage "Wer behauptet das?" und erlaubt es dem Erzaehler damit, die Temperatur der Version zu erhoehen, ohne sie vollstaendig auf die eigene Rechnung zu nehmen. Der Familienname wird zum Verweisapparat, die Figur zur institutionellen Autorenmaske. Genau deshalb ist der Anteil der obliquen Kasus hier am hoechsten: Golg. ist haeufiger Quelle, Besitzer eines Werkes oder Gegenstand von Zuschreibung und Bewertung als unmittelbar handelndes Subjekt.

"Chramlag" erweist sich damit als echte Uebergangsschleuse. In "Nekroment" pruefte Pel., ob Galk. an wenigen Zeichen zu erkennen sei. Hier prueft er etwas Wichtigeres: ob man im Namen von Galk./Golg. schreiben, ihn zitieren und als Garanten einer unmoeglichen historischen Version einsetzen kann. Die Antwort faellt positiv aus. Die Maske erhaelt Stimme und Genre; der Weg zum Erzaehler ist offen.

 

 

13.6. KLB: Ermittler, Gespraechspartner und Binnenautor

 

In KLB ist der Familienname vor allem von einem Wortfeld des Handelns, Erkennens und Dialogs umgeben. Golg. fragt 51-mal, spricht 38-mal, antwortet 29-mal, nickt 28-mal, versteht 34-mal und schreibt 15-mal. Er sieht, erinnert sich, denkt, bemerkt, runzelt die Stirn, findet, entscheidet, nimmt, faehrt, sucht im Netz und fuehrt lange Gespraeche. Anders als in "Chramlag", wo Golg.s Werk von aussen referiert wird, erhaelt die Autorenmaske hier einen Koerper, eine Reiseroute und eine eigene Gegenwart.

Das erste dominierende Feld ist Ermittlung und Wissenserwerb: der Tod des Generals, Indizien, Archive, Versionen, Chimaeren, Freimaurerei, Geheimdienste und Informationsmechanismen. Das zweite ist dialogisch: Fragen und Antworten beleben nicht bloss die Darstellung, sondern verwandeln fremde Informationen in Stufen von Golg.s Gedankengang. Das dritte ist kognitiv-perzeptiv: Die Figur versteht, sieht, erinnert und verknuepft fortwaehrend. Das vierte betrifft Koerper und Weg: Reisen, Spaziergaenge, Besichtigungen, Gesten und Alltagshandlungen. Das fuenfte ist esoterisch-verschwoerungstheoretisch: Chimaeren, Noosphaere, Zeitfelder, Geheimorden und Geheimdienste. Das sechste ist buch- und autorbezogen: der gewaltige Roman, seine Nacherzaehlung, Kapitel, Seiten, der Leser und die staendigen Verweise auf das von Golg. Geschriebene.

Der satirische Akzent verschiebt sich dabei vom Aеusseren auf die Form von Wissen und Schreiben. Komik erzeugen der gigantische Umfang des Buches, seine Fallen fuer den Leser, Pedanterie, Uebererklaerung und die Bereitschaft, aus einem lokalen Indiz den Eingang zu einer allgemeinen Theorie zu machen. Golg. ist nicht mehr deshalb komisch, weil er einem Hobbit aehnelt, sondern weil seine intellektuelle Maschine ueberproduktiv ist und mit jedem beliebigen Material arbeiten kann.

Kompositorisch vereinigt Golg. drei Positionen. Er ist handelnde Ermittlerfigur, Binnenautor eines Buches und eine Gestalt, deren Gespraeche ein aeusserer Referent wiedergibt. KLB setzt "Chramlag" daher nicht einfach fort, sondern nimmt dessen Entpersonalisierung teilweise zurueck: Die Autorenmaske verkoerpert sich erneut und beginnt durch die Welt zu gehen. Doch nicht der fruehere Mensch kehrt zurueck. Der Koerper wird von einer Textfunktion gesteuert, die Ermittlung dient dazu, ein Autorensystem zu entfalten. Es ist das Stadium der "handelnden Ermittlerfigur und des Erzaehlers".

 

 

13.7. RB: System der Personae und Textoperator

 

In RB behaelt Golg. die Faehigkeit zu verstehen, zu sehen, sich zu erinnern, zu handeln und zu sprechen. Das letzte Stadium laesst sich daher nicht als schlichtes Verschwinden der Figur im reinen Text beschreiben. Mehr noch: Gegenueber KLB steigen die Anteile kognitiver und koerperlich-dynamischer Kontexte leicht an. Ihre Funktion veraendert sich jedoch: Handlung entwickelt immer seltener einen einheitlichen biografischen Weg, sondern ermoeglicht den Uebergang zur naechsten Zeitschicht, Version, Urkunde oder Inkarnation.

Die Hauptfelder sind folgende. Erstens das autor- und textbezogene: Autor, unser Autor, Buch, Roman, Seiten, seitenlange Pausen, Abschweifungen, Kritik und Rezeption. Zweitens das historisch-geheimdienstliche und metaphysische: Jeanne d'Arc, Gilles de Rais, Rom, Tiberius, CIA, Epstein, Reinkarnationen und Gedaechtnismechanismen. Drittens das kognitiv-transitorische: Golg. versteht, sieht, erinnert sich und gelangt gerade an den Verbindungsstellen weit voneinander entfernter Schichten zu Einsichten. Viertens das oeffentlich-rollenbezogene: Schriftsteller, Verschwoerungstheoretiker, Raeuber, oeffentliche Persona, Gegenstand von Skandal und Kritik. Fuenftens das metatextuelle: In den spaeteren Kontexten geht es nicht mehr nur um Golg.s Abenteuer, sondern auch um seine anderen Buecher, Leser, Kritiker, Anhaenger und konkurrierende Versionen seines Rufes.

Besonders aufschlussreich sind die praezisen Neubildungen: Golgofsky-der-Verschwoerungstheoretiker, Golgofsky-der-Raeuber und Golgofsky-Maniacs. Hinzu kommt die ausdrueckliche Trennung von Golgofsky und Onan dem Barbaren als verschiedenen oeffentlichen Personae. Der Familienname wird zur Bezeichnung eines Ensembles von Modi, zwischen denen der Text umschalten kann. Frueher trug Golg. eine Maske; nun bezeichnet der Familienname selbst einen ganzen Maskenschrank.

Auch der satirische Akzent wechselt seine Adresse. In "Nekroment" wird der Koerper des oeffentlichen Philosophen herabgesetzt, in "Chramlag" die wissenschaftliche Zuverlaessigkeit der Quelle, in KLB die Masslosigkeit der Erklaerungsmaschine. In RB wird bereits der von dieser Maschine erzeugte Autor zum Gegenstand der Ironie: seine Weitschweifigkeit, Abschweifungen, Wiederholungen, sein Verhaeltnis zur Kritik und seine oeffentlichen Skandale. Da sich diese Vorwuerfe muehelos auf Pel. selbst uebertragen lassen, wird Golg. zugleich zur fremden Maske und zur Selbstparodie des Autors.

So entsteht der Textoperator. Golg. teilt nicht bloss Informationen mit und fuehrt nicht nur eine Ermittlung. Er verbindet Chronotopoi, verteilt die Autorenverantwortung neu, legitimiert unmoegliche Versionen, eroeffnet metatextuelle Abschweifungen und ermoeglicht es dem Roman, nach Abschluss der Haupthandlung weiter ueber den Autor, Kritiker und andere Texte zu sprechen. Sein semantisches Umfeld wird zur Funktionskarte statt zum Portraet eines Gesichts.

 

 

13.8. Vergleichende Entwicklung und Schlussfolgerungen

 

Insgesamt bestaetigt die semantische Analyse die in Abschnitt 1 formulierte Hypothese. Die streng ansteigende normierte Haeufigkeit zeigt, dass Golg. von Buch zu Buch mehr Textraum einnimmt. Der Wechsel der dominierenden Felder stuetzt die funktionale Folge: mediale Koerperlichkeit und karikierende Bewertung in "Nekroment"; Archiv, Institution, Zitat und pseudowissenschaftliche Autorisierung in "Chramlag"; Dialog, Erkenntnis, Handlung und Ermittlung in KLB; Autorschaft, multiple Rollen, Metatext und kompositorisches Umschalten in RB. Quantitative Dynamik und qualitative Semantik weisen hier in dieselbe Richtung.

Die Ausgangsformulierung muss jedoch praezisiert werden. Erstens verdraengen die Stadien einander nicht, sondern lagern sich an. In RB bleiben Karikatur, Maske und Erzaehler erhalten; der Textoperator enthaelt die frueheren Funktionen als Unterprogramme. Zweitens verlaeuft die Bewegung nicht voellig linear. "Chramlag" entkoerperlicht Golg. beinahe, indem es ihn zum zitierten Autor macht, waehrend KLB der Maske erneut einen Koerper und eine Route gibt. Das ist keine Rueckkehr zum urspruenglichen Menschen, sondern die Wiederverkoerperung einer bereits angeeigneten Textfunktion. Drittens haengt die Morphologie vom Genre ab: Der strenge Anstieg der Gesamthaeufigkeit verbindet sich mit einem nichtlinearen Anteil des Nominativs. Die Haeufigkeit misst somit die wachsende Bedeutung des Zeichens, die Kasusverteilung dagegen die konkrete Arbeitsweise dieses Zeichens im jeweiligen Werk.

Das vollstaendige Modell lautet daher:

physischer Mensch -> karikaturhaftes oeffentliches Bild -> institutionelle Autorenmaske und zitierte Quelle -> handelnde Ermittlerfigur und Erzaehler -> System textueller Personae und Textoperator.

Die Kurzformel Mensch -> Karikatur -> Maske -> Erzaehler -> Textoperator bleibt als Schema der Hauptrichtung gueltig. Das semantische Material zwingt jedoch dazu, die Vorstellung einer schlichten Abfolge von Verwandlungen durch ein Modell der Akkumulation und Rekombination zu ersetzen. Golg. hoert nicht auf, Mensch zu sein, wenn er Maske wird, und hoert nicht auf, Maske zu sein, wenn er Erzaehler wird. Jedes neue Stadium bewahrt das vorhergehende ("aufgehoben", wie Hegelianer gern sagen), veraendert sein Gewicht und unterstellt es einer groesseren kompositorischen Aufgabe.

Gerade "Chramlag" macht diese Genealogie beweiskraeftig. Ohne diesen Text bliebe zwischen dem kurzen koerperlichen Cameo in "Nekroment" und dem gross angelegten Ermittler von KLB ein unerklaerter Sprung. Mit "Chramlag" wird das Zwischenexperiment sichtbar: Zuerst trennt Pel. die Stimme vom Koerper und lernt, Golg. als Autor zu zitieren; dann gibt er dieser Stimme die Dichte einer greifbaren Figur zurueck; schliesslich verwandelt er den Namen in ein System autorbezogener und oeffentlicher Modi.

Das abschliessende Ergebnis der quantitativen Analyse laesst sich recht eindeutig formulieren. Die semantisch-statistische Pruefung widerlegte die Ergebnisse der qualitativen Lektuere nicht, nahm ihnen jedoch ihre uebertriebene Linearitaet. Bestaetigt wurde nicht die Geschichte des schrittweisen Verschwindens von Galk.-dem-Menschen, sondern die Geschichte der wachsenden funktionalen Autonomie von Golg.-dem-Zeichen. Je weiter die Entwicklung fortschreitet, desto haeufiger erscheint der Familienname, desto mehr Rollen bildet er und desto weniger haengt er vom staendigen Abgleich mit dem realen Vorbild ab. Die Karikatur loest sich nicht im Text auf - sie wird "befoerdert" und zu einem seiner Funktionsapparate.

 

 

14. Fazit: Die Karikatur, die ihre Kreuzigung ueberlebte

 

Die qualitative Untersuchung und die semantisch-statistische Pruefung saemtlicher Kontexte, in denen Golg.s Familienname erscheint, bestaetigen somit die Arbeitshypothese, zwingen jedoch dazu, sie nicht als einfache lineare Abloesung einer Funktion durch eine andere zu verstehen, sondern als deren Akkumulation und Rekombination. In "Nekroment" prueft Pel. tatsaechlich nur, ob Galk. wiedererkannt wird. Dort erscheint Golg. neben Dupin, Puschisty, Getman und den uebrigen Exponaten der polittechnologischen Wunderkammer. Die eigentliche semantische und komische Arbeit leisten andere Masken. Golg. liesse sich noch ohne ernsthaften Schaden fuer die Handlung entfernen.

"Chramlag" vollzieht eine Zwischenoperation: Das Portraet verschwindet, dafuer entsteht die Autoritaet einer fiktiven Quelle. Golg. fuehrt noch keine eigenstaendige Ermittlung, doch sein Werk laesst sich bereits zitieren, referieren und als Alibi fuer eine unmoegliche Version verwenden. Hier wird die Karikatur erstmals nicht nur vorzeigbar, sondern auch zum Schreiben brauchbar.

In KLB wird nicht derselbe Witz wiederholt, sondern die Operation gewechselt. Pel. nimmt nicht Galk.s Aеusseres, sondern seine intellektuelle Maschine ins Visier. Er verarbeitet "Die unendliche Sackgasse", die hypertextuelle Masslosigkeit, den historischen Argwohn, den freimaurerisch-geheimdienstlichen Horizont, die anglophobe Optik und die Figur des einsamen Denkers, der beansprucht, eine ganze Institution zu ersetzen. Galk. wird in voller Groesse verspottet - doch diese Groesse wird in einem Zerrspiegel gemessen und anschliessend als Wert in die statischen Berechnungen fuer den Roman eines anderen eingesetzt.

Hier wird einfache Satire zur feindlichen Aneignung. Soll Golg. eine Ermittlung tragen, muss er nicht nur belustigen, sondern verstehen. Soll ein verschwoerungstheoretisches System ueber Hunderte Seiten Gegenstand der Parodie sein, muss es echte erzaehlerische Spannung erzeugen. Pel. entzieht Galk. die Eigentumsrechte an seinem Apparat zur Verknuepfung ferner Erscheinungen und montiert einen eigenen Zaehler daran. Er lacht ueber die Maschine, nachdem er sie gestohlen hat.

In RB ist die gestohlene Maschine bereits scheinbar rechtsgueltig in der Garage des Autors zugelassen. Der reale Galk. tritt in den Hintergrund; die frueheren Merkmale bleiben als Warenzeichen und phonetisches Signal erhalten. Golg. wird zum Operator des Textes: Er ueberfuehrt die Erzaehlung aus der Gegenwart ins Mittelalter, vom Mittelalter nach Rom, von der Geschichte zur Reinkarnation, von Epstein zur Metaphysik und von der Philosophie zur Abrechnung mit Kritikern. Er ist nicht bloss eine Figur, die zwischen Chronotopoi reist. Er ist die Vorrichtung, dank der Chronotopoi ungestoert miteinander kollidieren koennen.

Zudem stellt Golg. Pel. eine Stimme fuer Invektiven bereit, die der Autor aussprechen und zugleich gegebenenfalls nicht als die eigenen anerkennen moechte. Zwischen Pel. und den scharfen Aеusserungen stehen eine Figur, ein Referent, ein verlegerischer Disclaimer und ein leichter Dunst postmoderner Unschuld. Es entsteht ein Offshore-Konstrukt, nur eben literarisch. Das Kapital der Veraergerung ist ausgelagert, der wirtschaftlich Berechtigte allgemein bekannt, doch formal gehoert jeder Satz einer anderen juristischen Person.

Zugleich wird Golg. zur Selbstparodie. In RB werden gegen ihn Vorwuerfe erhoben, die laengst Pel. selbst gelten. Pel. macht die negative Rezension zum Bestandteil des eigenen Werkes und hofft, sie dadurch zu entschaerfen. Das Verfahren ist geistreich, obwohl das Wissen um einen Mangel bekanntlich nicht immer zu dessen Beseitigung fuehrt. Wer im Voraus erklaert, gleich auf eine Harke zu treten, beweist Reflexionsvermoegen; die Harke bewahrt dennoch ihre methodologische Unabhaengigkeit.

Die kritische Rezeption bestaetigt diese Entwicklung im Wesentlichen. Fruehe Leser und Rezensenten erkannten das Vorbild und "Die unendliche Sackgasse". Spaetere Kritiker sahen Golg.s zusammengesetzten Charakter, seine Aеhnlichkeit mit Pelewins Autorenstimme und seine allmaehliche Entfernung vom realen Galk. Die Meinungsverschiedenheit betrifft vor allem die Mischungsverhaeltnisse: Ist dies die Karikatur eines bestimmten Schriftstellers, der russische Intellektuelle als Verschwoerungstheoretiker schlechthin oder der spaete Pel. im fremden Bart? Die richtige Antwort ist durch ihre Vielheit unangenehm: alles zugleich, aber in verschiedenen Phasen in unterschiedlicher Dosierung.

Die Fernpolemik erklaert die Temperatur, nicht aber die chemische Zusammensetzung. Galk. hat tatsaechlich erklaert, eine Reihe moderner Autoren wie Solschenizyn oder Sorokin koenne nicht schreiben. Pel. kam dabei etwas glimpflicher davon, hat es aber offenbar dennoch "nicht vergessen". Golg. nur als Rache eines gekraenkten Romanciers zu lesen, waere gleichwohl zu klein gedacht. Pel. antwortet weniger, als dass er verarbeitet. Galk. beurteilt ihn von aussen; Pel. setzt den Beurteilenden in die eigene Prosa. Der eine schreibt eine Rezension ueber ein kulturelles System, der andere verwandelt den Rezensenten in eines seiner Softwaremodule.

Der Vergleich mit Zholkovsky veranschaulichte die Willkuerlichkeit des Aneignungsvorgangs. Golg. ist nicht die natuerliche Spiegelung eines einzigen Vorbildes. Pel. waehlt aus Galk. ein bequemes Buendel von Eigenschaften und ergaenzt es durch die Traditionen von Borges, Lem und Nabokov, den Professor als Ermittler historischer Kriminalfaelle, den pseudoakademischen Kommentator und die eigenen Autorenaergernisse. Mit anders eingestellter Optik haette Zholkovskys aehnlich klingender Name einen voellig anderen Satz von Parallelen eroeffnet: die Entmythologisierung der russischen Literatur, den Autor in der negativen Figur, Biografie als Poetik, den Intellektuellen als Kompensationssystem. Das Vorbild ist nicht die Ursache der Figur, sondern ein Rohstofflager, zu dem sich der Romancier nachtraeglich Zugang verschafft.

Damit erklaert sich auch der Titel der vorliegenden Arbeit. Die Dohle bezeichnet den lebendigen, lauten, klugen und unbequemen Autor, der im historischen Abfall wuehlt. Golgatha bezeichnet das Verfahren der symbolischen Toetung, nach der Biografie zum Zeichen wird. Zwischen beiden entsteht jedoch keine Leere, sondern eine neue literarische Form. Galk. wird als Spottobjekt nach Golgatha hinaufgefuehrt; Golg. steigt von dort nicht mehr als Mensch, sondern als Funktion herab. Die Kreuzigung endet nicht mit Verschwinden, sondern mit einer institutionellen Ernennung.

Pel. wollte aus Galk. eine Karikatur machen. Doch es geschah, was bei guten Karikaturen nicht selten geschieht: Sie beginnen ein Eigenleben. Golg. ueberlebte den Gegenstand, nach dem er gezeichnet worden war. Er hoerte auf, Galk. zu sein, und wurde zu einem jener literarischen Mechanismen, auf die Pel. selbst nicht mehr verzichten kann. Vielleicht besteht gerade darin Galk.s subtilster Sieg ueber seinen Spoetter: scheinbar endgueltig der Laecherlichkeit preisgegeben zu werden - und sich dabei unmerklich in einen notwendigen Bestandteil fremden kuenstlerischen Denkens zu verwandeln.

 

 

Abkuerzungsverzeichnis

 

A.P. - Alexei Petrow

RB - Die Rueckkehr Blaubarts

Galk. - Galkovsky

Golg. - Golgofsky

KLB - Die Kunst der leichten Beruehrungen

Pel. - Pelewin

 

 

Anmerkungen und Literatur

 

 

Anmerkungen

 

[1] Einer so breiten und vielschichtigen Natur reicht ein einziger Schutzvogel offenkundig nicht aus; neben der latent totemistischen Dohle inszeniert sich Galkowsky oeffentlich gern als Entenkueken, respektive als Schutzpatron der Entenkueken. Auch wenn eine gewisse aeussere Aеhnlichkeit mit einem Entlein nicht von der Hand zu weisen ist, speist sich seine Enten-Persona aus gaenzlich anderen Quellen. Ende der 1990er und Anfang der 2000er Jahre spielte Galkovsky aktiv Galaxy, wo die Teilnehmer Planeten entwickelten, Flotten bauten und sich zu Allianzen zusammenschlossen. In einem aggressiven Online-Milieu, in dem Spieler sich pathetische Nicknames wie "Herr der Finsternis" oder "Terminator" gaben, setzte Galkovsky auf Kontrast. Er gruendete eine eigene Fraktion im Spiel und nannte sich "Freund der Entlein". Seine Verbuendeten und Schuetzlinge im Spiel bezeichnete er folglich als "Entlein". Allmaehlich wuchs die Spielallianz ueber Galaxy hinaus. Galkovskys Autoritaet als Denker zog zahlreiche junge Intellektuelle an, und aus der virtuellen Fraktion entstand eine reale Subkultur: die "Entenbewegung" (Entenwahrheit).

[1a] Der Ausdruck GOPnik verbindet die Initialen G. O. P. von Gleb Olegowitsch Pawlowski, eines bekannter russischer Spin-Doktors und politischen Berater des Kremls, der massgeblich an Wladimir Putins erster erfolgreicher Praesidentschaftskampagne im Jahr 2000 beteiligt war und der bei Pelewin als Goida Orestowitsch Puschisty auftritt, mit der russischen Personenbezeichnung G.O.P.-nik. Zugleich klingt das Ergebnis genauso wie Gopnik die Bezeichnung fuer einen meist jungen, proletarisch gepraegten Strassenrowdy aus dem postsowjetischen Milieu, haeufig mit aggressivem Auftreten, Trainingsanzug und kleinkriminellem Habitus.

[1b] Iwan Ochlobystin ist ein russischer Schauspieler, Drehbuchautor und Regisseur, der fuer seine provokanten oeffentlichen Auftritte bekannt ist. Durch die oeffentliche Verwendung des Ausrufs Goida!, den er als historischen Ruf der Opritschniki Iwans des Schrecklichen inszenierte, wurde er zu einer Meme-Figur und geriet zugleich ins Visier strafrechtlicher Ermittlungen.

[1c] Pindostan ist eine sarkastische russische Bezeichnung fuer Amerika, die Pindos (etwa das russische Aеquivalent zu Gringo) mit -stan (der zentralasiatische Begriff fuer Land) kombiniert und in etwa Gringo-Land bedeutet.

[2] Wiktor Pelewin, "Nekroment", in P5: Abschiedslieder der politischen Pygmaeen Pindostans (Moskau: Eksmo, 2008). Ein kurzer Auszug ist auch bei Wikiquote wiedergegeben.

[3] Eine fruehe Entschluesselung der Vorbilder durch Leser: LiveLib-Rezension zu P5: Abschiedslieder der politischen Pygmaeen Pindostans, 13. April 2015, https://www.livelib.ru/review/480607-p5-proschalnye-pesni-politicheskih-pigmeev-pindostana-viktor-pelevin, sowie Online-Diskussionen aus den Jahren 2008-09.

[4] Eine Zusammenfassung der Kritik von Andrei Bystrizki und Dmitri Bykow: https://ru.wikipedia.org/wiki/Некромент.

[5] Topos-Rezension mit einem Vergleich zwischen Golgofskys Werk und Die unendliche Sackgasse: Tatjana Lestewa, Was fluesterte der 'multikulturelle Chor der inneren Stimmen' Wiktor Pelewin ein?, Topos, 1. Oktober 2019, https://www.topos.ru/article/literaturnaya-kritika/chto-nasheptal-multikulturnyy-hor-vnutrennih-golosov-viktoru-pelevinu.

[6] Zu KLB als Verschwoerungsmaschine: Konstantin Miltschin, "Gott ist tot, schreibt aber weiter Buecher: Rezension zu Wiktor Pelewins Die Kunst der leichten Beruehrungen", Gorky, 21. August 2019, gorky.media/reviews/bog-umer-no-prodolzhaet-pisat-knigi/.

[7] Dmitri Galkovsky, Ausschnitt aus Stream Nr. 19, 1. August 2020, Telegram-Kanal von Dmitri Galkovsky.

[8] Igor Kirijenkow, "Die Rueckkehr Blaubarts: Lohnt es sich, den neuen Pelewin zu lesen?", RBC Style, 22. April 2026, https://style.rbc.ru/impressions/69e76fcf9a7947d1a0566437.

[8a] Ostap Bender ist eine der bekanntesten und beliebtesten fiktiven Figuren der russischen und sowjetischen Literatur. Er ist ein charmanter Hochstapler, Betrueger und Antiheld, der von dem sowjetischen Schriftsteller-Duo Ilja Ilf und Jewgeni Petrow erschaffen wurde.

[9] Zu Golgofsky als Maske, hinter der Pelewin zum Vorschein kommt: Andrei Wereschtschagin, "Die Rueckkehr Blaubarts: Wie Pelewins Roman ueber Multiversen und Epstein geraten ist", 28. April 2026, https://t-j.ru/pelevin-2026-review/.

[10] Zur Spitze gegen Galkovsky, die zur Selbstparodie mutiert: Jegor Michailow, "Liebe, die Slop gleicht: Wiktor Pelewin ist der Erleuchtung naeher denn je, doch Ihnen wird das nicht gefallen", Afisha Daily, 22. April 2026.

[11] Siehe Jorge Luis Borges, "Tloen, Uqbar, Orbis Tertius"; "Pierre Menard, Autor des Quijote"; "Die Bibliothek von Babel". Der Vergleich betrifft die Genrefunktion des fiktiven Autors und des Kommentars, nicht einen behaupteten direkten Einfluss.

[12] Sowohl in Vladimir Nabokovs Fahles Feuer als auch in Umberto Ecos Der Name der Rose begleiten Kommentar, Manuskript und philologische Vermittlung die Handlung nicht, sondern erzeugen sie.

[13] Zum System der Erzaehlfilter in RB: Michail Prorokow, "Epsteins Insel der Relativitaet", Kommersant, 22. April 2026, https://www.kommersant.ru/doc/8606939.

[14] Zu Golgofskys Ueberlegungen ueber Sprachmodelle und die Vorhersehbarkeit des Schreibens: Jegor Michailow, a. a. O.

[15] Beispiele fuer die direkte Identifizierung des Vorbildes: Konstantin Miltschin, "Gott ist tot, schreibt aber weiter Buecher..."; Andrei Rosly, "Wendung zur reinen Idee: Wiktor Pelewins Die Kunst der leichten Beruehrungen", Snamja, Nr. 11 (2019), https://znamlit.ru/publication.php?id=7437; Galina Jusefowitsch, "Die Kunst der leichten Beruehrungen: Wiktor Pelewins neues Buch erscheint!!! Darin verbreiten russische Hacker Toleranz in den USA", Meduza, 21. August 2019, https://meduza.io/feature/2019/08/22/iskusstvo-legkih-kasaniy-vyhodit-novyy-roman-viktora-pelevina-v-kotorom-russkie-hakery-rasprostranyayut-tolerantnost-v-ssha.

[16] Konstantin Miltschin, a. a. O.

[17] Dmitri Bykow ueber den zusammengesetzten Typus und die Tradition der Nacherzaehlung eines erfundenen Buches: "Wie haben Sie Pelewins Die Kunst der leichten Beruehrungen verstanden? Stimmt der Autor dem erfundenen Schriftsteller Golgofsky zu?", https://bykovfm.ru/kak-vy-ponyali-iskusstvo-legkih-kasaniy-pelevina-soglasen-li-avtor-s-c2e876.

[18] Galina W. Salomkina, "Fabulation als Verfahren zur Deutung globaler Verschwoerungstheorien...", 2021, eLibrary.

[19] Irina N. Iwanowa, "Das Wort im kuenstlerisch-philosophischen System Wiktor Pelewins", 2023, CyberLeninka; Jelena N. Schirokowa, "Fachsprachen als Form der Repraesentation der Gegenwart im literarischen Diskurs: Am Material der Werke W. Pelewins", 2013, CyberLeninka.

[20] Hinter "speziell" verbirgt sich hier wohl weniger die herkoemmliche sprachwissenschaftliche Bedeutung des Begriffs als der Sinn, den er im Russischen in Zusammensetzungen wie "Spezialoperation" oder "Spezialdienst" annimmt.

[21] Zu Golgofsky als Karikatur Galkovskys aus Pelewins persoenlichem Multiversum: Konstantin Miltschin, "Pelewins neuer Roman Die Rueckkehr Blaubarts: Wie Wiktor Olegowitsch und Konstantin Parakletowitsch sich zerstritten", KinoPoisk, 23. April 2026, https://www.kinopoisk.ru/media/article/4012629/?utm_referrer=organic.kinopoisk.ru.

[22] Zur Chronologie Golgofskys von "Nekroment" ueber "Chramlag" zu KLB und RB siehe Igor Kirijenkow, a. a. O.

[23] Konstantin Miltschin, "Die Rueckkehr Blaubarts: Es ist noch nicht einmal Herbst, doch Pelewin hat einen neuen Roman veroeffentlicht", Moskwitsch Mag, 22. April 2026, https://moskvichmag.ru/gorod/vozvrashhenie-sinej-borody-eshhe-ne-osen-no-u-pelevina-vyshel-novyj-roman/.

[24] Zu den negativen Reaktionen auf RB siehe vor allem Jegor Michailow, a. a. O.; Alex Mesropow, "Die Rueckkehr Blaubarts, Wiktor Pelewins neuer Roman: Wir raten allen von der Lektuere ab und erklaeren so kurz wie moeglich, weshalb", Meduza, 25. April 2026, https://meduza.io/feature/2026/04/25/vozvraschenie-siney-borody-novyy-roman-viktora-pelevina-my-nikomu-ne-sovetuem-ego-chitat; sowie Andrei Wereschtschagin, a. a. O.

[25] Dmitri Galkovsky, "PS-1: Ueber Krylow", LiveJournal, 27. Oktober 2015, https://galkovsky.livejournal.com/250772.html.

[26] Ebd.

[27] Pawel Kornew, "Ueber Pelewin und Galkovsky", LiveJournal, 22. August 2006, https://kornev.livejournal.com/4137.html.

[28] Alexander K. Zholkovsky, Michail Soschtschenko: Poetik des Misstrauens, Kap. IX, "Soschtschenko und Tschechow: Angst, Futteral, Zufall", https://dornsife.usc.edu/alexander-zholkovsky/fut129l/.

[29] Alexander Zholkovsky, "Ich bin ein sehr ungezogener Mensch": ueber die Vignette, Mitschuld und die Regel, "es gegen sich selbst zu wenden", Arzamas, 5. Maerz 2020, https://arzamas.academy/mag/794-zholkovsky.

[30] Alexander Zholkovsky, "Poetik der Willkuer und Willkuerlichkeit der Poetik", 1993, https://dornsife.usc.edu/alexander-zholkovsky/majak/.

 

 

Literatur

 

 

Werke zum Thema

 

Wiktor O. Pelewin, "Nekroment", in P5: Abschiedslieder der politischen Pygmaeen Pindostans (Moskau: Eksmo, 2008).

Wiktor O. Pelewin, "Chramlag", in Die Lampe Methusalems oder Die letzte Schlacht der Tschekisten gegen die Freimaurer (Moskau: Eksmo, 2016).

Wiktor O. Pelewin, Die Kunst der leichten Beruehrungen (Moskau: Eksmo, 2019).

Wiktor O. Pelewin, Die Rueckkehr Blaubarts (Moskau: Eksmo, 2026).

Dmitri E. Galkovsky, Die unendliche Sackgasse (Moskau: Samisdat und spaetere Ausgaben).

 

 

Ergaenzende Kritik und Nachschlagewerke

 

Seite zu Die Rueckkehr Blaubarts bei Yandex Books mit Zitaten. https://books.yandex.ru/books/TERiGFmw/quotes

FantLab-Seite zu Die Kunst der leichten Beruehrungen. https://fantlab.ru/work1182809

FantLab-Seite zu "Nekroment". https://fantlab.ru/work117547

Kurze Zitatfragmente aus Die Kunst der leichten Beruehrungen bei Wikiquote. https://ru.wikiquote.org/wiki/%D0%98%D1%81%D0%BA%D1%83%D1%81%D1%81%D1%82%D0%B2%D0%BE_%D0%BB%D1%91%D0%B3%D0%BA%D0%B8%D1%85_%D0%BA%D0%B0%D1%81%D0%B0%D0%BD%D0%B8%D0%B9

Ueberblick des Verlags Eksmo ueber kritische Stimmen zu RB. https://eksmo.ru/articles/vozvrashchenie-siney-borody-mneniya-kritikov-o-novoy-knige-viktora-pelevina-04-26-ID16097860/


 Ваша оценка:

Связаться с программистом сайта.

Новые книги авторов СИ, вышедшие из печати:
О.Болдырева "Крадуш. Чужие души" М.Николаев "Вторжение на Землю"

Как попасть в этoт список

Кожевенное мастерство | Сайт "Художники" | Доска об'явлений "Книги"